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Close-Up: Der Blick der Künstlerinnen

Welchen Blick haben Künstlerinnen der Moderne auf sich selbst und auf ihre Umwelt? Dieser Frage geht die Fondation Beyeler mit ihrer aktuellen Ausstellung „Close-Up“ nach.

Rezension/Werbung – In der zweiten Hälfte des 19. Jhd. war es für Künstlerinnen in Europa und Amerika erstmals möglich, auf breiter Basis professionell tätig zu sein. Ausgehend von dieser Zeit zeigt die Fondation Beyeler in ihrer Ausstellung „Close-Up“ nun die Werke von neun Künstlerinnen, die sich auf die Darstellung von Menschen, auf Porträts und Selbstporträts konzentrieren. Die Bandbreite erstreckt sich dabei über die gesamte Kunst der Moderne – von Berthe Morisot, Mary Cassatt, Paula Modersohn-Becker und Lotte Laserstein bis hin zu Frida Kahlo, Alice Neel, Marlene Dumas, Cindy Sherman und Elizabeth Peyton.


Berthe Morisot: Young Woman Knitting
Berthe Morisot: Young Woman Knitting (ca. 1883) – Metropolitan Museum of Art, Bequest of Miss Adelaide Milton de Groot (1876-1967), 1967 – Public Domain

„In der Zusammenschau lässt sich erleben, wie sich der Blick der Künstlerinnen auf ihr Gegenüber zwischen 1870 und heute wandelte, was sich in ihm widerspiegelt und was ihn auszeichnet.“

Theodora Vischer, Kuratorin der Ausstellung „Close-Up“

Das Porträt, die Maske und der weibliche Blick

In der Ausstellung „Close-Up“ in der Fondation Beyeler stehen vor allem Porträts im Mittelpunkt. Für die Kuratorin Theodora Vischer ist damit – in Anbetracht der aktuellen Corona-Pandemie – eine besondere Aktualität verbunden. Schließlich werden wir in unserem Umfeld nun stets damit konfrontiert, dass Gesichter nicht mehr ganz sichtbar sind. Vom Mund-Nase-Schutz lassen sich Bezüge zu Masken ziehen, die in vielen Kulturen präsent sind. Hier markieren sie Distanz, verbergen den Träger und dienen vielleicht auch der Verunsicherung des Gegenübers. Heute dienen die medizinischen Masken hingegen als Schutz – wobei sich nicht leugnen lässt, dass auch sie Distanz schaffen und verunsichern können, weil man Gesichtsausdrücke nicht mehr klar erkennen kann.

Auch im Porträt spielt das Thema der Maske eine Rolle, wenn auch nicht in dem Sinne, wie wir Masken seit der Pandemie nun wahrnehmen. Die Ausstellung „Close-Up“ zeigt eine andere Art der Maskierung, sei es in den maskenhaften Gesichtern in den Gemälden von Paula Modersohn-Becker, in den symbolisch aufgeladenen Selbstporträts von Frida Kahlo oder in den vielfältigen Maskierungen von Cindy Sherman, die tatsächlich Verkleidungen sind, mit denen die Künstlerin in neue Rollen schlüpft.

Der Titel der Ausstellung ist dabei tatsächlich vom Eindruck der Pandemie geprägt: In Zeiten des Social Distancing wuchs das Bedürfnis nach Nähe, nach Begegnung und nach einem Blick in Gesichter. Hieraus leitet sich nun „Close-Up“ ab. Die Ausstellung ermöglicht es, Gesichter in Porträts und Selbstporträts zu erkunden und auf sich wirken zu lassen, wo Distanz aufgebaut oder eine besondere Nähe geschaffen wird. Der Fokus liegt dabei allein auf dem Blick von Künstlerinnen, von denen der Großteil zum ersten Mal in der Fondation Beyeler zu sehen ist. Begleitet wird „Close-Up“ von einem Ausstellungskatalog, der nicht nur die Idee der Ausstellung aufgreift, sondern in dem auch jede Künstlerin noch einmal ausführlich vorgestellt wird.


Mary Stevenson Cassatt: Woman with a Pearl Necklace in a Loge
Mary Stevenson Cassatt: Woman with a Pearl Necklace in a Loge (1879) – Philadelphia Museum of Art, Bequest of Charlotte Dorrance Wright, 1978

Die Künstlerinnen der Ausstellung

Berthe Morisot (1841–1895)

Die Künstlerin Berthe Morisot wuchs in Paris in wohlhabenden Verhältnissen auf. Sie erhielt Privatunterricht im Zeichnen und Malen, so kam sie mit Künstlern wie Édouard Manet und Edgar Degas in Kontakt. Degas stellte sich gegen die konservative Kunstauffassung der Pariser Akademie und des Pariser Salons und organisierte Ausstellungen zum Impressionismus. Morisot beteiligte sich als Mitbegründerin bereits 1874 an der ersten dieser Ausstellungen. Die Fondation Beyeler zeigt vor allem ihre impressionistische Werke, die im Zeitraum zwischen 1869 und 1885 entstanden. Die Gemälde geben einen Einblick in den Alltag der Künstlerin – das moderne urbane Leben im häuslichen Bereich. Ihre Modelle sind oft Familienmitglieder, weibliche Hausangestellte und Frauen aus ihrem Bekanntenkreis.

Mary Cassatt (1844–1926)

Als die Amerikanerin Mary Cassatt im Jahr 1874 nach Paris zog, hatte sie ihre künstlerische Ausbildung bereits abgeschlossen. Bei einer Ausstellung ihrer Werke wurde sie von Edgar Degas entdeckt. Dieser lud sie in den Kreis der Impressionisten ein, wo sie Berthe Morisot kennenlernte. In ihren Werken verband Cassatt die Einflüsse ihrer franko-amerikanischen Herkunft mit den impressionistischen Einflüssen, denen sie in Paris begegnete. In der Fondation Beyeler sind Bilder der Künstlerin zu sehen, die das moderne städtische Leben in Paris zeigen. Es sind vor allem Portraits von Frauen aus ihrem Umfeld, etwa in der häuslichen Umgebung mit Kindern, beim Lesen oder Teetrinken. Doch Cassatt malte auch Frauen, die bei gesellschaftlichen Anlässen zu sehen sind, etwa im Theater.

Paula Modersohn-Becker (1876–1907)

Die deutsche Malerin Paula Modersohn-Becker gilt als frühe Wegbereiterin der Moderne. Die Fondation Beyeler zeigt Werke aus den letzten zehn Jahren ihres Schaffens. Zum einen entstanden die Arbeiten während ihrer Zeit in der norddeutschen Künstlerkolonie Worpswede, zum anderen während ihrer Zeit in Paris im Sommer 1906. In der Ausstellung „Close-Up“ sind vor allem ihre Portraits zu sehen, allen voran einige Selbstbildnisse. Oft sind ihre Bilder von prominenten Farbflächen und starken Konturen geprägt, die einen maskenhaften Eindruck entstehen lassen.

Lotte Laserstein (1898–1993)

Heute gilt die Berliner Künstlerin Lotte Laserstein als herausragende Vertreterin des Realismus der 1920er-Jahren. Die Fondation Beyeler zeigt in der Ausstellung „Close-Up“ eine Reihe an Gemälden aus ihrem Frühwerk. Sie entstanden zwischen 1923 und 1933, also noch vor ihrer erzwungenen Emigration nach Schweden. Lasersteins Motive stammen aus ihrem unmittelbaren Umfeld, ihre Portraits spiegeln das Flair der Grossstadt Berlin während der Weimarer Republik wider. Ihre Modelle sind Menschen des modernen Alltags und insbesondere die „Neuen Frau“, wie sie auch in der Fotografie, in Magazinen und in Filmen dieser Zeit dargestellt wurde.

Frida Kahlo (1907–1954)

Die Gemälde von Frida Kahlo zählen wohl zu den bekanntesten Werken in der Ausstellung „Close-Up“. Im nach-revolutionären Mexiko wuchs die Künstlerin als Tochter eines deutschen Vaters und einer mexikanischen Mutter auf. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Maler Diego Rivera, war sie politisch aktiv, was auch ihre Kunst beeinflusste. Ihre Bildsprache war ebenso von der Auseinandersetzung mit der europäischen Kunstgeschichte wie auch von Einflüssen der präkolumbianischen Kultur und Volkskunst geprägt. Als zentrale Figur taucht die Künstlerin in ihren Werken immer wieder selbst auf – es sind konstruierte Darstellungen, die durch verschiedene Accessoires und Symbole variiert werden.


Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis als Halbakt mit Bernsteinkette II
Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis als Halbakt mit Bernsteinkette II (1906) – Kunstmuseum Basel, mit einem Sonderkredit der Basler Regierung erworben 1939 – gemeinfrei

Alice Neel (1900–1984)

Die Amerikanerin Alice Neel, die an der Philadelphia School of Design for Women studierte und ab 1932 in New York City lebte, wurde in ihrem Schaffen stark von der Tradition des Amerikanischen Realismus beeinflusst. In ihren Porträts, die sie anhand von Modellen oder aus der Erinnerung malte, widmete sie sich Menschen verschiedener sozialer Schichten und Milieus, denen sie vor allem in ihrem Stadtteil Spanish Harlem begegnete. Die von ihr portraitierten Personen stammten aus ihrer Nachbarschaft, aus dem Bekannten- und Freundeskreis oder aus ihrer Familie. Ihre Werke zeichnen ein Bild der amerikanischen Gesellschaft der 1930er bis 1960er Jahre, geben aber auch einen Einblick in ihre prekären Lebensumstände.

Marlene Dumas (*1953)

Die in Südafrika geborene Künstlerin Marlene Dumas lebt seit 1976 in Amsterdam. Anregungen für ihre Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle findet sie in Filmstills oder in Fotografien, etwa aus der Presse oder aus Magazinen, die teils auch Prominente oder Persönlichkeiten der Zeitgeschichte zeigen. Diese Inhalte transformiert sie in ihren Arbeiten, wobei sie sich häufig mit grundlegenden Themen wie Liebe, Sexualität, Tod, Identität oder Trauer befasst. Im Zentrum ihres Schaffens stehen dabei die menschliche Figur und das Porträt. Die Fondation Beyeler hat mehrere Arbeiten von Marlene Dumas in ihrer Sammlung; im Jahr 2015 widmete ihr das Museum bereits eine Sonderausstellung. In der Ausstellung „Close-Up“ werden nun Arbeiten aus den letzten 40 Jahren ihres Schaffens gezeigt.

Cindy Sherman (*1954)

Die Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Cindy Sherman sind von einem Blick auf die Welt geprägt, der durch Medien vermittelt wurde. Ihre Inspirationsquellen sind Kino und Fernsehen, die Modefotografie, Werbung oder Social Media. Seit dem Ende der 1970er Jahre konzentriert sich Sherman auf Porträts, wobei sie als Fotografin, Stylistin und Modell in einem fungiert. In ihrem New Yorker Studio verwandelt sie sich in fiktive Charaktere; für jede ihrer Figuren gestaltet sie ein eigenes Umfeld – früher analog und seit einigen Jahren auch mittels digitaler Bildbearbeitung. Sie experimentiert mit Konzepten wie Schönheit, Alter oder Geschlecht und hinterfragt damit die Konstruktion weiblicher Identitäten und gesellschaftliche Rollenbilder. In der Ausstellung „Close-Up“ sind u.a. Bilder aus der Reihe ihrer „History Portraits“ zu sehen. Hier bezog sich Sherman Ende der 1980er Jahre auf verschiedene kunstgeschichtliche Epochen und teils auch auf konkrete Gemälde der Alten Meister wie Rubens, Raffael oder Caravaggio. Darüber hinaus zeigt die Fondation Beyeler auch neuere Arbeiten der Künstlerin aus den letzten Jahren.

Elizabeth Peyton (*1965)

In Ölgemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Druckgrafiken portraitiert die amerikanischen Künstlerin Elizabeth Peyton Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld, aber auch bekannte Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Zeiten und Kontexten, die sie inspirieren. Ausgangspunkt für ihre Arbeiten sind Fotografien, sie lässt sich aber auch von Literatur oder Musik inspirieren, ebenso wie von ihrer Erinnerung. Seit einiger Zeit portraitiert sie auch Modelle persönlich. Zentrale Themen ihrer Werke sind Schönheit, Liebe oder auch Individualität. In der Ausstellung „Close-Up“ zeigt die Fondation Beyeler, wie Peytons Arbeiten auch Menschen aus verschiedenen Zeiten miteinander verbinden, etwa ein Gemälde von der Bildhauerin Camille Claudel (1864–1943) im Dialog mit einem Porträt der zeitgenössischen Bildhauerin Isa Genzken.

Marie Bashkirtseff (1858–1884)

Abschließend in der Ausstellung – und einleitend in der Ausstellungsbegleitenden Publikation – wird auch die Rolle von Marie Bashkirtseff thematisiert, die dank ihrer 1887 publizierten Tagebüchern zum Vorbild für Künstlerinnen, Schriftstellerinnen und für viele weitere Frauen ihrer Zeit wurde. Die in Hawronzi in der heutigen Ukraine geborene Künstlerin stammte aus einer Familie des russischen Kleinadels, hatte in ihrer Jugend Europa bereist und von 1877 bis 1884 an der Académie Julian studiert, der zu dieser Zeit angesehensten privaten Kunstakademie in Paris. Die Fondation Beyeler zeigt Bashkirtseffs „Selbstporträt mit Palette“ (um 1883) und ihr Gemälde „Die Académie Julian“ (1881), in dem sie die damalige Ausbildungssituation angehender Künstlerinnen in Paris darstellte. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen jedoch ihre Tagebücher, die sie international bekannt machten und auch die Künstlerinnen Berthe Morisot und Paula Modersohn-Becker beeinflussten.


Die Publikation „Close-Up“, herausgegeben von Theodora Vischer für die Fondation Beyeler, ist 2021 im Hatje Cantz Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7757-4756-1). Das Buch beinhaltet, neben zahlreichen farbigen Werkabbildungen und Chronologien zu den Künstlerinnen, Texte von u.a. Theodora Vischer, Marlene Bürgi, Sylvie Patry, Jennifer A. Thompson, Uwe M. Schneede, Anna-Carola Krausse, Tere Arcq und Hilda Trujillo, Tamar Garb, Peter Geimer und Donatien Grau.


Close-Up

Berthe Morisot, Mary Cassatt, Paula Modersohn-Becker, Lotte Laserstein, Frida Kahlo, Alice Neel, Marlene Dumas, Cindy Sherman, Elizabeth Peyton

Fondation Beyeler
19.09.2021-02.01.2022

musermeku dankt der Fondation Beyeler für die kostenfreie Überlassung der Publikation als Rezensions-Exemplar.


Header-Bild: Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis als Halbakt mit Bernsteinkette II (1906) – Kunstmuseum Basel, mit einem Sonderkredit der Basler Regierung erworben 1939 – gemeinfrei, beschnitten


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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