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Ein Roboter als Guide im Museum: Die Zukunft der Kunstvermittlung?

Durch die Ausstellung „Ex Machina. Kunst & Maschine“ im OÖ Kulturquartier in Linz führt ein Roboter. Ist das die Zukunft für Museumsführungen?

Mit Werken von Clemens Fürtler und Peter William Holden startete vor kurzem im OÖ Kulturquartier in Linz eine neue Ausstellungsreihe, in der künstlerische Arbeiten an der Schnittstelle von Maschinenkunst, Robotik, Kinetik, Lichtkunst und Performance gezeigt werden. Das Besondere an der Ausstellung „Ex Machina. Kunst & Maschine“ ist dabei, dass stündlich ein Roboter die Besucher durch die Ausstellung führt. Sieht so die Zukunft der Kunstvermittlung aus? Wir sprachen darüber mit Alfred Weidinger, dem Geschäftsführer der OÖ Landes-Kultur GmbH.


Ex Machina. Kunst & Maschine

Seit Ende Oktober 2020 zeigt das OÖ Kulturquartier in Linz im Offenen Kulturhaus Oberösterreich, kurz OK, Werke von Clemens Fürtler (*1966) und Peter William Holden (*1970).

Zum einen ist es Clemens Fürtlers „Turm zu Babel“ (2018), eine Maschine, die aus Modelleisenbahn-Teilen und Modellhäusern besteht und mit Lichtfahrzeugen ausgestattet ist. An die umliegenden Wände im Ausstellungsraum wird die Struktur der Skulptur projiziert, was sich zu einer Schatten-Architektur eines monumentalen Turms zusammenfügt. Zusammen mit Moritz Friedel hat Fürtler eine Methode entwickelt, diese Projektionen direkt auf Fotopapier festzuhalten, ganz ohne Kamera. Besucher der Ausstellung können beobachten, wie Fotogramme als direkte Abdrücke von Licht und Schatten auf lichtempfindlichem Papier entstehen.

Das zweite Werk in der Ausstellung „Ex Machina. Kunst & Maschine“ ist die Maschine „Concentricity“ von Peter William Holden. Mit technischen Mitteln wird hier das Naturphänomen reproduziert, wie Regentropfen auf einer Wasseroberfläche tanzen und dabei konzentrische Kreise auslösen. Der Klang der Tropfen geht in Holdens kinetischer Skulptur in einen Rhythmus über, der sich mit der Bewegung verbindet. Ausgelöst wird der Prozess übrigens von Besuchern, die in den Scheinwerfer der Installation treten.


Der Roboter-Guide in der Ausstellung "Ex Machina" in Linz (Foto: Otto Saxinger)
Clemens Fürtler, Moritz Friedel: „Turm zu Babel“ (2018) in der Ausstellung „Ex Machina. Kunst & Maschine“ und der Roboter SCITOS A5 von Metralabs.

(Foto: Otto Saxinger – OÖ Kulturquartier / OÖ Landes-Kultur GmbH)

Ein Roboter als Kontakt für Besucher

Einmal pro Stunde finden in der Ausstellung „Ex Machina. Kunst & Maschine“ Führungen statt. Als Guide arbeitet allerdings kein Mensch, sondern ein Roboter – der SCITOS A5 von Metralabs, ein zertifizierter Service-Roboter, der konzipiert wurde, um Menschen zu Produkten und Exponaten zu führen. Für Alfred Weidinger, Geschäftsführer der OÖ Landes-Kultur GmbH, ist diese Art der Kunstvermittlung eine stimmige Ergänzung des Ausstellungskonzeptes. In Anbetracht eines aufgrund der Corona-Pandemie notwendigen Hygiene-Konzeptes ermöglicht der Einsatz des Roboters dem Museum aber auch, während des Ausstellungszeitraums überhaupt Führungen anbieten zu können. Wir haben bei Alfred Weidinger nachgefragt, wie sich der Roboterguide bisher bewährt hat…

Herr Weidinger, in der Ausstellung „Ex Machina“ stehen Werke von William Holden und Clemens Fürtler im Mittelpunkt. Beide Künstler arbeiten an der Schnittstelle zwischen Maschinenkunst und Robotik. War es hier für Sie ein logischer Schritt, in der Kunstvermittlung deshalb auch einen Roboter zum Einsatz zu bringen?

Alfred Weidinger: „Zu den Themen und Künstlern passt ein Roboter tatsächlich sehr gut, wir werden aber sicher auch künftig Roboter für Vermittlungstätigkeiten einsetzen. Denn in Bezug auf die Corona-Pandemie denken wir seit einem halben Jahr intensiv über neue Formen der Kulturvermittlung nach. Maschinenunterstützte Vermittlungsangebote sind in diesen Zeiten ein logischer Schritt.“


Spekulieren Sie darauf, dass Besucher nicht nur wegen der ausgestellten Kunstwerke kommen, sondern auch, weil Sie neugierig darauf sind, von einem Roboter durch die Ausstellung geführt zu werden?

Alfred Weidinger: „Für manche wird das durchaus ein Motiv sein, vor allem für Schüler, Studierende und Technikfreaks. Im Vordergrund stehen aber unsere Bemühungen, so viele Menschen wie nur möglich für Kunst zu begeistern und sie für einen Besuch unserer Schau- und Vermittlungsräume zu motivieren.“


Wo sehen Sie – abgesehen von dem Effekt des Ungewöhnlichen – die Vorteile in einem Roboter als Kunstvermittler?

Alfred Weidinger: „Corona-bedingt haben wir bis einschließlich Februar 2021 keine physischen Angebote zur Kulturvermittlung im Programm. Da wir an unseren unterschiedlichen Standorten aber dennoch ein vielfältiges Angebot von Ausstellungen zeigen, mussten wir uns Alternativen überlegen.

Unsere angestellten 25 Kulturvermittlerinnen und -vermittler stehen daher sowohl in unseren Outreach-Projekten als auch in den Museen über Live-Stream (Bild und Ton) zur Verfügung. Wir haben also lebensgroße Hologramm-Folien angebracht, auf die wir Live-Bilder unserer Vermittlungskräfte streamen. Sie können die Besucher sehen und sich mit ihnen unterhalten. Das funktioniert ausgezeichnet, besser als mit einem herkömmlichen Monitor. Wo Live-Streams nicht möglich sind und Interessierte tatsächlich auch physisch durch die Ausstellung geführt werden wollen, ist der Roboter, so zeigen es die durchweg positiven Reaktionen, ein idealer Ersatz.“


Wie genau funktioniert die Führung mit dem Roboter durch die Ausstellung?

Alfred Weidinger: „Es ist wichtig, sich pünktlich am Treffpunkt einzufinden, denn der Roboter startet präzise zur vollen Stunde. Zuerst begrüßt er die Gäste und erzählt einige wesentliche Informationen über die Ausstellung. Im Anschluss lädt er die Besucher ein, ihn zum ersten Kunstwerk zu begleiten. Man erfährt, was auch die lebendigen Kulturvermittler über das Werk und die Künstler erzählen würden. Videostatements der Künstler auf dem Touchscreen des Roboters ergänzen die Vermittlungsleistung. Die Videos kann man auch unterbrechen oder vorzeitig beenden.

Der Roboter gibt den Besuchern ausreichend Zeit, sich die Werke anzusehen. Sind sie bereit, aktivieren sie ihn mittels Touchscreen und er setzt seine Tour durch die Ausstellung fort. Nach der Tour verabschiedet sich der Roboter von den Ausstellungsbesuchern, gibt ihnen noch die Möglichkeit eines gemeinsamen Selfies und fährt zurück zu seiner Ausgangsposition. Weitere Fragen werden im Live-Stream vor Ort von unseren Vermittlungskräften beantwortet.“


Ist der Roboter ein guter Guide? Wie sind die Reaktionen der Ausstellungsbesucher auf den Roboter bisher?

Alfred Weidinger: „Unser elektronischer Kollege wird außerordentlich gut angenommen. Er ist in der Tat ein guter Guide, auch wenn er bisher noch keine Fragen beantworten kann. Aber daran arbeiten wir. Der Roboter wird nach dieser Ausstellung mit einer Live-Stream-Funktion ausgestattet, die den Interessierten die Möglichkeit gibt, Fragen zu stellen. Unsere Vermittlungskräfte werden diese dann direkt über den Touchscreen beantworten.

Darüber hinaus werden wir den Roboter mit einer Sprachbot-Funktion ausstatten. Er hat also noch einiges zu lernen. Aber unser Ausstellungspublikum und wir wollen ihn nicht mehr missen. Sehr wahrscheinlich werden wir bald an drei Standorten Roboterführungen anbieten.“


Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden Tätigkeiten in fast allen Lebensbereichen, die einst von Menschen ausgeführt wurden, nach und nach von Maschinen übernommen. Sehen Sie diese Tendenz auch im Bereich der Museumspädagogik und Kunstvermittlung?

Alfred Weidinger: „Ich denke ja. Der Erfolg unseres Projektes zeigt, dass es der richtige Weg ist. Gerade in einer Zeit der notwendigen körperlichen Distanz ist ein Roboter ein absolut unverzichtbarer Zeitgenosse. Über die Qualität der Führung entscheidet aber dennoch am Ende der Content und die Dramaturgie – und diese stammt von unseren echten Kulturvermittlerinnen und -vermittlern.

In einem weiteren Projekt beschäftigen wir uns übrigens gemeinsam mit amerikanischen AI-Expertinnen und Experten mit digitalen Kuratoren. Wenn alles gut geht, werden wir im kommenden Jahr im Francisco Carolinum die erste Ausstellung eines künstlichen Kurators zeigen.“

Vielen Dank für das Interview.


Ex Machina. Kunst & Maschine

22.10.2020 – 17.01.2021 (vorübergehend geschlossen)
OÖ Kulturquartier, Linz


Bild im Beitrag: Foto von Otto Saxinger – OÖ Kulturquartier / OÖ Landes-Kultur GmbH – Clemens Fürtler, Moritz Friedel: „Turm zu Babel“ (2018) in der Ausstellung „Ex Machina. Kunst & Maschine“ und der Roboter SCITOS A5 von Metralabs,
Header-Bild: Angelika Schoder – Museum der Arbeit Hamburg, 2019


Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.


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