[Film-Tipp] Wie bringt man ein Publikum dazu, sich mit der Zerstörung der Umwelt durch Großkonzerne und Profit-orientierte Autokraten auseinanderzusetzen? Indem man dem Publikum die Gelegenheit bietet, darüber zu lachen – zum Beispiel wenn man sie mit einer grotesken Komödie konfrontiert. In „Digger“ erzählt der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu die Geschichte von Digger Rockwell (Tom Cruise). Der Öl-Tycoon liebt Tiere, vor allem als ausgestopfte Jagdtrophäen zur Dekoration seines Hauses. Doch zunächst fesselt ein noch lebendes Tier seine ganze Aufmerksamkeit: seine senile Katze Maggie. Das siechende Tier ist inkontinent, frisst nicht mehr und scheint generell eher bewegungsunfähig. Der herbeigerufene Tierarzt schätzt die Lebenserwartung auf wenige Tage. Vielleicht hat die Katze aber auch nur noch 5 Minuten zu leben. Hier zeigt sich, dass Digger Rockwell nicht auf Experten-Meinungen vertraut oder sich auch nur im mindesten Gedanken um die Gegebenheiten der Realität macht: Er erklärt, dass in Zukunft nicht mehr der Tierarzt für Maggie zuständig sei, sondern sein eigener Hausarzt, denn der würde ihm schließlich immer erzählen, was er hören will.
Jenseits jeder Vernunft
Auch die folgenden Ereignisse beeinflussen kaum Digger Rockwells Bereitschaft, die Realität jenseits seiner eigenen Vorstellungen wahrzunehmen oder die Meinung von Experten auch nur in Betracht zu ziehen. Während Digger ganz mit der fragilen Gesundheit seiner Katze beschäftigt ist, meldet sich ein Mitarbeiter einer seiner Bohrstationen aus Grönland per Videoanruf: Methan steigt massenhaft aus der Erde empor, ein Riss hat sich auf der eisigen Landmasse gebildet, auf der gebohrt wird. Der Riss vergrößert sich stetig, das Bohrvorhaben sollte so nicht fortgeführt werden, aus Sicherheitsgründen.
Doch für Digger ist die Meinung des Bohrleiters selbstverständlich irrelevant, es soll weiter gebohrt werden, um die angestrebte Quote der Öl-Förderung sicherzustellen. Dann geht alles sehr schnell. Es kommt zum Unglück, das später eine globale Katastrophe auslösen wird. Umwelt-Experten wie Dr. Ganesh (Riz Ahmed) und sein Team versuchen vergeblich, Digger Rockwell und die US-Regierung um Präsident Compson (John Goodman) vor den schwerwiegenden Konsequenzen ihres Vorhabens zu warnen. Ein geplanter militärischer Einsatz, der auf das abdriftende Stück Grönlands abzielt, soll Schlimmeres verhindern. Doch die Experten mahnen: Die Folgen einer Bombardierung könnten auch ganze Kontinente bedrohen, wenn sich der Eisberg als großes Problem in viele kleine Probleme verwandelt. Doch wer hört schon auf Umwelt-Experten, wenn das eigene Ansehen und Profite auf dem Spiel stehen? Und wer möchte über Risiken informiert werden, wenn es doch so einfach erscheint, Probleme mit Bomben zu lösen?

Starbesetztes Ensemble
Auch wenn sich der Film vor allem um die von Tom Cruise satirisch stark überzeichnete Figur von Digger Rockwell dreht, brillieren bei „Digger“ vor allem die Nebendarsteller. John Goodman als religiös fanatischer US-Präsident, der in kaum einem besseren gesundheitlichen Zustand ist als Digger Rockwells sterbende Katze, ist der heimliche Star des Films. Auch Riz Ahmeds Figur des Dr. Ganesh, der klassischerweise von den stereotypen Herren im US-Beraterstab gefragt wird „wo er EIGENTLICH herkommt“, ist ein Highlight des Films. Die Hilflosigkeit, wissenschaftlichen Erkenntnissen Gehör zu verschaffen, im Angesicht von Profitgier und Statusdenken, wird hier auf den Punkt gebracht.
Daneben überraschen Sandra Hüller als Digger Rockwells Schwester Emma, Jesse Plemons und Sophie Wilde, die sich beide später als wichtige Bausteine im Rätsel um „Digger“ entpuppen, und Emma D’Arcy als Diggers Assistentin. Großartig ist auch die Rolle von Mercedes Hernández. Auch wenn man sich mit all diesen Figuren längere Szenen gewünscht hätte – der Film macht deutlich, dass es eben um eine Welt der privilegierten Männer geht, in der Frauen nur Randfiguren sind. Sie sind Assistentinnen, Dienstmädchen, ausführende Werkzeuge der Pläne von einflussreichen Männern. Oder eben nur familiäre Anhängsel, deren eigene Bestrebungen vollkommen abhängig davon sind, was diese Männer bestimmen.
Surreale Inszenierung
Alejandro González Iñárritu erzählt in seinem Film „Digger“ eine wahre Geschichte: Digger Rockwell gab es in der hier dargestellten Welt wirklich. Seine Öl-Bohrungen in Grönland haben den Abbruch einer riesigen Eismasse herbeigeführt. Das US-Militär hat diese Eismasse wirklich bombardiert, was eine Kettenreaktion auslöste und schließlich zu einer globalen Naturkatastrophe führte, die Millionen von Menschen das Leben kostete und viele zu Klima-Flüchtlingen machte. Iñárritus Film handelt davon, wie die Gesellschaft mit den Nachwirkungen dieser schrecklichen Ereignisse umgeht. Dabei ist der Film nicht das, was er vorgibt zu sein. Das erkennt man übrigens bereits in der ersten Einstellung des Trailers zum Film, wenn man genau auf den Himmel achtet.
Iñárritus „Digger“ erinnert stark an die früheren Filme des einstigen Monty Python Mitglieds Terry Gilliam. Bei der surrealen Inszenierung werden Parallelen zu „Brazil“ (1985), „12 Monkeys“ (1995) oder auch „The Man Who Killed Don Quixote“ (2018) deutlich, und das nicht nur inhaltlich sondern auch konzeptionell: „Digger“ spielt ebenso mit dem Grotesken, der surrealen Inszenierung und der Dystopie eines zerstörten Planeten. Aber es geht eben auch um die Frage, was Inszenierung und was Realität ist und wie das Reale das Fiktionale beeinflussen kann. Letztendlich sind Digger Rockwell, der US-Präsident und alle seine Berater eben doch nur „Fossil Fools“ über deren überzeichnete Rollen man lachen könnte, wenn die wahren Ereignisse hinter dem dargestellten Geschehen nicht so weitreichende Folgen für die Menschheit hätten.
Am Ende des Films steht ein kleiner Hoffnungsschimmer, der sofort von der Realität der gezeigten Ereignisse überlagert wird. Es gibt kein Happy End – nicht für die Figuren im Film „Digger“ und vielleicht auch nicht für uns als Publikum. Das macht Iñárritu ganz am Ende des Films mit einem originellen Detail im Abspann deutlich, den man unbedingt abwarten sollte, bevor man das Kino verlässt. Denn so satirisch überzeichnet und grotesk das Dargestellte auch wirken mag: die im Film vorgeführten Machtstrukturen sind leider keine Fiktion und die durch kapitalistische Profitgier angestoßene Klimakrise ist auch Teil unserer Realität.
Digger
USA, 2026
Regie: Alejandro González Iñárritu
ab 01.10.2026 im Kino
Header-Bild: Henri Rousseau: The Repast of the Lion (ca. 1907) – Metropolitan Museum of Art – Public Domain
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