Die Kunst der Museumsführung / #ausgegraben

Jeder, der im Museumsbereich tätig ist und sich mit dem Thema Kulturvermittlung beschäftigt, sieht sich irgendwann mit der Frage konfrontiert: Was gehört zu einer wirklich guten Ausstellungsführung?

Diskutieren möchte ich diese Frage anhand des Social Media Abends #ausgegraben, der am 1. Februar 2016 im Archäologischen Museum Hamburg stattfand und der sich rund um die damalige Sonderausstellung „Ausgegraben: Harburg archäologisch“ drehte. Herz des Events für die regionale Social Media Community war nämlich eine, aus meiner Sicht, sehr gelungene Museumsführung, bei der es sich lohnt, diese genauer zu betrachten.

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Abgesehen von der Tatsache, dass fast alle Teilnehmer den Abend sehr gelungen fanden – was im Storify zu #ausgegraben nachgelesen werden kann – ergaben sich für mich bei der Veranstaltung einige Erkenntnisse: Zum einen stellte ich fest, dass das Multiplatforming, die parallele Nutzung verschiedener Social Media Kanäle in einer unvermeidlichen Mischung aus semiprivaten und beruflichen Profilen während eines solchen Events, ebenso wichtig wie anstrengend ist. Zum anderen machte ich mir zu verschiedenen Aspekten rund um das Thema Museumsführung Gedanken, weil ich mich damals selbst auf eine Museumsführung vorbereitete, und zwar meine erste richtige Museumsführung nach fast 10 Jahren Pause. Insofern war die Führung im Archäologischen Museum Hamburg eine gute Inspiration für mich, wie ich meine anstehende eigene Führung gestalten könnte.

 

Was macht eine gute Museumsführung aus?

Ich möchte hier das Beispiel der Museumsführung zu #ausgegraben nutzen um zu erklären, was man aus meiner Sicht braucht, um ein guter Museumsführer zu sein:

 

Sympathie und Autorität

Man braucht ein gesundes Gleichgewicht zwischen Sympathie und Autorität. Man muss unterhaltsam bleiben und dabei lehren, ohne zu belehren. Autorität ist etwas, was man bei Menschen gewinnen muss – im Gegensatz dazu wäre Autoritarismus (bei Museumsführern: Arroganz) die Waffe von denen, die keine Autorität besitzen. Es gibt Menschen, wie der Museumsführer meiner Gruppe, Archäologe Kay-Peter Suchowa, die von Grund auf sympathisch wirken. Doch diese Wirkung kann man auch trainieren. Oft reicht es sogar schon, wenn man den Besucher einfach auf Augenhöhe anspricht, wenn man ihm nicht den Eindruck vermittelt, man wäre etwas Besseres, nur weil man etwas mehr über ein Thema weiß.

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Fundiertes Wissen

Um die oben genannte Autorität zu bekommen, braucht man ein fundiertes, natürliches Wissen über die Materie. Fakten einfach auswendig zu lernen, als wäre die Führung eine Prüfung, hilft nicht. Im besten Fall hat man bei der Entstehung der Ausstellung mitgewirkt – ansonsten sollte man zumindest eine besondere Affinität für das Thema haben. Nur dann wirkt die Wissensvermittlung wie ein angenehmer Prozess, nicht nur für den Museumsführer sondern auch für die Führungsteilnehmer. Denn warum sollten sich Besucher für etwas interessieren, wenn sie merken, dass der Mensch, der ihnen versucht das Thema zu vermitteln, sich nicht selbst dafür interessiert?

Man muss als Museumsführer nicht alles wissen und man sollte auch nicht versuchen, alles zu erklären. Wenn man sich an etwas gerade nicht erinnern kann, darf man es gerne überspringen oder es – wenn möglich – in den Ausstellungstexten nachlesen. Wenn die Besucher etwas wissen möchten, was man nicht weiß, sollte man es locker zugeben. Und man sollte rechtzeitig merken, wenn man die Besucher mit zu viel (für sie vielleicht irrelevantes) Fachwissen langweilt.

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Erklärung von Zusammenhängen

Eine gute Führung soll Interesse wecken und unterhalten. Dabei geht es besonders um das Erklären von Hintergründen und Zusammenhängen und nicht nur um die Vermittlung von harten Daten, denn diese könnten jederzeit von den Besuchern auch zu Hause nachgeschlagen werden und sind nach einer Führung sowieso bald vergessen. Während und nach der Museumsführung zu #ausgegraben stellte ich z.B. fest, dass alle Besucher mit denen ich sprach, zwei der wichtigsten Prinzipien der Archäologie an dem Abend verstanden und verinnerlicht hatten:

1) Schriftliche Quellen lügen oft, archäologische Funde hingegen nie (bzw. können höchstens falsch interpretiert werden); und 2) archäologische Objekte sind meist das, was man weggeworfen oder verloren hat, deshalb wird Archäologie meistens dort betrieben, wo Menschen Mühl verursacht haben. Diese Informationen waren in der Ausstellung gut dargestellt. Trotzdem wurden sie von den Besuchern viel besser verstanden, dadurch dass der Museumsführer sie mit einer gewissen Coolness erklärte.

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Anpassungsfähigkeit

Letztendlich muss jeder gute Museumsführer anpassungsfähig sein. Man kann zwar Besuchergruppen in verschiedene Zielgruppen mit unterschiedlichen Ansprüchen und Bedürfnissen unterteilen, aber man sollte sich immer bewusst sein, dass es nie zweimal die gleiche Gruppe geben wird. Die erfolgreiche Wissensvermittlung funktioniert nur, wenn man die Führung nicht als strengen Monolog gestaltet und immer Empathie für die Bedürfnisse der Besucher zeigt.

 

Resümee

Bei der Craft Beer Verkostung nach der Museumsführung zu #ausgegraben hatten alle Teilnehmer etwas über die Vergangenheit von Harburg gelernt – und einiges an Social Media Content generiert. Viel wichtiger als der digital sichtbare Erfolg des Abends für das Archäologische Museum Hamburg ist aus meiner Sicht jedoch der Mehrwert des Events für die Besucher, denn auch diejenigen, die vorher vielleicht nicht wussten, was Archäologie genau ist, hatten es nach der Museumsführung verstanden. Und genau diese nachhaltige Art der Wissensvermittlung ist die Aufgabe eines Museums.

Führungen können ein sehr wirksames pädagogisches Werkzeug sein. Sie als solches zu gestalten benötigt etwas Talent, Engagement und ziemlich viel Arbeit.

 

Header-Bild: Angelika Schoder, 2015

13 Antworten auf „Die Kunst der Museumsführung / #ausgegraben“

  1. Hallo Dámian,
    auch wenn ich überhaupt keine Freundin mehr von klassischen Museumsführungen bin: du hast ein paar gute Aspekte zusammengetragen. Vor allem die Anpassungsfähigkeit halte ich für unglaublich wichtig. Man sollte zum Beispiel in der Lage sein, auch kurzfristig auf die Bedürfnisse einer Gruppe eingehen zu können. Ich habe leider allzu oft das Gegenteil erlebt. Dass Kolleginnen ihren Stiefel durchziehen – egal ob das Publikum auf etwas ganz anderes aus war.
    Was das Thema „Autorität“ angeht, so sträuben sich mir ein bisschen die Nackenhaare. Man sollte natürlich ein gewisses Selbstbewusstsein vor einer Gruppe ausstrahlen. Aber ich finde es schwierig, wenn man zu sehr deutlich macht, dass man das Wissen hat und das Gegenüber eben nicht. Dialogische Führungen erschöpfen sich meist dann auch in der Frage „“Was sehen Sie?“ und die Antwort wird dann meist anhand des Faktenwissens abgeglichen.
    Ich wünsche mir ja, dass kreative Methoden und Anleitungen zu eigenen Assoziationen Eingang in die Vermittlungsarbeit finden. Allerdings muss ich auch zugeben, dass die meisten Besucher oft auf der klassischen „Berieselung“ bestehen. Weil sie oft keine Fantasie haben, was denn noch so ginge.
    Als Ergänzung vielleicht interessant: habe auch schon mal aufgeschrieben, welche 5 Schritte für eine gelungene Museumsführung zu beachten sind.
    http://www.kulturtussi.de/5-schritte-zu-einer-gelungenen-museumsfuehrung/

    Viele Grüße
    Anke

    1. Hallo Anke,

      ich möchte mich als erstes für deinen Kommentar bedanken. Deinen Artikel zum Thema hatte ich vorher leider übersehen und gerade mit Interesse gelesen.

      Zu deinen Anregungen: Mir ist nicht klar geworden, welche „Kreativen Methoden und Anleitungen“ du anstatt „klassischen Museumsführungen“ bevorzugst. Das würde mich interessieren. Ich betrachte Museumsführungen als ein Kommunikations-Medium. Man kann sie gut, schlecht oder gar nicht machen. Man kann sie durch individuelle Alternativen wie Audioguides oder modernere, digitale Mittel ergänzen oder ersetzen. Tatsache ist: es existiert eine hohe Nachfrage für Museumsführungen. Museale Institutionen sollten, meiner Meinung nach, in dem Bereich etwas anbieten. Meine Erfahrung hat mir immer wieder gezeigt, dass eine gut gemachte Museumsführung extrem wirksam sein kann.

      Kommen wir zum Thema „Autorität“: der Begriff hat für viele Menschen eine negative Konnotation. Ich habe gerade im Duden nachgeschlagen um zu sehen, ob ich es tatsächlich auf Deutsch falsch benutz habe. Das habe ich anscheinend nicht. Besonders weil ich die negativen Aspekte der Autorität mit den begriff „Autoritarismus“ bezeichne. Eigentlich schreibe ich in dem Artikel genau das gleiche wie du hier: Man soll selbstbewusst, aber nicht arrogant sein. Lehren, ohne zu belehren.

      Viele Grüße, Damián

    2. Hallo Damián,

      das mit den Alternativen zur klassischen Museumsführung ist natürlich nicht so einfach aus dem Ärmel zu ziehen. Ich werde am besten darüber noch einmal ausführlicher bloggen. Wie du richtig sagst, ist die Nachfrage nach klassischen Museumsführungen sehr hoch. Es ist schön, dass sich so viele Menschen eine Führung wünschen. Mich treibt allerdings die Frage um: wünschen sie sich eine Führung, weil sie genau das wollen? Oder gibt es einfach zu wenig Alternativen? Das mit dem „extrem wirksam“ würde ich auch gerne mal etwas näher untersuchen.
      Verstehe mich nicht falsch: eine gute Führung kann schon auch etwas bewirken. Und wir kennen sicher alle die begeisterten Aussagen im Stile von „Wenn ich jetzt nicht mit Ihnen in der Führung gewesen wäre, hätte ich gar nichts mitgenommen aus der Ausstellung!“ Und genau an diesem Punkt regt sich dann mein Unbehagen gegenüber „Führungen“.

      Ja, das mit der Autorität ist leider ein bisschen negativ besetzt. Und ich verstehe das mit dem Selbstbewusstsein. Das gilt ja genauso für Vortragsredner. Keiner möchte einem unsicheren und schlecht vorbereiteten Redner zuhören.

      Ich selbst habe leider auch schon viele ausnehmend gute uns selbstbewusste Redner bei Führungen erlebt, die so sehr von dem begeistert waren, was sie zu berichten wussten, dass sie gar nicht mehr aufhören konnten. Und möglichst viel von diesem Wissen preisgeben wollten.

      Ich will mal ein paar Aspekte in einem Blogbeitrag zusammenstellen und vielleicht können wir uns dann blogübergreifend die Bälle zuspielen und das Thema „Führung“ zu einem Gedankenausstausch nutzen, der auch andere inspiriert.

      Viele Grüße von Anke

    1. Hallo Jutta,

      vielen Dank für dein Interesse. Ich freue mich über ein Teilen des Beitrags, z.B. über Social Media. Bitte habe aber Verständnis dass ich einen vollständigen Reblog nicht möchte, wegen des Duplikate Content Problems.

      Grüße aus Hamburg, Damián

  2. Hallo Damián,
    ich denke, damit hast du es auf den Punkt gebracht. Natürlichkeit, gepaart mit Wissen und Flexibilität und dazu das Quäntchen Autorität, um die Gruppe „im Zaum“ zu halten. Mir persönlich wurde auch noch beigebracht, die Individualbesucher nicht zu ignorieren, sondern meine Gruppe stets auch mit Rücksichtnahme auf diese zu positionieren, so dass man sich nicht gegenseitig stört.
    Und was die geschilderte Führung aus Hamburg angeht. Ich war da zwar persönlich nicht dabei. Aber im Hafenradio gibt es ja einen Podcast zu der Führung. Spätestens, wenn einen diese auch ohne Artefakte und Rundgang packt, weiß man, daß da jemand sein geschäft versteht.
    Grüße Carmen

    1. Hallo Carmen,

      danke für dein Feedback. Stimmt, dass die Führung auch im Hafenradio begeistert. Tine Nowak hat den Link in ihrem Kommentar als gute Ergänzung geteilt.

      Gruß aus Hamburg, Damián

  3. Mir würde es in vielen Fällen schon reichen, wenn die Führungen halbwegs fachlich korrekt sind. Ich habe leider schon häufiger (gerade in kleinen Museen) erleben müssen, dass etwa fleißig behauptet wurde, dass im Mittelalter alle dachten, dass die Erde eine Scheibe sei. Das ist natürlich schon länger widerlegt, wird aber gerne noch verbreitet. Stadtführungen sind dabei natürlich noch eine Runde schlimmer.

    1. Hallo,

      das Problem ist, dass viele Institutionen (aus Kostengründen?) mit Ehrenamtlichen oder Freien zusammenarbeiten (müssen) und sich leider nicht immer um deren Schulung bzw. Weiterbildung kümmern (können). Ich habe da schon schlimme Beispiele erlebt, auch und gerade bei Stadtführungen, die je nach Stadt quasi von jedem angeboten werden können – und da ist es dann leider manchmal fachlich auch sehr dünn. Gerade in London habe ich da Abenteuerliches erlebt…

      Viele Grüße, Angelika

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