Von Rittern und Monstern: Moderne Märchen-Filme

In unserer Kindheit begleiten uns Märchen über edle Prinzen, stolze Königinnen und eifersüchtige Stiefschwestern. Doch diese Geschichten sind oft auch düster, blutig und brutal. Hier empfehlen wir Märchen-Filme, die auch diese dunkle Seite zeigen; eher nicht für Kinder, sondern für Fantasy- und Horror-Fans geeignet.

Hier empfehlen wir Märchen-Filme, die die dunkle Seite von Kindergeschichten zeigen, zwischen bunter Fantasie und brutalen Abgründen.

100 Nights of Hero

100 Nights of Hero, UK 2025 | Liebes-Drama | Regie: Julia Jackman

Basierend auf der gleichnamigen Graphic Novel von Isabel Greenberg, schafft Julia Jackman eine poetische Welt, in der Geschichten zum Zeichen für weibliche Selbstbestimmung werden. Die Handlung kreist um eine junge Frau (Maika Monroe), deren Schicksal an eine ungewöhnliche Wette gebunden ist: Gelingt es einem Freund ihres Mannes (Nicholas Galitzine), sie innerhalb von hundert Nächten zu verführen, verliert ihr Ehemann (Amir El-Masry) sein Schloss. Doch auch sie würde für den Ehebruch hingerichtet werden. Um dieses Schicksal abzuwenden, beginnt ihre Dienstmagd Hero (Emma Corrin) jede Nacht der Hausherrin und ihrem Gast Geschichten zu erzählen und beeinflusst dadurch den Lauf der Dinge.

Das Motiv des Films erinnert an „Tausendundeine Nacht“: Wie Scheherazade nutzt die Magd Hero die Kraft der Fantasie, um Zeit zu gewinnen und ein gewaltvolles Schicksal für die von ihr geliebte Herrin abzuwenden. Das Erzählen einer Geschichte wird hier zu einem Mittel des Widerstands gegen patriarchale Macht und Besitzdenken. Visuell setzt der Film dabei auf opulente Bilder und eine traumähnliche Inszenierung voller Symbole.


The Ugly Stepsister

Den stygge stesøsteren, Norwegen 2025 | Body-Horror | Regie: Emilie Blichfeldt

Der Film greift zentrale Elemente des bekannten „Aschenputtel“ Märchens auf, nimmt jedoch die Perspektive von einer der Stiefschwestern ein. Im Mittelpunkt steht Elvira (Lea Myren), die in einem höfischen Umfeld lebt und unter dem Druck ihrer Mutter steht, gesellschaftlich aufzusteigen und den Prinzen zu heiraten. Als dieser eine Brautschau ankündigt, unterwirft sich Elvira den grausamsten Prozeduren, um für den Prinzen „schön genug“ zu werden. Dabei greift der Film auf eine zunehmend drastische Darstellung körperlicher Veränderungen zurück, die als Teil eines extremen Schönheitskults inszeniert werden: von einer brutalen Nasenkorrektur über das Annähen falscher Wimpern bis hin zum Gewichtsverlust durch einen Bandwurm.

Das Märchenhafte wird dabei systematisch verfremdet: Statt Magie spielen nun Schönheitsideale eine zentrale Rolle, die nur mit Verstümmelung und Qual erreichbar sind. Wer beim Märchen der Brüder Grimm schon immer entsetzt war, wie der beim Ball des Prinzen verlorene Schuh bei den Stiefschwestern passend gemacht wird, wird hier mit der ganzen Grausamkeit der Aktion konfrontiert. So wird die Märchen-Adaption zum surrealen Body-Horror Film, der bekannte Motive des Genres in einen zeitgenössischen, sozialkritischen Kontext überführt.


The Green Knight

The Green Knight, UK 2021 | Fantasy-Drama | Regie: David Lowery

Im Zentrum des Films, der auf dem mittelalterlichen Epos „Sir Gawain and the Green Knight“ basiert, steht Gawain (Dev Patel), der Neffe von König Artus. Die Handlung beginnt am Hof von Camelot, wo an Weihnachten ein mysteriöser Grüner Ritter erscheint und eine Herausforderung ausspricht: Jeder, der ihm einen Schlag versetzt, erhält ein Jahr später denselben Schlag zurück. Gawain nimmt die Herausforderung an und schlägt dem Fremden den Kopf ab. Doch der übernatürliche Grüne Ritter überlebt die Enthauptung und erinnert Gawain an die vereinbarte Gegenprüfung. Ein Jahr später macht sich Gawain dann auf den Weg zu der Kapelle des Grünen Ritters.

Auf seiner Reise begegnet Gawain verschiedenen Figuren und Situationen, die sich als Prüfungen herausstellen. Sie stellen Gawains Mut, seine Ehrlichkeit und seine Loyalität auf die Probe. Der Film folgt dabei der Logik mittelalterlicher Erzähltraditionen, in denen moralische Bewährung, symbolische Prüfungen und allegorische Figuren zentrale Funktionen übernehmen. Das Ende der Geschichte bleibt bewusst offen: Hat Gawain die Prüfung des Grünen Ritters bestanden?


Das Märchen der Märchen

Il racconto dei racconti, Italien 2015 | Märchen-Horror | Regie: Matteo Garrone

In „Tale of Tales“ greift Regisseur Matteo Garrone verschiedene Motive aus der Märchensammlung „Il Pentamerone“ des italienischen Schriftstellers Giambattista Basile aus dem 17. Jahrhundert auf. Der Film verbindet dabei drei eigenständige Geschichten, die in benachbarten Königreichen spielen und Themen wie Macht, Schönheit, Mutterschaft und Vergänglichkeit behandeln. Dabei zeigt Garrone eine klassisch-opulente Märchenwelt mit düsteren Motiven und brutaler Gewalt.

Im Zentrum der ersten Erzählung steht eine Königin (Salma Hayek), die sich verzweifelt ein Kind wünscht. Auf Anraten eines geheimnisvollen Wesens lässt sie das Herz eines Meeresungeheuers zubereiten und isst es. Ihr Wunsch erfüllt sich, doch die Geburt ihres Sohnes hat weitreichende Folgen. Die zweite Geschichte handelt von einem König (Toby Jones), der seine Aufmerksamkeit einem riesigen Floh widmet, den er heimlich aufzieht. Als das Tier stirbt, verspricht er die Hand seiner Tochter demjenigen, der dessen Haut erkennt. Ein menschenfressender Oger löst das Rätsel und entführt die Prinzessin, die sich ihrem Schicksal stellen muss. In der dritten Geschichte sehnen sich zwei alte Schwestern nach der Zuneigung eines lüsternen Königs (Vincent Cassel). Durch Magie erhält eine von ihnen ihre Jugend zurück und wird zur Königin. Die andere versucht ihr nachzueifern und bezahlt ihren Wunsch nach Schönheit mit einem hohen Preis.


Das Kabinett des Doktor Parnassus

The Imaginarium of Doctor Parnassus, UK 2009 | Fantasy-Abenteuer | Regie: Terry Gilliam

Der Schausteller Doktor Parnassus (Christopher Plummer) zieht mit seiner fahrenden Bühne durch London. Das Herzstück seiner Vorstellung ist ein magischer Spiegel, durch den Besucher in eine fantastische Welt gelangen, wo sie mit ihren Wünschen, Ängsten und moralischen Entscheidungen konfrontiert werden. Hinter dieser Magie steht ein Pakt, den Parnassus einst mit dem Teufel, Mr Nick (Tom Waits), geschlossen hat: Im Gegenzug für Unsterblichkeit muss der Schausteller seine Tochter Valentina (Lily Cole) an ihrem 16. Geburtstag dem Teufel übergeben. Kurz vor Ablauf der Frist versucht Parnassus die Wette zu umgehen und schlägt einen neuen Pakt vor: Wer die meisten Seelen für sich gewinnt, Parnassus oder Mr Nick, darf über Valentinas Schicksal bestimmen. Die Pläne kommen ins Wanken, als die Schaustellertruppe den geheimnisvollen Tony (Heath Ledger) rettet, der sich der Gruppe anschließt und in einer Show nun die Besucher durch den magischen Spiegel führt.

Der Pakt mit dem Teufel ist eines der ältesten Motive aus europäischen Sagen und Volksmärchen, das von Terry Gilliam in seinem Film aufgegriffen wird. In einer opulenten Bilderwelt mit fantastischen Elementen diskutiert Gilliam Fragen zu Verführung, Verantwortung und der Bedeutung menschlicher Vorstellungskraft.


The Fall

The Fall, USA 2006 | Fantasy-Abenteuer | Regie: Tarsem Singh

Der Film spielt in den 1920er-Jahren in einem Krankenhaus in Kalifornien, wo sich die kleine Alexandria (Catinca Untaru) und der Stuntman Roy (Lee Pace) begegnen. Beide erholen sich nach einem Sturz von ihren Verletzungen, doch Roy leidet nicht nur unter den körperlichen Folgen seines Unfalls, sondern auch an Liebeskummer. Die beiden Patienten freunden sich an und Roy beginnt, dem Mädchen eine fantastische Geschichte zu erzählen. Im Mittelpunkt seiner Erzählung steht eine Gruppe von fünf Helden, darunter ein maskierter Bandit (Pace), ein ehemaliger Sklave, ein Sprengstoffexperte und ein Naturforscher. Gemeinsam verfolgen sie den grausamen Gouverneur Odious, der ihnen Unrecht zugefügt hat. Die Handlung von Roys Märchen führt durch Wüsten, Paläste, Wälder und exotische Landschaften, in denen die Figuren zahlreiche Gefahren überwinden und immer neue Verbündete und Gegner treffen.

Mit fortschreitender Handlung verschwimmen die Grenzen zwischen Roys Erzählung und Alexandrias Vorstellungskraft: Die Menschen, denen das Mädchen im Krankenhaus begegnet, werden zu Figuren in der Geschichte. Gleichzeitig beeinflusst Roys seelischer Zustand den Verlauf des Märchens, wodurch die Handlung immer dunklere Züge annimmt. Schließlich nutzt Roy seine Geschichte auch, um Alexandria zu einer gefährlichen Mission zu überreden, die tödliche Folgen haben könnte.


Pans Labyrinth

El laberinto del fauno, Mexiko 2006 | Historien-Drama | Regie: Guillermo del Toro

Im Spanien des Jahres 1944, wenige Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs, reist die elfjährige Ofelia (Ivana Baquero) mit ihrer schwangeren Mutter zu ihrem Stiefvater (Sergi López), dem faschistischen Hauptmann Vidal. Während Vidal von einem abgelegenen Militärlager aus den Widerstand republikanischer Partisanen bekämpft, flüchtet sich Ofelia in eine fantastische Welt. Im Wald entdeckt sie ein altes Labyrinth, in dem ihr ein geheimnisvoller Faun erzählt, sie sei die verschollene Prinzessin eines unterirdischen Königreichs. Um in ihre eigentliche Heimat zurückkehren zu können, muss sie jedoch drei Prüfungen bestehen. Ofelia folgt den Anweisungen des Fauns und begegnet dabei übernatürlichen Wesen und gefährlichen Herausforderungen. Parallel dazu verschärft sich der Konflikt zwischen den Soldaten Vidals und den Partisanen.

Guillermo del Toro greift in seinem Film diverse Motive europäischer Volksmärchen auf und verknüpft die gewaltvolle Realität des spanischen Faschismus mit einer düsteren und nicht weniger bedrohlich wirkenden Märchenwelt, um Themen wie Unschuld, Opferbereitschaft, Hoffnung und Widerstand gegen Unterdrückung zu verhandeln.


The Fountain

The Fountain, USA 2006 | Fantasy-Drama | Regie: Darren Aronofsky

Der Film verknüpft drei Zeitebenen miteinander, die unterschiedliche Versionen derselben Geschichte erzählen und sich thematisch gegenseitig ergänzen: Eine Handlung spielt im Spanien des 16. Jahrhunderts, wo der Konquistador Tomás (Hugh Jackman) von Königin Isabella (Rachel Weisz) ausgesandt wird, um den sagenumwobenen Baum des Lebens zu finden. Parallel dazu erzählt der Film von dem Wissenschaftler Tom (Jackman) in der Gegenwart, der nach einem Heilmittel für seine an Krebs erkrankte Frau Izzi (Weisz) sucht. Während Tom seine gesamte Energie auf die medizinische Forschung verwendet, beschäftigt sich Izzi mit einem Roman über den Konquistador Tomás und bittet ihren Mann, dessen Ende selbst zu vollenden. Eine dritte Erzählebene zeigt eine futuristische Figur (Jackman), die mit einem sterbenden Baum in einer schwebenden Sphäre durch den Weltraum reist.

Der Baum des Lebens, der im Film in allen Zeitebenen ein zentrales Motiv darstellt, verweist auf eine der ältesten Mythen der Menschheitsgeschichte, als Symbol für Unsterblichkeit und Erneuerung. Gleichzeitig wirkt die Erzählstruktur des Films selbst wie ein Märchen, bei dem sich eine Geschichte in einer Geschichte verbirgt.


The PianoTuner of EarthQuakes

The PianoTuner of EarthQuakes, Frankreich 2004 | Fantasy-Drama | Regie: Stephen und Timothy Quay

Der Film der Quay-Brüder verbindet Elemente von Märchen, Gothic Horror und Fantasy zu einer poetischen Erzählung über Tod, Erinnerung und Manipulation. Im Mittelpunkt steht die Opernsängerin Malvina (Amira Casar), die während eines Auftritts plötzlich zusammenbricht und für tot gehalten wird. Der exzentrische Wissenschaftler und Puppenspieler Dr. Droz (Gottfried John) holt sie auf seine abgelegene Insel, wo sie in einem Zustand zwischen Leben und Tod erwacht. Auf der Insel gerät Malvina in eine künstlich geschaffene Welt, die von Droz kontrolliert wird. Mithilfe mechanischer Apparaturen und rätselhafter Experimente bereitet er eine Reihe von Aufführungen vor, in denen Malvina eine zentrale Rolle spielen soll. Unterstützung erhält er von dem Klavierstimmer Felisberto (César Sarachu), der die komplizierten Instrumente des Wissenschaftlers warten soll und versucht, Malvina aus ihrer Abhängigkeit zu befreien.

Die Erzählstruktur des Films orientiert sich an Traum- und Märchenmotiven voller Verwandlungen, rätselhafter Prüfungen und symbolhafter Figuren. Dr. Droz erscheint dabei als mysteriöser Zauberer, während Malvina die Rolle einer gefangenen Prinzessin zu haben scheint, die befreit werden muss.


Big Fish

Big Fish, USA 2003 | Fantasy-Abenteuer | Regie: Tim Burton

Ed Bloom (Ewan McGregor/ Albert Finney) erzählt seiner Familie permanent Märchen-Geschichten über sein Leben, was nicht gut bei seinem Sohn Will (Billy Crudup) ankommt. Kurz vor dem Tod seines Vaters versucht Will herauszufinden, welche der außergewöhnlichen Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben. Denn an den Geschichten von Ed gibt es vieles zu bezweifeln: Er erzählt, wie er als junger Mann seine Heimatstadt verließ, um die Welt zu entdecken. Auf seiner Reise begegnete er dabei zahlreichen Märchengestalten wie einem Riesen oder einer Hexe, er besuchte die magische Kleinstadt Spectre und lernte seine spätere Ehefrau kennen, die selbst ein fantastisches Wesen zu sein scheint. Während Will zwischen den Geschichten seines Vaters nach überprüfbaren Fakten sucht, bleibt offen, wie viel Wahrheit hinter den Erzählungen von Ed wirklich steckt.

Tim Burtons Film besteht aus vielen kleinen Märchen, die oft an europäische Sagen erinnern. Der Film diskutiert die Frage, wie subjektive Erinnerungen funktionieren und was einen dazu bewegt, diese manchmal mit erzählerischen Ausschmückungen zu versehen.


Header-Bild: Jan van Scorel: Maria Magdalena, ca. 1530 – Rijksmuseum – Public Domain


Wir brauchen deine Unterstützung

Für Kultur-Fans und Museums-Profis: Werde jetzt Mitglied im musermeku Freundeskreis. Mit deiner Hilfe können wir auch weiterhin unabhängig über Museums- und Kulturthemen berichten.


Angelika Schoder

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

Bei LinkedIn vernetzen


Linktipps


Der Newsletter zu Kunst & Kultur

In unserem kostenlosen Newsletter informieren wir einmal im Monat über aktuelle Neuigkeiten aus dem Kunst- und Kulturbereich.


|

, |