Mehr Besucher dank Hashtags, Social Media für Kulturorte und poetischer Spam

Nicht-Newsletter – Nr. 41, 07/2019

Frage des Monats
Wie bringt man durch Hashtags mehr Besucher ins Museum?

Thema des Monats
5 Gründe, warum Social Media für Kulturorte wichtig ist

Twitter des Monats
Jay Hulme

Instagram des Monats
notyourbackdrop

Tumblr des Monats
Gesäge gesägt!

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Frage des Monats

Wie bringt man durch Hashtags mehr Besucher ins Museum?

Einfach ein paar Hashtags an die Wände einer Ausstellung kleben, und schon kommen mehr Besucher? Dass die wahllose Nutzung von Begriffen mit einer Raute davor in Ausstellungen nicht immer gut überlegt ist, stellten schon einige Museen unter Beweis. Doch dass man Hashtags auch ganz bewusst in das Konzept einer Ausstellung integrieren kann, zeigte jetzt das Museu Nacional de Belas Artes (MNBA) in Rio de Janeiro. In der Ausstellung „Hashtags da Arte“ werden Hashtags sogar zum grundlegen Konzept für die Kunstbetrachtung herangezogen. Insgesamt 40 Werke wurden für die Schau ausgewählt; jedes dieser Werke wurde dann mit einer „typischen Instagram-Beschreibung“ versehen, statt mit einem klassischen Objekttext.

Kunst für die Generation Instagram

Mit seiner Ausstellung „Hashtags da Arte“, zu Deutsch „Die Hashtags der Kunst“, gelang es dem Nationalen Kunstmuseum im brasilianischen Rio de Janeiro, seine Besucherzahlen bisher um sagenhafte 60 % zu steigern. Das Besondere an der Ausstellung ist, dass die herkömmlichen Objektbeschriftungen von 40 Werken aus der Sammlung ersetzt wurden durch neue Beschriftungen. Diese erinnern an Social-Media-Texte, wie sie etwa bei Instagram genutzt werden – inklusive Hashtags. Diese kleine Veränderung, die sich sehr leicht und kostengünstig umsetzen ließ, stieß bei jungen Menschen tatsächlich auf großes Interesse. Plötzlich war Kunst im Museum auf Augenhöhe mit der Generation Instagram, so scheint es.

Auf seiner Website schreibt das Museum, dass nur 7,5 % der Brasilianer ins Museum gehen würden. Gleichzeitig herrscht in der Bevölkerung eine sehr hohe Nutzung von Social Media. Vor diesem Hintergrund entstand die Frage, wie man als Museum Kunst attraktiver machen kann, so dass sie eher in die (digitale) Lebensrealität der Menschen passt.

Hashtag #outfitoftheday und #richlife

Ziel des Museums war es, „eine andere, leichte, lustige und zeitgenössische Art zu zeigen, wie man Kunst den Menschen näher bringen kann. Das Museum eignet sich damit eine Sprache an, die die Menschen auch in ihrem Alltag nutzen“, so Monica Xexéo vom MNBA. So wurden Portraits von Herrschern etwa mit den Hashtags #lookdodia, #reidocamarote oder #ostentação versehen. Die Hashtags entsprechen in etwa international genutzten Begriffen wie #outfitoftheday, #richandfamous oder #richlife.

Gegenüber der Rio Times bestätigte das Museum, dass die Hashtag-Ausstellung vor allem ein jüngeres Publikum anziehen würde. Es sei auch ein Hauptziel gewesen, mit „Hashtags da Arte“ genau diese neuen Zielgruppen zu erreichen, die sonst eher nicht zum bisherigen Museumspublikum gezählt hätten. Auch das Verhalten vor den Kunstwerken sei nun ganz anders. So werde über die Hashtags viel gelacht und es herrsche plötzlich eine lockere Atmosphäre im Museum.

Die Ausstellung, die im April 2019 eröffnete, wurde aufgrund ihres großen Erfolges jetzt schon bis Februar 2020 verlängert.

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Thema des Monats

5 Gründe, warum Social Media für Kulturorte wichtig ist

Die Sozialen Medien erfüllen für Museen und andere Kulturinstitutionen viele Funktionen: die Kanäle werden für Marketing genutzt, über Social Media werden potenzielle Besucher mit Informationen zur Institution und zu ihren Inhalten versorgt und die Plattformen können sogar dazu genutzt werden, das Besuchererlebnis vor Ort zu verbessern. Basierend auf aktuellen Datenerhebungen stellt Colleen Dilenschneider bei know your own bone die Top-5 wichtigsten Faktoren vor, warum Social Media für Kulturinstitutionen so wichtig ist, wie nie zuvor.

1) Social Media spielt eine wichtige Rolle, um zu einem Besuch anzuregen.

Von den Empfehlungen anderer Personen, besonders wenn sie aus dem engeren Umfeld von Familie und Freunden kommen, lassen sich Menschen stark beeinflussen. Diesen persönlichen Aussagen wird viel mehr Vertrauen entgegengebracht, als wenn eine Institution für sich selbst wirbt. In diesem Zusammenhang sind Soziale Medien besonders wichtig, denn Menschen teilen hier ihre Eindrücke und sprechen damit auch Empfehlungen aus – auch wenn es darum geht, Kulturinstitutionen zu besuchen.

2) Für potenzielle Besucher sind Soziale Medien eine wichtige Informationsquelle.

Besucher, die nicht regelmäßig Kulturinstitutionen besuchen, aber grundsätzlich an Kultur interessiert sind, sind potenzielle Besucher. Umfragen haben gezeigt, dass diese Zielgruppe sehr stark online aktiv ist – besonders in Social Media. Aus diesem Grund können diese potenziellen Besucher leicht über Soziale Medien erreicht werden, um Interesse für einen Besuch vor Ort zu wecken. Dafür reicht es für Kulturinstitutionen aber nicht aus, einfach auf Social-Media-Plattformen präsent zu sein. Vielmehr zählt der Aufbau einer Community, um durch Kommunikation, Interaktion und Dialog Interessenten an sich zu binden.

3) Social-Media-Follower werden eine Institution eher besuchen als Nicht-Follower.

Wer zu einer Kulturinstitution online einen Bezug aufgebaut hat, wird zum Digitalen Besucher – und vielleicht auch irgendwann zum Besucher vor Ort. Laut einer in den USA unter 104 Kulturinstitutionen durchgeführten Umfrage, betonten 42 % der Social-Media-Follower, die Institution in den nächsten Monaten auch vor Ort besuchen zu wollen. Die Ergebnisse zeigen, dass aus Interesse an einer Institution durch den Kontakt über Social Media auch eine aktive Absicht zu einem Besuch entsteht.

4) Die bestehende Bindung über Social Media verbessert auch das Besuchererlebnis vor Ort.

Bei einer Umfrage unter Besuchern von 74 US-amerikanischen Kulturinstitutionen, wurde bei Social-Media-Followern eine höhere Kundenzufriedenheit festgestellt. Sind den Besuchern über Social Media etwa bereits Vermittlungsinhalte bekannt, kann auch der Besuch vor Ort als pädagogisch wertvoller empfunden werden. Auch wenn eine Institution vor dem Besuch online als freundlich und kommunikativ erlebt wurde, kann sich dieser positive Eindruck auf die Wahrnehmung des realen Ortes auswirken. Insofern hängen Online- und Offline-Auftritt eng zusammen und ergeben ein Gesamtbild.

5) Über die Hälfte der Besucher nutzt Social Media auch vor Ort.

Social-Media-Nutzer ziehen Soziale Medien von Kulturinstitutionen nicht nur als Informationsquelle vor einem Besuch heran. (Laut Umfrage immerhin rund 74 %.) Fast 60 % nutzen Social Media auch vor Ort – und zwar direkt in Bezug zu ihrem Besuch, etwa um bei Instagram ein Foto aus der Ausstellung zu posten. Über 7 % der Besucher, die Social Media vor Ort nutzten, gaben in der Umfrage eine höhere Zufriedenheit an. Dies zeigt, dass das Smartphone in der Hand kein Zeichen für Ablenkung sein muss. Es kann auch darauf hindeuten, dass sich die Besucher gerade intensiver mit den Inhalten auseinandersetzen, etwa indem sie ihre Erfahrungen gerade mit anderen über Soziale Medien teilen.

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Twitter des Monats

Jay Hulme

Unsere aktuelle Empfehlung geht an Jay Hulme und seinen Twitter-Thread über mögliche Ausstellungsideen. Wir würden den Autor und Speaker aus Leicester sofort buchen, um folgende Ausstellungen umzusetzen:

  • „Komische Hüte von Adligen, im Vergleich mit ähnlich aussehenden Gegenständen“
  • „Objekte, die schwulen historischen Persönlichkeiten gehört haben, geordnet nach den Farben des Regenbogens“
  • „Historische Darstellungen von Jesus und Satan: Welcher Typ ist heißer?“
  • „Unkenntlich gemalte Tiere aus mittelalterlichen Manuskripten und Vorschläge, welche Tiere gemeint sein könnten“
  • „Historischer Doppelgänger oder echter Vampir? Diese Gemälde sehen aus wie Keanu Reeves“
  • „Gemälde von Frauen, die dich umbringen könnten, zusammen mit der Waffe, mit der sie es tun würden“

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Instagram des Monats

notyourbackdrop

Das Selfie im Museum ist heute allgegenwärtig. Besonders die Nutzung von Instagram in Ausstellungen hat das Verhalten von Besuchern verändert. Doch auch Museen, Galerien und Pop-Up-Institutionen zielen zunehmend auf das Bedürfnis zum Kunst-bezogenen Selfie ab. Einer hat jetzt davon genug – und tut diesen Unmut ironischerweise bei Instagram kund.

Der Account @notyourbackdrop, zu Deutsch „nicht dein Hintergrund“, proklamiert in seiner Insta-Bio: „Because art is so much more than just a backdrop… And you’re blocking my view.“ Schluss damit, dass Selfie-Poser die Sicht auf die Kunst verstellen. Weg mit den Museumsbesuchern, die sich vor einem Werk als Hintergrund fotografieren lassen. Diese Botschaft vermittelt dieser Instagram-Account, der die vermeintlichen Kunstbanausen aus ihren Fotos einfach entfernt. Zurück bleibt eine weiße Silhouette – die aber leider noch immer den Blick auf die Kunst blockiert.

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Tumblr des Monats

Gesäge gesägt!

Für die einen ist es schlicht Spam – unerwünscht zugesendete E-Mails, die einem in holprigem Deutsch etwas verkaufen möchten. Für diesen Tumblr ist es hingegen ein „geheimer Poesie-Verteiler“. Diese Poesie ist so wundervoll, dass sie mit der Öffentlichkeit geteilt werden muss:

  • „Bofende Ehehälfte? Schnalle es an! Kein Traum? Anti-Schnarchen.“
  • „Buße und kein Geld für Geschenke mehr. Willst du nicht, dass deinen Führerschein in Gefahr zu geraten, gelt?“
  • „Alle meine Haare fielen von der Stromrechnung. Ich verlasse mein Gehirn von den Regien.“
  • „ZIEFERALARM: schütze das Heim. Insekten, HUSCH! Erschrecke sie! BEKÄMPFE!“
  • „Wie bei Films: habe Spurverfolger. LÖSUNG zum Folgen jedem, irgendwas.“

In diesem Sinne: Für mehr Poesie im E-Mail-Spam!