Die Kunst der Restaurierung: Wie entstaubt man Joseph Beuys?

Der Mann mit dem Filzhut hatte ganz schön Staub angesetzt. Bei dem Bild, das Andy Warhol 1980 von seinem Künstler-Kollegen Joseph Beuys geschaffen hatte, war eine Restaurierung dringend notwendig. In wochenlanger Detailarbeit wurde der Siebdruck in der Fondation Beyeler nun von Staubflusen befreit. Wir sprachen jetzt mit Friederike Steckling darüber, wie kompliziert die Restaurierung des Porträts von Joseph Beuys war.

 

Nur mithilfe eines Mikroskops war es möglich, alle Staubflusen von dem Warhol-Siebdruck zu entfernen

Nur mithilfe eines Mikroskops war es möglich, alle Staubflusen von dem Warhol-Siebdruck zu entfernen

 

Joseph Beuys, abgestaubt

Seit 16 Jahren ist Friederike Steckling jetzt schon an der Fondation Beyeler tätig. Sie ist eine von drei Mitarbeitern in der Abteilung für Restaurierung. In den letzten Wochen hat sie sehr viel Zeit mit Joseph Beuys verbracht. Unter dem Mikroskop sammelte sie behutsam Fussel um Fussel aus dessen Hut und entfernte Staub von seinen Lippen und Augenbrauen. Als Andy Warhol 1980 den deutschen Künstler portraitierte, streute er feinen Diamantenstaub in die noch nasse Farbe auf der Leinwand. Über die Jahre erwies sich dieser Untergrund allerdings als regelrechter Fänger für „Hausstaub“. Feine Fasern hatten sich in der unebenen Fläche festgesetzt. Das ließ besonders die schwarzen Bereiche des Bildes unansehnlich wirken und trübte den Kontrast.

Für Friederike Steckling war das Projekt eine Herausforderung, doch dank ihrer langjährigen Erfahrung als Restauratorin kein Problem. Die synthetische schwarze Acrylfarbe des Warhol-Bildes ist bis heute klebrig, was den Hausstaub regelrecht anzog und dessen Ablagerung begünstigte. Es dauerte daher mehrere Wochen, das Portrait von Joseph Beuys zu entfusseln. Auf konventionelle Methoden konnten die Restauratoren dabei nicht zurückgreifen. Ein Abstauben der Gemäldeoberfläche mit weichen Pinseln oder Druckluft war nicht möglich. Die winzigen, von Andy Warhol aufgebrachten Diamantkörnchen auf dem Bild durften nämlich nicht beschädigt oder abgetragen werden. Mit viel Fingerspitzengefühl gelang das Projekt und die Diamantstaub-Partikel konnten von den Hausstaub-Partikeln wieder getrennt werden. Am Ende blieb ein kleines Gläschen mit Fusseln übrig.

 

Was von früheren Restauratoren verfälscht wurde, muss jetzt wieder rückgängig gemacht werden, erklärt Friederike Steckling am Beispiel von Monet

Was von früheren Restauratoren geändert wurde, muss jetzt wieder rückgängig gemacht werden, erklärt Friederike Steckling am Beispiel von Monet

 

Seerosen, bereinigt

Ein anderes Projekt der Restaurierungsabteilung des Museums war das Gemälde „Nymphéas“ (1916-19) von Claude Monet. Verglich man es mit Monets großem Seerosen-Tryptichon, der den Kern der Sammlung Beyeler bildet, fiel auf, dass dieses eine matte Oberfläche hat. „Nymphéas“ hingegen wurde mit einem glänzenden Firnis überzogen. So wie viele Impressionisten, nutze Monet oft keine Versiegelung für seine Werke – dies belegten auch Untersuchungen mit UV-Licht.

Erst im Zuge späterer Restaurierungen wurde ein Acrylharz-Firnis auf einige Ölgemälde aufgetragen, so wie im Fall des Seerosen-Bildes aus der Sammlung des Museums. Das Erscheinungsbild des Gemäldes war damit stark verändert. Die von Monet intendierte matte Oberfläche war verloren. Auch die pastellhafte Oberfläche erschien durch den Firnis anders, denn er erzeugte eine Sättigung, welche den Farben mehr Kontrast und Tiefe verlieh als im Originalzustand.

In der Fondation Beyeler wurde ein Jahr lang getestet, ob der glänzende Acrylharz-Firnis der „Nymphéas“ entfernt werden kann. Vorher musste das Team der Restaurierungsabteilung des Museums sich einen genauen Überblick über das Firnismaterial verschaffen und die originale Malschichtoberfläche analysieren.

 

Im Vergleich mit dem Seerosen-Tryptichon von Monet zeigt sich der Unterschied der Oberflächen mit und ohne glänzendem Firnis

Im Vergleich mit dem Seerosen-Tryptichon von Monet zeigt sich der Unterschied der Oberflächen mit und ohne glänzendem Firnis

 

Kunst, bestmöglich bewahrt

Die Fondation Beyeler macht die 300 Werke ihrer Sammlung in wechselnden Ausstellungen immer wieder zugänglich. Die Gemälde, Skulpturen und Installationen werden damit aber nicht nur den Blicken von Besuchern ausgesetzt, sondern auch Tageslicht, Luft und Staub. Die Hauptaufgabe der museumseigenen Abteilung für Restaurierung ist es, die Werke bestmöglich zu erhalten, vor Schäden zu bewahren oder diese rückgängig zu machen, wenn sie einmal aufgetreten sind.

Diese Aufgabe übernehmen zwei ständige Mitarbeiter und eine regelmäßig wechselnde Nachwuchskraft, die aber bereits über eine abgeschlossene Ausbildung zum Restaurator verfügen muss. Oft haben diese Nachwuchsrestauratoren bereits vorher Kunst oder Chemie studiert und umfangreiche Erfahrungen in Restaurierungsprojekten gesammelt. Wer an der Fondation Beyeler tätig ist, bekommt keine „Probeobjekte“. Restauriert wird direkt an den wertvollen Originalen der Sammlung.

 

Friederike Steckling mit einer speziellen Klimakiste für Gemälde. Bei vielen Transporten reisen die Restauratoren mit den Kunstwerken, um deren Unversehrtheit sicherzustellen

Friederike Steckling mit einer speziellen Klimakiste für Gemälde. Bei vielen Transporten reisen die Restauratoren mit den Kunstwerken mit, um deren Unversehrtheit sicherzustellen

 

Was ist die Aufgabe von Restauratoren?

 

Konservierung

Zur Arbeit der Restauratoren gehört zunächst die Konservierung der Werke. Sie kümmern sich um den Schutz der Kunst und stellen sicher, dass diese auch für kommende Generationen erhalten bleibt. Mithilfe von Präventionsmaßnahmen können sie Schäden an Werken aufhalten. Hierzu ist es wichtig, für optimale Bedingungen im Umfeld der Kunstwerke zu sorgen, etwa was Klima- und Lichteinwirkung angeht. Die Restauratoren überwachen aber auch den Transport von Werken, deren Auf- und Abbau sowie deren Aufbewahrung.

 

Restaurierung

Eine weitere Aufgabe ist die eigentliche Restaurierung von Werken. Wenn entweder der Originalzustand eines Kunstwerks wieder hergestellt werden muss, oder wenn das Material Gefahr läuft, beschädigt zu werden, greifen die Restauratoren ein. Hierfür ist ein umfangreiches Wissen von Materialien, Konservierungsmaßnahmen und restaurativer Methoden notwendig. Sehr viel Erfahrung und Spezialisierung auf bestimmte Teilbereiche sind ebenso wichtig. Auch die Fondation Beyeler kooperiert immer wieder mit Spezialisten und Experten zu einzelnen Schwerpunkten.

 

Mikroskopaufnahmen machen Details von Kunstwerken sichtbar und ermöglichen die genaue Analyse von Schäden und Veränderungen der Werkoberfläche

Mikroskopaufnahmen machen Details von Kunstwerken sichtbar und ermöglichen die genaue Analyse von Schäden und Veränderungen der Werkoberfläche

 

Dokumentation

Auch die Dokumentation von Kunstwerken gehört zu den Aufgaben von Restauratoren. Dies stellt sicher, dass selbst die kleinsten Veränderungen an Werken berücksichtigt werden können. Zu den Methoden zählt hier die fotografische Dokumentation unter verschiedenen Lichtverhältnissen, die digitale Erfassung von Werken und die schriftliche Dokumentation von verwendeten Materialien und Techniken. All dies erleichtert zukünftigen Restauratoren den Umgang mit den Kunstwerken.

 

Forschung

Schließlich gehört auch die Forschung mit zum Arbeitsalltag von Restauratoren. Ob Materialien, genutzte Techniken oder Herstellungsmethoden – alle Aspekte eines Kunstwerks werden erforscht. Hierzu zählt auch die wissenschaftliche Analyse chemischer, biologischer und physikalischer Prozesse. Anhand der so gewonnenen Erkenntnisse werden auch konservatorische Konzepte entwickelt.

 

Einblicke in die Restaurierungsarbeit

Die Restauratoren der Fondation Beyeler arbeiten im Untergeschoss des Gebäudes. Hier können Museumsbesucher durch eine Glastür das Team bei der Arbeit beobachten.

Zur Sammlung der Fondation Beyeler

 

>>> Der Beitrag entstand im Rahmen der Bloggerreise #MeetBaselitzBasel, die von der Fondation Beyeler und dem Kunstmuseum Basel initiiert und finanziert wurde.

 

Bilder: Angelika Schoder – Fondation Beyeler, 2018

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