[Ausstellung] Seit September 2026 ist London um eine Museums-Attraktion reicher: Erstmals ist seit rund 900 Jahren der Wandteppich von Bayeux wieder in Großbritannien zu sehen. Seit 1983 wird der ikonische Teppich eigentlich im Musée de la Tapisserie de Bayeux in der Normandie ausgestellt. Doch nun ist das mittelalterliche Exponat bis Juli 2027 im British Museum zu sehen. Die Tickets für die Ausstellung waren bis Ende 2026 sofort ausgebucht und auch für die restliche Laufzeit der Ausstellung zeichnet sich ab, dass die Nachfrage die Kapazitäten des Museums weit übersteigen wird. Doch wer kein Ticket für “The Bayeux Tapestry” im British Museum ergattern kann, hat noch andere Möglichkeiten eine Version des Wandteppichs von Bayeux zu sehen…

Historisches Kunstwerk mit Meme-Potenzial
Der Wandteppich von Bayeux, auch als Bildteppich der Königin Mathilda bekannt, wurde vermutlich im 11. Jahrhundert von Bischof Odo, dem Halbbruder Wilhelms des Eroberers, in Auftrag gegeben. Er erzählt in Wort und Bild die Geschichte der Ereignisse, die zur Schlacht von Hastings im Jahr 1066 führten. Ursprünglich war er wohl als Schmuck für die neu errichtete Kathedrale von Bayeux vorgesehen und wurde im Laufe der Jahrhunderte an verschieden Orten in Frankreich aufbewahrt oder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, etwa während des Zweiten Weltkrieges 1944 im Louvre in Paris.
Schon im selben Jahr diente der Wandteppich als Vorlage für eine Art Meme: Die Zeitung The New Yorker veröffentlichte damals eine Zeichnung, die sich mit der Landung der Alliierten in der Normandie beschäftigte. Zu sehen waren unter anderem der britische König, Premierminister Winston Churchill und Generalfeldmarschall Bernard Montgomery. Die Illustration lehnte sich deutlich an die mittelalterliche Stickerei an und so wurde die Eroberung Englands im 11. Jahrhundert mit den militärischen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs im 20. Jahrhundert verknüpft.
In den folgenden Jahrzehnten fand der unverwechselbare Stil des Wandteppichs immer wieder Eingang in die Popkultur. Kunstschaffende griffen seine Bildmotive auf, ahmten die ursprüngliche Gestaltung nach oder verfremdeten sie auf humorvolle Weise. Die Szenen wurden dabei nicht nur auf Papier oder Stoff übertragen, sondern auch aus Metall, Holz und Sand gestaltet oder mit LEGO-Steinen nachgebaut. Manche dieser Neuinterpretationen wurden sogar animiert und damit in Bewegung versetzt.
Besonders deutlich zeigt sich die anhaltende Wirkung des Wandteppichs in der Auseinandersetzung mit bekannten Film- und Fernsehproduktionen. So wurden sowohl Ereignisse aus Star Wars als auch die Geschehnisse des Fantasy-Epos Game of Thrones in der Ästhetik der mittelalterlichen Stickerei dargestellt. Auch die Zeichentrickserie The Simpsons griff den Stil in einer Folge auf, ebenso wie der dritte Teil des Animationsfilms Shrek.

Die Baa-Ewe Tapestry
Eine der jüngsten popkulturellen Umsetzungen des Wandteppichs von Bayeux entstand nun zum Stop-Motion-Film “Shaun the Sheep: The Beast of Mossy Bottom”. Im September 2026 wurde im Natural History Museum in London die sogenannte “Baa-Ewe Tapestry” vorgestellt. Das sieben Meter lange Textilkunstwerk ist eine Hommage an den mittelalterlichen Teppich und verbindet dessen Gestaltung mit der Welt der britischen Animationsfigur “Shaun das Schaf”. Das Kunstwerk ist noch bis zum 1. November 2026 im Darwin Centre des Museums zu sehen.
An der Herstellung der “Baa-Ewe Tapestry” waren 15 Designer und Textilfachleute beteiligt. Insgesamt benötigten sie mehr als 180 Stunden für Entwurf und Fertigung. Das fertige Werk ist 50 Zentimeter hoch und besteht aus über fünf Kilometern Garn. Der Teppich mit Shauns Abenteuern hat zehn Farben, wie das Original. Doch eine Farbe wurde hinzugefügt: Auf der letzten Szene des Teppichs trägt Shaun das Schaf eine pinke Weste. Sie trägt die Aufschrift “Shaun the Sheep” und stammt von Olympia Goldmedaillen-Gewinner Tom Daley. Der Sportler, der auch Strick-Influencer ist, trug bei der Präsentation des Teppichs selbst einen passenden Pullover mit den Worten “Tom the Human”.
Die Neuinterpretation des Teppichs von Bayeux widmet sich den chaotischen Abenteuern von Shaun und seinen Freunden im Film “The Beast of Mossy Bottom”. Hier geht es um die Halloween-Vorbereitungen auf der Farm, die durch die Zerstörung des Kürbisbeets durch den ungeschickten Farmer gestört werden. Shauns Versuch, das Problem als Hobby-Wissenschaftler zu lösen, führt zu unvorhergesehenen Folgen, denn der Farmer verschwindet und ein flauschiges Monster treibt in den umliegenden Wäldern sein Unwesen. Mit der “Baa-Ewe Tapestry” rund um Shauns Halloween-Abenteuer geht das Natural History Museum in Konkurrenz zum British Museum, das seit 10. September 2026 und noch bis zum 11. Juli 2027 die originale Bayeux Tapestry zeigt.
- The Baa-Ewe Tapestry: Natural History Museum London, 09.09.-01.11.2026
- The Bayeux Tapestry: British Museum, 10.09.2026-11.07.2027

Die Kopie des Wandteppichs von Bayeux
Wer keine Tickets für den Besuch der “Bayeux Tapestry” Ausstellung im British Museum bekommen kann, hat in der Nähe von London eine andere Gelegenheit, den Wandteppich zu sehen: Das Reading Museum zeigt mit “Britain’s Bayeux Tapestry” eine historische Kopie des französischen Originals.
Die englische Nachbildung des mittelalterlichen Wandteppichs entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf Initiative von Elizabeth Wardle. Sie war die Ehefrau des bedeutenden Seidenindustriellen Thomas Wardle und als talentierte Stickerin ein Mitglied der Leek Embroidery Society in Staffordshire. Ihr Plan: Der Wandteppich von Bayeux sollte möglichst genau und maßstabsgetreu nachgebildet werden, um ihn in Großbritannien zu zeigen. Hierfür besuchte Elizabeth Wardle 1885 die französische Stadt Bayeux, um den originalen Teppich zu untersuchen. Zusätzlich nutzte die Stickereigesellschaft handkolorierte Fotografien aus den Jahren 1872 bis 1874, die im South Kensington Museum, dem heutigen Victoria and Albert Museum in London, aufbewahrt wurden.
Das Vorhaben, eine Kopie des Wandteppichs zu erstellen, war sehr ehrgeizig, wurde jedoch in etwas mehr als einem Jahr abgeschlossen. Neben den Mitgliedern aus Leek beteiligten sich auch Frauen aus Derbyshire, Birmingham, Macclesfield und London. Die Stickerinnen bemühten sich, das Original so genau wie möglich nachzubilden, dennoch enthält die Kopie einige Besonderheiten aus der viktorianischen Zeit. In den Bordüren des ursprünglichen Teppichs sind mehrere nackte Männer dargestellt. In der englischen Nachbildung wurde bei einer dieser Figuren die Scham durch eine Hose verdeckt. Häufig wird behauptet, die Frauen aus Leek hätten diese Änderung selbst vorgenommen. Tatsächlich übernahmen sie die Darstellung jedoch von den Fotografien des South Kensington Museum. Dessen männliche Mitarbeiter hatten die Bilder zuvor aus Gründen der damaligen Moralvorstellungen nachträglich verändert. Außerdem verewigte jede Stickerin ihren Namen unter dem von ihr fertiggestellten Abschnitt. Elizabeth Wardle fügte zu Pfingsten 1886 die abschließende Inschrift hinzu.
Im Juni 1886 wurde die fertige Nachbildung des Wandteppichs erstmals im Nicholson Institute in Leek öffentlich ausgestellt. In den folgenden zehn Jahren reiste der Teppich durch zahlreiche britische Städte und gelangte sogar nach Deutschland und in die Vereinigten Staaten. Im Jahr 1895 wurde der Wandteppich schließlich im Rathaus von Reading präsentiert. Der ehemalige Bürgermeister der Stadt erwarb daraufhin den Teppich von der Leek Embroidery Society und schenkte das textile Kunstwerk der Stadt Reading.
In den folgenden Jahren hing der Teppich dann in der neuen Kunstgalerie des Reading Museum, bis er 1927 restauriert werden musste. Hierbei wurde er in 25 einzelne Abschnitte zerteilt, die in staubgeschützten Vitrinen aufbewahrt wurden. Danach ging die Nachbildung des Wandteppichs von Bayeux erneut auf Reisen und wurde sowohl in Großbritannien als auch international ausgestellt. Diese Ausstellungen endeten mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs; seit dem ist die Nachbildung dauerhaft im Reading Museum zu sehen. Seit 1993 wird der Wandteppich hier in einer eigenen Galerie gezeigt, nun wieder als zusammenhängendes Werk.
Eigene Memes im Bayeux-Stil
Wer selbst eine Version des Wandteppichs von Bayeux erstellen möchte, kann das “Bayeux Historic Tale Construction Kit” nutzen. Mit dem Online-Tool lassen sich Figuren, Tiere, Burgen und Schiffe aus dem historischen Kunstwerk neu kombinieren und mit eigenen Texten versehen.
Die ursprüngliche Anwendung wurde 2002 von Björn Karnebogen und Gerd Jungbluth entwickelt; mittlerweile ist eine Nachfolgeanwendung von Maria Cosmina Etegan, Mathieu Thoretton und Leonard Allain-Launay verfügbar. Mit dem Tool lassen sich beliebige “Medieval Tapestry Edits” erstellen.
Header-Bild: Angelika Schoder – British Museum, London 2025,
Bilder: Angelika Schoder – Baa-Ewe Tapestry, Natural History Museum London, 2026 | “Shaun the Sheep” © Aardman Animations Limited
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