Drachen in der Kunst: Vom Mythos bis zu realen Vorbildern

Wie wurden Drachen im Laufe der Geschichte zum Mythos? Und wie blicken europäische und ostasiatische Kulturen auf die fabelhaften Wesen? Darum geht es in der Ausstellung “Drachen – Mythos und Wirklichkeit” und in der begleitenden Publikation.

Wie wurden Drachen im Laufe der Geschichte zum Mythos? Und welche Rolle spielen die Fabelwesen in der europäischen und ostasiatischen Kunst?

[Rezension] Seit Jahrtausenden sind Menschen von Drachen fasziniert und bis heute haben sie ihren festen Platz in Kunst, Mythologie und Popkultur. Während in der europäischen Tradition die sagenhaften Wesen häufig als gefährliche, feuerspeiende Kreaturen und Verkörperungen des Bösen dargestellt werden, die von Helden und Heiligen bekämpft und überwunden werden müssen, gelten Drachen in China, Japan und Korea hingegen sie als mächtige, glücksbringende Wesen, die mit Wasser, Regen, Fruchtbarkeit, Schutz und Macht in Verbindung gebracht werden. Die Ausstellung “Drachen – Mythos und Wirklichkeit” und die im Hirmer Verlag begleitend dazu erschienene Publikation widmet sich nun der vielfältigen Darstellung und Bedeutung von Drachen in unterschiedlichen Kulturen und Epochen.

Dabei wird beleuchtet, wie Drachen im Laufe der Geschichte zwischen Mythos und vermeintlicher Wirklichkeit verortet wurden, denn bis in die Frühe Neuzeit galten sie noch als reale Lebewesen. Sie fanden Eingang in naturkundliche Schriften und erst die moderne Naturwissenschaft trennte sie von der Tierwelt. Anhand zahlreicher Kunstwerke, kulturhistorischer Objekte, Fossilien und naturkundlicher Exponate ermöglicht “Drachen – Mythos und Wirklichkeit” einen Epochen- und Kultur-übergreifenden Blick in die Welt der Fabelwesen. Dabei werden europäische und ostasiatische Perspektiven verbunden und es wird deutlich, wie sich die Vorstellungen vom Drachen bis in die Gegenwart entwickelt und verändert haben.


Hendrick Goltzius: Der Drache tötet die Gefährten des Cadmus (1588)
Hendrick Goltzius: Der Drache tötet die Gefährten des Cadmus (1588) – Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett – gemeinfrei

Drachen als Motive in Kunst und Popkultur

In vielen Kulturen spielten Drachen eine wichtige Rolle in Erzählungen und religiösen Darstellungen. In europäischen Ländern galten sie häufig als gefährliche Ungeheuer, die von mutigen Rittern bekämpft werden mussten. Ein Beispiel dafür ist die Legende des Ritters Deodatus Gozonensis, der im 14. Jahrhundert einen Drachen auf Rhodos getötet haben soll. Im Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit wurden vermeintliche Drachenreste in Kirchen und Wunderkammern ausgestellt, um ihre Existenz zu belegen. In der Frühen Neuzeit waren Drachen außerdem beliebte Figuren bei Festen und öffentlichen Inszenierungen: Durch bewegliche Konstruktionen, Feuer und Pyrotechnik sorgten sie für spektakuläre Auftritte. Ein Beispiel ist die Jülichsche Hochzeit von 1585 in Düsseldorf, bei der eine feuerspeiende mythologische Kampfszene auf einem Floß dargestellt wurde.

Im 19. Jahrhundert wurden Drachen dann zunehmend als Symbole für gesellschaftliche und politische Bedrohungen eingesetzt. Arnold Böcklin schuf 1876 eine Zeichnug zur Cholera mit einem Drachen-Motiv und stellte dann 1898 in einem Gemälde den Begleiter der Pest als Drachen dar, während Hans Thoma mit seinem Werk “Der Krieg” mit einem Drachen auf einem Soldatenheln die zerstörerische Wirkung von Krieg symbolisierte. Um 1900 wurden Drachen dann auf Theaterbühnen durch aufwendige mechanische Konstruktionen zum Leben erweckt, was sich später in zahlreichen Filmen technisch immer weiter entwickelte: vom Drachen Fuchur aus „Die unendliche Geschichte“, der 1984 als mechanische Figur umgesetzt wurde, bis hin zu Special-Effects Drachen in Filmen wie „Dragonheart“ (1996) oder digitalen Versionen in den „Harry Potter“-Filmen, in der Serie „Game of Thrones“ (2011-2019), in der Film-Trilogie „Der Hobbit“ (2012-2014) oder aktuell in der Serie “House of the Dragon” (seit 2022).


Hans Thoma: Der Krieg (1907)
Hans Thoma: Der Krieg (1907) – Städel Museum – Public Domain

Ein Symbol für Glück und Reichtum

Die ältesten bekannten Darstellungen von Drachen stammen aus China und reichen bis ins 5. Jahrtausend v. Chr. zurück; bereits damals wurden Drachen gemeinsam mit Tigern auf Grabbeigaben dargestellt. In frühen chinesischen Schriften erscheinen sie in unterschiedlichen Formen, beispielsweise als schlangenartige oder aus verschiedenen Tieren zusammengesetzte Wesen. Ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. entwickelte sich zunehmend die typische chinesische Drachenform mit Merkmalen verschiedener Tiere, darunter Pferd, Kamel, Hirsch, Karpfen und Adler. Im Gegensatz zu europäischen Vorstellungen gilt der Drache in Ostasien überwiegend als positives Wesen, er symbolisiert Stärke, Schutz, Glück und Macht. Außerdem wird er mit Wasser, Regen und Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht, da er für ausreichend Niederschlag und damit gute Ernten sorgen soll. Er gilt außerdem als Herrscher über Naturkräfte und als Symbol des Ostens. Auch in den chinesischen Tierkreiszeichen nimmt er eine besondere Stellung ein und verspricht Menschen, die im Drachenjahr geboren werden, Glück und Reichtum.

Im Laufe der chinesischen Kaiserzeit entwickelte sich der Drache zum wichtigsten Herrschaftssymbol; besonders der fünf-klauige Drache war dem Kaiser und seiner Familie vorbehalten und schmückte Paläste, Keramiken, Lackarbeiten und kostbare Gewänder. Auch in Korea wurde diese Symbolik übernommen, wobei der Drache für den König meist vier Klauen besaß. In Japan wurde der Drache ebenfalls als Zeichen von Stärke und Macht verehrt, konnte jedoch auch eine bedrohliche Gestalt annehmen. Er tauchte in Heldensagen, auf Schwertern, Schmuckstücken und kunstvoll geschnitzten Figuren auf. Mit der Verbreitung des Buddhismus ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. erhielt der Drache eine weitere religiöse Bedeutung: Er wurde zum Beschützer Buddhas und seiner Lehre.


Gehörnter Drache (Anonym, Basel, 16. Jahrhundert)
Gehörnter Drache (Anonym, Basel, 16. Jahrhundert) – Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett – gemeinfrei

Drachen als zerstörerische Ungeheuer

In der griechischen und römischen Antike wurden Drachen überwiegend als gefährliche, feindselige Schlangenwesen und Ungeheuer beschrieben. Häufig bewachten sie Wasserquellen oder wertvolle Schätze und mussten von mutigen Helden besiegt werden, um die Ordnung wiederherzustellen. Zu den bekanntesten Drachenkämpfern der antiken Mythologie gehören Zeus, der gegen Typhon kämpfte, Apollon, der Python besiegte, und Herakles, der die neunköpfige Hydra sowie den Drachen Ladon bezwang. Auch Jason besiegte mit Unterstützung Medeas einen Drachen, der das Goldene Vlies bewachte. Die antiken Drachen wurden dabei häufig als schlangenartige Mischwesen mit mehreren Köpfen dargestellt; sie lebten vor allem in unberührter Natur, an Quellen, in Sümpfen und im Meer. Auch im römischen Militär hatte der Drache eine Bedeutung: Als sogenannte Draco-Standarte diente ein Drachenkopf mit einem aufblasbaren Stoff- oder Lederkörper als Feldzeichen. Durch die entstehenden Geräusche, wenn der Wind durch das Konstrukt pfiff, sollte er Eindruck auf den Gegner und die eigenen Soldaten machen.

Im Mittelalter wurden die antiken Drachengeschichten weiterentwickelt und in Heldenerzählungen übernommen. Besonders Alexander der Große wurde in späteren Legenden als Drachenkämpfer dargestellt. Auch Figuren wie Siegfried aus dem “Nibelungenlied” und die Helden der Artus-Sagen mussten Drachen besiegen, um ihren Mut und ihre Stärke zu beweisen. Seit dem späten Mittelalter und der Renaissance veränderte sich allerdings das Aussehen der Drachen zunehmend: Aus den ursprünglichen Schlangenwesen entwickelten sich die heute bekannten Reptilien-artigen Mischwesen mit Flügeln, Krallen und kräftigen Körpern.


Arnold Böcklin: Die Pest (1898)
Arnold Böcklin: Die Pest (1898) – Kunstmuseum Basel – gemeinfrei

Teuflische Drachen

In der christlichen Kunst haben Drachen eine zentrale symbolische Bedeutung, die zurück geht auf die biblische Erzählung vom Sündenfall in der “Genesis” und vom Weltende in der “Apokalypse”: Zum einen verführt die Schlange Adam und Eva im Paradies zum Ungehorsam gegenüber Gott und steht dadurch für Sünde und Böses, zum anderen wird in der Offenbarung der Drache mit Satan gleichgesetzt und schließlich vom Erzengel Michael besiegt. Somit verkörpert er den Gegensatz zwischen Gut und Böse und die Überwindung des Bösen durch den Glauben. In der Renaissance wurde die Darstellung des Sündenfalls besonders beliebt und Künstler wie Albrecht Dürer zeigten die Schlange zunehmend mit drachenartigen Merkmalen, auch Rembrandt stellte die Schlange als geflügelten Teufelsdrachen dar. In anderen Bildern der Zeit wird der Drache als Symbol der besiegten Sünde unter den Füßen Christi oder Marias gezeigt. Das weit geöffnete Drachenmaul dient in einigen Werken außerdem als Darstellung des Hölleneingangs.

Ein weiteres wichtiges Motiv ist der apokalyptische Kampf zwischen Erzengel Michael und dem sieben-köpfigen Drachen. Auch Heiligenlegenden greifen den Drachenkampf auf, so besiegt der heilige Georg ein bedrohliches Ungeheuer und wird dadurch zum Symbol für Mut und Glaubensstärke. Die heiligen Margarethe und Martha überwinden Drachen dagegen durch Gebet, Kreuzzeichen und göttlichen Beistand. Auch die heilige Radegunde soll einen Drachen durch ihren Glauben bezwungen haben. Neben der religiösen Bedeutung fanden Drachen auch Eingang in Prozessionen, Umzüge und Festspiele. Besonders bekannt ist das “Tarasque-Fest” in Südfrankreich, bei dem eine Drachenfigur an die Legende der heiligen Martha erinnert. Auch Fastnachtsumzüge, etwa der Nürnberger “Schembartlauf” im 15. und 16. Jahrhundert, verwendeten Drachenfiguren. Damit verband die christliche Kunst religiöse Symbolik mit erzählerischen, unterhaltsamen und volkstümlichen Traditionen.


Albrecht Dürer: Das Sonnenweib und der siebenköpfige Drache (um 1497)
Albrecht Dürer: Das Sonnenweib und der siebenköpfige Drache (um 1497) – Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett – gemeinfrei

Dekorative und reale Drachen

In der europäischen Kunst entwickelten sich Drachen zu beliebten Schmuckmotiven und wurden in der Architektur, in der Bildhauerei, in der Glasmalerei und in der Buchkunst aufgegriffen. Besonders seit dem späten 12. Jahrhundert wurden sie häufig in Ranken- und Blatt-Ornamente integriert, an Kirchenfassaden und als Wasserspeier sollten sie zudem böse Kräfte abwehren und den heiligen Raum schützen. Auch Reliquienschreine, Altarkreuze, Leuchter und Möbel wurden mit Drachen verziert. Dabei konnten die Drachen-Darstellungen sowohl dekorative als auch symbolische Funktionen übernehmen, etwa als Zeichen für den Sieg Christi über das Böse.

Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit galten Drachen als real existierende Tiere und wurden in Enzyklopädien, Naturkunde-Büchern und Reiseberichten beschrieben. Zunächst stellte man sie meist als schlangenartige Wesen dar, doch ab dem 12. und 13. Jahrhundert erhielten sie zunehmend Flügel. Man schrieb ihnen giftigen Atem und die Fähigkeit zu, Feuer zu speien; als Lebensräume galten vor allem Höhlen und Gewässer in fernen Regionen wie Indien und Afrika. Vermeintliche Drachenfunde galten als Beweise ihrer Existenz, so wurde der fossile Schädel eines Wollhaarnashorns in Klagenfurt für einen Drachenkopf gehalten und auch der Luzerner Drachenstein wurde mit einer angeblichen Drachensichtung verbunden, stellte sich später jedoch als bemalte Tonkugel heraus. Darüber hinaus nutzte man die furchteinflößende Vorstellung vom Drachen im Kriegswesen, so sollten drachenförmige Aufbauten und Waffen die Gegner einschüchtern. Seit der Barockzeit entwickelte sich daraus außerdem eine Verwendung bei höfischen Feuerwerken und Wasserspielen, Drachen wurden dadurch zu Elementen repräsentativer Unterhaltung und festlicher Inszenierungen.


Ludwig Schongauer: Liegender Drache (15. Jhd.) - Kunstmuseum Basel
Ludwig Schongauer: Liegender Drache (15. Jhd.) – Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett – gemeinfrei

Gibt es Drachen wirklich?

Mit der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften im 16. und 17. Jahrhundert begann eine kritische Überprüfung historischer Überlieferungen, die Drachen als wirklich existierende Tiere beschrieben. Naturforscher wie Conrad Gessner und Ulisse Aldrovandi sammelten Drachenberichte, untersuchten ihre Glaubwürdigkeit und versuchten, die Wesen naturkundlich einzuordnen. Dabei wurden auch Fälschungen wie der künstlich zusammengesetzte „Drache von Bologna“ bekannt.

Mit Carl von Linné und seinem Werk „Systema naturae” von 1758 setzte sich schließlich eine wissenschaftliche Ordnung durch, die nur nachweisbare und beschreibbare Organismen berücksichtigte; der Drache verschwand damit endgültig aus der zoologischen Systematik. Das vermeintlich reale Tier wurde zum Fabelwesen. Dennoch blieb der Drache bis heute in wissenschaftlichen Tiernamen erhalten, etwa beim Gemeinen Flugdrachen (Draco volans), einer südostasiatische Echse, oder beim Riesen-Gürtelschweif (Smaug giganteus), der nach dem Drachen Smaug aus J.R.R. Tolkiens Roman “Der Hobbit” (1937) benannt wurde.


Drachen. Mythos und Wirklichkeit

Hessisches Landesmuseum Darmstadt
02.10.2026-17.01.2027

Im Anschluss wird die Ausstellung vom 4. März bis 6. Juni 2027 in Köln im Kulturquartier am Neumarkt gezeigt.


Die von Julia Hillebrand, Shao-Lan Hertel und Moritz Woelk herausgegebene Publikation “Drachen. Mythos und Wirklichkeit” erschien 2026 im Hirmer Verlag (ISBN: 978-3-7774-4854-1). Es handelt sich um einen Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, der im Auftrag des Hessischen Landesmuseum Darmstadt entstand, in Kooperation mit dem Museum Schnütgen und dem Museum für Ostasiatische Kunst Köln. Der Band enthält farbige Werkabbildungen und Texte von u.a. Manuela Beer, Walter Bruno Brix, Christina Clever-Kümper, Thomas Foerster, Carola Hagnau, Dominik Hennhöfer, Carina Koch, Peter W. Marx, Petra Rösch, Jennifer Schamper, Karen Straub und Moritz Woelk.


Header-Bild: Detail aus: Ludwig Schongauer: Liegender Drache (15. Jhd.) – Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett – gemeinfrei


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Angelika Schoder

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