Von Design Thinking bis Social Design: Impulse für den Kulturbereich

Design Thinking oder Social Design können wichtige Impulse für den Kulturbereich bieten. Vielleicht müssen wir aber auch aufhören, unbedingt kreativ sein zu wollen, um auf neue Ideen zu kommen?

Design Thinking oder Social Design können wichtige Impulse für den Kulturbereich bieten. Vielleicht müssen wir aber auch aufhören, unbedingt kreativ sein zu wollen, um auf neue Ideen zu kommen?

[Rezension] Innovation erfordert einen Blick über den Tellerrand hinaus, ein thinking out of the box. Perspektiven aus Kunst, Design, Architektur, Wissenschaft und Wirtschaft, gekoppelt mit dem Blick auf Praxisbeispiele, können eine interdisziplinäre Denkweise anregen und wichtige Impulse für den Kulturbereich liefern – von Design Thinking über Social Design bis hin zu einer neuen Fehlerkultur. Doch um wirklich neue und kreative Ideen entwickeln zu können, kann es auch helfen, sich von dem Druck zu lösen, unbedingt kreativ sein zu müssen. Vielleicht liegt ja in der Un-Kreativität der Schlüssel zum Erfolg? Wer nach neuen Impulsen für die Arbeit im Kulturbereich sucht, sollte sich diese beiden Publikationen anschauen…


Nutzerbedürfnisse entdecken, Diskurse anregen und Fehler zulassen

Die Publikation „Visionen Gestalten“ versammelt 33 Konzepte und Projekte, ebenso wie 29 Interviews mit Akteuren aus Wissenschaft und Praxis, um einen interdisziplinären Diskussionsraum zu eröffnen. Die angerissenen Themenfelder liefern dabei eine Reihe wertvoller Denkanstöße, so geht der Designer Fritz Frenkler etwa darauf ein, wie durch Design Thinking die Produktentwicklung optimiert werden kann. Dazu wird vor der Entwicklung eines Produkts zunächst ein Modell entwickelt, anhand dessen überprüft werden kann, ob die festgelegten Ziele praktisch realisierbar sind. Das Modell wird so lange überarbeitet, bis es optimiert ist. Durch diesen Prozess entstehen Produkte und Dienstleistungen, die auf dem Markt auch erfolgreich funktionieren. Bei der Produktentwicklung sollten für Kulturinstitutionen auch die Nutzerbedürfnisse eine zentrale Rolle spielen. Hierzu bringt der Designer Christoph Böninger den Ansatz des Social Design ins Spiel. Es stellt die Bedürfnisse des Publikums in den Mittelpunkt von Entwicklungsprozessen und nicht etwa die Institutionsinteressen. Böninger schlägt vor, mit Hilfe von Social Design Angebote zu entwickeln, die einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Dazu kann es übrigens auch gehören, Museen zu Orten kultureller und sozialer Debatten machen, so Angelika Nollert. Denn um auch in Zukunft relevant zu bleiben, müssen Museen Themen der sich wandelnden Gesellschaft reflektieren. Durch das Aufgreifen aktueller Diskurse können Museen schließlich zur Ausbildung von Haltungen beitragen, so die Leiterin der Neuen Sammlung München.

Neben gesellschaftlichen Veränderungen müssen Kulturinstitutionen sich auch mit technische Veränderungen auseinandersetzen, merkt Unternehmensberater Lorenzo Fernandez in seinem Beitrag an. Es kann schließlich nicht davon ausgegangen werden, dass spezifische Technologien langfristig einsatzfähig bleiben. Egal wie fortschrittlich eine technische Infrastruktur erscheinen mag, sie kann bald obsolet werden. Es ist daher unerlässlich, sich schnell an Veränderungen anpassen zu können. Dies wird erleichtert, wenn alle Beteiligten ein Gespür für Prozesse entwickeln und sich als Teil von einem Ganzen verstehen. Dabei hilft es, wenn ein glaubwürdiges, authentisches Ziel vereinbart wird, bei dem nicht der Profit, sondern der gesellschaftliche Mehrwert im Mittelpunkt steht. Die zunehmende Ökonomisierung führt sonst nämlich zu einer Ausgrenzung von Akteuren, so der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt. Eine schnelle, finanziell profitable Verwertung von Orten darf seiner Meinung nach daher nicht dominieren. Erst wenn die Gewinnoptimierung nicht das primäre Ziel ist, können Orte lebendig gestaltet werden.

Das kann übrigens auch bedeuten, ein nicht-exklusives Publikum im Blick zu haben, so der Künstler Thomas Hirschhorn. Für ihn geht es nicht darum „die Masse“ oder „die Mehrheit“ anzusprechen, sondern die Menschen, die sich von der eigenen Position unterscheiden. Er spricht sich dafür aus, ein sogenanntes nicht-exklusives Publikum zu erreichen und mit einzubeziehen, auch wenn man diese Rezipienten noch nicht kennt oder sogar bisher nicht versteht. Mit der Einbeziehung der Gemeinschaft befasst sich auch Marjetica Potrč. Sie ruft dazu auf, partizipative Praktiken zu entwickelt, indem zunächst mit dem Publikum gesprochen wird und dessen Bedürfnisse festgestellt werden. Im Vorfeld eines Projektes sollte die Gemeinschaft in den Prozess der Entscheidungsfindung mit einbezogen werden. Auch bei der Umsetzung sollte die Zielgruppe involviert werden, nicht zuletzt damit diese auch ein Verantwortungsgefühl für das Projekt entwickelt. So entsteht ein nachhaltiges Ergebnis, von dem alle langfristig profitieren können, so die Künstlerin.


„Für mich ist das Spannungsfeld von ‚Entwerfen‘ und ‚Unterwerfen‘ die Kernfrage von allem Gestalten. Die Ambivalenz, die mit dem entwerfenden Anspruch und der unterwerfenden Realität von Design einhergeht, macht Design ja gerade spannend. Es entbindet uns aber nicht von der moralischen Pflicht, an das Entwerfen zu denken und das Unterwerfen zu bekämpfen.

Friedrich von Borries, Visionen Gestalten

Wie man Inspiration im Alltäglichen findet, darauf geht der Architekt Enrique Sobejano ein. Ob eine vergessene Erinnerung, Geräusche oder Worte – dies alles kann den Beginn eines neuen Projektes inspirieren. Komplexe Strukturen können dabei aus zunächst einfach oder banal erscheinenden Ideen entstehen. Dabei können offensichtliche Dinge ein visionäres Potenzial beinhalten, man muss es nur erkennen. Seine so entfachte Kreativität verschwenderisch einzusetzen, dafür plädiert Friedrich von Borries. Denn auch Konzepte und Strukturen, die es bereits gibt, müssen immer wieder neu erfunden werden, so der Designtheoretiker. Um dies anzugehen, braucht es einen entschlossenen Gestaltungswillen und verschwenderische Kreativität. Der Anspruch des Entwerfens sollte dabei immer im Vordergrund stehen, auch wenn die tatsächlichen Gegebenheiten teilweise dagegen sprechen. Dass sich Experimentierfreude in Zukunft stärker etablieren muss, betont auch das Künstlerkollektiv Skart. Das schließt eine Fehlerkultur mit ein, denn Experimente erlauben es auch Fehler zu machen. Für eine Weiterentwicklung ist es essenziell, aus Fehlern zu lernen, denn der Druck nach Perfektion hemmt sonst nur die Kreativität.

Statt sich in verschiedenen Bereichen immer mehr zu spezialisieren, sollte in kreativen Prozessen übrigens auch ein stärkerer Austausch und ein gegenseitiges Lernen voneinander erfolgen, schlägt das interdisziplinäre Kollektiv BeAnotherLab vor. Durch eine abteilungsübergreifende Zusammenarbeit könnten so neue Ansätze entwickelt werden und durch kollaborative, nicht-hierarchische Arbeit könnten traditionelle Strukturen reformiert werden. So kann auch eine Inklusion gelingen, die nicht eine reine Integration ist, in der Menschen einfach in bestehende Strukturen einverleibt werden, ohne diese mit gestalten zu können. Auf institutioneller Ebene muss dazu ein offener und flexibler Dialog angeregt werden.


Un-Kreartivität als Erfolgsrezept für neue Ideen?

Beim Schreiben der „Anleitung zum Unkreativsein“ stieß Dirk von Gehlen auf eine Sabotage-Anleitung der CIA aus dem Jahr 1944, die Ratschläge gibt, wie man eine Organisation von Innen heraus lahm legen kann: Hier wird etwa geraten, dass der bürokratische Weg immer eingehalten werden muss, dass immer sehr vorsichtig und ohne Eile vorgegangen werden muss, und dass jede Entscheidung mit einer höheren Ebene abgeklärt werden muss. Das kommt dem einen oder andern im Kulturbereich vielleicht bekannt vor, denn solche Vorgänge zur Selbst-Sabotage gibt es auch in einigen Museen und anderen Kultureinrichtungen. Damit wird verhindert, dass schnell und flexibel Entscheidungen getroffen werden können – und kreative Ideen können so auch nur schwer umgesetzt werden oder vielleicht gar nicht erst entstehen. Dirk von Gehlen betont dazu: „Es ist möglich Kreativität einzig durch eine bestimmte Haltung zur Welt zu unterdrücken. Dreht man diese Erkenntnis um, bedeutet sie aber auch: Es geht um eine Geisteshaltung, um die Sicht auf die Welt, um einen Perspektivwechsel.“

Was ist der beste Ratschlag, um neue Ideen zu unterdrücken? Diese Frage wurde für das Buch an Menschen gestellt, die kreativ arbeiten: Ob Alice Hasters, Christoph Niemann, Susi Bumms, Simone Buchholz oder Kathrin Passig – alle haben gute Ratschläge, wie man Kreativität gar nicht erst aufkommen lässt. Umgekehrt heißt das aber auch, wer die Tipps vermeidet, kommt so vielleicht auf neue Ideen. Dabei fragt sich Dirk von Gehlen, ob man die Suche nach kreativen Lösungen nicht auch aus einer anderen Perspektive heraus betrachten kann, nämlich: Findet mich die Idee? Statt also die Ideensuche voranzutreiben, könnte man auch alles dafür tun, von neuen Ideen gefunden zu werden. Dafür muss man vor allem offen sein: „Um Lösungen zu finden, muss man die eigene Position kennen und verändern können“, so Dirk von Gehlen. Nur wenn wir wissen, was wir erwarten, können wir auch herausfinden, ob wir erfolgreich sind. Daher sollte man sich überlegen, was Kreativität für einen eigentlich bedeutet. Eine Annäherung an das Thema kann die Gegenteil-Methode sein. Dirk von Gehlen nutzt daher bewusst in seinem Buch den Begriff des Unkreativseins – denn wenn man weiß, was man nicht will, lassen sich so auch die eigenen Erwartungen ermitteln. Hier sollte man dem Vorschlag folgen, statt Think Big lieber im Kleinen zu denken. Wer geringe Erwartungen hegt, kann diese besser erfüllen – und leichter darüber hinauswachsen.


„Kleiner Denken hilft nicht nur dabei, Erwartungen zu senken, sondern vor allem dabei, das Zielfeld zu konkretisieren. Je konkreter die Aufgabe, umso besser kann die kreative Lösung Sie finden.“

Dirk von Gehlen, Anleitung zum Unkreativsein 

Im Buch wird auch das Konzept der „unpeinlichen Lösung“ vorgestellt. Sie ist nicht genial, nicht herausragend oder ausgezeichnet – aber es ist eine Lösung, mit der man schon etwas anfangen kann. Und: Sie ist der beste Weg zum genialen Einfall. Die unpeinliche Lösung basiert auf Wiederholungen und obwohl es bei Kreativität scheinbar immer um einzigartige Ideen geht, ist die Wiederholung eine Grundlage dafür. Um kreativ zu sein, muss man also aktiv bleiben. Wenn es um Kreativität geht, ist die zentrale Frage: Was will ich erreichen? Im Buch „Anleitung zum Unkreativsein“ geht es deshalb auch um Fragetechniken. Erst wenn man das Ziel möglichst genau erfragt hat, kann man nämlich erfolgreich sein. Wichtig ist es, sich dabei bewusst zu machen, dass Erfolg ein kontinuierlicher Prozess ist, der keinen Endpunkt hat. Außerdem hat jeder eine andere Perspektive darauf, was Erfolg bedeutet. Vielleicht hilft es der Kreativität deshalb auch, den Blickwinkel zu wechseln und zu überlegen, wie andere ein Problem lösen würden. Für Dirk von Gehlen zeigt sich schöpferische Problemlösungskompetenz dabei in unterschiedlichen Ausprägungen: „Man spricht hier von multiplen Kreativitäten, die sich in gestalterischen, musischen, sprachlichen, tänzerischen, humoristischen und zahlreichen wei­teren Formen ausdrücken können,“ so der Autor.

Ein empfehlenswerter Kreativitäts-Ansatz ist es schließlich auch, eine Aufgabe in kleine Teile zu zerlegen; damit ändert sich auch die Fragestellung. Nun muss man nicht mehr die große Lösung für alles finden, sondern kann sich einen Aspekt nach dem anderen vornehmen und so auch schneller Fortschritte machen. Zudem sollte man im Sinne des Design Thinking seine Gedanken mit anderen besprechen. So entstehen vielleicht Fragen und Ideen, die einem gute Impulse liefern. Und Kreativität bedeutet letztendlich auch immer an die Ideen anderer anzuknüpfen und für sich daraus eigene Lösungen weiterzuentwickeln.

Bei Steady lässt sich die „Anleitung zum Unkreativsein“ übrigens auch als Online-Workshop nachlesen:


Die Publikation „Visionen Gestalten. Neue interdisziplinäre Denkweisen und Praktiken in Design, Kunst und Architektur“, herausgegeben von Elisabeth Hartung, ist 2017 bei av edition erschienen (ISBN: 978-3-89986-263-8). Die Publikation „Anleitung zum Unkreativsein. Auf anderen Wegen zu neuen Ideen“ von Dirk von Gehlen ist 2021 bei Rheinwerk erschienen (ISBN 978-3-8362-8024-2).

musermeku dankt PLATFORM München und Dirk von Gehlen für die kostenfreie Überlassung der Rezensions-Exemplare.


Header-Bild: Angelika Schoder – National Gallery, London 2023


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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