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Das Ende des Kulturblogs, die ICOM Social Media Guidelines und Bookstagram

Nicht-Newsletter – Nr. 45, 11/2019

Frage des Monats
Ist es das Ende des mus.er.me.ku Kulturblogs?

Thema des Monats
Die neuen ICOM Social Media Guidelines

Twitter des Monats
DOG WAT I SAW

Instagram des Monats
@sendb00ks

Tumblr des Monats
Terrible Real Estate Agent Photographs


Frage des Monats

Ist es das Ende des mus.er.me.ku Kulturblogs?

Hallo & schön, dass Du hier wieder mal vorbeischaust! Ich bin total aufgeregt, denn heute nehme ich Dich mit durch meinen spannenden kulturellen Alltag! Bist Du schon neugierig? Na hoffentlich, denn ich habe viele tolle Dinge erlebt, von denen ich Dir jetzt mal erzähle. Also mach es Dir bequem und los geht’s. Zuerst erzähle ich Dir, was mich persönlich so richtig happy gemacht hat in dieser Kultur-Woche…

Ok, nein – mus.er.me.ku hat nie so funktioniert. Hier wurde nie geduzt, wir haben unsere Leser nie direkt angesprochen und auch nie über Persönliches berichtet. Unser Anspruch war immer eher eine objektive oder allenfalls professionell-subjektive Berichterstattung. Als wir im April 2013 bei der Blog-Plattform für Geisteswissenschaften hypotheses.org starteten, ging es uns um wissenschaftliche Themen. Von einem Schwerpunkt im Bereich Geschichte und Erinnerungskultur entwickelten wir uns über die Jahre hin zu den Themen Medien und Kunst. Unsere Beiträge wurden eher redaktionell als wissenschaftlich; statt Fußnoten mit weiterführenden Literaturhinweisen findet man bei uns nun vor allem Kultur- und Reise-Tipps. Vom Wissenschaftsblogger zum Kulturblogger also. Aber sind wir wirklich Blogger?

Blog oder Magazin?

Als Uwe Knaus Ende Oktober 2019 bekannt gab, dass der 2007 gestartete Daimler-Blog nach 12 Jahren beendet wird, wurde viel diskutiert, ob dies nun endgültig das schon lange prognostizierte Ende von Corporate Blogs bedeuten würde. Statt “authentische Einblicke in einen Konzern” wird es in Zukunft mit einem Daimler-Magazin weitergehen. Wahrscheinlich werden aus den Einblicken nun Überblicke und aus der persönlichen Sichtweise eher objektive Positionen. Mit dieser Ankündigung von Uwe Knaus rückte eine alte Frage wieder in die Aktualität: Was macht einen Blog eigentlich aus? Ist es nicht egal, ob Daimler seine Online-Publikation nun “Blog” oder “Magazin” nennt? Ist doch das Gleiche, oder? Natürlich nicht.

Ein Blog lässt subjektive Stimmen zu Wort kommen, am besten aus der ich-Perspektive. Uwe Knaus betonte dazu gegenüber dem Upload Magazin: “Wenn Blog draufsteht, muss aus meiner Sicht auch Tagebuch drin sein.” Blogs sprechen dabei ihre Leser direkt an und sind auf Dialog ausgerichtet. Für Daniela Sprung von Blogger ABC macht einen Blog vor allem eine Kommentarfunktion aus. Sie schreibt “ein Blog ohne Kommentarfunktion ist kein Blog. Punkt”. Besonders der Dialog-Charakter fehlt aber bei Magazinen, schließlich verfügen sie nicht über eine Kommentarfunktion für direktes Leserfeedback. Wer einen Rückkanal zu einem Magazin sucht, muss sich meist in Soziale Netzwerke begeben und kann i.d.R. kein Feedback direkt unter einen Artikel posten. Auch im Museumsbereich gibt es einige Beispiele, die den Unterschied von Blog und Magazin verdeutlichen, man vergleiche etwa das SCHIRN MAG oder HALLE4 der Deichtorhallen mit dem Marta-Blog oder dem Blog der Burg Posterstein.

Kein Kulturblog mehr – oder doch?

Angesichts der aktuellen Diskussionen, was ein Blog ist und was ein Magazin, haben wir uns natürlich auch die Frage gestellt: Was ist mus.er.me.ku? Stilistisch haben wir nie die Eigenschaften eines klassischen Blogs erfüllt. Keine Spur von Tagebuch oder persönlicher Leseransprache. Und auch was das Thema “lebendiger Dialog” angeht, waren meist unsere Accounts bei Twitter, bei Facebook (oder selten bei Instagram) der Ort der Diskussion. Im Zuge der DSGVO haben wir uns deshalb leichten Herzens schon im Frühling 2018 von unserem Kommentarbereich getrennt.

Nach den Kriterien von Uwe Knaus und Daniela Sprung ist mus.er.me.ku also kein Blog. Trotzdem glauben wir nicht, dass unsere Leser uns als Magazin wahrnehmen…

Es war wieder superschön, dass Du hier reingelesen hast! Erzähle mir doch ein paar Sachen über Dich! Liest Du lieber Blogs oder Online-Magazine? Schreib’s mir hier in die Kommentare und lass einen Link da, damit ich auch bei Dir mal reinlesen und kommentieren kann. Let’s stay in touch! Ach ja, und: Sharing is Caring! Wenn Dir mein Text gefallen hat, teile ihn doch einfach mit allen Deinen Freunden! #zwinkersmiley


Thema des Monats

Die neuen ICOM Social Media Guidelines

Im Oktober 2019 veröffentlichte ICOM – International Council of Museums für seine Mitglieder einen neuen Social-Media-Leitfaden. Die ICOM Social Media Guidelines sollen den ICOM Committees dabei helfen, Kommunikationskampagnen zu entwickeln und eigene Social-Media-Accounts effektiv zu betreuen. Die Publikation, die gratis zum Download angeboten wird, versammelt Beispiele, praktische Tipps und Tool-Empfehlungen. Das Problem dabei: Soziale Netzwerke verändern sich kontinuierlich und so sind einige in der Publikation genannte Informationen bereits zum Erscheinungszeitpunkt veraltet. Zudem zeigt die Publikation auch ein bedenkliches Grundverständnis zum Einsatz von Social Media.

Auch wenn sich die Publikation wohl primär auf die Social-Media-Kommunikation der ICOM Committees bezieht, könnten auch Museen auf diese Ressource als Leitfaden zurückgreifen. Uneingeschränkt empfehlenswert ist dies allerdings nicht…

Die Kategorisierung von Social Media

Die fehlende Aktualität der ICOM Social Media Guidelines zeigt sich bereits in der Einleitung, in der verschiedene Kategorien von Social Media vorgestellt werden. So wird erklärt, es gäbe Blogs, die man mit Blogger oder WordPress betreiben würde und die ideal für lange Artikel und Berichte seien. Als Micro-Blogs seien Twitter und Tumblr zu nennen, ideal für Kurznachrichten und eine schnelle Kommunikation mit dem Publikum. Unter der Kategorie “Networking” sind Facebook oder LinkedIn einsortiert; diese Plattformen seien ideal, um eine Community aufzubauen und mittellange Beiträge zu veröffentlichen. Und schließlich wird die Kategorie “Foto/Video” genannt, in die YouTube und Instagram einsortiert werden und in der das Visuelle im Vordergrund stehen würde.

Schon längst lassen sich Soziale Netzwerke aber nicht mehr in so abgegrenzte Kategorien trennen. Um einen längeren Blogbeitrag zu veröffentlichen, braucht man kein WordPress & Co.; man kann auch auf der eigenen Website bloggen, ganz unabhängig davon, welches Content Management System genutzt wird. Ein Blog, wie weiter oben beschrieben, ist durch seinen persönlich gehaltenen Inhalt und eine Kommentarfunktion gekennzeichnet – und nicht von einem System abhängig. Zudem lassen sich lange Texte und Berichte auch bei LinkedIn veröffentlichen – und in kleinerem Umfang auch bei Facebook oder Instagram. Das Internationale Maritime Museum “bloggt” zum Beispiel bei Instagram und Facebook. Hier werden nicht einfach nur Bilder geteilt, sondern das Museum schildert immer auch historische Hintergründe. So entwickelte sich hier der Aufbau einer diskussionsfreudigen Community und auch eine Vernetzung mit anderen Institutionen.

Doch nicht nur das Thema Community Aufbau, Dialog und Bloggen funktioniert auf mehreren Plattformen. Auch die Präsentation von Bild- und Video-Content ist überall möglich. Selbst längere Videos lassen sich schon lange auch bei Facebook, Instagram oder LinkedIn veröffentlichen. Es ist also nicht Zielführend, dass ICOM versucht, Soziale Netzwerke hinsichtlich ihrer Funktionalität zu trennen.

Die Auswahl der richtigen Plattform

ICOM erweckt in der aktuellen Publikation den Eindruck, wer sowohl lange Beiträge veröffentlichen, sich mit dem Publikum austauschen, sich vernetzen als auch Fotos und Videos posten möchte, bräuchte eine Vielzahl an Plattformen – weil jede Plattform unterschiedliche Funktionalitäten hätte.

Dabei würde in Wirklichkeit ein einziger Social-Media-Account für all das ausreichen, denn fast alle gängige Anbieter können diese Bedürfnisse erfüllen. Deshalb ist es nicht vorrangig wichtig zu überlegen, für welche FORMATE man Social Media nutzen möchten, um die richtige Plattform für sich zu finden. Die Frage muss vielmehr sein, WEN man mit seinen Inhalten erreichen möchte. Die Entscheidung für ein Soziales Netzwerk sollte also immer nur im Hinblick auf das gewünschte Publikum fallen. Ist diese Entscheidung getroffen, reicht übrigens nicht die reine Präsenz in einem Netzwerk. Wer eine junge Zielgruppe erreichen möchte und sich deshalb beispielsweise für Instagram entscheidet, muss hier auch INHALTE so aufbereiten, dass sie die Zielgruppe ansprechen. Aussagen der ICOM Publikation wie: “Social media is less about what you post and more about when you post it.”, zeigen allerdings ein erschreckendes Unverständnis für die Bedeutung von Inhalten in Social Media.

Durch eine reine Präsenz in Social Media kann man Publikum nicht von sich überzeugen. Insofern ist es sinnvoll, dass die ICOM Social Media Guidelines empfehlen, nicht auf wahllos vielen Sozialen Netzwerken aktiv zu sein, denn aktuell gepflegte Accounts sind besser als inaktive. Allerdings wird dann einfach empfohlen, auf Twitter, Instagram und Facebook aktiv zu sein. Aber ohne die individuellen Ziele einzelner Akteure zu kennen, ist das ein sinnloser Rat. Je nach Zielgruppe, kann es für manche Insitutionen einfach Zeitverschwendung sein, einen Twitter-Account oder eine Facebook-Seite zu betreiben. Die richtige Plattform(en) für sich zu finden, kann jede Institution nur individuell für sich entscheiden – pauschale Empfehlungen sind nicht angebracht.

Schade auch, dass ICOM das Thema Audio nicht in seinen Guidelines erwähnt. Podcasts spielen in der Publikation keine Rolle – obwohl auch im Kulturbereich zunehmend damit angefangen wird, umfangreichere Inhalte nicht nur in Text- oder Video-Form zu vermitteln, sondern auch als Audio anzubieten. Trotzdem kommen Souncloud, iTunes & Co. in der Publikation nicht vor.

Social Media Management

ICOM schreibt in seiner Publikation: “In ICOM Committees, the social media platforms are usually run by just one person – and that is the best case scenario.” Hier zeigt sich ein grundsätzlich falsches Verständnis in den ICOM Social Media Guidelines. Ein best case kann es niemals sein, dass nur eine einzige Person Social Media für eine Institution betreibt. Darf diese eine Person Urlaub machen? Darf sie krank sein? Darf sie mal nicht erreichbar sein? Ist es besser, dass die Social-Media-Kanäle einer Kulturinstitution immer wieder nicht bereut werden und niemand tagelang auf Fragen antwortet? Oder soll die eine Person ständig online sein und in den Burnout getrieben werden?

Die einzige verantwortungsvolle Aussage muss sein, dass best case immer eine Betreuung von Social Media durch mehrere Personen ist, die sich gegenseitig die Arbeit und auch die Belastung abnehmen. Natürlich gibt es viele Institutionen, bei denen sich nur eine Person um Social Media kümmert. Aber das kann man nur “aus der Not heraus” betrachten – es ist der worst case auf nur eine Person angewiesen zu sein, die keine Vertretung hat.

Dass in den ICOM Social Media Guidelines nicht nur auf organisatorischer Seite ein falsches Verständnis von der Bedienung von Social Media besteht, sondern auch auf technischer Seite, zeigt sich zudem an Empfehlungen wie: “Instead of using an already existing professional or personal email address, it is good practice to create an email address which is only used for your social media profiles. This will reduce the chances of your account being hacked.” Auch das ist ein völlig falscher Ansatz. Social-Media-Profile lassen sich ausschließlich über starke, unterschiedliche Passworte sichern – und am wichtigsten: Die Aktivierung einer 2-Faktor-Authentifizierung für jeden Account. Sicherheit hat wirklich nichts mit dem Namen der genutzten Mailadresse zu tun. Auch Hinweise auf Linkshortener wie bitly sind aus technischer Sicht bedenklich, insbesondere im Bezug auf die EU-DSGVO, da hier ein Tracking von Nutzerverhalten ermöglicht wird. Die ICOM Publikation enthält einige solcher technischen “Tipps”, die man Kulturinstitutionen eigentlich nicht empfehlen sollte.

Die ICOM Social Media Guidelines umfassen auch einige gute Beispiele und Anregungen, etwa zum Thema Redaktionsplan oder Content-Gestaltung. Aufgrund der erwähnten Kritikpunkte, bräuchte die Publikation aber dringend eine Überarbeitung, bevor man sie als Leitfaden auch für Museen empfehlen könnte.


Twitter des Monats

DOG WAT I SAW

Alex Daish malt Hunde, die ihm in London über den Weg laufen. Dokumentiert wird dabei nicht nur die Aktivität der Hunde, sondern auch die Uhrzeit und der Ort der Begegnung. Um welche Hunde es sich handelt? Alex scheint sich bestens mit Hunden auszukennen, denn er identifiziert jeden ganz genau: Er trifft einen “slobbery polar bear” oder einen “muddy boy” im Hyde Park, einen “little gremlin” an einer Bushaltestelle oder “two lil weirdos” in der U-Bahn.


Instagram des Monats

@sendb00ks

Die ersten rufen schon, dass Bookstagram eigentlich längst überholt sei, weil Bücher bei Instagram höchstens noch vorgeführt, aber kaum noch inhaltlich wirklich besprochen werden. Doch wenn man Bücher schon im Sozialen Netzwerk präsentiert, warum sollte man sie dann nicht auch gleich verkaufen? Statt ungewöhnliche 2nd Hand Bücher online einfach nur zu zeigen, nutzt Gemma Janes seit 2018 ihren Instagram-Account, um ihr Netzwerk auch offline mit Lesestoff zu versorgen. Die Bücher, die auf @sendb00ks auftauchen, stammen aus der ganzen Welt. Gemma Janes hat sie auf Reisen entdeckt – große Werke der Weltliteratur, literarische Geheimtipps oder einfach Bücher mit ungewöhnlichen Covern.

Statt die Bücher zu behalten und zu sammeln, teilt Gemma Janes ihre Entdeckungen mit ihren Followern – erst bei Instagram und schließlich per Post, wenn sie die Bücher an andere Literatur-Fans sendet. Denn jedes bei @sendb00ks gezeigte Buch kann man als Follower erwerben – nicht druckfrisch vom Verlag, sondern direkt von der Account-Inhaberin. Im ersten Jahr seit Bestehen des Accounts haben so schon rund 1.000 Bücher einen neuen Besitzer gefunden. Vielleicht ist die Zukunft von Bookstagram, dass aus dem Online-Schaufenster ein echter 2nd Hand Buchladen wird…


Tumblr des Monats

Terrible Real Estate Agent Photographs

Jeder, der schon einmal auf der Suche nach einer Wohnung war, kennt sie: Diese sehr unvorteilhaften, teilweise sogar geradezu gruseligen Fotos von Wohnungen. Manche Aufnahmen, mit denen Räumlichkeiten für nachfolgende Mieter angepriesen werden sollen, verleiten nicht wirklich dazu, die Zimmer als zukünftiges gemütliches Zuhause wahrzunehmen. Statt “Traumwohnung” zu rufen, sagen die Bilder eher “Horrorhaus”, “Geschmacksentgleisung” oder “Bruchbude”.

Ob dreckige Wäsche in der Zimmerecke, grauenhafte Wohnungseinrichtung oder verwahrloste Badezimmer: Der Tumblr Terrible Real Estate Agent Photographs erklärt diese Art der Fotografie zum “wichtigen und unterschätzten photographischen Genre”. Diejenigen, die diese schrecklichen Wohnungsfotos anfertigen, werden zu Künstlern ernannt. Was zunächst wie dilettantisch erstelltes Bildmaterial wirkt, entpuppt sich auf den zweiten Blick als faszinierendes visuelles Dokument eines Augenblicks. Und schließlich wird klar: Jedem Grusel wohnt auch ein Zauber inne…



Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.