Human Marks: Tattoos in der zeitgenössischen Kunst

Die Publikation „Human Marks“ widmet sich fünfzehn Kunstschaffenden, von Don Ed Hardy bis Makoto Chi, die nicht nur in der Bildenden Kunst tätig sind, sondern auch als Tattoo-Artists bekannt wurden.

Die Publikation "Human Marks" widmet sich diversen Kunstschaffenden, von Don Ed Hardy bis Makoto Chi, die auch als Tattoo-Artist arbeiten.

[Rezension] Körperkunst findet seit einigen Jahren immer wieder einen Platz in Museen, das zeigen Ausstellungen wie „Tattoo-Legenden“ im Museum für Hamburgische Geschichte (2019/20) oder zuvor die Ausstellung „Tattoo“ (2015) im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Doch nicht nur Tattoos selbst können künstlerisch wertvoll sein. Immer häufiger überschreiten auch die Tattoo-Artists die Grenze zur zeitgenössischen Kunst und experimentieren mit anderen Medien und Materialien. Diesem Thema widmet sich nun das Buch „Human Marks. Tattooing in Contemporary Art“. Es entstand begleitend zu einer Ausstellung und einem Symposium an der University of Hartford im US-amerikanischen Connecticut. Die Publikation zeigt die Werke von künstlerischem Nachwuchs und etablierten Kunstschaffenden, die vielfältige Positionen in die Bildende Kunst einbringen und mit ihren Arbeiten gängige Vorstellungen von Tätowierungen hinterfragen.

Neben Künstlerporträts bietet die im Hirmer Verlag erschienene Publikation auch Essays und Interviews, unter anderem mit der Tattoo-Legende Don Ed Hardy. Die Texte zeigen, dass Tattoo-Kunst nicht auf bestimmte Milieus, Berufe oder Geschlechter beschränkt ist, sondern sich insbesondere im 21. Jahrhundert neu definiert und neue Diskurse im Bereich der Kunst eröffnen kann.


„A tattoo is an affirmation: you put it on yourself with the knowledge that this body is yours to have and enjoy while you’re here. You have fun with it, and nobody else can control (supposedly) what you do with it.“ [1]

Don Ed Hardy, 1989


Human Marks: Die Kunst der Tätowierung

Die Praxis der Körpermarkierung ist eine der ältesten künstlerischen Ausdrucksformen der Menschheit, deren früheste Formen über 5.300 Jahre zurückreichen. Über Kulturen, Länder und Epochen hinweg zeigt sich in Tattoos ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, den eigenen Körper zu gestalten und hier Bedeutung einzuschreiben. Dieses Bedürfnis entwickelt sich schon früh, zum Beispiel wenn Kinder lieber auf ihrer Haut als auf Papier malen – eine Erfahrung, die viele Tattoo-Artists als frühe Prägung ihrer Laufbahn angeben. Vor diesem Hintergrund rückt das Buch „Human Marks“ die zwischenmenschliche Dimension des Tätowierens in den Mittelpunkt und stellt Tattoos als Kunstform vor, die dauerhafte Spuren im Leben von Menschen hinterlässt.

Denn was lange als subkulturelle Praxis galt, hat sich heute zu einem anerkannten künstlerischen Feld entwickelt: Mittlerweile sind das Tätowieren und zeitgenössische Kunst eng miteinander verflochten, nicht zuletzt, weil immer mehr Tattoo-Artists eine akademische Kunstausbildung mitbringen. Diese Doppelrolle als Tätowierende und Kunstschaffende hat wesentlich dazu beigetragen, dass Tattoos seit den 1990er-Jahren über Klassen- und Milieugrenzen hinweg populär wurden und heute mehr denn je für Individualität, ästhetischen Anspruch und persönliche Autorschaft stehen. Vor diesem Hintergrund konzentriert sich die Forschung endlich nicht mehr nur auf anthropologische Aspekte indigener Tattoo-Traditionen oder auf archäologische Funde, sondern betrachtet Tattoos nun auch aus kunsthistorischer Perspektive.

Dennoch bestehen im Kunstbetrieb auch weiterhin noch klare Hierarchien zwischen Bildender Kunst und dem Tätowieren. Viele Kunstschaffende, die in beiden Bereichen tätig sind, trennen die Studioarbeit von ihrer Tattoo-Praxis, weil sie unterschiedlichen Märkten und Erwartungshaltungen unterliegen. Gleichzeitig beeinflussen sich beide Arbeitsweisen aber auch kontinuierlich: Ideen aus dem Atelier tauchen im Tattoo-Studio auf und umgekehrt. Besonders deutlich wird die Nähe von Kunst und Tattoos in ihrem gemeinsamen gesellschaftlichen Anspruch: Während zeitgenössische Kunst oft soziale Fragen reflektiert, greift Tätowieren unmittelbar in das Leben von Menschen ein – stärkend, identitätsstiftend und manchmal sogar mental heilend. Insofern können Tattoo-Artists auch zu kulturellen Akteuren werden, wenn man ihre Arbeiten als Beispiele für die reale Wirksamkeit von Kunst begreift.


„Tattooing is basically anti-repressive. I think people’s main subconscious motivation is to clarify something about themselves to themselves, and only incidentally […] to show to other people. It’s mainly to prove or clarify something they feel about themselves“. [2]

Don Ed Hardy, 1989


Der Körper als Ort künstlerischer Auseinandersetzung

Bereits seit den 1960er und 70er-Jahren hat sich die Beziehung zwischen dem Tätowieren und der Bildenden Kunst grundlegend verändert und vertieft; Auslöser waren intellektuelle, soziale und künstlerische Umbrüche, die traditionelle Vorstellungen vom Körper infrage stellten. Diverse Theorien aus Feminismus, Kultur- und Sozialwissenschaften lösten das alte Denken vom Körper als festem, unveränderlichem Objekt ab und verstanden ihn stattdessen als historisch, kulturell und sozial geprägt. Diese neuen Perspektiven machten den Körper zu einem zentralen Ort künstlerischer Auseinandersetzung und öffneten zugleich Raum für Tätowierungen als Ausdruck von Selbstbestimmung und Identität.

In der Kunst dieser Zeit, insbesondere im feministischen Kontext, wurde der eigene Körper gezielt als Medium eingesetzt, um Machtverhältnisse sichtbar zu machen. Künstlerinnen wie Valie Export nutzten Tätowierungen bewusst wegen ihrer Schmerzhaftigkeit und Permanenz, um die gewaltsame Einschreibung gesellschaftlicher Normen auf den weiblichen Körper zu spiegeln. Auch die Body-Art-Bewegung griff zu radikalen körperlichen Eingriffen, um Kunst enger mit dem realen Leben zu verknüpfen und die Grenze zwischen Kunst und Alltag aufzulösen. Tätowierungen boten sich dabei als zugängliche Form dieser Idee an und wurde in der Konzept- und Performance-Kunst als Mittel entdeckt.

Parallel wurden erstmals Tätowierer mit akademischer Kunstausbildung bekannt, allen voran Cliff Raven und der „godfather of American tattooing“ Don Ed Hardy. Sie verstanden das Tätowieren als legitime Kunstform, erweiterten das Handwerk um individualisierte Entwürfe und betonten dabei auch Aspekte sozialer und ethischer Verantwortung sowie einen Community-Gedanken. Eine neue Generation von Kunstschaffenden wurde durch die Arbeit dieser Tattoo-Pioniere inspiriert; sie verbinden das Tätowieren nun bewusst mit Konzeptkunst, Performance und gesellschaftlicher Kritik. Viele dieser Akteure knüpfen heute an die mental heilenden, intimen und gemeinschaftsstiftenden Aspekte des Tätowierens an; in Performances und Projekten wird der Körper als lebendiges Archiv von Erinnerung, Schmerz und Identität verstanden.

Die Publikation „Human Marks“ widmet sich nun fünfzehn dieser Kunstschaffender, deren Tätowier-Praxis ihre Arbeit in der Bildenden Kunst beeinflusst. Gezeigt wird dies anhand diverser Medien, von Zeichnungen und Gemälden über Objekte mit Schnitz- und Gravur-Techniken (Scrimshaw) bis hin zu Skulpturen, ergänzt durch aktuelle Tattoo-Entwürfe. Die Arbeiten haben eines gemeinsam: Sie hinterfragen, was die zeitgenössische Kunst von den ethischen Haltungen, Arbeitsweisen, Werten und zwischenmenschlichen Beziehungen lernen kann, die im Tattoo-Studio entstehen. Zu den vorgestellten Kunstschaffenden gehören unter anderem Kaur Alia Ahmed, Don Ed Hardy, Makoto Chi, Dr. Lakra, Tamara Santibañez und Jayna Won.


Anlässlich der Ausstellung „Human Marks. Tattooing in Contemporary Art“ in den Hartford School Galleries (11.09.-13.12.2025) ist 2025 das gleichnamige Buch im Hirmer Verlag erschienen, herausgegeben von Carrie Cushman (ISBN: 978-3-7774-4489-5). Die englischsprachige Publikation mit zahlreichen farbigen Werkabbildungen enthält, neben Künstlerprofilen und Interviews mit Don Ed Hardy und Makoto Chi, auch Texte von u.a. Carrie Cushman, Marcia Tucker, Nassim Dayoub, Tamara Santibañes und Stevie Soares.


Header-Bild: Kunisada I: Four actors as ruffians against a check background (1858) – Wellcome CollectionPublic Domain


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Angelika Schoder

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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Fußnoten

[1] V. Vale and Andrea Juno: Interview mit Don Ed Hardy. In: Modern Primitives, 1989. Zitiert nach: Human Marks. Tattooing in Contemporary Art, Hg.v. Carrie Cushman, 2025. S. 210.

[2] Ebd. S. 211.


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