Timeless: Zeitgenössische Kunst aus der Ukraine im Dialog

In der Ausstellung „Timeless“ zeigt das Berliner Bode-Museum aktuelle ukrainische Kunst neben historischen Sammlungsobjekten, um neue Blickwinkel auf die Gegenwart zu eröffnen.

In der Ausstellung "Timeless" stellt das Berliner Bode-Museum seinen Sammlungsobjekten zeitgenössische ukrainische Kunst gegenüber.

[Ausstellung] Kann historische Kunst neue Blickwinkel auf Geschehnisse in der Gegenwart ermöglichen? Das Berliner Bode-Museum versucht dies mit der Ausstellung „Timeless. Contemporary Ukrainian Art in Times of War“. Hierzu wurden zehn Kunstschaffende aus der Ukraine dazu eingeladen, mit ihren Arbeiten in einen Dialog zu treten zu Werken aus der Sammlung des Bode-Museums und des Museums für Byzantinische Kunst. Die Gemälde, Grafiken oder Skulpturen, die zwischen dem 3. und 18. Jahrhundert entstanden, dienen dabei den ukrainischen Kunstakteuren als Referenzpunkte und Inspirationsquellen, etwa die „Schutzmantelmadonna“ von Michel Erhart (1480), Hans Leinbergers „Christus im Elend“ (um 1525), die „Schildträger“ von Tullio Lombardo (1480/1500) oder das ägyptische Holzrelief der „Befreiung einer belagerten Stadt“ aus dem 5. Jahrhundert. Im Zentrum des künstlerischen Dialogs stehen dabei Themen wie Flucht, Verlust oder Besatzung, aber auch Heldentum und Widerstand.


Kunst aus der Ukraine in Abwesenheit

Die Ausstellung umfasst zeitgenössische Kunstwerke, die zwischen 2014 und 2022 entstandenen. Die Arbeiten der ukrainischen Kunstschaffenden reflektieren dabei das fortschreitende Eindringen russischer Streitkräfte in das ukrainische Staatsgebiet, das bereits seit 2014 stattfindet und das mit dem Start des offenen Angriffskrieges im Februar 2022 eskalierte. Da sich die meisten der beteiligten Kunstschaffenden aktuell in der Ukraine aufhalten und aufgrund des Kriegsgeschehens ihre Werke nicht nach Berlin gebracht werden konnten, werden die Arbeiten im Bode-Museum als Fotografien oder Drucke gezeigt. Diese sind, zusammen mit ihren jeweiligen Dialog-Exponaten, als Interventionen in der gesamten Dauerausstellung des Museums verteilt.

Die Abwesenheit der ukrainischen Originalwerke ruft dabei auch immer wieder in Erinnerung, warum diese in Berlin vor Ort fehlen. So mahnen nicht nur die Werke selbst, sondern auch ihre Präsentation im Museum, den Krieg in der Ukraine nicht zu vergessen. Die Kuratorin Olesia Sobkovych vom Nationalen Museum der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg aus Kyjiw lässt in der Ausstellung zudem die ukrainischen Kunstschaffenden neben ihren Werken selbst zu Wort kommen. Jede Themen-Station, in der sich historische Objekte und zeitgenössische Kunstwerke begegnen, ist daher mit einer umfangreichen Erklärung versehen. Diese gibt nicht nur einen Einblick in die Hintergründe und Zusammenhänge der ausgewählten Arbeiten, sondern stellt auch die jeweiligen Kunstakteure und ihre persönlichen Bezüge zum aufgegriffenen Thema vor.


Flucht, Mutterschaft und Schutz

In der ersten Gegenüberstellung trifft das Gemälde „Flucht nach Ägypten“ (2022) von Alisa Lozhkina (*1981) auf ein gleichnamiges Relief aus dem 15. Jahrhundert. Beide Werke zeigen das biblische Ereignis der Flucht der Heiligen Familie infolge der Verfolgung durch König Herodes. Für die Künstlerin geht es in der biblischen Geschichte um die Hingabe an die eigene Mission und die Hoffnung auf ein besseres Schicksal. Alisa Lozhkina sieht eine klare Parallele zwischen der Flucht nach Ägypten und den aktuellen Ereignissen in ihrem Heimatland:

„Als 2022 der Krieg in der Ukraine ausbrach, mussten Millionen von Familien einen ähnlichen Weg gehen. Jemand hat sein Zuhause verloren, jemand ist vor den Bombenanschlägen geflohen, um das Leben seiner Kinder und Angehörigen zu schützen.“

Alisa Lozhkina

Neben der Thematik stellt die Künstlerin in ihrem Gemälde auch stilistisch einen Bezug zur Gegenwart her, indem sie eine Technik der ukrainischen Volksmalerei wählte. Das Jesus-Kind ist zudem im traditionellen ukrainischen bestickten Hemd (Vyschyvanka) dargestellt.

Dem Thema Schutz widmet sich die ukrainische Grafikerin Alla Sorochan (*1993) in einem Plakat mit der Aufschrift „Freiwilligenbewegung“ (2015). Es ist die Neuinterpretation der Gestalt der Ikone einer „Schutzmantelmadonna“, deren Mantel hier wie ein militärisches Tarnnetz erscheint. Das Plakat ist der spätgotischen Holzskulptur einer „Maria mit dem Schutzmantel“ von Michel Erhart oder Friedrich Schramm (um 1480) gegenübergestellt. Die Parallele zwischen ihrem Werk und der historischen Skulptur sieht die Künstlerin im Ausdruck der Barmherzigkeit, des Schutzes und der Liebe. In der Ukraine gilt die Heilige Jungfrau Maria zudem auch als Schutzpatronin der Krieger. Bei Alla Sorochan schützt sie auch die Mitglieder der Freiwilligenbewegung, die sich im Krieg als Zivilisten bei Rettungs- und Hilfseinsätzen engagieren. Gleichzeitig stehen diese auch für die Idee des Schutzes und der Barmherzigkeit als Mittel gegen den Krieg. Auch der Illustrator Oleg Gryshchenko (*1985) schuf ein Plakat mit der Darstellung einer „Schutzmantelmaria der Streitkräfte der Ukraine“ (2022). Als Vorbild für sein Werk nutzte der Künstler eine alt-ukrainische Ikone aus dem frühen 18. Jahrhundert. Die Gestalt der Madonna griff Oleg Gryshchenko auf, weil sie für die Zaporizhzhja-Kosaken, die die Ukraine in früheren Zeiten verteidigten, den Gedanken des Schutzes verkörperte.

Eine „Ukrainische Madonna“ stellt auch die Illustratorin Maryna Solomennykova (*1992) in ihrem gleichnamigen Bild dar. Es ist einer ägyptischen Grabstele mit der Darstellung einer stillenden Frau aus dem 4./5. Jahrhundert gegenübergestellt. Der Anstoß zur Entstehung der Illustration (2022) gab das Foto einer jungen Frau, die sich vor einem russischen Angriff in einer Metro-Station versteckte, um ihr Kind zu stillen. Das Motiv erinnerte die Künstlerin an eine „Madonna mit dem Kind“, deshalb entschied sie sich, einen Heiligenschein über dem Kopf der Mutter darzustellen und die Karte des Kyjiwer Metronetzes darin einzufügen.


Aufopferung, Verlust und Kindheit

Sein surrealistisches Gemälde „Hand. Nadel“ (2022) sieht der Künstler Sergii Radkevych (*1987) als „Manifest gegen Gewalt“. Gegenübergestellt ist das Bild, das eine Hand zeigt, die von einer Nadel durchbohrt wird, der Holzskulptur „Martyrium des heiligen Sebastian“ (ca. 1525), dessen Körper von Pfeilen getroffen wird. Für die Kuratorin Olesia Sobkovych erzählen beide Werke „vom Unvermeidlichen der Prüfungen auf dem Weg der Verteidigung der eigenen Werte und Überzeugungen“. In einem weiteren Bild von Sergii Radkevych geht es um „Das Heilige Grab“ (2022). Eine schwarze, zusammengesunkene Gestalt Christi mit übereinander gelegten Händen bildet einen Kosmos, in dem die Zeit von der Vergangenheit bis zur Gegenwart stehen bleibt, so der Künstler. Gegenübergestellt wird das Bild der Holzskulptur „Christus im Elend“ (um 1525) von Hans Leinberger. In beiden Werken geht es um die Idee des bewussten Opfers für die Rettung der Menschen, wobei die Darstellung Jesus jeweils nach bzw. vor seinem Tod zeigen.

Auch Oleksii Revika (*1979) wählt mit seinem Werk „Verlust, 2022-58“ aus der Reihe „Rote Linie“ (2022) ein religiöses Motiv und zeigt im Stil einer traditionellen Ikone eine Madonna mit Kind, wobei dieses Kind in ihren Armen fehlt; ihre Hände greifen ins Nichts. Zu sehen ist das Bild neben dem Fragment einer Madonna von Tino di Camaino, das um 1335 datiert ist. Auf dem Relief aus dem 14. Jahrhundert ist noch der Kopf von Maria zu sehen, das Jesus-Kind neben ihr ist hingegen abgebrochen – übrigens infolge einer Zerstörung des Kunstwerks im Zweiten Weltkrieg. Ganz ähnlich wie das Werk von Oleksii Revika zeugt auch das zerbrochene Relief von Verlust, konkret ist es der Verlust von Kinderleben im Krieg. „Der größte Verlust, den der Feind uns zufügen will, ist die Zerstörung unserer Zukunft“, kommentiert der Künstler sein Werk.

Ein zweites Werk aus Revikas Reihe „Rote Linie“ in der Ausstellung ist „Invasion Sumy, 2022-64“ – die Nummern in den Werktiteln beziehen sich jeweils auf den Tag nach dem Beginn der russischen Invasion in die Ukraine im Jahr 2022. Im Werk mit der Nummer 64 betrachtet der Künstler die Invasion als Verletzung der gewohnten Umgebung von Kinden im Kreis ihrer Familien. Das Bild einer zerbrochenen Puppe wird als Kontrast neben dem Fragment eines Reliefs mit glücklich spielenden Kindern aus dem 5. Jahrhundert gezeigt.


Heldentum, Widerstand und Besatzung

Auch der Grafiker Matvei Vaisberg (*1958) arbeitet an einer Reihe mit dem Titel „Dünne rote Linie“, ein Ausdruck für eine verzweifelte Verteidigung aus letzter Kraft. Zwei Zeichnungen aus der Reihe von 2022 sind in der Ausstellung neben der Skulpturen von Schildträgern (um 1495) von Tullio Lombardo zu sehen. Die Grafiken von Vaisberg sind den ukrainischen Soldaten gewidmet, die als fragmenthafte Gestalten kämpfender antiker Helden dargestellt sind. Die historischen Schildträger-Skulpturen verweisen hingegen selbst auf den Krieg – auch sie wurden im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt.

Matvei Vaisberg ist in der Ausstellung zudem mit der Pastell-Zeichnung „Engel der Streitkräfte der Ukraine“ (2022) vertreten, die neben der historischen Skulptur „Erzengel Michael als Bezwinger des Satans“ (um 1760) von Ignaz Günther und einem Foto der Skulptur „Das Spiel ist aus“ (2022) des ukrainischen Bildhauers Konstantin Sinitskiy (*1971) zu sehen ist. Alle drei Werke befassen sich mit dem Motiv des Kampfes Gut gegen Böse; sie zeigen den entschlossenen Widerstand gegen den Feind in drei Stadien: Die Grafik von Matvei Vaisberg stellt den Beginn eines Kampfes dar, die Skulptur von Ignaz Günther stellt den aktiven Kampf dar und die Skulptur von Konstantin Sinitskiy zeigt die Niederwerfung des Bösen.

Schließlich zeigt die Ausstellung zwei Tinten-Zeichnungen des Künstlerduos Serhi Druziaka (*1958) und Serhii Lytvynov (*1960) aus der Serie „Schwarzer Kalender“ (2014). Die Werke sind dem ägyptischen Relief „Befreiung einer belagerten Stadt“ aus dem 5. Jahrhundert gegenübergestellt. Wie fast alle in der Ausstellung vertretenen Kunstschaffenden, betont auch das Künstlerduo in ihrem werkbegleitenden Text, warum sie weiterhin in der sich im Krieg befindenden Ukraine leben und arbeiten. Ihre Arbeiten geben einen Einblick in die neue Realität in der Ukraine, in der das einzige Ziel der Menschen darin besteht, zu überleben.


„Der Einklang der Werke der Vergangenheit und der Gegenwart erinnert daran, dass ein Phänomen wie ‚Frieden‘ nicht stabil ist. Für seinen Erhalt wird täglich an verschiedenen Fronten gekämpft, und jeder von uns ist ein Teil dieses Kampfes.“

Olesia Sobkovych, Kuratorin der Ausstellung

Timeless. Contemporary Ukrainian Art in Times of War

17.03.2023-17.03.2024
Bode-Museum, Berlin


Header-Bild: Angelika Schoder – Ignaz Günther: Erzengel Michael als Bezwinger des Satans (ca. 1760), Bode-Museum, Berlin 2023


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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