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Blei und Klang: Anselm Kiefer und Pascal Dusapin im Panthéon

Im Panthéon in Paris, der nationalen Ruhmeshalle Frankreichs, sind Werke von Anselm Kiefer und Pascal Dusapin zu sehen und zu hören, die sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzen.

Hier befinden sich die Grabstätten berühmter französischer Persönlichkeiten: im Panthéon. Die Umbettung eines Leichnams oder einer Urne an diesen Ort wird „Panthéonisation“ genannt und stellt eine besondere Ehrung für die verstorbenen Personen dar. Die Liste der hier geehrten Persönlichkeiten reicht vom Philosophen Voltaire über den Schriftsteller Alexandre Dumas bis hin zur Entertainerin und Widerstandskämpferin Josephine Baker. Die Panthéonisation ist bis heute ein wichtiger Vorgang in der französischen Kulturpolitik; fast ebenso bedeutsam ist aber auch, welche Kunstwerke hier zu sehen sind. Der französische Staat hatte zuletzt im Jahr 1924 einen Künstler damit beauftragt, ein Werk für das Panthéon zu schaffen. Nun kamen vor einigen Monaten, fast 100 Jahre später, zwei neue Künstler hinzu: der deutsche Maler und Bildhauer Anselm Kiefer und der französische Komponist Pascal Dusapin.


In seinen Werken im Panthéon setzt sich Anselm Kiefer mit den Schrecken des Ersten Weltkrieges auseinander.
In seinen Werken im Panthéon setzt sich Anselm Kiefer mit den Schrecken des Ersten Weltkrieges auseinander.

Die Installationen von Anselm Kiefer

Der deutsche Künstler Anselm Kiefer (*1945) ist seit rund 30 Jahren eng mit Frankreich verbunden. Hier lebt er seit 1993 und betreibt in Croissy-Beaubourg bei Paris ein Atelier. Bereits 2007 eröffnete er die Ausstellungsserie „Monumenta“ im Grand Palais; 2015 widmete das Centre Pompidou dem Künstler eine große Retrospektive und 2021 zeigte das Grand Palais Ephemère die große Ausstellung „Für Paul Celan“. Spätestens seit der Einweihung von Kiefers großformatigen Arbeiten im Panthéon durch den französischen Staatspräsidenten Macron am 11. November 2020 gilt der Maler und Bildhauer als französischer Staatskünstler. Die Werke in sechs Glasvitrinen, die nun permanent in der nationalen Ruhmeshalle Frankreichs installiert sind, wurden extra für diesen Ort bei Kiefer in Auftrag gegeben.

Anlass für den Künstlerauftrag war die Panthéonisation des 1980 verstorbenen französischen Dichters Maurice Genevoix, der als „Gedächtnis des Ersten Weltkrieges“ gilt. Der Schriftsteller hatte fünf Bücher veröffentlicht, zusammengefasst unter dem Titel „Ceux de 14“, in denen er seine Erfahrungen von der Front schildert und so einen unmittelbaren und eindringlichen Eindruck des Kriegsgeschehens vermittelt. Die Verlegung der letzten Ruhestätte von Genevoix in das Panthéon erfolgte zum 102. Jahrestag des Waffenstillstandes mit Deutschland am 11. November 1918. Wohl aus diesem Grund wählte Emmanuel Macron auch einen mit Frankreich eng verbundenen deutschen Künstler, um sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Kiefer greift in seinen Installationen mit verrosteten Fahrrädern, Blei und Steinen in Bezug zu Genevoix das Thema des Ersten Weltkrieges in seinem bekannten Stil auf.


In dem von Jacques-Germain Soufflot geplanten Gebäude erklingt heute eine Sound-Installation von Pascal Dusapin.
In dem von Jacques-Germain Soufflot geplanten Gebäude, das im 18. Jhd. ursprünglich als Kirche errichtet worden war, erklingt heute eine Sound-Installation von Pascal Dusapin.

Die Klanginstallation von Pascal Dusapin

Neben Anselm Kiefers Vitrinen-Installationen erklingt eine Sound-Installation des französischen Komponisten Pascal Dusapin (*1955). Sein Klangwerk ist aus 70 Lautsprechern im Monumentalbau zu hören. Auch Dusapin lässt das Thema des Krieges einfließen, denn seine Vokalmusik beinhaltet die Namen von 15.000 Kriegsopfern. Das Stück „In Nomine Lucis“ ist für ein Sängerensemble konzipiert. Es wurde für die Installation im Panthéon vom französischen Kammerchor Accentus in der Philharmonie de Paris aufgenommen. Die Namen der Soldaten, die für Frankreich gefallen sind, wurden von den französischen Schauspielern Florence Darel und Xavier Gallais eingesprochen. Ziel von Pascal Dusapin war es, „die Steine des Pantheons zum Singen [zu] bringen, eine riesige ‚Gesangslunge‘ [zu] schaffen, in der jeder verschiedene Echos seiner Vergangenheit und seiner Geschichte hören kann“.

Das elektro-akustische System der Sound-Installation wird dabei von einem Prozessor gesteuert, der die Klangverräumlichung der Chöre durch verschiedene integrierte Algorithmen in zwei oder drei Dimensionen ermöglicht. Die Inhalte, die von den 70 Lautsprechern im Gebäude abgespielt werden, können durch diese Technologie gemischt werden, um eine immersive Klangerfahrung entstehen zu lassen. Indem den Chören in der Komposition „In Nomine Lucis“ auf diese Art eine Bewegungsdimension hinzugefügt wird, können die Besucher anhand des Klangs das Panthéon auf eine neue Weise erkunden: Die Stimmen in der Installation bewegen sich durch den Raum, ähnlich wie eine Welle oder ein Vogelschwarm, und laden dazu ein, ihnen zu folgen. Der Klang ist dabei präzise, lässt sich vom Besucher gleichzeitig aber auch nicht im Raum konkret verorten. Tatsächlich scheinen die Stimmen durch den Raum zu fliegen.


Das Foucaultsche Pendel im Panthéon, im Hintergrund die Vitrinen mit den Installationen von Anselm Kiefer.
Das „Foucaultsche Pendel“ im Panthéon. Im Hintergrund befinden sich die Vitrinen mit den Installationen von Anselm Kiefer.

Die nationale Ruhmeshalle Frankreichs

Das Panthéon wurde von König Ludwig XV. zunächst als Kirche der Abtei Sainte-Geneviève in Auftrag gegeben und in den Jahren 1764 bis 1790 von Jacques-Germain Soufflot und seinen Schülern erbaut. Vorbild des Gebäudes ist das Pantheon in Rom; im Innenraum ließ sich Soufflot von gotischen Kathedralen inspirieren. Kurz nach seiner Fertigstellung wurde der Kuppelbau von den Führern der französischen Revolution umgewidmet und zur nationalen Ruhmeshalle erklärt. Seitdem werden im Panthéon wichtige Persönlichkeiten der französischen Geschichte geehrt, in Form von Denkmälern, aber auch als letzte Ruhestätte mit Ehrengräbern im Untergeschoss. Hierbei handelt es sich übrigens nicht um eine herkömmliche Krypta, sondern um ein verzweigtes Gangsystem mit Kapellen, in denen jeweils bestimmte historische Personen gewürdigt werden.

Sehenswert im Panthéon ist, neben den neuen Installationen von Anselm Kiefer und Pascal Dusapin, das sogenannte „Foucaultsche Pendel“. Mit ihm gelang dem Physiker Léon Foucault am 26. März 1851 der empirische Nachweis der Erdrotation. Am Ende des Kirchenschiffs, wo sich ursprünglich der Altar des Kirchenbaus befand, ist zudem die Skulpturengruppe „La Convention National“ von Francois-Leon Sicard platziert. In der Mitte der Gruppe befindet sich die Marianne, das weibliche Symbol der französischen Nation. Rechts daneben stehen Soldaten, auf der linken Seite die Mitglieder des Nationalkonvents.

Auffällig sind zudem die großen Ölgemälde, die sich an den Wänden des Panthéon befinden. Vier Wände sind der Heiligen Genevieve gewidmet; zudem gibt es eine Wand zu Ludwig IX., zu Karl dem Großen und zu Chlodwig sowie zu Saint-Denis. Ergänzt werden die Malereien durch ein Wandfries aus acht Gemälden zu Jeanne d’Arc, gemalt von Jules Eugene Lenepveu zwischen 1886 und 1890.


Die Skulpturengruppe "La Convention National" von Francois-Leon Sicard im Panthéon.
Die Skulpturengruppe „La Convention National“ von Francois-Leon Sicard im Panthéon.

Panthéon

Pl. du Panthéon, 75005 Paris


Bilder: Angelika Schoder – Panthéon, Paris 2022


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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