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Warum freier Eintritt im Museum nicht die Lösung ist, mehr über Nicht-Besucher und GLAM-Bots

Nicht-Newsletter – Nr. 40, 06/2019

Frage des Monats
Bringt freier Eintritt im Museum mehr Besucher?

Thema des Monats
Top-Gründe für fehlendes Publikum

Twitter des Monats
Anatomy of a Museum Twitter Bot

Instagram des Monats
Wolf Klein

Tumblr des Monats
Der Kritische Claqueur


Frage des Monats

Bringt freier Eintritt im Museum mehr Besucher?

Freier Eintritt im Museum ist aktuell wieder ein viel diskutiertes Thema, seit Kulturstaatsministerin Monika Grütters Mitte Juni bekannt gab, sich für einen gratis Besuch pro Monat in den Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz einzusetzen. Der Ankündigung war die Ansage des Berliner Kultursenators Klaus Lederer vorausgegangen, dass die Berliner Landesmuseen einen Sonntag pro Monat ohne Eintritt geöffnet sein sollten. Mit dem Doppelhaushalt für die kommenden zwei Jahre hat Berlin den geplanten eintrittsfreien Sonntag pro Monat in seinen Museen mittlerweile auch gesichert.

Die Bundesmuseen sollten natürlich mitziehen, betonte Grütters gegenüber der Presse. Doch damit nicht genug. Zusätzlich zu diesen eintrittsfreien Sonntagen sollte im Deutschen Historischen Museum und im Jüdischen Museum Berlin kein Eintritt mehr für den Besuch der Dauerausstellung erhoben werden, so die Pläne der Kulturstaatsministerin. Ähnlich wie in vielen Londoner Museen, würden dann im DHM und im JMB nur noch Sonderausstellungen Eintritt kosten. “Angesichts der Verwerfungen in der Gesellschaft” soll der freie Eintritt ein “attraktives Angebot” darstellen, sich mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen, so Grütters. Aber reicht freier Eintritt da aus?

Ist es wirklich nur der Ticketpreis, der den Großteil der Bevölkerung davon abhält, Museen zu besuchen? Leider nein. Der Eintrittspreis, der für viele Menschen mit geringem Einkommen wirklich zu hoch sein mag, spielt nur eine geringe Rolle, wenn es um Museumsbesuche generell geht. Viele Menschen möchten kein Museum besuchen – nicht mal geschenkt. Dazu hat das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg Anfang Juni 2019 eine Studie vorgelegt.

Studie zu freiem Eintritt in Museen

Die vom Ministerium in Auftrag gegebene Studie “Evaluation des freien Eintritts in Dauerausstellungen für die baden-württembergischen Landesmuseen und das ZKM” ist bisher in Deutschland einzigartig. Untersucht wurden exemplarisch drei kunst- und kulturwissenschaftliche sowie zwei naturwissenschaftliche Landesmuseen. Hintergrund war die Frage, wie man Kultureinrichtungen “für neue, auch junge Besucher und für Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen” weiter öffnen kann. Überraschend – oder auch nicht – ist das Ergebnis der Studie: Freier Eintritt in Museen ist kein pauschal geeignetes Mittel, um mehr Menschen bzw. klassische Nicht-Besucher anzusprechen.

Am Beispiel der ausgewählten baden-württembergischen Museen wurden die Auswirkungen von freiem Eintritt in Dauer- und Sonderausstellungen untersucht. Die Studie zeigt, dass freier Eintritt keine allgemeingültige Lösung ist. Wie gut das Angebot von der Bevölkerung angenommen wird, ist sehr unterschiedlich. Für einige Museen funktionierte freier Eintritt besser als für andere. Zudem gab es große Unterschiede bei den Altersgruppen der Besucher und bei der Art der Besuchergruppen. Vorhersehbar scheint das Studienergebnis, dass die Erwartungen der Besucher an die Ausstellungsprogramme, an die Vermittlung von Inhalten, an gebotenen Service oder an besucherfreundliche Öffnungszeiten mindestens ebenso wichtig sind, wie der freie Eintritt an sich.

Kein Allheilmittel für alle Museen

Die Studie zeigte in einigen Fällen, dass freier Eintritt nicht ausschlaggebend für einen Museumsbesuch ist, wenn:

  • das Ausstellungsprogramm nicht auf Interesse stößt,
  • Inhalte nicht ansprechend vermittelt werden,
  • die Infrastruktur der Einrichtungen nicht ansprechend ist und
  • die Öffnungszeiten nicht mit dem Alltag der Menschen vereinbar sind.

In manchen Fällen führte das Angebot eines freien Museumseintritts aber auch zu Erfolgen. Das Stammpublikum kam häufiger und vor allem junge Besucher fühlten sich angesprochen. Personen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen oder grundsätzlichem Desinteresse an Museen konnten durch freien Museumseintritt hingegen kaum stärker erreicht werden.

Das Fazit der Studie ist, dass freier Eintritt ins Museum nicht als einheitliche Lösung gelten kann, um grundsätzlich mehr Besucher anzulocken, ein jüngeres Publikum oder bisher unterrepräsentierte Zielgruppen ins Haus zu bringen. Museen müssen daher genau die Bedürfnisse und Erwartungen ihrer Zielgruppen analysieren, um anhand der Ergebnisse individuelle Angebote für die eigene Institution zu entwickeln. Dies kann bei jedem Museum ganz anders ausfallen.

In Baden-Württemberg sollen, infolge der Studienergebnisse, nun die Themen Vermittlung, Teilhabe und kulturelle Bildung stärker in den Fokus gerückt werden. Die Eintrittspreispolitik soll hingegen weiterhin der Entscheidung der einzelnen Museen überlassen werden.


Thema des Monats

Top-Gründe für fehlendes Publikum

Die Frage, warum manche Museen nicht eine größere Anzahl an Besuchern anlocken, beschäftigt auch Jasper Visser bei the museum of the future. Er macht vier hauptsächliche Faktoren dafür aus:

Potenzielle Besucher kennen das Angebot des Museums nicht.

  • Vielleicht kennen potenzielle Besucher das Museumsangebot gar nicht, weil die Kommunikation dazu nicht an die passende Zielgruppe gerichtet wurde.
  • Die Angebote können auch so speziell sein, dass sie nur für eine sehr kleine Zielgruppe interessant sind. Bei der breiteren Bevölkerung treffen diese dann gar nicht auf Interesse.
  • Eventuell wurden aber auch die Inhalte, Begleitprohramme und Events des Museums nicht richtig vorgestellt und potenzielle Besucher verstehen gar nicht, was sie im Museum erwarten wird.

Das Angebot des Museums ist irrelevant für viele Zielgruppen.

  • Inhalte werden als irrelevant empfunden, wenn sie keinen Bezug zu aktuellen Themen haben.
  • Es kann auch sein, dass ein Museum nicht als angemessener Ort empfunden wird, sich mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen. Dem Museum wird dann nicht die Kompetenz zugesprochen, gewisse Inhalte angemessen zu vermitteln.
  • Vielleicht gibt es auch andere Museen, die das Thema umfangreicher und überzeugender behandeln. Sie können auch günstigere, besser zugängliche oder kinderfreundlichere Angebote bieten.

Menschen sehen sich mit Barrieren konfrontiert, die sie vom Museumsbesuch abhalten.

  • Offensichtliche Barrieren für Besucher sind zu hohe Eintrittsgelder, beschränkte Öffnungszeiten, mangelnde Barrierefreiheit vor Ort und eine schwierige Erreichbarkeit, etwa mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
  • Doch es gibt auch verdeckte Barrieren, etwa die Sorge, nicht richtig für einen Museumsbesuch angezogen zu sein, nicht zu wissen, wie man sich im Museum verhalten soll oder die Befürchtung, als Zielgruppe im Museum nicht willkommen zu sein.

Nach einem Besuch kommen die Menschen nicht wieder.

  • Ebenfalls kritisch ist es, wenn Besucher das Museum bereits kennen, aber nach einem Besuch nicht wieder kommen. Vielleicht waren sie mit den Inhalten des Museums nicht zufrieden und Erwartungen wurden enttäuscht.
  • Möglicherweise war das Angebot für Kinder nicht ansprechend oder das Aufsichtspersonal unfreundlich.
  • Vielleicht wurde den Besuchern aber auch im Anschluss an ihren ersten Besuch kein Grund geboten, noch einmal wieder zu kommen – etwa durch die Information über neue Ausstellungen oder weitere Veranstaltungen.

In jedem Fall, so betont Jasper Visser, liegt es nie am Publikum. Mögliche Gründe für zu wenige Besucher sind immer auf der Seite der Museen zu suchen.


Twitter des Monats

Anatomy of a Museum Twitter Bot

Twitter eignet sich hervorragend für den Einsatz von Bots, wobei viele nicht nur unterhaltsam, sondern auch nützlich sind. In ihrem kurzen Artikel “Anatomy of a Museum Twitter Bot” betrachtet L. Kelly Fitzpatrick vom Berkman Klein Center acht Twitter-Bots, die im Feld des Open GLAM unterwegs sind. Bots wie der @guggenheimbot oder der @RijksMuseumBot greifen auf die digitalisierten und online frei verfügbaren Sammlungen von Museen zu und machen diese Inhalte bei Twitter zugänglich. Dies erfolgt automatisiert und i.d.R. mehrmals täglich.

Interessant ist, dass es bei Twitter eine Vielzahl dieser GLAM-Bots (= Galleries, Libraries, Archives, Museums) gibt, die allerdings nicht offiziell von den Kulturinstitutionen eingerichtet wurden. Das überrascht, schließlich bieten die Bots eine niederschwellige Möglichkeit, Sammlungsinhalte einem Social-Media-Publikum zugänglich zu machen und neue Inhalte zu entdecken, die unter der entsprechenden CC-Lizenz auch weiter genutzt werden können.


Instagram des Monats

Wolf Klein

Wolf, der Balanceur. Wolf Klein kombiniert in seinem Instagram-Account gleich zwei Trends der Social-Media-Plattform in einem: Da wäre zunächst das Selfie. Selfies gehen ja immer – und angeblich bevorzugt der Algorithmus von Instagram sogar Bilder, auf denen Gesichter zu erkennen sind. Dann wäre da noch der Trend, jeden Tag das gleiche Bild zu posten. Nun ist der Account von Wolf Klein nicht direkt @samepictureofstevebuscemi – aber seine immer gleichen Selfies sind ziemlich nah dran an einer Wiederholung. Die einzige Abwechslung bietet das, was Wolf Klein auf seinem Kopf balanciert – von der instagrammigen Lichterkette bis hin zur very German Wurst.


Tumblr des Monats

Der Kritische Claqueur

Es gibt nicht mehr viele Blogger, die sich auf die Plattform Tumblr verlassen. Zu den wenigen, die in Deutschland noch auf dieser Plattform bloggen, zählt Jan-Paul Laarmann. Sein Blog Der Kritische Claqueur startete 2014 mit dem Vorhaben, einen Monat lang jeden Tag ins Theater zu gehen – und darüber zu bloggen. Heute geht er nicht mehr täglich ins Theater und bloggt statt dessen z.B. aktuell über die Architektur-Highlights im Westen zu #bauhauswow.



Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.