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Von Mischwesen: Skulptur in der Moderne

In der Ausstellung „Von Mischwesen“ zeigt die Hamburger Kunsthalle bedeutende Skulpturen der 1940er und ’50er Jahre – von Germaine Richier und Aristide Maillol bis hin zu Henry Moore und Alberto Giacometti.

Die 1940er und ’50er Jahre waren eine Zeit, die geprägt war von politischen und sozialen Umbrüchen. Dies beeinflusste auch die Kunst, die sich mit den Themen Veränderung und Transformation, aber auch mit dem Urtümlichen der Natur befasste. Mit der Ausstellung „Von Mischwesen“ widmet die Hamburger Kunsthalle sich nun herausragenden Skulpturen aus dieser Periode. Die rund 25 gezeigten Arbeiten stammen alle aus dem Bestand des Museums, wurden zum Teil aber schon jahrzehntelang nicht mehr ausgestellt. Nun sind die Werke von u.a. Julio González, Karl Hartung, Marino Marini und Henry Moore in der Rotunde der Hamburger Kunsthalle und in den angrenzenden Ausstellungsräumen zu sehen. Auch außergewöhnliche Skulpturen der französischen Künstlerin Germaine Richier und der weniger bekannten Hamburger Künstlerin Ursula Querner werden gezeigt.


Sich wandelnde Körper

Beeinflusst durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges begannen in der Nachkriegszeit immer mehr europäische Kunstschaffende eine neue Formensprache zu entwickeln. Besonders die Darstellung der menschlichen Figur veränderte sich; Körper wandelten und zersetzten sich – bis hin zur Auflösung. Es entstanden Mischwesen aus Mensch, Tier- oder Pflanzenwesen. In der Ausstellung „Von Mischwesen. Skulptur in der Moderne“ stellt nun Kurator Jasper Warzecha 25 Werke aus den 1940er und ’50er Jahren von insgesamt 21 Kunstschaffenden in den Fokus.

Im Treppenhaus der Hamburger Kunsthalle vor dem Kupferstichkabinett stehen zunächst drei Skulpturen von Henri Laurens, Aristide Maillol und Henry Moore im Mittelpunkt. Sie sind nicht auf den ersten Blick als Mischwesen zu erkennen, stehen aber dennoch als Sinnbilder für den Prozess der Verwandlung: Henri Laurens „Wellentöchter“ (Les Ondines) können, je nach Blickwinkel, als Welle, Frau oder Fisch gesehen werden. In Aristide Maillols großer Skulptur „Der Fluss“ (La riviere etendue) wird eine sich in fließender Bewegung befindende Frauenfigur zu einer Verkörperung der natürlichen Kraft eines Flusses. Und Henry Moores Rundplastik „Aufrechte innere/äußere Form“ (1951) zeigt eine Idee von menschlicher Beziehung, wenn eine kleine innere Form scheinbar im Schutz einer größeren Form heranwächst, die sie umgibt.


Mischwesen und Metamorphosen

In der Rotunde der Hamburger Kunsthalle stehen die fünf Skulpturen von Germaine Richier mit dem Titel „Das große Schachspiel“ (1959/61) im Mittelpunkt: König, Dame, Läufer, Springer und Turm. Sie sind von einer gebrochenen Formensprache geprägt und erscheinen wie Mischwesen aus Mensch, Tier und leblosen Objekten. Die surrealistisch wirkenden Skulpturen sind schwer einzuschätzen, sie erscheinen mal bedrohlich, mal schüchtern und mal komisch-verspielt. Eine menschliche Form lässt sich noch am ehesten bei Dame und König erkennen, wobei der Kopf der Dame an den einer Kuh und der des Königs an einen Gegenstand erinnert. Der Läufer ist mit einem Fuchskopf ausgestattet, der auf einem objekthaften Torso ruht. Der Springer hat hingegen menschlich anmutende Beine, an den Füßen trägt er Schuhe mit Absatz. Sein Oberkörper ist allerdings eiförmig und der Kopf wirkt wie ein abstraktes Objekt. Am wenigsten menschlich ist der Turm gestaltet. Er wirkt wie eine technische Struktur auf drei Stelzen.

Die Ausstellung zeigt auch die „Stehende“ von Alberto Giacometti, eine Skulptur, die mehrere Gegensätze in sich vereint: Zartheit und fester Stand, Zerbrechlichkeit und selbstbewusste Haltung. Weitere Skulpturen in der Ausstellung stammen u.a. von Kenneth Armitage, Marino Marini oder Ursula Querner. Ihre fragilen Figuren können als bewusster Gegenpol zu den imposanten und dominant wirkenden Gestalten nationalsozialistischer und faschistischer Kunst gesehen werden, die in der Vorkriegszeit entstanden.


Die Formensprache der Natur

Einige Kunstschaffende waren in der Nachkriegszeit von der Formensprache der Natur fasziniert, die auch für den Kreislauf des Lebens steht. Zahlreiche Figuren Ewald Matarés sind von Naturformen inspiriert. Rinder sind für den Künstler häufig das Ursymbol einer erstrebenswerten Symbiose aus Lebewesen und Natur. Beispiele sind die kleinen Skulpturen „Liegende Kuh“ oder der „Liegende Stier“, der aus Tropenholz geschnitzt wurde. Die charakteristische Tierform wird dabei auf ihre wesentliche Merkmale reduziert. Diese Schlichtheit sowie die liegende Darstellung strahlen Ruhe, Ausgeglichenheit und einen Einklang mit der Umwelt aus. Von der Natur beeinflusst zeigt sich auch Reinhard Drenkhahn, für den die Meeresküste, Strandgut, Fische, Muscheln und Krebse als Inspiration dienten. Aus Nägeln, Metallfeilen und Blei schuf er einen lose zusammengesetzte „Krebs“, bei dem sich die Wirkung aus dem Zusammenspiel von Material und Motiv ergibt. Ebenso wie bei Matarés ist hier die Formensprache auf das Nötigste reduziert, was Raum für Assoziationen lässt.

Auf organisch gewachsene Formen verweisen hingegen die Skulpturen von Fritz Wotruba. Seine Plastik „Torso“ erinnert mit der senkrechten Form und der strukturierten Maserung an einen Baum, gleichzeitig verweist die Haltung der Figur aber auch auf eine menschliche Gehbewegung. Mit ihren Löchern, Rissen und Kratzern stehen Wotrubas Skulpturen ab 1946 auch für das Motiv des verwundeten Menschen. In Bezug dazu kann auch die grün gefärbte Bronzeskulptur „Schreiten (Torso)“ von Karl Hartung gesehen werden. Auch hier verweisen der Werktitel und die untere Spreizung auf den menschlichen Gang der Figur, die an einen Baumstamm erinnert.

Als eher anthropomorphes Mischwesen kann daneben der „Homo Aquaticus“ (1962) der Hamburger Künstlerin Ursula Querner gesehen werden. Als „Maskottchen“ weist die Silhouette der Skulptur im Museum den Besuchern den Weg zur Ausstellung. Die Figur wirkt menschlich, wobei auf dem Kopf eine Art Tauchermaske mit Schnorchel zu einer insektenähnlichen Form mit Fühlern zu verschmelzen scheint. Die Badehose des Männchens könnte auch organischer Bestandteil des Körpers sein. Die linke Hand der Figur ruht auf der Hüfte, während die rechte einen keilförmigen Gegenstand hält, vielleicht ein Werkzeug. Querner erschafft damit ein mystisch-modernes Fabelwesen; ihre Figuren betitelte sie auch als „Aquanauten“. Damit ist nicht ganz klar, ob es sich eigentlich um einen Taucher oder doch eher um einen Astronauten handelt – immerhin fällt die Entstehung der Skulptur in die Zeit der ersten Weltraum-Missionen. In jedem Fall scheint Querner mit ihrer Skulptur den Prototyp eines Mischwesens geschaffen zu haben, das vielleicht auch futuristisch auf eine hoffnungsvolle Zukunft im Geiste des technischen Fortschritts verweist.


Von Mischwesen. Skulptur in der Moderne

Hamburger Kunsthalle
25.04.2021-31.07.2022


Header-Bild: Angelika Schoder – Aristide Maillol und Robert Couturier: „Der Fluss“ (La rivière étendue), 1939/43 – Hamburger Kunsthalle 2021


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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