[Museums-Tipp] Wer einen Tagesausflug von Nizza aus plant, erreicht in nur wenigen Minuten mit dem Zug den Ort Beaulieu-sur-Mer. Von hier aus gelangt man zu Fuß oder mit dem Bus nach Saint-Jean-Cap-Ferrat, wo sich auf einer Halbinsel eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Côte d’Azur befindet: die Villa Ephrussi de Rothschild und ihre weitläufigen Gärten. Das Museum in der Villa bietet einen Einblick in die Zeit der Belle Époque mit den ehemaligen Wohnräume und der umfangreichen Kunstsammlung der Baronin Béatrice de Rothschild. Vor den Toren der Villa laden neun unterschiedlich gestaltete Gärten zum Spazieren und Verweilen ein – immer mit Blick auf das Mittelmeer.


Die Kunstsammlerin Béatrice de Rothschild
Béatrice de Rothschild wurde 1864 in eine der reichsten und einflussreichsten Familien Europas geboren. Als Tochter des Bankiers und Kunstsammlers Baron Alphonse de Rothschild wuchs sie in Paris und auf dem Land auf und entwickelte schon früh eine Leidenschaft für Kunst. 1883 heiratete sie den russischstämmigen Bankier Maurice Ephrussi. Die Ehe erwies sich jedoch als unglücklich, denn Maurice hatte nicht nur hohe Spielschulden, sondern infizierte Béatrice auch mit einer Krankheit, durch die sie keine Kinder mehr bekommen konnte. Nach 21 Jahren Ehe ließ sie sich 1904 scheiden.
Nach der Trennung widmete sich Béatrice ganz ihrer großen Leidenschaft: dem Sammeln von Kunst. Sie erwarb wertvolle Möbel, Gemälde, Porzellan und historische Kunstschätze, darunter Objekte aus dem Besitz von Marie-Antoinette und Ludwig XIV. 1905 erbte sie nach dem Tod ihres Vaters ein enormes Vermögen; noch im selben Jahr zog sie auf die Halbinsel Cap Ferrat an der französischen Riviera, wo sie ihren Traum von einer Villa verwirklichen konnte. Das Grundstück kaufte sie spontan, als sie erfuhr, dass auch der belgische König Leopold II. Interesse daran hatte. Zwischen 1905 und 1912 entstanden die heutige Villa Ephrussi de Rothschild und ihre umgebenden Gärten. Das Projekt war technisch anspruchsvoll: Felsen mussten gesprengt und große Mengen Erde bewegt werden. Béatrice überwachte jedes Detail persönlich und stellte höchste Ansprüche an die Architektur und die Gestaltung der Gärten.
Ab 1912 nutzte Béatrice de Rothschild die Villa als Winterresidenz und richtete sie mit ihrer Sammlung aus Möbeln und Kunstgegenständen ein. Sie starb 1934 in Davos an Tuberkulose, doch zuvor hatte sie noch die Villa, sieben Hektar Land und rund 5.000 Kunstwerke der Académie des Beaux-Arts vermacht. Nach Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg und mehreren Restaurierungen ist die Villa Ephrussi de Rothschild heute ein bedeutendes Kulturdenkmal in Frankreich und zählt zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Côte d’Azur.


Ein Meisterwerk der Belle Époque
Die Villa Ephrussi de Rothschild an der Côte d’Azur ist mehr als ein luxuriöses Wohnhaus; sie ist eine Verkörperung der Belle Époque, der Epoche zwischen dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, in der Kunst, Architektur und Inneneinrichtung in Frankreich eine besondere Blütezeit erlebten. Architektonisch erinnert das Gebäude an einen italienischen Palast, besonders die Fassaden zeigen zahlreiche Einflüsse aus Florenz und Venedig. Die Nordseite vereint Elemente der italienischen Renaissance mit gotischen Details und wird von einem Innenhof mit venezianischem Brunnen, kunstvollen Reliefs und einer Venus-Figur geschmückt. Die symmetrische Südfassade orientiert sich an venezianischen Kirchen, für ihre Gestaltung wurden originale Vorlagen, Fotografien und Abgüsse aus Italien verwendet.
Im Inneren der Villa setzte Béatrice de Rothschild ihre Leidenschaft für Kunst und historische Kostbarkeiten um. Besucher wurden im Patio empfangen, einem Innenhof nach dem Vorbild italienischer Renaissancevillen. Rosafarbener Marmor aus Verona, trompe-l’œil-Malereien und historische Architekturelemente verleihen dem Raum eine besondere Atmosphäre. Das Herzstück der Villa ist der Große Salon. Von hier aus eröffnet sich ein Blick auf die Bucht von Beaulieu-sur-Mer. Die Ausstattung spiegelt die Begeisterung der Baronin für das 18. Jahrhundert wider. Wandverkleidungen aus dem ehemaligen Hôtel de Crillon in Paris, Möbel im Stil Ludwigs XVI. sowie wertvolle Kunstwerke prägen den Raum. Besonders bemerkenswert sind zwei historische Teppiche aus königlichem Besitz: Einer der Teppiche stammt aus der Kapelle von Versailles, der andere wurde ursprünglich für den Louvre angefertigt. An der Decke befindet sich ein Werk des venezianischen Malers Giandomenico Tiepolo.
Auch im Kleinen Salon daneben kommt die Sammelleidenschaft von Béatrice de Rothschild zum Ausdruck. Wandteppiche mit Szenen aus „Don Quijote“, Gemälde aus dem Umfeld von François Boucher sowie Möbelstücke mit Bezug zu Marie-Antoinette zeigen den Luxus vergangener Jahrhunderte.


Ein Blick in das Leben und die Sammlung von Béatrice de Rothschild
Die Wohnräume der Villa eröffnen einen faszinierenden Blick in die Welt von Béatrice de Rothschild und zeigen ihre umfangreiche Kunstsammlung: Im Boudoir, einem kleinen privaten Salon, empfing die Baronin enge Freunde oder erledigte ihre Korrespondenz. Wertvolle Möbelstücke, darunter ein Schreibtisch aus dem 18. Jahrhundert, der vermutlich Marie-Antoinette gehörte, zeigen ihre Vorliebe für historische Kostbarkeiten. Auch ein kunstvoll gestalteter Tisch mit Porzellan aus der Manufaktur von Sèvres zählt zu den Schätzen des Raumes. Das Schlafzimmer daneben verbindet europäische Eleganz mit asiatischen Einflüssen. Ein venezianisches Bett mit bestickter chinesischer Seide bildet den Mittelpunkt, ergänzt wird die Einrichtung durch Möbel aus dem 18. Jahrhundert sowie ein seltenes Jugendporträt der Baronin. Ein angrenzender Aussichtssalon bietet einen weiten Blick auf die Bucht von Villefranche und ist mit einem Aubusson-Teppich sowie einem venezianischen Deckengemälde ausgestattet.
Die Sammelleidenschaft Béatrices zeigt sich besonders in den Ankleideräumen. Dort werden chinesische Gewänder, historische Stoffe und Kleidungsstücke aus Seide, Samt und Satin präsentiert. Daneben befindet sich das luxuriöse Badezimmer, in dem sich hinter dekorativen Wandverkleidungen Waschbecken, Schminktisch und Bidet verbergen. Sogar eine Badewanne mit fließendem Wasser gehörte zur Ausstattung – ein bemerkenswerter Komfort für die damalige Zeit. Doch nicht nur die Raumausstattungen sind außergewöhnlich, auch die hier präsentierten Objekte sind etwas Besonderes, allen voran das Porzellan: Im Speisezimmer und im Porzellanzimmer sind seltene Stücke aus den königlichen Manufakturen von Sèvres und Vincennes zu sehen. Viele davon stammen aus dem Besitz der Familie Rothschild und zeigen deren Leidenschaft für exklusive Kunstobjekte.
Im Obergeschoss der Villa gelangt man dann in Themenräume, wie das elegante Directoire-Schlafzimmer, das Blaue Schlafzimmer oder das Wandteppich-Zimmer. Hier finden sich kostbare Gobelins, Möbel und Kunstwerke, die einen Eindruck vom Geschmack des europäischen Adels des 18. Jahrhunderts vermitteln. Highlights sind das Meissener Porzellanzimmer und das sogenannte Affenzimmer. Während ersteres seltene Porzellanfiguren der berühmten deutschen Manufaktur zeigt, präsentiert das Affenzimmer humorvolle Darstellungen musizierender Affen – ein beliebtes Motiv der damaligen Zeit. Insgesamt vermittelt die Villa Ephrussi de Rothschild ein lebendiges Bild von der Welt ihrer einstigen Bewohnerin, ihrer Sammelleidenschaft und ihrer Faszination für Kunst und Kulturen aus aller Welt. Jeder Raum erzählt dabei ein eigenes Kapitel aus dem Leben der Sammlerin.


Die Gartenlandschaft der Villa Ephrussi de Rothschild
Béatrice de Rothschild legte nicht nur bei der Einrichtung ihrer Villa großen Wert auf Exzellenz. Sie ließ rund um ihre Villa auch neun unterschiedliche Themengärten anlegen, die einen Einblick in verschiedene Kulturen, Landschaften und Gartenstile ermöglichen sollten. Das Herzstück der Anlage ist der Französische Garten, der wie das Deck eines Ozeandampfers gestaltet sein sollte, bei dem auf beiden Seiten das Meer sichtbar ist. Wasserbecken, Kaskaden und der Liebestempel am Ende der Gartenachse unterstreichen diesen Eindruck. Hier finden sich Jahrhunderte alte Olivenbäume, Zypressen, Aleppo-Kiefern und exotische Pflanzen, die nachts auch beleuchtet werden.
Wer an der Villa östlich entlang läuft, gelangt in den Spanischen Garten, der mit seinem überdachten Innenhof an den Real Alcázar de Sevilla erinnert. Ockerfarbene Mauern, Arkaden und ein schmaler Wasserkanal schaffen hier eine ruhige Umgebung, in der Pflanzen wie Geißblatt, Datura und Arumlilien wachsen sowie Paradiesvogelblumen, Papyrus und Monstera. Der weitere Weg führt in den Italienischen Garten, von dem heute vor allem der Florentinische Garten erhalten ist. Im Zentrum befindet sich eine monumentale Hufeisentreppe mit einer Marmorskulptur im neoklassizistischen Stil, umgeben von Philodendren und Wasserhyazinthen. Von hier aus gelangt man in den Steingarten mit mittelalterlichen Reliefs, Wasserspeiern, Brunnen und Steinfiguren. Hier wachsen Azaleen, Kamelien, Rhododendren und Fuchsien.
Einen starken Kontrast dazu bildet der Japanische Garten. Unter dem Namen „Cho-Seki-Tei“ (Garten, in dem man am Abend dem Klang der Wellen lauscht) wurde hier eine Oase der Ruhe geschaffen mit Sand, Wasserflächen, traditionelle Pavillons, Steinlaternen und Koi-Karpfen. Daneben gibt es den Exotischen Garten mit riesigen Kakteen, Agaven, Feigenkakteen und blühende Aloe-Pflanzen. Am höchsten Punkt der Gartenanlage befindet sich der Rosengarten, in dem rund hundert Rosensorten wachsen. Im Zentrum befindet sich ein kleiner Tempel. Den Abschluss des Rundgangs bildet der Provenzalische Garten mit Lavendel, Agapanthus, Oliven- und Pinienbäumen. Er zeigt die typische Landschaft Südfrankreichs.


Villa Ephrussi de Rothschild
1 Av. Ephrussi de Rothschild
06230 Saint-Jean-Cap-Ferrat, Frankreich
Der Eintritt zur Villa und ihren Gärten ist im French Riviera Pass enthalten.
musermeku dankt dem Office de Tourisme Nice Côte d`Azur für die Bereitstellung des French Riviera Pass.
Bilder: Angelika Schoder – Villa Ephrussi de Rothschild, Saint-Jean-Cap-Ferrat 2026
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