Kreaturen nach Maß: Gezüchtet, manipuliert und aufgegessen

Schiko ist tot! Warum?! – Die Ereignisse um den Hund Chico beschäftigten Moderator Jan Böhmermann im Frühjahr 2018 so nachhaltig, dass er dem Tier im Rahmen seiner #fernsehenistso2017tour2018 sogar ein eigenes T-Shirt widmete. Der Staffordshire-Mischling hatte Anfang April 2018 in Hannover seinen Besitzer und dessen Mutter zu Tode gebissen. Der Hund sollte daraufhin eingeschläfert werden, was hunderttausende Menschen verhindern wollten. Für die Chico-Anhänger was das Tier ihr Held, die zuständigen Behörden waren die Verbrecher. Es folgten Morddrohungen gegen Mitarbeiter von Stadt und Staatsanwaltschaft, am Ende eine Mahnwache und eine Demo für den Hund. Internationale Medien berichteten. Ganz im Gegensatz zu den seit Jahren stattfindenden Demos gegen Massentierhaltung. Wenn Tieraktivisten dagegen protestieren, dass jedes Jahr in Deutschland tonnenweise Tiere zum Verzehr produziert werden, dann kümmert das die Medien kaum. Dies sind nur zwei Beispiele, wie widersprüchlich das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist. Das Marta Herford beleuchtet die Komplexität des Themas nun in seiner aktuellen Ausstellung „Kreaturen nach Maß. Tiere und Gegenwartsdesign“.


Tiere als Design-Wesen

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier kann im weitesten Sinne als Design verstanden werden, denn Tiere werden häufig den menschlichen Bedürfnissen untergeordnet und daran angepasst. Vom Haustier, das den Zweck des treuen Begleiters bis hin zum Zeitvertreib erfüllen muss, bis zum effizient gezüchteten Nahrungsmittel oder Rohstoff für Bekleidung – Tiere werden häufig nur als Mittel zum Zweck „benutzt“. Gleichzeitig wird aber auch diskutiert, was es über die Gesellschaft aussagt, wenn sie Lebewesen ausbeutet, oder welche Rückschlüsse auf Menschen gezogen werden können, wenn sie bestimmte Vorstellungen in Tiere hinein projizieren.

Ein Beispiel hierfür ist die Arbeit von Thalia de Jong. Ihr Video über das preisgekrönte Meerschweinchen „Golden Boy“ (2015), zeigt, wie das Tier auf einem „Präsentierteller“ sitzt und frisiert wird. Von einem mit rosa Haarklammern bestückten Fellknäuel bis hin zu seiner langhaarigen Pracht liegen mehrere Arbeitsschritte, in dem das Tier geföhnt und gekämmt wird. Dass es sich um ein Lebewesen handelt, das sich eigentlich natürlich anders verhalten würde, tritt in den Hintergrund. Statt dessen wird das Tier zur Projektionsfläche für menschliche Ideale von Schönheit. Doch auch in der Liebe spielen Tiere eine Rolle. So sind Menschen, die für einander bestimmt sind, in der Ostasiatischen Mythologie über einen Roten Faden des Schicksals miteinander verbunden. Die Künstlerin Sputniko! hinterfragt diese Legende, indem sie von Wissenschaftlern Seidenraupen genetisch so verändern lässt, dass sie einen roten Seidenfaden produzieren, der mit dem Bindungshormon Oxytocin angereichert ist. Kann die Manipulation von Tieren in der Wissenschaft so sogar das Schicksal verändern?


Ressource und Ersatzstoff

Jenseits von emotionaler Bindung oder Projektionsfläche, spielen Tiere auch als Ressource für die Menschen eine Rolle. Felle, Leder, Seide und Wolle werden zu Bekleidung oder zu Möbeln. Aus Knochen, Tierzähnen und Hörnern wird eine ganze Vielfalt an Produkten hergestellt – von der Zahnpasta bis zu LCD-Bildschirmen. Von der Kosmetikindustrie bis hin zur Pharmaindustrie werden Tiere zudem als Test- und Versuchslebewesen eingesetzt. Tiere sind meist ein unverzichtbares Material für viele Produkte, auch außerhalb der Nahrungsmittelindustrie. Gleichzeitig kommt der Frage nach einem ethischen Bewusstsein und einer moralischen Verantwortung gegenüber anderen Lebewesen eine immer größere Bedeutung zu. Schwindende natürliche Rohstoffe, die Bedrohung von Lebensräumen von Tieren und das immer fortschreitende Sterben oder sogar das Aussterben zahlreicher Arten durch den Klimawandel, Naturverschmutzung und Jagd bzw. Fischfang, zwingt den Menschen zu Alternativen. Zunehmend müssen Tierersatzstoffe entwickelt und genutzt werden – sei es Fleischersatz oder künstliche Felle und lederähnliche Materialien.

In der Ausstellung „Kreaturen nach Maß“ sind hier etwa „Chairwear“ Stühle von Bless aus Metall, Holz und Fell zu sehen. Die „bekleideten“ Stühle sind mit Fell umschlossen und bieten eine weiche, warme Sitzgelegenheit. Die Möbel wirken mit ihren verschiedenen Fellen fast noch lebendig und hinterfragen den Einsatz von Fellen und Pelzen in der Industrie, da die Tiere hierfür häufig unter moralisch und ethisch zu verurteilenden Bedingungen gezüchtet werden. Die Frage nach einer tierischen Alternative stellt auch Dietrich Luft mit seiner flauschigen, schnurrenden Weste „Purrrr“ (2015). Das leicht vibrierende Objekt ist eine Art Katzenersatz – allergiefrei und ohne Notwendigkeit für Tierarztbesuche, Futter, oder Katzenklo-Problematik. Was bleibt, ist das Schnurren, das sich positiv auf die menschliche Psyche und den Körper auswirkt. Wissenschaftlich nachgewiesen, senkt Katzenschnurren den Blutdruck, entspannt Muskeln und führt bei Menschen zur Ausschüttung von Endorphinen. Aber kann eine Katze wirklich durch eine Maschine ersetzt werden?


Kunst-Fleisch

Viele Menschen sehen in Tieren in erster Linie Lieferanten von Nahrungsmitteln. Ein Großteil der Weltbevölkerung isst Fleisch, Eier und Milchprodukte. The Center for Genomic Gastronomy stellt in der Arbeit „De-Extinction Deli“ (seit 2013) die Frage, ob man die Nahrung der Zukunft aus Tieren der Vergangenheit herstellen kann. Sollen Wissenschaftler z.B. ein Mammut klonen, damit man es essen kann? Oder sollte man doch lieber „Fake Meat“ (2008) essen, wie es Marije Vogelzang vorschlägt? Die Künstlerin entwirft Fleisch, dessen Lieferanten unter so wundervollen Bedingungen lebten, dass der Geschmack bestmöglich ist. Das Raucharoma des Fleisches vom Fabelwesen „Ponti“ kommt etwa daher, das es sich in Vulkankratern von Asche ernährt. In Wirklichkeit besteht das Fake-Fleisch allerdings aus Soja – aber Marketing ist alles.

Vielleicht findet die Zukunft des Fleischkonsums aber auch im „Bistro In Vitro“ (2014) von Next Nature Network statt. Im Marta Herford präsentiert das Künstlerkollektiv ein Kochbuch, das den Nutzer zur Herstellung von In-Vitro-Fleisch anleitet. Fünf Gerichte geben einen Eindruck, ob man so etwas wirklich essen würde. In der Ausstellung wird auch direkt auf die Website des Bistros verwiesen, das erste Restaurant für laborgezüchtetes Fleisch. Wer sich ein Menü zusammenstellen möchte, kann hier ab dem Jahr 2028 einen Tisch reservieren. Guten Appetit!


Kreaturen nach Maß. Tiere und Gegenwartsdesign

Marta Herford, 16.09.2018 – 06.01.2019
Weitere Infos zur Ausstellung


MusErMeKu dankt dem Marta Herford für den freien Eintritt in die Ausstellung und für das Begleitheft als Rezensionsexemplar.

Header-Bild: Angelika Schoder – Basel, 2017