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Geknickt durch Kunst, musealer Selfie-Hype und Twitter-Poesie

Können Pop-Up Erlebnisse neue Einnahmequellen für Museen erschließen? Oder bedienen sie nur den Selfie-Hype? Das und mehr im aktuellen Nicht-Newsletter.

Nicht-Newsletter – Nr. 49, 03/2020

Frage des Monats
Verursacht der Kunstgenuss Haltungsschäden?

Thema des Monats
Wenn Museen den Selfie-Hype bedienen

Twitter des Monats
poetweet

Instagram des Monats
Sabine Timm

Tumblr des Monats
froz3nbanana


Frage des Monats

Verursacht der Kunstgenuss Haltungsschäden?

Viele kennen das Problem: Man hat “Rücken”. Ob ein Ziehen im unteren Wirbelbereich, eine fiese Verspannung zwischen den Schultern oder ein Knirschen im Genick. Mindestens eines dieser Probleme haben die meisten Menschen vielleicht gerade jetzt, während sie diesen Beitrag hier lesen. Aber woher kommen die Rückenprobleme? Von einer ungesunden Haltung am Computerbildschirm? Vom ständigen Starren aufs Smartphone? In den aktuellen Zeiten von weit verbreitetem Home Office wäre das kein Wunder. Bevor alle Museen wegen der Coronavirus-Pandemie schließen mussten, gab es aber bei Museumsfans vielleicht noch eine weitere Ursache für Rückenschmerzen: der “Museum Walk”.

Die typische Museums-Pose

Mark Josefsberg, ein Spezialist für Körperhaltung, verdient sein Geld mit der Behandlung von Haltungsschäden. Man könnte es als geschäftstüchtig bezeichnen, dass Josefsberg vor kurzem ein Problem identifizierte, von dem die Menschheit bisher vermutlich noch nie gehört hat: der Museum Walk.

Der Begriff beschreibt die ungesunde Körperhaltung, die viele Menschen in Museen einnehmen: so ein bisschen nach vorne gebückt, um einem Kunstwerk körperlich nicht zu nahe zu kommen, aber trotzdem ein Detail besser erkennen zu können, oder um einen zu tief angebrachten Objekttext lesen zu können. Auch die Verrenkung des Genicks gehört dazu, wenn die Petersburger Hängung im Museum mal wieder bis zur Decke reicht.

Unterbrochen werden diese ungünstigen Haltungen bei Museumsbesuchern vom Museum Walk: man geht wenige Schritte, meist sehr langsam, und nimmt dann wieder die gebückte oder verrenkte Haltung beim nächsten interessanten Werk ein. Das Ganze spielt sich bei einigen Museumsfans teils bis zu mehreren Stunden ab. Rückenprobleme sind hier vorprogrammiert – normalerweise.

Tschüss, Rückenschmerzen?

Nun sind wegen COVID-19 alle Museen geschlossen und man könnte jetzt meinen: Ein Glück, zumindest für die Rücken-geplagten Museumsbesucher! Jetzt kann man sich die ganze Geschichte, Wissenschaft und Kunst von zu Hause aus anschauen und sich dabei in eine bequeme Haltung begeben. Der Museum Walk fällt weg – vielleicht eines der wenigen positiven Dinge, die so eine Museumsschließung haben kann.

Doch irgendwann werden Museen ja wieder eröffnen und dann wird er zurück sein: der “Museums-Rücken”. Laut Josefsberg kann man sich aber darauf vorbereiten, diese Probleme zu vermeiden: Alles was es braucht, ist ein Training der Balance, der Haltung, der Atmung und der Koordination, die sogenannte Alexander-Technik. Benannt ist diese Methode nach F.M. Alexander (1869-1955), ein australischer Shakespeare-Schauspieler, der seine eigenen Rückenschmerzen damit kurierte.

Laut Josefsberg können die vom Museum Walk verursachten Probleme also beseitigt werden: einfach das nächste Mal im Museum den Nacken lockern, mit den Knien absenken und mehr auf den Körper konzentrieren, statt nur auf die Kunst. Dann ist man bestens vorbereitet, sobald die Museen nach der Corona-Krise wieder öffnen.


Thema des Monats

Wenn Museen den Selfie-Hype bedienen

Im Van Gogh Museum in Amsterdam ist das Fotografieren verboten. Auch wenn die Bildrechte im Fall von Vincent van Gogh eigentlich kein Thema mehr sind – der Maler starb immerhin vor 130 Jahren – das Museum hält an seinem Fotoverbot fest. Auf Selfies aus dem Museum möchte man als gute Werbung bei Instagram & Co. aber natürlich trotzdem nicht verzichten.

Deshalb stellt die Institution in ihrem Foyer eine Selfie-Wand zur Verfügung und fordert die Besucher hier dazu auf, mit dem entsprechenden Hashtag Bilder einer Van-Gogh-Fototapete zu posten. Das ist nicht nur reichlich häßlich, sondern als Besucher auch frustrierend. Wer im Museum eine bleibende Erinnerung fotografieren möchte, tut dies vor dem Originalgemälde im Ausstellungsraum – und nicht vor einem bedruckten Aufsteller im Foyer, zwischen Kasse und Garderobe.

Meet Vincent van Gogh

Im Februar 2020 wurde für wenige Wochen das Pop-Up Erlebnis “Meet Vincent van Gogh” in London eröffnet. Zum Erlebnis gehörte eine Auditour über das Leben des Künstlers, das anhand seiner Briefe erzählt wird. Begleitend trifft der Besucher auf Reproduktionen von van Goghs Werken, auf audiovisuelle Szenen, wandgroße Projektionen und interaktive Elemente. Letzteres meint: Selfie-Gelegenheiten!

Ähnlich wie im Museum of Ice Cream oder vergleichbaren “Selfie-Museen” findet der Besucher auch bei “Meet Vincent van Gogh” die eine oder andere Möglichkeit, sich selbst für Selfies in Szene zu setzen. Ob van Goghs Bett, sein düsteres Weizenfeld oder sein gelbes Haus in Arles – die Werke des Künstlers dienen als lebensgroßer Hintergrund für Fotos. Und warum das alles? Gegenüber artnet betonte der Direktor des Van Gogh Museums, Adriaan Dönszelmann, dass das Museum das Bedürfnis des Publikums nach solchen Erlebnissen erkannt habe. Und schließlich sei es ja die Aufgabe des Museums, neue Wege zu finden, verschiedene Zielgruppen zu erreichen.

Tatsächlich gab es ähnliche immersive Angebote bereits mit den Werken von van Gogh, etwa ein Erlebnis namens “Van Gogh Alive” oder “Van Gogh, Starry Night” von Atelier des Lumières in Paris. Natürlich war das Van Gogh Museum hier unter Zugzwang – schließlich kann es nicht sein, dass andere mit “ihrem” Künstler Geld verdienen und das Museum hier leer ausgeht. Deshalb sei “Meet Vincent van Gogh” nun eben “the one and only official experience created by the Van Gogh Museum”, wie Dönszelmann gegenüber artnet betonte.

Eine neue Einnahmequelle für Museen?

Vielleicht ist so ein Erlebnis die ideale Gelegenheit für Museen, sich etwas dazu zu verdienen? Ohne Originalwerke, die man versichern müsste, dafür mit viel digitalen und interaktiven Elementen, die vielleicht noch eine jüngere Zielgruppe anlocken – sieht so die Zukunft aus, wie Kunst präsentiert wird?

In ihrem Artikel bei artnet weist die Autorin Naomi Rea auf ein mögliches Problem hin: Spaßige, immersive Installationen locken international zwar ein Social-Media-affines und zumeist junges Publikum an und sorgen für klingelnde Kassen. Wenn sie aber inhaltlich leer sind und keine Informationen zur Kunst vermitteln, besteht die Gefahr ein “klassisches” Museumspublikum abzuschrecken, das sich Substanz wünscht.

Wenn ein etabliertes Kunstmuseum also diesen Weg eines Pop-Up Erlebnisses geht, muss es berücksichtigen, dass dies auch auf die Institution zurückstrahlt. Im besten Fall kann ein Museum durch so ein Angebot innovativ und originell wirken. Doch es kann auch negative Auswirkungen auf das Image eines Museums haben, wenn eine oberflächliche Selfie-Kulisse plötzlich die Kulturinstitution repräsentieren soll.


Twitter des Monats

poetweet

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by mus.er.me.ku | Kunst & Kultur

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In dieser Ausgabe des Nicht-Newsletters empfehlen wir keinen Twitter-Account, sondern ein Tool, das die Inhalte eines Twitter-Accounts in Poesie verwandelt. Wer auf der Website poetweet sein Twitter-Handle eingibt, kann zwischen drei Gedichtformen wählen:

  • ein Sonnet:
    Gedichtform aus Italien, bestehend aus 14 Zeilen
  • ein Rondel:
    Gedichtform aus Frankreich, bestehend aus zwei Strophen
  • ein Indriso:
    Gedichtform begründet durch den spanischen Dichter Isidro lturat, bestehend aus aus 8 Versen

Nur wenige Sekunden benötigt poetweet, um einen Twitter-Account zu analysieren und aus den Inhalten die gewählte Gedichtform zu erstellen. Die Analyse kann beliebig oft wiederholt werden – jedes mal entsteht ein neues Gedicht.


Instagram des Monats

Sabine Timm

Bei Instagram zeigt die Künstlerin Sabine Timm ihre Installationen aus freundlichen Wesen und skurrilen Charakteren. Manchmal verleiht sie aber auch einfach Alltagsgegenständen eine Persönlichkeit. Ob Brotscheiben, ein Krapfen oder eine Paprika – mit ein paar Augen lassen sich sofort kleine Geschichten erzählen.


Tumblr des Monats

froz3nbanana

Der Tumblr froz3nbanana wurde von Friederike Fankhänel ins Leben gerufen. Hier stellt die Kunst- und Designvermittlerin, die in Hamburg am Museum für Kunst und Gewerbe arbeitet, verschiedene Netz-Fundstücke zusammen. Es sind Beispiele für besonders schönes Design: Illustrationen, Spiele, Bücher, Fotos von Kunstwerken und Architektur.



Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.