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August Macke: Paradies! Paradies?

Das Museum Wiesbaden zeigt in der Ausstellung „Paradies! Paradies?“, wie der Expressionist August Macke das Paradies fand – in der Familie, im Rheinland, in der Schweiz und in Tunesien.

Rezension/Werbung – Die Werke von August Macke (1887-1914) strahlen Optimismus aus. Der Expressionist liebte die Natur und zeigte in seinen Bildern auch häufig Menschen, die in Harmonie mit ihrer Umwelt zu leben scheinen. Seine Vorstellung vom Paradies hielt er an verschiedenen Orten fest – im familiären Heim, im Rheinland, in der nahen Schweiz und ebenso jenseits des Mittelmeers in Afrika. Das Museum Wiesbaden zeigt nun eine Auswahl von August Mackes Werken in der Ausstellung „Paradies! Paradies?“, begleitet von einem Katalog, der neben der Weltauffassung des Künstlers auch seine Münchner und Bonner Jahre beleuchtet.


August Macke: Drei Mädchen in einer Barke (Hinterglasbild, 1912) - Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
August Macke: Drei Mädchen in einer Barke (Hinterglasbild, 1912) – Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau MünchenCC BY-SA 4.0

„…bei mir ist Arbeiten ein Durchfreuen der Natur, der Sonnenglut und der Bäume, Sträucher, Menschen, Tiere, Blumen und Töpfe, Tische und Stühle, Berge, Wasser beschienenen Werdens…“

August Macke an Hans Thuar, 1910 [1]

Eine Retrospektive zu August Macke

Der Künstler August Macke starb im jungen Alter von 27 Jahren; er fiel bereits kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Frankreich. Nach Kriegsende organisierte seine Witwe Elisabeth umgehend eine „Gedächtnis-Ausstellung“ mit 190 Werken, die von Juli bis Oktober 1920 auch im Neuen Museum Wiesbaden gezeigt wurde. Um das 100. Jubiläum dieser Ausstellung zu feiern, zeigt das Museum Wiesbaden nun in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bonn die Ausstellung „Paradies! Paradies?“, die auch 16 Werke der Ausstellung von 1920 beinhaltet. [2]

Begleitet wird die Ausstellung von einem Katalog, der sich auf die Spuren der stilistischen Entwicklung des Künstlers begibt. Die Publikation zeigt, wie August Macke, ausgehend vom Impressionismus, durch die Vermittlung des Fauvismus und Futurismus sowie durch seine Zugehörigkeit zum 1911 gegründeten „Blauen Reiter“ die Entwicklung einer neuen Kunstströmung in Deutschland prägte.

Die retrospektiv angelegte Ausstellung „Paradies! Paradies?“ beleuchtet mit 80 Arbeiten alle Schaffensphasen von August Macke, anhand von Gemälden, Zeichnungen, Druckgrafiken und Aquarellen. Zu sehen sind Stilleben, Landschaften und Portraits, wobei besonders seine Darstellungen von Menschen im Mittelpunkt stehen, ob in seinem Zuhause, in der Natur oder als Flaneur in der Großstadt.


August Macke: Zoologischer Garten I (Gemälde, 1912) - Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
August Macke: Zoologischer Garten I (Gemälde, 1912) – Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau MünchenCC BY-SA 4.0

„Anders als das Werk manches Zeitgenossen, etwa in den mitunter das Böse, das Missgünstige des Menschen entlarvenden Welttheatern Max Beckmanns oder in Gestalt der tief melancholischen heimatlosen Artisten Pablo Picassos, ist August Mackes gesamter Bildkosmos mit nur wenigen Ausnahmen durch und durch positiv besetzt.“

Roman Zieglgänsberger über August Macke [3]

August Mackes Paradiese

In Gemälden, Aquarellen, Ölskizzen und Zeichnungen hielt August Macke vor allem sein direktes familiäres Umfeld fest. Neben Stilleben sind häufig dabei auch seine Frau Elisabeth zu sehen, ebenso wie seine beiden Söhne Walter und Wolfgang. Gefühle von Ruhe und Geborgenheit, die diese Bilder oft ausstrahlen, waren für den Künstler sicher eine persönliche Vorstellung davon, was das Paradies bedeuten kann. Macke griff damit aber auch eine Idee des Expressionismus auf, der sich lösen wollte von akademischen Kunstzwängen und den Ausdruck einer individuellen Gefühlswelt in den Mittelpunkt rückte. [4]

Verschiedene Arten des Paradieses entdeckte August Macke auch in der Stadt und auf dem Land, wobei beide Sphären für ihn nicht unbedingt getrennt sein mussten. Immer wieder hielt er auch die Natur in einer urbanen Umgebung fest, etwa in Gärten, Parks und Zoos. Während der Garten noch direkt zum häuslich-familiären Umfeld zählt, scheinen die von Macke dargestellten Menschen sich aber auch in öffentlichen Grünanlagen entspannt und „zu Hause“ zu fühlen in einer grünen Idylle, in der nichts Bedrohliches lauert oder Negatives zum Vorschein kommt. In Mackes Bildern stehen die „Schönheiten, welche die Welt bereithält“ im Vordergrund. In dieser Hinsicht erinnern die Themen des Künstlers an die Werke des Impressionismus, in denen der harte Arbeitsalltag auch keinen Platz fand. [5]

Zu Mackes Bildern aus dem privaten Paradies zählen auch seine Bilder vom Tegernsee, wohin sich der Künstler 1909 nach einem Aufenthalt im turbulenten Paris zurückzog. Er begab sich in seiner Zeit in Oberbayern, in der innerhalb nur eines Jahres rund 200 Gemälde entstanden, auf die Suche nach dem „Geheimnisvollen im Alltäglichen“. Sibylle Discher beschreibt im Ausstellungskatalog die Werke des Künstlers aus dieser Schaffensphase sogar als so friedlich, „als sei der Mensch in den Garten Eden zurückgekehrt.“ [6] Nach seiner Rückkehr nach Bonn im Jahr 1910 unternahm Macke zahlreiche Reisen. Auch hier hielt er das Paradiesische der unterschiedlichen Landschaften fest, sei es am Thuner See oder in Nord-Afrika.

Dass das Paradies aber auch in Frage gestellt werde kann – und daher kommt das Fragezeichen im Titel der Ausstellung des Museum Wiesbaden – zeigt Mackes letztes Gemälde aus dem Jahr 1914. Es trägt den Titel „Mobilmachung“ und wirkt ungewöhnlich düster. Die Nachricht des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges lässt Menschen auf einer vollen Straße in Zweiergruppen im Austausch zusammenstehen. Im Hintergrund des Bildes nähern sich dunkle Gestalten. Es ist, als zeige Macke hier eine düstere Vorahnung. Wenige Monate später starb er in dem Krieg, der sich in seinem Bild ankündigte.


August Macke: Tunesischer Ausblick (Zeichnung, 1914) - Metropolitan Museum of Art
August Macke: Tunesischer Ausblick (Zeichnung, 1914) – Metropolitan Museum of ArtPublic Domain. Das aus der Zeichnung entstandene Ölgemälde gehört zur Sammlung der Kunsthalle Mannheim.

„Wohl jede Kultur hat unterschiedliche Vorstellungen vom Paradies entwickelt. Doch dürfte gerade uns im Zeitalter des Anthropozäns besonders deutlich werden, welche große Verantwortung wir selbst für das Paradies tragen, in welcher Form immer wir es verstehen wollen.“

Andreas Henning, Direktor des Museum Wiesbaden [7]

Paradies! Paradies?

Betrachtet man die Motive in August Mackes Werken, wird wieder bewusst, was in Zeiten der COVID-19 Pandemie alles fehlt: Menschenmengen drängeln sich in einem Zirkus, Künstlerinnen unterhalten ein Publikum, Besucher genießen die Atmosphäre in einem Zoo, drängen sich auf der Straße oder bummeln in einem Modegeschäft. Mit seinen Bildern aus Tunis erweckt Macke zudem Lust auf das Reisen in ferne Länder, wenn er Menschen auf der Terrasse eines Türkischen Cafés zeigt, Straßenhändler auf einem Markt oder eine „Afrikanische Landschaft“.

Vielleicht passt die Ausstellung „Paradies! Paradies?“ im Museum Wiesbaden mit ihrem Thema deshalb so gut in die aktuelle Zeit. Die farbenfrohen Bilder von August Macke sind meist fröhlich und machen Lust, selbst wieder die gezeigten Orte zu besuchen – sei es in der Stadt oder auf dem Land. Und während die Ausstellung im Museum noch vorübergehend aufgrund der Corona-Maßnahmen geschlossen ist, bietet der reich bebilderte Katalog die Gelegenheit, in das Werk des Künstlers mit seinen turbulenten Orten und idyllischen Landschaften einzutauchen.


August Macke: Porträt mit Äpfeln (Gemälde, 1909) - Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
August Macke: Porträt mit Äpfeln (Gemälde, 1909) – Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau MünchenCC BY-SA 4.0

Die Publikation „August Macke. Paradies! Paradies?“, herausgegeben von Roman Zieglgänsberger für das Museum Wiesbaden, ist 2020 im Michael Imhof Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7319-1008-4). Der Band, der die gleichnamige Ausstellung begleitet, enthält, neben zahlreichen Abbildungen, einer Biografie und einer Auswahlbibliografie, auch Texte von Sibylle Discher, Peter Forster, Tanja Pirsig-Marshall und Roman Zieglgänsberger.


August Macke. Paradies! Paradies?

Museum Wiesbaden
30.10.2020-09.05.2021


mus.er.me.ku dankt dem Museum Wiesbaden für die kostenfreie Überlassung der Publikation als Rezensions-Exemplar.


Header-Bild: Detail aus: August Macke: Zoologischer Garten I (Gemälde, 1912) – Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau MünchenCC BY-SA 4.0


Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.


Fußnoten

[1] Zitiert nach: August Macke. Paradies! Paradies?, Hg. v. Roman Zieglgänsberger, Michael Imhof Verlag 2020, S. 1

[2] Siehe: Sibylle Discher: Paradies am Tegernsee. August Macke und seine Münchner Jahre 1909-1910, In: Ebd., S. 135-149, hier S. 135

[3] Roman Zieglgänsberger: Paradies! Paradies? Anmerkungen zur Weltauffassung August Mackes, In: Ebd., S. 22-43, hier S. 23f

[4] Siehe: Ebd. S. 26

[5] Ebd. S. 34f

[6] Discher, S. 139

[7] Andreas Henning: Vorwort, In: Ebd., S. 11-13, hier S. 13