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Jakob Kudsk Steensen: „Berl-Berl“ in der Halle am Berghain

Mit der immersiven Installation „Berl-Berl“ imaginiert Jakob Kudsk Steensen eine 10.000 Jahre alte Sumpflandschaft, die einst Berlin gewesen sein könnte.

„Wenn dir drinnen schwindelig wird, kannst du jederzeit wieder raus kommen, ein bisschen frische Luft schnappen und dann wieder rein gehen“, erklärt das freundliche Personal vor der Halle am Berghain, in der aktuell die immersive Installation „Berl-Berl“ des dänischen Künstlers Jakob Kudsk Steensen (*1987) zu sehen ist. Wo vor Corona der Techno-Club Berghain für Schwindelgefühle bei seinem Publikum sorgte, ist heute Kunst zu sehen. Während die Boros Foundation, eine Privatsammlung zeitgenössischer Kunst, im eigentlichen Club noch bis 29. August die Ausstellung „STUDIO BERLIN“ zeigt, in der Werke von in Berlin ansässigen Kunstakteuren zu sehen sind, bespielt die Kunstplattform Light Art Space die angrenzende Halle am Berghain noch bis 26. September 2021 mit einer Installation von Jakob Kudsk Steensen. Der dänische Künstler eröffnet in seiner ersten großen Einzelausstellung in Europa einen Blick auf eine andere Zeit, genauer gesagt in eine mögliche Vergangenheit Berlins vor 10.000 Jahren.


Jakob Kudsk Steensen zeigt mit "Berl-Berl" die Stadt Berlin als Sumpflandschaft vor 10.000 Jahren
Jakob Kudsk Steensen zeigt mit „Berl-Berl“ die Stadt Berlin als Sumpflandschaft vor 10.000 Jahren.

„Berl-Berl ist ein Lied für den Sumpf, ein Ort für das Undefinierbare – in Bewegung, kaum wahrnehmbar und geheimnisvoll. Berl-Berl trauert um das, was verloren ist, und heißt willkommen, was neu ist.“

Jakob Kudsk Steensen

Berlin als surreale Sumpflandschaft

Der Name der Stadt Berlin leitet sich aus dem Polabischen ab, so bezeichnet man die Sprachen der westslawischen Stämme, die seit dem 7. Jahrhundert Gebiete des heutigen Nordostdeutschlands und Nordwestpolens besiedelten. Der Begriff „berl“ bedeutet u.a. im Sorbischen „Sumpf“, während die Endung „in“ als Bezeichnung für eine Wohnstätte genutzt wurde. Berlin heißt also „die Stadt am/im Sumpf“. Auf diesen Ursprung Berlins als Sumpflandschaft bezieht sich der Künstler Jakob Kudsk Steensen mit seiner Installation „Brel-Berl“. In seinen Arbeiten, die er als „Environmental Storytelling“ versteht, setzt er aktuelle Entwicklungen in der Fotografie und im Bereich der Computerspiel-Entwicklung ein, um digitale Welten zu erschaffen, die sich auf die natürliche Umwelt beziehen.

Der Entstehung der Installation „Berl-Berl“ ging eine umfangreiche Recherchearbeit voraus. Jakob Kudsk Steensen besuchte die noch heute in der Nähe von Berlin existierenden Sumpfgebiete, etwa den Spreewald in Brandenburg. Hier hielt er die Tier- und Pflanzenwelt mit der Technik der Makro-Fotogrammetrie fest. Am Computer entstand dann aus diesem umfassenden Bildarchiv eine digitale, dreidimensionale Welt. Mithilfe der Gaming-Plattform Unreal Engine, die der Künstler für seine Arbeiten regelmäßig nutzt, erschuf er für „Berl-Berl“ eine komplexe, immersive Landschaft. Angereichert wurde diese Welt mit Digitalisaten von Präparaten aus dem umfassenden Bestand des Museum für Naturkunde Berlin. So lassen sich in den Videos, die in der Ausstellung gezeigt werden, auch Insekten, Amphibien oder Pilze erkennen, die man vielleicht auch bereits als Präparat im Museum gesehen haben könnte und die auch in der Natur in und um Berlin heute noch in Feuchtgebieten vorkommen.


Die Videoinstallation zu "Berl-Berl" wird ergänzt durch eine Klangwelt, die Geräusche und Gesang verschmelzen lässt.
Die Videoinstallation zu „Berl-Berl“ wird ergänzt durch eine Klangwelt, die Geräusche und Gesang verschmelzen lässt.

„Das Werk bringt eine Fluidität, eine Sphäre des Organischen in den Betonraum ein, deren Spektrum von Wurzelwerk und Pilzen bis hin zu Wasser, Blättern oder Bäumen und Himmel reicht – eine vollständige, ganzheitliche Landschaft.“

Emma Enderby, Kuratorin von „Berl-Berl“

Die Halle am Berghain als Resonanzraum

In Zusammenarbeit mit dem Soundexperten Matt McCorkle und der venezolanischen Künstlerin und Sängerin Alejandra Ghersi, bekannt als Arca, entstand für „Berl-Berl“ auch eine musikalische Komposition, begleitend zu den Bildern der digitalen Landschaft. Die Klanginstallation soll an die vergangene kulturelle Praxis nicht christianisierter Stämme erinnern, Lieder zu singen, wenn ein Sumpf durchquert oder wenn Geschichten in der Gemeinschaft erzählt wurden. Unter diesen Einflüssen sorbischer Folklore entstand aus den Umgebungsgeräuschen einer Sumpflandschaft, den Lauten heimischer Amphibien und der Stimme von Arca eine eigene Klangwelt.

Hier tritt der Gott Triglaw in Gestalt eines großen Baumes in Erscheinung. Er wird auch „der Dreiköpfige“ genannt und gilt als slawischer Kriegs- und Stammesgott. Er vereint Prav, den Himmel, Yav, die Erde, und Nav, die Unterwelt. An diese Mythologie lehnt Jakob Kudsk Steensen seine Vorstellung von Sumpf an, denn auch „Berl-Berl“ verkörpert diese drei Aspekte bzw. Ebenen: der Himmel mit den Baumkronen, das Wasser und der Boden bis hinein in die Unterwelt der Wurzeln und Pilze. Gemeinsam verbinden sich diese Ebenen zu einer komplexen und surrealen Landschaft.

Die organisch und mystisch wirkende Installation von Jakob Kudsk Steensen steht dabei in Kontrast zum urban-industriellen Ausstellungsraum, in dem sie gezeigt wird. Denn Schauplatz von „Berl-Berl“ ist die Halle am Berghain; zusammen mit dem Techno-Club Berghain befindet sich diese im ehemaligen Fernheizwerk auf dem Gelände des alten Berliner Ostbahnhofs. Das Gebäude wurde zwischen 1953 und 1954 im Stil des Sozialistischen Klassizismus erbaut und steht als Bestandteil des Ensembles Karl-Marx-Allee unter Denkmalschutz.

Die Halle mit ihren Betonstelen und hohen Decken wirkt als idealer Resonanzraum für die Klaninstallation von „Berl-Berl“. Die hier platzierten LED-Displays, auf denen die Videos der surrealen Sumpflandschaft zu sehen sind, erscheinen in diesem Umfeld wie Portale in eine andere Zeit.


Das ehemalige Fernheizwerk auf dem Gelände des alten Berliner Ostbahnhofs dient als Kulisse für die Installation von Jakob Kudsk Steensen.
Das ehemalige Fernheizwerk auf dem Gelände des alten Berliner Ostbahnhofs dient als Kulisse für die Installation von Jakob Kudsk Steensen.

„Die Halle am Berghain verwandelt sich […] in ein Portal, das Relikte der Eiszeit mit den Sumpfgebieten der heutigen Zeit verbindet, und öffnet den Blick auf die Möglichkeiten, die sich uns zukünftig durch den Einsatz von Technologie für das Naturerleben bieten.“

Emma Enderby, Kuratorin von „Berl-Berl“

Berl-Berl erkunden

Über die „Naturblick“ Plattform und die App des Museum für Naturkunde wird das Ausstellungspublikum von „Berl-Berl“ dazu eingeladen, sich mit dem Ökosystem der Sumpflandschaft näher auseinanderzusetzen. Zudem wird eine Reihe geführter „WissensFluss“ Exkursionen als Kooperation zwischen Light Art Space und dem Museum für Naturkunde angeboten, bei denen die noch existierenden Feuchtgebiete in Berlin und Brandenburg erkundet werden können. Unter anderem führte eine Exkursion entlang der Wasserkanäle des Spreewalds zu den Ursprüngen von Jakob Kudsk Steensens „Berl-Berl“. Die virtuelle Welt wird so nicht nur mit den historischen Hintergründen der Landschaft verknüpft, sondern auch mit der Biodiversität, die hier zu finden ist und für deren Schutz auch sensibilisiert werden soll.

Unter berlberl.world lässt sich das Kunstwerk zudem online erkunden.


Jakob Kudsk Steensen: Berl-Berl

10.07.-26.09.2021
Halle am Berghain, Berlin


Bilder: Angelika Schoder, Jakob Kudsk Steensen: Berl-Berl, Light Art Space – Berlin, 2021


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

@musermeku

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