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Die ungeliebte Museums-App, ungenutztes Kultur-Marketing und unwiderstehliche Kunst-Mode

Nicht-Newsletter – Nr. 34, 12/2018

Frage des Monats
Warum nutzen Museumsbesucher keine Apps?

Thema des Monats
Kultur-Marketing auf anderen Wegen

Twitter des Monats
Every Color

Instagram des Monats
Dressed to Match

Tumblr des Monats
German Post-War Modern


Frage des Monats

Warum nutzen Museumsbesucher keine Apps?

Manche Museen haben kein besonders modernes Image. Etwas angestaubt, das beschreibt es vielleicht am besten. Alte Gebäude mit alten Gegenständen wirken auf einige Menschen vielleicht weniger interessant. Um aktueller zu erscheinen und jüngere Zielgruppen anzulocken, setzen einige Museen auf digitale Angebote oder sogar Apps. Am besten kommt Virtual Reality (VR) in Ausstellungen zum Einsatz oder es wird mit Augmented Reality (AR) experimentiert. Wenn die trockene Museumsrealität von computergenerierten, interaktiven Inhalten überlagert wird – dann müssen die Besucher ja in Scharen kommen – oder?

Keiner hat Bock auf eine Museums-App

Vor kurzem veröffentlichten Matthew Robert Bennett und Marcin Budka von der Bournemouth University einen Erfahrungsbericht, der nicht wirklich überrascht: Museumsbesucher möchten keine Apps herunterladen. Ob große oder kleine Museen – alle, die sich in den letzten Jahren eine App geleistet haben, wissen mittlerweile sehr genau, wie das Publikum diese annimmt. Meist sind die Download-Zahlen einer Museums-App eher gering, was zu einem enormen Missverhältnis von Kosten/ Nutzen führt. Nur sehr wenige Museen schaffen es, hohe Nutzerzahlen für ihre Museums-App zu erreichen.

Die beiden Wissenschaftler Bennett und Budka testeten im Museumsbereich und darüber hinaus AR-Apps und machten damit sehr positive Erfahrungen – solange sie dem Publikum die Geräte mit der Anwendung zur Verfügung stellten und die App durch Ansprechpartner erklärt wurde. Das änderte sich jedoch, sobald die App in einem Museum eigenständig angeboten wurde. Keine Ansprechpartner waren vor Ort. Keine Geräte mit der App wurden an Museumsbesucher ausgeliehen. Lediglich Plakate und Werbebanner wiesen auf die Museums-App hin. Das Publikum zeigte sich davon unbeeindruckt. Kaum jemand wollte die Anwendung herunterladen oder nutzen.

Das Problem war nicht die App an sich, das wussten die Wissenschaftler aus ihren vorherigen Tests. Menschen lieben Augmented Reality und interagieren gerne damit. Aber Menschen möchte keine App auf ihrem privaten Mobiltelefon – aus verschiedenen Gründen. Die Rückmeldungen, die Bennett und Budka erhielten, deuteten darauf hin, dass die Ablehnung nicht unbedingt von Skepsis gegenüber der neuen Technik herrührte, wie man es besonders bei älteren Nutzern vermuten könnte. Es ging tatsächlich darum, dass Besucher einfach keine Museums-App herunterladen möchten – aus Prinzip.

Wozu überhaupt eine App?

Nachforschungen der Wissenschaftler ergaben, dass um eine App herunterzuladen, zum einen wichtig ist, wie sehr dem Anbieter vertraut wird und wie bekannt der Anbieter ist. Eine App einer bekannten Marke wie Facebook oder Deutsche Bahn wird etwa eher heruntergeladen als die App eines kleinen Entwicklerstudios für ein Museum. Zum anderen wird eine App eher heruntergeladen, wenn sie soziale Interaktion und Spaß verspricht. Wird mit Lerneffekt und Vermittlung von Inhalten geworben, wirkt das weniger attraktiv. Ein Beispiel ist die Google Arts & Culture App, die erst massenhaft heruntergeladen wurde, als sie dank Gesichtserkennung einen Kunst-Doppelgänger zuordnen konnte. Spaß statt Bildung, das ist was Nutzer wollen.

Wie sollten Museen also mit dieser App-Verweigerung der Besucher umgehen? Sollte der Spaß-Faktor der Apps erhöht werden? Mehr Selfie-Möglichkeiten und mehr Gamification im Museum? Vielleicht reicht es einfach, den Besuchern die Museumsinhalte zugänglich zu machen, ohne dass sie eine App installieren müssen. Wenn WLAN im Museum angeboten wird, können alle Inhalte einfach über die Website der Institution zur Verfügung gestellt werden. Der Zugriff erfolgt dann über den Browser des Smartphone. Alternativ können Leihgeräte vom Museum angeboten werden, über die sogar technisch komplexere Anwendungen und größere Datenmengen bereitgestellt werden können, da kein Museumsbesucher sie aufs Privatgerät laden muss.

Matthew Robert Bennett und Marcin Budka kommen letztendlich zu dem Schluss, dass neue Technologie wie AR und VR Museen definitiv bereichern kann. Nur von dem Gedanken, diese Technologie per App für Besucher zur Verfügung zu stellen, sollte man sich verabschieden.


Thema des Monats

Kultur-Marketing auf anderen Wegen

In seinem Blog Kulturdata machte sich Holger Kurtz unlängst Gedanken darüber, wie Kulturorganisationen Online-Marketing betreiben können, ohne klassische Wege wie Werbung in Social Media, bei Google oder via Newsletter einzuschlagen. Als Alternativen werden hier Push-Benachrichtigungen, der Einsatz von Messenger-Diensten, Slack, Replug, LinkedIn und Xing sowie Affiliate Marketing genannt.

Affiliate-Kulturvermarktung

Der letzte Vorschlag bei Kulturdata erscheint uns besonders interessant. Die Idee hinter einem Affiliate-Marketing-Ansatz ist es, nicht Google oder ein Soziales Netzwerk dafür zu bezahlen, der gewünschten Zielgruppe Links zu einem Event anzuzeigen, das man als Kulturinstitution bewerben möchte. Um Interessenten für Ausstellungen, Theatervorstellungen oder Konzerte zu finden und Tickets zu verkaufen, könnte man auch statt dessen ein Affiliate-Modell aufbauen und dazu sein eigenes Netzwerk nutzen.

Affiliate-Systeme (engl. affiliate = angliedern) sind Online-Vertriebsarten, bei denen ein Anbieter seine Partner durch Provisionen vergütet. Der Anbieter stellt Inhalte und Promotion-Codes oder Tracking-Links zur Verfügung, welche die Vertriebspartner auf ihren eigenen Kanälen verbreiten, etwa auf ihren Social-Media-Accounts, auf ihrer Website oder in einem Newsletter. Mögliche Partner für Kulturinstitutionen könnten thematisch relevante Blogger oder Instagrammer sein, aber auch Künstler, etwa beteiligte Bildende Künstler bei Ausstellungen, Schauspieler eines Theaterstücks, Musiker bei Konzerten oder Sänger bei Opernaufführungen. Alle diese Akteure verfügen über ein eigenes Netzwerk und würden eine relevante Zielgruppe erreichen.

Provisionen fürs eigene Netzwerk statt Budget für Online-Großkonzerne

Nach dem Prinzip der Vermittlungsprovision könnte das Netzwerk von Kulturinstitutionen vergütet werden. Es würde sich das “Pay per Sale”-Prinzip anbieten. Hier kann z.B. einem Musiker ein Affiliate-Link zum Online-Ticketshop von einem Konzerthaus zur Verfügung gestellt werden. Der Musiker kann diesen Link mit seinen Followern, z.B. in Social Media, teilen und auf das Konzert hinweisen. Klickt ein Follower auf diesen Link und kauft ein Online-Ticket für das Konzert, erhält der Musiker eine Provision.

Das Prinzip des Affiliate Marketing wird bereits im Bereich des Influencer Marketing von einigen Firmen genutzt. Der Klassiker ist, dass z.B. Instagrammer oder Blogger einen bestimmten Rabatt-Code an ihre Zielgruppe kommunizieren. Anbieter können leicht nachvollziehen, wie oft dieser Rabatt-Code bei einem Kauf von Produkten oder Dienstleistungen eingelöst wurde. Pro eingelöstem Code erhält der Kooperationspartner dann eine Provision. Was bei Beauty-Produkten oder Mode bereits funktioniert, könnte also auch im Kulturbereich leicht umgesetzt werden.


Twitter des Monats

Every Color

Der Name dieses Accounts sagt eigentlich schon alles. Ein Bot twittert nach und nach alle Farben des RGB-Farbraums. RGB steht für Rot, Grün und Blau. Mischt man diese drei Farben, entsteht ein additiver Farbraum, der alle möglichen Farben umfasst. Das Prinzip von RGB basiert also auf der Dreifarbentheorie.

Die MusErMeKu-Farbe ist übrigens 0x3d007a. In einem RGB-Farbraum besteht hex #3d007a aus 23,9% Rot, 0% Grün und 47,8% Blau.


Instagram des Monats

Dressed to Match

Hinter Dressed to Match steht die Amerikanerin Michelle. Alles begann, als die Galerie-Leiterin 2013 ein Outfit für eine Vernissage suchte. Beim Shoppen entdeckte sie ein Kleid, das genau zu einem Werk in der Ausstellung passte. Bei der Vernissage waren Michelle und ihr Kleid dann DAS Gesprächsthema, woraufhin sie beschloss, auch ihre Outfits zu weiteren Ausstellungseröffnungen auf bestimmte Kunstwerke abzustimmen. Zunächst postete sie ihre Kunst-Klamotten-Kombinationen auf dem Instagram-Account ihrer Galerie. Im Herbst 2015 startete sie dann ihren eigenen Account, für den auch andere Kunstfans ihre Fotos einsenden können.


Tumblr des Monats

German Post-War Modern

Im Fokus dieses Tumblr steht die Architektur der Nachkriegsmoderne in Deutschland, seinen Nachbarländern und darüber hinaus. Eine Fotosammlung für alle Gebäude-Groupies und Brutalismus-Begeisterte.



Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.