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Being Human: Körper, Klima und Krankheiten

Die Dauerausstellung „Being Human“ in der Londoner Wellcome Collection befasst sich mit dem menschlichen Körper zwischen Klimakrise und Krankheiten.

Die Dauerausstellung „Being Human“ in der Londoner Wellcome Collection wirkt so aktuell wie nie zuvor. In der Ausstellung geht es darum, was die Gesundheit und das menschliche Leben im 21. Jhd. ausmachen. Besucher sind hier dazu eingeladen, sich mit den Chancen und Risiken auseinanderzusetzen, die moderne medizinische Forschung bietent. Es geht außerdem um den Wandel in der Einstellung uns selbst gegenüber, zu unseren Mitmenschen und zu unserer Umwelt. Dabei spielen auch drängende Fragen unserer Zeit eine wichtige Rolle, etwa die Klimakrise oder Infektionskrankheiten.


Tamsin van Essen setzt sich in der Ausstellung „Being Human“ mit den Themen Genetik und Vererbung in ihrer Arbeit „Medical Heirlooms“ auseinander. Die Keramikgefäße nach dem Vorbild von Apothekergläsern aus dem 17. und 18. Jhd. verweisen auf erbliche Krankheiten

Es liegt in den Genen

Unsere Gene machen uns als Menschen aus. Was das bedeutet, zeigt die Ausstellung „Being Human“ etwa anhand der Arbeiten von Heather Dewey-Hagborg (1982). Die Künstlerin sammelte in New York City für ihre Werke Haare, gekaute Kaugummis oder Zigarettenfilter aus öffentlichen Toiletten, Warteräumen oder von der Straße. Dewey-Hagborg extrahierte und analysierte die darin enthaltene DNA von Menschen und erstellte daraus imaginäre Portraits von diesen im 3D-Druck-Verfahren. Die Künstlerin provoziert damit Fragen zu unserer „genetischen Privatsphäre“ und hinterfragt, ob wir diese überhaupt schützen können.

Wie leicht zugänglich unser DNA-Code ist, zeigt auch ein Gen-Editierungskit in der Ausstellung, das von Privatpersonen zur Durchführung der CRISPR-DNA-Editierung online bestellt werden kann. Noch gibt es keine ausreichende rechtliche Regulierung in diesem Feld der Biomedizin, was auch Missbrauch ermöglichen kann.


Körper und Geist

Ein weiterer Schwerpunkt von „Being Human“ ist das Verhältnis zu unseren Körpern und unsere psychische Gesundheit. Das Thema Körper greifen etwa die Bilder von Deborah Kelly mit dem Titel „No Human Being is Illegal (in all our glory)“ auf. Für die Portraits wurden Personen nackt fotografiert und gefragt, was andere Menschen über sie erfahren sollten. Im Laufe der Ausstellung ist geplant, dass immer wieder unterschiedliche Bilder aus der 20-teiligen Serie von Deborah Kelly gezeigt werden.

Eine „Friendship Bench“ zeigt in der Ausstellung, wie in Zimbabwe eine Form von psychologischer Hilfe angeboten wird. Diese Freundschafts-Bänke werden vor Kliniken bereitgestellt, damit sich Menschen in psychisch belastenden Situationen mit jemandem zusammensetzen können, der ihnen zuhört. Meist sind die Zuhörer übrigens Senioren, die ein offenes Ohr und viel Zeit mitbringen. Mittlerweile gibt es solche Bänke in vielen afrikanischen Ländern und in New York. Auf der Bank in der Ausstellung der Wellcome Collection kann man als Hörstation mehr über das Projekt erfahren und die Erfahrungen verschiedener Beteiligter anhören.


Ein Aquarium in der Ausstellung „Being Human“ mit Zebrafischen. Der Mensch hat nicht nur zu 70% die gleichen Gene wie diese Fische, die Tiere werden auch häufig in der medizinischen Forschung genutzt

Refugee Astronaut: Darstellungen der Klimakrise

Zu den zentralen Kunstwerken in der Ausstellung „Being Human“ zählt der „Refugee Astronaut“ von Yinka Shonibare (*1962). Die lebensgroße Skulptur des britisch-nigerianischen Künstlers wirkt wie eine Mahnung aus einer Zukunft, in der die Klimakrise eskaliert ist. Der Astronauten-Anzug verweist darauf, dass das Lebensumfeld so feindlich gegenüber dem Menschen geworden ist, dass nur mit einer Schutzausrüstung das Überleben möglich ist. Auf dem Rücken trägt die Gestalt Tanks zur Luftversorgung und ein Netz mit Habseligkeiten, wie ein Flüchtling, der das Notwendigste bei sich haben muss.

Die ersten Folgen der Klimakrise sind bereits seit Jahren auf der Erde sichtbar. Während in einigen Ländern extremer werdende Wetterphänomene Menschen aufgrund von Dürre oder Flutkatastrophen zur Flucht zwingen, führt die Luftverschmutzung in Großstädten zu immer mehr Lungenschädigungen, die das Leben drastisch verkürzen können. Yinka Shonibare will mit seinem Kunstwerk darauf aufmerksam machen, dass heute nicht genug getan wird, um der Klimakrise aktiv zu begegnen und ihre negativen Auswirkungen zu verringern.

Für den Künstler ist der „Refugee Astronaut“ ein Nomade, der versucht einen Ort zu finden, der noch bewohnbar ist. Damit wird das Konzept der kolonialen Eroberung umgekehrt: Nichts Neues soll heroisch entdeckt und beansprucht werden; stattdessen beginnt eine verzweifelte Suche nach dem, was noch übrig ist. Die Kleidung der Figur, von der man nicht weiß, welches Geschlecht sie hat, stellt dabei auch eine Frage zu ihrer Herkunft. Der bunte Anzug erinnert an traditionelle Muster nigerianischer Textilien und hinterfragt damit das Bild des stereotypen Astronauten, der noch immer meist Weiß und männlich ist. Yinka Shonibare vereint in seiner Skulptur damit die drängendsten Fragen des 21. Jhd.: die Klimakrise, Identität, die Folgen des Kolonialismus und die Globalisierung.

Der „Refugee Astronaut“ des Künstlers Yinka Shonibare ist wie eine Mahnung aus einer Zukunft, in der die Klimakrise eskaliert ist

Infektionskrankheiten im Fokus

Spätestens seit der Covid-19 Pandemie erscheint das Thema der Infektionskrankheiten hochaktuell. Während Krankheiten wie die Cholera oder die Pest nur aus den Geschichtsbüchern bekannt sind, hat das Coronavirus im 21. Jhd. seine Spuren hinterlassen. Noch ist Corona kein Thema in der Ausstellung „Being Human“. Doch es geht um ein anders wichtiges Virus unserer Zeit: HIV. Die Wellcome Collection zeigt hier etwa die Arbeit „Eleven“ der Multimediakünstlerin Kia LaBeija (*1990), die sich mit ihrer Identität als Schwarze, HIV-positive Frau auseinandersetzt.

Das Stigma von HIV thematisiert auch Basse Stittgen (*1990) in seiner „Blood Objects“ Serie. Gezeigt werden in der Ausstellung kleine Objekte, die aus HIV-positivem Blut hergestellt wurden, ergänzt durch die Geschichte der Blutspender.

Ein interaktives Objekt in diesem Ausstellungsabschnitt ist die Jukebox mit einer Glasskulptur von Laura Bethan Wood und Pietro Vier. Alle Lieder, die der Besucher hier auswählen kann, thematisieren Epidemien, von AIDS über Ebola bis Schweinegrippe. Vertreten sind Songs wie „Something to Live For“ von Jimmy Somerville oder „He’s Behind You, He’s Got Swine Flu“ von The Streets. Vielleicht wird die Wellcome Collection in Zukunft in der Ausstellung auch Lieder über das Coronavirus ergänzen?


Das 2007 eröffnete Museum der Wellcome Collection setzt sich in wechselnden Ausstellungen mit verschiedenen Themen aus dem Bereich der Gesundheit und Medizin auseinander

Barrierefreiheit als Grundprinzip

Die Ausstellung „Being Human“ umfasst insgesamt 50 Kunstwerke und Objekte, die auf allen Ebenen barrierefrei zugänglich gemacht werden. Um dies zu erreichen, arbeitete das Team der Wellcome Collection bereits bei der Konzeption des Ausstellungsaufbaus mit einer Reihe an Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen zusammen.

Das Museum stellt für „Being Human“ daher in großer Schrift gedruckte Guide-Mappen zur Verfügung, aber auch Transkriptionen zu Hörstationen. Es gibt überall in der Ausstellung taktile Diagramme und Objektbeschriftungen sind mit Braille-Schrift versehen. Im gesamten Ausstellungsraum befinden sich großzügig gestaltete Sitzgelegenheiten, zudem sind Vitrinen und Objekte auf dem Boden kontrastreich umgrenzt. Darüber hinaus sind die Abstände zwischen den Elementen der Ausstellung besonders breit gestaltet, so dass auch Rollstuhl-Nutzer gut durch den Raum navigieren können. Und schließlich werden von der Wellcome Collection bei VocalEyes Audio-Beschreibungen zu jedem Ausstellungsobjekt sowie eine Audio-Tour zu 11 Highlights der Ausstellung zur Verfügung gestellt.


Being Human

Wellcome Collection

83 Euston Rd
London NW1 2BE

Weitere Infos zur Ausstellung


Fotos: Angelika Schoder – Wellcome Collection, London 2020


Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.


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