Warum die Kulturbranche kaputt ist, Hauptsache hygge und endlich ein Sündenbot

MusErMeKu – Nicht-Newsletter – Nr. 17, 07/2017

– Frage des Monats: Ist die Kulturbranche kaputt? –
– Thema des Monats: Hauptsache hygge –
– Twitter des Monats: Sündenbot –
– Instagram des Monats: Scenic Simpsons –
– Tumblr des Monats: Alternative für Mond –

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Frage des Monats

Ist die Kulturbranche kaputt?

 

Die Gratis-Mentalität

Auch wenn viele kultur- und geisteswissenschaftliche Studiengänge nach wie vor keine Praktika in ihren Studienordnungen vorsehen, praktische Erfahrungen sind im Kulturbereich oft eine Einstellungsvoraussetzung. Wer sich um eine Stelle bewirbt – und sei es nur eine Praktikumsstelle – sollte möglichst bereits praktische Erfahrungen vorweisen können. Wer bereits ein Praktikum absolviert hat, bekommt einfach leichter ein Praktikum – dieses Paradoxon stellen viele Studierende der Geisteswissenschaften schon lange nicht mehr infrage, sie nehmen es notgedrungen hin.

Angesichts dieser Praxis in der Kulturbranche führte MuseumNext vor kurzem in seiner Community eine Umfrage zu Praktika durch. 59% der befragten Museumsmitarbeiter gaben an, vor ihrem Berufseintritt mindestens ein Praktikum absolviert zu haben, das für ihren Job im Museumsbereich relevante Erfahrungen gebracht hätte. Bei 17% der Befragten lag die Praktikumsdauer bei bis zu 6 Monaten, 18% absolvierten ein bis zu 12-monatiges Praktikum und bei 25% der Befragten lag die Praktikumszeit sogar bei über 12 Monaten. 48% aller Befragten hatten für ihr Praktikum keine Bezahlung erhalten.

 

Keinen Bock mehr auf Ausbeutung

Die Amerikanerin Claire, die sich nicht nur als Autorin von The Female Gaze für die Bezahlung von Praktikanten im Kulturbereich eingesetzt hat, wirft jetzt das Handtuch. Sie hat die Nase voll, in der Kulturbranche weiter zu kämpfen und weiter dankbar für jede sich ihr bietende Möglichkeit zu sein, die einfach nur an Ausbeutung grenzt.

Clair bewarb sich schließlich für alle möglichen Jobs, die ein festes Einkommen versprachen und stellte schnell fest, dass sie auch mit ihrem Museumshintergrund ganz gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt außerhalb der Kultur hatte. Nun hat sie ihren Job angetreten, der ihr plötzlich Arbeitgeberleistungen und eine Work-Life-Balance bietet – im Kulturbereich für sie vorher 6 Jahre lang nicht denkbar. Ihre Resümee: „It’s not cowardice to give up on an abusive field.“

 

Späte Rache?

Wer den Kulturbereich verlässt, bekommt ja vielleicht bei Google einen Job, um dort „die richtigen Fragen zu finden“. Das prognostiziert zumindest Britta Weddeling für die Zukunft. „Alte Karrierewege“ würden bald prekär und Geisteswissenschaftler werden zu gefragten Flexibilitäts-Experten auf dem Arbeitsmarkt, so die US-Korrespondentin des Handelsblatts. Die „Rache der Geisteswissenschaftler“ wird kommen, wenn die Maschinen alle „vernünftigen Jobs“ übernehmen. Na dann hoffen wir mal, dass Skynet möglichst bald die Weltherrschaft übernimmt und Google dann wirklich für alle Geisteswissenschaftler einen tollen Job hat.

 

Jim Richardson, MuseumNext: Eye Opening Stats on Museum Internships

Claire, The Female Gaze: It’s Brave to Quit the Museum Field: Part One

Britta Weddeling, Handelsblett: Die späte Rache der Geisteswissenschaftler


 

Thema des Monats

Hauptsache hygge

Bei Instagram liefert das Hashtag #hygge über 2,1 Millionen Treffer, #hyggelig geht bereits in Richtung 60.000. Das Wort „hyggelig“ ist ein im Dänischen häufig genutztes Wort, das „gemütlich“, „angenehm“ und „nett“ bedeutet. Es steht außerdem für „geborgen“ oder „im trauten Heim“ – ein nationales Stereotyp als weltweiter Exportschlager.

 

Zwischen Bullerbü und Nordseestrand

Ein Trend, der im Digitalen funktioniert, muss sich scheinbar zwangsläufig auch im Print niederschlagen, etwa im Magazin „hygge. Einfach glücklich sein“. Die Publikation von G&J und wird von Bernd Henningsen vom Nordeuropa-Institut der Berliner Humboldt-Universität mit einiger Verwunderung aufgenommen. „Der Zeitgeist weht, wo er will, manchmal um viele Ecken und ohne dass er gebraucht würde“, stellt er in einem Artikel fest. „Hatten frühere Generation im Norden das Idealbild des arischen Menschen gefunden, so ist es heute eine vorgestellte Welt zwischen Bullerbü und Nordseestrand, eben hygge, coziness, Gemütlichkeit.“

Das Heft, das sich an „Frauen zwischen 25 und 55 Jahren“ richtet, zelebriert eine Form des Eskapismus, der sich in Badeseen und Birkenwäldern spiegelt. „Früher war Kur auf Kasse, heute ist hygge für fünf Euro“, stellt Henningsen fest und fragt gleichzeitig, ob angesichts der aktuellen politischen Debatten in der deutschen und skandinavischen Gesellschaft die Suche nach dem Glück nicht doch eher weniger mit Mittsommer-Sonnenfotos zu tun hat. Spielt die Suche nach Sicherheit im Alltag nicht eine größere Rolle für unser Glück? Sind Arbeitsplatzsicherheit, soziale und gesundheitliche Sicherheit und Gewissheit über eine würdige Alterssicherheit nicht eher wesentlichere Themen, die unser Lebe bestimmen?

 

Heimchen und Herd

Es wäre schön, wenn „Gemeinsam kochen, lachen, Beeren sammeln … unser Leben so hyggelig macht“, wie das Magazin aus Hamburg es vermitteln möchte. Und es ist damit nicht allein – in den USA, ebenso wie in vielen anderen Ländern in Europa, ist das Prinzip „hygge“ seit rund zwei Jahren der ultimative Lifestyle-Trend. Dabei zeigt die Motivik ein Weltbild von Gestern, wie Henningsen feststellt: „[D]ie Welt der fünfziger Jahre, Heimchen und Herd im Ambiente des 21. Jahrhunderts – das Leben ist ein Ponyhof“. In der IKEA-Katalog-Ästhetik sind Feminismus und „Genderwahn“ von gestern. Männer sind nur Randerscheinungen, die Frau konzentriert sich aufs Kochen, Backen und Heimdeko.

Skandinavistik-Professor Henningsen empfiehlt in seinem Blogbeitrag konsequent den Realitätsabgleich, nicht nur weil das Konzept „hygge“ die Länder Dänemark, Schweden und Norwegen in einen stereotypen Topf wirft, wie er anmerkt: „Mord und Totschlag, Alkoholismus und unprovozierte Gewalt gibt es auch im Alltag des Nordens; hygge kann auch ganz schön ungemütlich sein.“

 

Bernd Henningsen, Nordeuropaforum.blog: Einfach glücklich sein

 


 

Twitter des Monats

Sündenbot

Keiner braucht mehr einen Sündenbock, wenn er den Sündenbot bei Twitter haben kann. Der Bot von Gregor Weichbrodt entschuldigt sich für Katastrophen zwischen 735 v.Chr. und 2016. Die Daten werden aus Listen und Tabellen aus Wikipedia gezogen, bevor der Bot eine Entschuldigung aus ihnen formuliert und bei Twitter postet. Übrigens: Manchmal entschuldigt sich der Bot auch nicht, denn man kann sich nicht für alles entschuldigen. Die Entscheidung, für was sich der Sündenbot entschuldigt und für was nicht, wird ganz ihm selbst überlassen – via Zufallsfunktion.

 

⇒ @suendenbot


 

Instagram des Monats

Scenic Simpsons

Instagram ist mehr als #hygge und #hyggelig, mehr als Beerentörtchen und Sonnenuntergänge. Auch die Simpsons finden bei Instagram statt, genauer gesagt die surrealsten Szenen aus Staffel 1 bis 10. Kinder der 90er Jahre dürften den Account zu schätzen wissen, denn sie sind mit den Folgen von 1991 bis 1999 aufgewachsen. Während Millennials mit dem Instagram-Account vielleicht nicht viel anfangen werden, können Simpsons-Fans der ersten Stunde die alten Folgen hier noch einmal Revue passieren lassen.

 

⇒ @scenic_simpsons


 

Tumblr des Monats

Alternative für Mond

Gregor Weichbrodt hat uns nicht nur so schöne Dinge wie den „Sündenbot“ beschert. Er steht auch hinter dem Tumblr „Alternative für Mond“. Es sind seltene s/w Fotos, die vermutlich von Aldebaranern von einer Reichsflugscheibe aus aufgenommen wurden. Oder so ähnlich…

 

⇒ Alternative für Mond


 

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Header-Bild: Angelika Schoder – Saint-Denis, 2017

Ein Gedanke zu „Warum die Kulturbranche kaputt ist, Hauptsache hygge und endlich ein Sündenbot

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