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Wie das Vagina Museum um seine Existenz kämpft

In London wurde das weltweit erste Vagina Museum eröffnet. Mit zeitgenössischer Kunst und Sonderausstellungen wird wichtige Aufklärungsarbeit geleistet.

Als aufgrund des Coronavirus Mitte März alle Museen in Mitteleuropa schließen mussten, hoffte man in Großbritannien noch, man würde die COVID-19 Pandemie schon irgendwie überstehen. Südeuropa hatte schon längst alle öffentlichen Institutionen geschlossen, die übrigen europäischen Länder zogen nach. Nur Brexit-Britain ließ Pubs, Theater, Kinos und eben auch Museen weiterhin geöffnet. Wenige Tage später änderte sich die Meinung der britischen Regierung und nun wurde auch auf der Insel alles geschlossen. Am 19.03.2020 gab Florence Schechter, die Gründerin des Vagina Museum, bei Twitter die temporäre Schließung des Museums bekannt. Gleichzeitig veröffentlichte sie einen Hilferuf, denn das Museum, das erst 6 Monate zuvor im Londoner Stadtteil Camden eröffnet werden konnte, kämpft nun um seine Existenz. Ein Schicksal, dass es mit vielen kleinen und privaten Museen in ganz Europa teilt.


Seinen ersten festen Standort fand das Vagina Museum im Stables Market im Londoner Stadtteil Camden

Die Gründung des Vagina Museum

In Island gibt es ein Penis-Museum, das Icelandic Phallological Museum. Ein Vagina-Museum gab es allerdings bisher noch nicht. Und so entstand 2017 die Idee, ein solches Museum zu gründen. Zunächst handelte es sich nicht um ein Museum im klassischen Sinn, sondern um eine Art Wanderausstellung sowie um eine Reihe an Veranstaltungen. Zu Gast war das Vagina Museum u.a. im Science Museum London, im Royal College of Nursing und beim Edinburgh Fringe Festival. Der Erfolg dieser temporären Projekte führte zu einem Crowdfunding im März 2019, um das weltweit erste Museum auf den Weg zu bringen, das sich Vaginas, Vulvas und der gynäkologischen Anatomie widmet.

Das erfolgreiche Crowdfunding ermöglichte es der Museumsgründerin Florence Schechter im Oktober 2019 das Vagina Museum an seinem ersten festen Standort im Stables Market im Londoner Stadtteil Camden zu eröffnen. Hier sollte sich das Museum weiter entwickeln, durch die Einbeziehung der Öffentlichkeit, den Aufbau einer Community und durch die Veranstaltung von Events und wechselnder Ausstellungen. Ziel war es, mindestens zwei Sonderausstellungen pro Jahr zu zeigen und wöchentliche Events zu organisieren.

Die Mission des Museums

  • Wissensverbreitung und Sensibilisierung für die gynäkologische Anatomie und Gesundheit
  • Selbstbewusstsein anzuregen, über Fragen zur gynäkologischen Anatomie zu sprechen
  • Das Stigma um den biologisch-weiblichen Körper und die gynäkologische Anatomie zu beseitigen
  • Als Forum für Feminismus, Frauenrechte, die LGBT+ und die Intersex-Community zu fungieren
  • Heteronormatives und cis-normatives Verhalten zu hinterfragen
  • Die Förderung intersektioneller, feministischer und trans-inklusiver Werte

Zum Valentinstag 2020 hatte das Museum eine Vagina-Skulptur aus Blumen aufgestellt – Passanten konnten sich hier eine Rose mitnehmen

Aufklärung über Mythen und die Periode

Die erste Sonderausstellung des Museums, “Muff Busters: Vagina Myths and How To Fight Them”, beschäftigte sich mit den gängigen Mythen und Vorurteilen gegenüber Vaginas, Vulvas und der biologisch-weiblichen Anatomie. Immerhin haben rund 50 % der Weltbevölkerung eine Vagina und die meisten Menschen erblickten das Licht der Welt durch diese. Dennoch gilt ein offenes Gespräch darüber als gesellschaftliches Tabu. So entstehen Legenden und Mythen über alles “da unten”. Dies hat direkte oder indirekte negative Auswirkungen für viele Menschen, denn es führt zu einer falschen Vorstellung davon, was “normal” ist. Die Sonderausstellung “Muff Busters” setzte sich hier mit den bekanntesten Vorurteilen und Fehlinformationen auseinander, die in der Popkultur verhaftet sind und im Internet herumgeistern.

Die nächste geplante Sonderausstellung trägt den Titel “Periods. A Brief History”. Viele Vorurteile und Fehlannahmen ranken sich seit Jahrhunderten um die Periode. Erst seit der Mitte des 20. Jhd. wird die Menstruation näher wissenschaftlich erforscht – und noch immer ist die Periode mit Scham und einem gesellschaftlichen Stigma verbunden. Die Ausstellung thematisiert hier die historische Entwicklung der Auseinandersetzung mit der Menstruation und beleuchtet, welche Folgen dies bis heute hat.

Installation von Sam Dawood @sam.daw.ood in der Ausstellung “Muff Busters: Vagina Myths and How To Fight Them”

Zukunftspläne für das Vagina Museum

Der Stables Market in Camden bietet eigentlich eher für Shops die richtigen Räumlichkeiten. Deshalb ist geplant, bis 2030 die beiden aktuellen Räume zu verlassen und für das Vagina Museum einen dauerhaften Standort zu finden mit einer Infrastruktur, die sich besser für ein Museum eignet. Hier sollen dann nicht nur wechselnde Sonderausstellungen zu sehen sein, sondern zusätzlich auch eine Dauerausstellung. Zudem soll das Veranstaltungs- und Community-Angebot weiter ausgebaut werden.

Das Vagina Museum war auf dem besten Weg, eine echte Erfolgsgeschichte zu werden. Innerhalb von nur 18 Wochen zählte das kleine Museum in Camden bereits über 110.000 Besuche. Die Reaktionen des Publikums waren überwiegend enthusiastisch und zeigten, dass ein Vagina-Museum den aktuellen Zeitgeist trifft. Immerhin ist es die Mission des Museums, für eine Welt einzutreten, in der sich niemand für seinen Körper schämt, in der jeder Mensch körperliche Autonomie hat und in der die gesamte Menschheit zusammenarbeitet, um eine freie und gleichberechtigte Gesellschaft aufzubauen.

“We have a vision of a world where no one is ashamed of their bodies, everyone has bodily autonomy and all of humanity works together to build a society that is free and equal.”

Mission Statement des Vagina Museum

Aufruf zum Crowdfunding

Der Ausbruch der Coronavirus-Pandemie hat die Erfolgsgeschichte des Vagina Museum nun unterbrochen, als die Räume in Camden geschlossen werden mussten. Natürlich soll das Museum wieder eröffnen, sobald dies in London wieder erlaubt wird. Doch das Museum geriet durch die Schließung in finanzielle Bedrängnis – so wie viele kleinere und vor allem private Museen.

Der Eintritt ins Vagina Museum ist zwar kostenlos, daher sind es keine Verluste von Eintrittsgeldern. Doch das Museum generiert seine Einnahmen durch Spenden vor Ort und durch Verkäufe im Museumsshop. Diese Einnahmen fallen nun weg, während die Kosten für das Museum aber weiter laufen. Freundlicherweise hat der Camden Market die Zahlung der Miete vorübergehend ausgesetzt. Dennoch belaufen sich die monatlichen Ausgaben des Museums noch auf 20.000 GBP, etwa für die Gehälter des Teams.

In einem aktuellen Crowdfunding versucht das Vagina Museum nun zunächst 25.000 GBP zu sammeln, um die ersten Wochen der Schließung zu überstehen. Zusätzlich prüft das Museum Möglichkeiten auf die Beantragung staatliche Förderung im Rahmen der COVID-19 Unterstützungsprogramme. Museumsgründerin Florence Schechter betont bei Twitter den Ernst der Situation: Wenn das Museum auch über den Mai hinaus geschlossen bleiben muss, steht die Existenz der Institution auf dem Spiel. Es ist dann nicht sicher, ob das Vagina Museum überhaupt wieder eröffnen kann.

Jede Art der Unterstützung kann daher jetzt dem Vagina Museum helfen, seine wichtige Aufklärungs- und Informationsarbeit fortzusetzen…

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Vagina Museum

Unit 17 & 18, Stables Market
Chalk Farm Road
London, NW1 8AH


Header-Bild: Bernard Picart: Roman Alphabet letter V with Louis XIV decoration, 18th century – Metropolitan Museum of ArtPublic Domain – bearbeitet durch die Autorin,
Fotos: Angelika Schoder – London, 2020


Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.