Von Hannah Gadsby bis Balthus: Museen als Orte aktueller Debatten

Ist die Biographie eines Künstlers wichtig, um dessen Werk zu interpretieren? Oder muss man Kunstwerke doch unabhängig von ihrer Entstehungsgeschichte und ihrem Schöpfer betrachten? Seit #MeToo und #TimesUp wird vermehrt diskutiert, wie Museen und Galerien mit den Werken bildender Künstler umgehen sollen, wenn diese Werke mutmaßlich unter fragwürdigen Bedingungen für die Modelle entstanden sind. Ist es an der Zeit, dass Museen in ihrer Funktion als Orte des Austauschs zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten auch selbst Position beziehen?

 

Hannah Gadsby vs. Picasso

Es gibt die Auffassung, dass die Biographie eines Künstlers losgelöst von dessen Werk betrachtet werden sollte, denn die Einbeziehung des Kontextes würde verhindern, ein Kunstwerk nur für sich beurteilen zu können. Dem gegenüber steht die Auffassung, dass der Entstehungskontext und eine Künstlerbiographie so eng mit einem Werk verbunden sind, dass Kunst, wenn sie von Tätern geschaffen wurde, sogar vollständig aus Museen entfernt werden müsse. Und schließlich gibt es die Auffassung, dass ein problematischer Entstehungskontext von Werken in Ausstellungen mit einbezogen werden muss, um die Öffentlichkeit zur Auseinandersetzung damit anzuregen. Welcher Auffassung sollten Museen nun also folgen?

Geht es nach der Autorin und Comedienne Hannah Gadsby, ist eine Trennung von Werk und Schöpfer jedenfalls nicht möglich. Sie rechnete unlängst in ihrem mehrfach prämierten StandUp-Programm „Nanette“ mit der Kunstwelt ab. In ihrem  Auftritt, der seit einigen Wochen bei Netflix zu sehen ist, betont sie: „‚Separate the man from the art. You gotta learn to separate the man from the art. The art is important, not the artist.‘ OK, let’s give it a go. How about you take Picasso’s name off his little paintings there and see how much his doodles are worth at auction? Nobody owns a circular lego nude. They own a Picasso.“

Gadsby kritisiert in ihrem Programm generell das Frauenbild, das über Jahrhunderte in der Kunst vermittelt wurde. Sie stellt fest: „Art history taught me that, historically, women didn’t have time to think thoughts – too busy napping naked alone in the forest.“ Doch auch wenn Frauen bekleidet sind, scheinen sie in der Kunstwelt keine gute Figur zu machen – im wahrsten Sinne des Wortes: „If you go into the galleries, you’ll see that if a woman isn’t sporting a corset and/or a hymen, she just loses all structure“, so Gadsby. Allen voran setzt sich die studierte Kunsthistorikerin mit Pablo Picasso auseinander und erläutert ihre Abneigung, die sie ihm gegenüber empfindet: „I hate Picasso, and you can’t make me like him. I know I should be more generous about him too, because he suffered a mental illness. But nobody knows that, because it doesn’t fit with his mythology. Picasso is sold to us as this passionate, tormented, genius, man-ball-sack. But Picasso suffered the mental illness – of misogyny.“ Der Künstler soll einst gesagt haben: „Each time I leave a woman, I should burn her. Destroy the woman, you destroy the past she represents.“ Respekt für Frauen, insbesondere für seine Modelle, klingt anders.

Für Gadsby ist in Anbetracht dessen der Genie-Kult um Picasso nur schwer zu ertragen. Sie kritisiert besonders das Verhältnis des Künstlers zu der minderjährigen Marie-Thérèse Walter: „She was 17 when they met: underage. Picasso, he was 42, at the height of his career. Does it matter? It actually does matter.“ Nicht nur Picassos Einstellung gegenüber Frauen sei problematisch gewesen, sondern auch seine Darstellung des weiblichen Körpers. Kubismus sei nichts anderes als „putting a kaleidoscope filter on your dick; painting flesh vases for your dick flowers“, so Gadsby. Am Beispiel von Picasso macht sie klar, dass es längst nicht mehr angemessen sein kann, ein Kunstwerk nur für sich sprechen zu lassen. Der Entstehungshintergrund spielt ebenso eine Rolle, wie der Blick eines Künstlers auf sein Modell – erst recht, wenn es sich um ein Kind handelt.

 

Vom Balthus-Mysterium zur Balthus-Debatte

Der Künstler Balthus hätte Gadsbys Standpunkt widersprochen. Er hatte sich gewünscht, dass sein Werk von seiner Person getrennt zu halten sei. Er soll gesagt haben: „Der beste Weg anzufangen, ist zu sagen, ‚Balthus ist ein Maler, über den nichts bekannt ist. Wenden wir uns jetzt seinen Werken zu.'“ Zu Lebzeiten machte Balthasar Kłossowski de Rola (1908–2001) dies zu einer Vorgabe und so wurde etwa im Katalog zu einer Ausstellung in der Tate London 1968 in der Einleitung betont: „Was privat ist, muss privat bleiben: Das ist Balthus‘ Haltung und es war sein dringender Wunsch, dass dieser Katalog nichts Biografisches enthält.“

Auch das Kunstforum Wien versuchte 2016 in seiner Ausstellung dieses „Mysterium, ein Rätsel am Rande der Moderne“ zu bewahren. Im Rahmen der ersten Balthus-Retrospektive in Österreich ließ man seine Werke eher für sich sprechen, ohne auf die Kontroversen einzugehen, die der Maler vor allem in den letzten Jahren ausgelöst hatte. Balthus, der sich nie den künstlerischen Gruppen und Bewegungen seiner Zeit angeschlossen hatte, widmet sich in seinem Werk immer wiederkehrenden Themen: Katzen und Spiegel, Geschwistermotive und eben auch junge Mädchen in fast immer gleichen Posen. Das vermeintlich Liebliche kippt oft in das Unheimliche oder sogar in das Abgründige.

Würde eine weitere Kontextualisierung der Werke das Mysterium des Künstlers ein Stück weit zerstören? Wahrscheinlich. Könnte sich das Abgründige in eine andere Richtung in den Augen des Betrachters entwickeln? Vielleicht. Die Notwendigkeit einer weiteren Kontextualisierung besteht jedenfalls. Sie zeigt sich auch daran, dass 2014 im Essener Museum Folkwang eine geplante Balthus-Ausstellung abgesagt wurde. Die Ausstellung sollte Polaroid-Aufnahmen beinhalten, die der damals über 80-jährige Künstler von seinem Modell Anna Wahli gemacht hatte. Das Mädchen war zu Beginn der Aufnahmen acht Jahre alt. Balthus fotografierte sie bis zu ihrem 16. Lebensjahr – oft eher weniger als mehr bekleidet. Die Aufnahmen entstanden in den 1990er Jahren, nur wenige Jahre vor dem Tod des Künstlers.

Hanno Rauterberg sprach in der ZEIT im Dezember 2013 im Hinblick auf die Ausstellung in Essen von einer geplanten Besichtigung des Modells, das „erst Lustobjekt des greisen Malers, jetzt Schauobjekt der gaffenden Menge“ werden sollte. Auch Tim Ackermann attestierte in einem Artikel in der WELT direkt eine „pädophile Lüsternheit“, die kein leicht zu übersehendes Randthema im Werk von Balthus wäre, sondern im Gegenteil: sie sei das große Thema seiner künstlerischen Arbeit. Um die letztendliche Absagen der Ausstellung in Essen sei es nicht schade gewesen, so Ackermann. Tatsächlich war es aber doch schade darum. Denn kontroverse Themen verschwinden nicht, indem man sie totschweigt. Und kontroverse Kunst existiert weiter, auch wenn man sie nicht zeigt.

Die Werke von Balthus nicht in einer Ausstellung zu zeigen, sie nicht öffentlich zu diskutieren, erschwert die gesellschaftliche Debatte darüber. Denn es geht hier nicht nur um Balthus allein. Paul Gauguin, Alexej Jawlensky, Ernst Ludwig Kirchner oder, wie bereits erwähnt, Picasso – die Liste von Künstlern, die man ebenfalls kritisch wegen den Beziehungen zu ihren minderjährigen Modellen hinterfragen sollte, ließe sich fortführen – das betont auch Jerry Saltz bei Vulture im Bezug auf die Balthus-Debatte. Man kann nicht die Museen leer räumen. Aber was trägt es zum gesellschaftlichen Diskurs bei, wenn zwar Kunsthistoriker um die Entstehungsbedingungen der Werke dieser Künstler wissen, es aber gegenüber der Öffentlichkeit in Ausstellungen nicht thematisiert bzw. problematisiert wird?

 

Museen als Orte der Diskussion

Im Dezember 2017 forderte die New Yorker Unternehmerin Mia Merrill das Metropolitan Museum of Art dazu auf, das Gemälde „Thérèse Dreaming“ (1938) von Balthus aus seiner Dauerausstellung zu entfernen – oder das Werk zumindest mit einem neuen Begleittext zu versehen. Die Tatsache, dass das Museum das Gemälde zeige, ohne auf die Objektivierung von Frauen und die romantisierte Sexualisierung von Kindern hinzuweisen, würde diese Prozesse rechtfertigen oder sie sogar verherrlichen, so Merrill. Ihre Petition wurde von mehr als 11.000 Menschen unterzeichnet. Das Museum reagierte dennoch nicht darauf.

Wichtig ist zu betonen: Es sollte nicht um Zensur gehen. Die Kunst kann nicht beschränkt werden. Es geht hier vielmehr um die Forderung danach, Kunstwerke in einen weiteren Kontext einzubinden und endlich zu thematisieren, unter welchen Bedingungen Werke entstanden sind. Mit dieser Herausforderung sieht sich aktuell auch die Fondation Beyeler konfrontiert, die noch bis 1. Januar 2019 rund 40 zentrale Gemälde von Balthus aus allen Schaffensphasen des Künstlers zeigt. Das Museum versucht dabei, laut eigener Aussage, die „provokanten Strategien der bildlichen Inszenierung und damit nicht zuletzt die Ironie und Abgründigkeit“ des Werkes von Balthus zu beleuchten. Die Fondation Beyeler zeigt in der Ausstellung daher bewusst auch das Gemälde „Thérèse Dreaming“ als Leihgabe aus dem Metropolitan Museum of Art. Das abgebildete Mädchen, Thérèse Blanchard, war ein Lieblingsmodell des Künstlers. Sie war 12 oder 13 Jahre alt, als das Bild 1938 entstand. Balthus portraitierte das Mädchen mehrfach, häufig in einer Weise, die vieldeutige Interpretationen zulässt. Bis zu seinem Tod hatte Balthus oft bestritten, dass die meisten seine Werke in irgendeiner Art als sexualisierend angesehen werden könnten. Bilder wie z.B. „André Derain“ (1936) oder „Les Beaux Jours“ (1944-46) lassen dies aber bezweifeln.

Im Ausstellungskatalog und auch auf der Museumswebsite räumt die Fondation Beyeler ein, dass eine Ausstellung zu Balthus eine besondere Herausforderung darstellt. Kunst, so die Ausstellungsmacher, zeichne sich in besonderem Maße durch Ambivalenz und eine Perspektiv-Vielfalt auf die Welt aus, die jenseits des Guten auch abgründige, irritierende und provokative Aspekte mit einschließt, die aber ebenso zur Fantasie des Menschen und zum menschlichen Dasein gehören würde. Das Museum stellt den Künstler Balthus bewusst zur Diskussion – sein Werk, mitsamt biographischem Kontext, aber auch den Umgang mit diesem. Auf Stimmen aus dem Publikum hofft das Museum auf einer eigens eingerichteten (bisher wenig Anklang findenden) Online-Diskussionsplattform, aber auch vor Ort auf einer Feedback-Wand in einem Nebenraum der Ausstellung: „Was fasziniert, irritiert oder überrascht Sie an Balthus‘ Bildern?“ wird hier gefragt. In der Ausstellung stehen Ansprechpartner, an einem großen „Ask Me“ Button erkenntlich, für Fragen bereit. Zudem bietet die Fondation Beyeler jeden Sonntag die Veranstaltungsreihe „Balthus im Gespräch“ an. Hier werden im Anschluss an die öffentlichen Führungen nochmals Fragen der Besucher aufgegriffen und direkt vor den Bildern des Künstlers diskutiert. Geplant ist schließlich auch eine Gesprächsrunde zur Frage der Kunstfreiheit, ausgehend von der Debatte um Balthus‘ Bilderwelt. Und es gibt natürlich auch erste Diskussionen in Social Media, etwa unter Beiträgen auf der Facebook-Seite des Museums. Die Fondation Beyeler bietet mit all diesen Möglichkeiten in jedem Fall ein breites Angebot, zu einem Ort dieser aktuellen Debatte zu werden.

 

Vom Raum zum Akteur

Wünschenswert wäre gewesen, wenn sich die Fondation Beyeler auch in den Begleittexten zur Ausstellung selbst etwas kritischer mit Balthus‘ Werk auseinandergesetzt hätte. Einzig zum viel diskutierten Werk „Thérèse rêvant“ wird auf die aktuelle Debatte und Diskussionsmöglichkeiten im Museum eingegangen, nicht ohne vorher aber die „charakteristische Spannung zwischen kindlicher Unbekümmertheit und verführerischer Erotik“ zu rühmen. Auch wenn von „träumerisch selbstvergessenen Mädchen“ in „geheimnisvoller, intimer Szene“ die Rede ist („Les Beaux Jours“, 1944–1946), fragt man sich, ob das Museum überhaupt dazu bereit ist, auch selbst eine kritische Auseinandersetzung mit Balthus‘ Werk einzugehen. Schließlich kann es, wenn man eine Debatte anstrebt, ja nicht nur darum gehen, auf Fragen des Publikums zu reagieren.

Man hätte an dieser Stelle auch als Institution eine Position beziehen und einen aktiven Schritt in den Diskurs gehen können, indem man etwa mehr Distanz in den Ausstellungstexten wahrt, indem man im begleitend erschienenen Ausstellungskatalog auch kritischeren Stimmen Platz einräumt, und indem man die eigene Rolle als Kulturinstitution in diesem Diskurs stärker hinterfragt. Statt dessen bleibt es doch ein Stück weit beim Genie-Kult um „einen der letzten grossen Meister der Kunst des 20. Jahrhunderts“, wie es zu Beginn des Ausstellungskataloges heißt. Das ist nicht der glücklichste Ausgangspunkt für eine Debatte, die man in Anbetracht von #MeToo und Hannah Gadsbys „Nanette“ hätte führen können.

 

Balthus

Fondation Beyeler
02.09.2018 – 01.01.2019

Mehr zur Ausstellung

Zur Diskussionsplattform #BalthusDiscuss

 

>>> Der Beitrag entstand im Rahmen der Bloggerreise #BeyelerBalthus, die von der Fondation Beyeler und Basel Tourismus initiiert und finanziert wurde. MusErMeKu dankt dem Museum für die Bereitstellung des Ausstellungskatalogs als Rezensionsexemplar.

Bilder: Angelika Schoder – Fondation Beyeler, 2018

9 Gedanken zu „Von Hannah Gadsby bis Balthus: Museen als Orte aktueller Debatten

  1. Gülay Gün Antworten

    Sehr guter Text, vielen Dank. Aus meiner Sicht gäbe es noch sehr viel mehr Potenzial zu Diskussion und Kommunikation bei der Feedback Wand. Das Eingeständnis, dass das Ausstellen von Balthus „abgründige, irritierende und provokative Aspekte“ mit einschließen würde, leuchtet mir ein. Ich würde aber dem Argument zustimmen, dass das Museum so noch kein „Akteur“ wird, sondern aus meiner Sicht eine „nur“ Plattform bleibt. Hier hat m. E. sehr viel Mut gefehlt. Können sich das Museen in der heutigen Zeit leisten? Oder: Kann man Museen bei dieser Hilflosigkeit unterstützen?

    • Angelika Schoder Autor des Beitrags

      Liebe Gülay,

      ja aktuell ist das Museum hier eher ein Raum für Diskussionen, ohne aber wirklich selbst ein Teil davon zu sein. Was jetzt in den ersten Tagen nach Ausstellungseröffnung auffällt, ist, dass bei den Besuchern vor Ort (oder Interessenten außerhalb) eher ein Interesse an direkten Gesprächen zu bestehen scheint. Auf der Feedback-Wand gibt es nach knapp einer Woche erst sehr wenige Kommentare – und die sind fast alle positiv, nach dem Motto: Toll dass die Bilder gezeigt werden. / Toll, dass es Raum für Diskussion gibt. Aber da hört es dann oft auf. Auch das Online-Diskussionsforum bleibt still. In der Fondation Beyeler wird das Ask-Me Angebot hingegen schon rege genutzt, aber auch da eher in die Richtung: „Erzählen Sie mir doch mal was über den Künstler.“

      Für eine Diskussion bräuchten die Beteiligten zunächst erst einmal einen Kenntnisstand zum Thema. In der Art, wie die Werke im Moment gezeigt werden, braucht es sehr viel Eigenengagement der Besucher, sich zu informieren. Die Wanddtexte sind knapp und neutral. Vertiefung gibt es nur im Begleitheft, das aber nicht jeder Besucher mitnimmt bzw. liest. Hat man sich vorher nicht über Balthus informiert und die Kritiken in der Presse verfolgt, steht man dann natürlich vor den Bildern und kommt zu dem Schluss: Ist ja schön gemalt und ein nacktes Mädchen schockt doch heute keinen mehr. Diese Reaktion kommt häufig, wie mir eine Aks-Me Kunstvermittlerin des Museums berichtete.

      Es stellt sich zunächst hier erstmal die Frage: Wie müsste man die Ausstellung gestalten, um die Besucher mit der Debatte vertraut zu machen und sie mit nötigem Hintergrundwissen auszustatten? Und welche Rolle will man dabei als Museum einnehmen – will man Ort der Debatte sein, oder selbst als Akteur ein teil der Debatte werden? Aber wie du auch anmerkst – kann man sich das als Museum leisten? Oder kann man das Risiko aus strukturellen Gründen nicht eingehen?

      Viele Grüße, Angelika

  2. Isabelle Antworten

    Hallo Angelika, vielen Dank für den Artikel. Was ich mich gefragt habe beim Lesen: Welche Rolle spielen Leihgeber? Wird von deren Seite Einfluss genommen auf die Kontextualisierung der entsprechenden Leihgaben (Bsp. Met)? Kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass die Museen und Galerien als Leihnehmer total autonom agieren (könnten), ohne Zustimmung der Leihgeber. À la „Nein, wir geben euch unseren Balthus nicht, wenn ihr den in die Schmuddelecke stellt.“ Weiß man da was? Liebe Grüße

    • Angelika Schoder Autor des Beitrags

      Hallo Isabelle,

      die Leihgeber spielen auf jeden Fall eine Rolle – das sieht man am Beispiel des Bildes „Die Gitarrenstunde“ (1934) von Balthus, das auf Wunsch des Leihgebers nicht öffentlich ausgestellt wird. Wenn ein Museum eine eher auf Diskurs ausgelegte Kontextualisierung von Werken plant – sei es bei Balthus oder bei einem anderen Künstler, es würden sich ja viele anbieten – müssten sicher die Leihgeber zustimmen. Wobei man sowohl Privatpersonen als auch andere Museen vielleicht schon davon überzeugen könnte, ihre Werke auch dann zur Verfügung zu stellen, wenn ein Ausstellungskonzept die Werke – und den Künstler – stärker hinterfragt. Es könnte ja sogar auf Interesse stoßen, etwa wenn Museen ihre Leihgaben so auch für eigene Öffentlichkeitsarbeit nutzen würden. Es kommt vielleicht wirklich auf das Konzept an – und ob es die Leihgeber überzeugt.

      Viele Grüße, Angelika

  3. Fondation Beyeler Antworten

    Liebe Angelika

    grosses Dankeschön für den fundierten Artikel. Die Fragen wie und ob Kunstwerke von der Biographie des Künstlers getrennt gesehen werden sollten und ob diese Objektivität bei solch gefeierten Künstlern überhaupt möglich ist, ist nicht einfach zu beantworten.

    Als Museum halten wir es für wichtig der Meinungsvielfalt einen Raum zu lassen. Basierend darauf ist auch die Entscheidung getroffen worden mehrere Diskussionsplattformen anzubieten, die Werke in der Ausstellung aber für sich sprechen zu lassen, sodass jede und jeder die Möglichkeit hat, sich selbst ein Bild zu machen. Wir sind jedoch interessiert zu hören, wie wir dies verbessern könnten. Wie könnten wir mutigere aktivere Akteure werden ohne den Besuchenden eine eigene Meinungsbildung vorweg zu nehmen?

    Interessant ist auch zu beobachten, wie unterschiedliche Kulturen und Altersgruppen auf die Werke reagieren und wie sich die Rezeption und Kritik über die Jahre verändert hat.

    Wir freuen uns auf den weiteren Austausch.

    Die Fondation Beyeler

    • Angelika Schoder Autor des Beitrags

      Danke für das Feedback!

      Mich hat es überrascht, dass die Reaktionen des Publikums – aber auch der Presse – bisher überwiegend positiv waren. Die Debatte um das Bild des MET ist erst wenige Monate her und die Diskussion um die geplante Balthus-Ausstellung in Essen ist erst 4 Jahre her. Lag die Absage der Ausstellung im Museum Folkwang z.B. wirklich nur an der geplanten Integrierung der Polaroid-Fotos von Anna Wahli? Hätte die Ausstellung damals ohne die Fotos stattfinden können? Wie wären die Reaktionen der Öffentlichkeit gewesen, wenn die Fondation Beyeler die Fotos diesmal gezeigt hätte? Das Museum zeigt die Bilder nicht – es gibt sie ja aber und sie sind mit Balthus verknüpft. Kann man das so leicht ausblenden?

      Für mich persönlich ist es schwer, die Biographie eines Künstlers von dessen Werk zu trennen. Ob bei bildender Kunst, Literatur oder Musik – ich habe oft den Eindruck, dass die Biographie immer dann gerne herangezogen wird, wenn sie sich verkaufsfördernd auf die Kunst auswirkt bzw. man im Marketing damit positiv Aufmerksamkeit generieren kann. Sobald die Künstlerbiographie aber unbequem ist, wird gerne betont, dass man ja Werk und Schöpfer trennen sollte. Die Frage der Trennung ist heute eher Auslegungssache – aus meiner Sicht ist das problematisch.

      Damit sich das Publikum differenziert mit einem Künstler und dessen Werk auseinandersetzen kann, wäre es für mich wichtig, dass Museen umfangreiche Informationen aus verschiedenen Perspektiven zur Verfügung stellen. Dann können Besucher sich auch ein eigenes Urteil bilden. In der aktuellen Ausstellung in der Fondation Beyeler werden allerdings zunächst nicht ausreichend Informationen verschiedener Perspektiven zu Balthus zugänglich gemacht. Es verwundert nicht, wenn Besucher ohne große Vorkenntnisse (Künstler oberflächlich oder unbekannt, Debatten der letzten Jahre / Monate unbekannt oder am Rande gehört und halb vergessen) dann vor den Bildern stehen und diese völlig harmlos finden. Gerade im Fall der Balthus-Ausstellung verlässt sich die Fondation Beyeler, meiner Meinung nach, zu sehr darauf, dass das Publikum bereits umfangreiche Vorkenntnisse mitbringt – und dann gleich in die Diskussion einsteigen möchte. Vielleicht wäre es besser gewesen, als Museum in der Ausstellung noch einen Schritt vorher mit der differenzierten Vermittlung von pro und contra Kritik zu Balthus anzusetzen und die Diskussionsangebote darauf dann aufzubauen.

      Viele Grüße, Angelika

  4. Tanja Kemmer Antworten

    Liebe Angelika,
    vielen Dank für diesen umfassenden Artikel, der die vielen, auch kontroversen Gesdanken zu diesem Thema anführt, ohne zu einem suggestiven Plädoyer in eine vorgegebende Richtung zu werden.
    Ein Gedanke, der sich bei mir festgesetzt hat, vielleicht auch ein wenig aus dem Fokus des Diskurs zieht: So selbstverständlich die Forderung innerhalb dieses Kontext scheint, neben den zeitgeschichtlichen auch die ganz spezifischen biografischen Bedingungen des (männlichen) Künstlers in die Einordung seiner Kunst einzubeziehen, so kurios erscheint es mir angesichts meiner sicherlich völligsubjektiven Erfahrung in der Auseinandersetzung und Vermittlung von Kunst weiblicher Künstler, die sich Themen wie Gewalt, Macht auch im Kontext von Sexualität widmen bzw. gewidmet haben. Ich denke da an z. B. die Schießbilder von Niki de Saint Phalle oder Arbeiten von Louise de Bourgeois. Hier erscheint es geradezu selbstverständlich, die Ursache des „Verstörenden“ in der spezifischen Biografie zu mutmaßen … bei männlichen Künstlern aber offenbar ein Sakrileg, überspitzt formuliert?
    Nicht missverstehen: Ich beziehe mich vor allem auf meine persönlichen Erfahrungen im musealen Kontext, also die Präsentation und Vermittlung von Kunst.

    • Angelika Schoder Autor des Beitrags

      Liebe Tanja,

      ich kann da nur zustimmen. Wie bereits oben in einem Kommentar erwähnt, wird auch meinem Eindruck nach die Biographie gerne einbezogen, wenn es z.B. dem Kunstmarkt oder der Kunstwissenschaft als Vorteil erscheint. Interessanterweise wird bei weiblichen Künstlern das Werk sehr häufig ganz eng mit der Biographie verknüpft, seien es psychische Krankheiten, traumatische Erfahrungen von Gewalt etc. Bei Männern ist der Bezug zur Biographie oft nur von Belang, wenn es um Homosexualität geht (z.B. Bacon, Hockney) oder um politische Erfahrungen (z.B. Ai Weiwei) – grundsätzlich spielt Biographie aber scheinbar nur dann eine Rolle, wenn sie der Vermarktung irgendwie dienlich ist. Ich halte das für sehr selektiv und nicht unbedingt sinnvoll.

      Viele Grüße, Angelika

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