Wie kommen Nicht-Besucher ins Museum?

Wie werden Bewohner einer Stadt zu Besuchern eines Museums, auch wenn sie vorher vielleicht noch nie in einem Museum waren? Wie schafft man es, Menschen neugierig auf ein Kunstmuseum zu machen, die sonst bisher nicht viel mit bildender Kunst anfangen konnten? Wie baut man schließlich das Image eines Kulturtempels so weit um, dass das Betreten eines Museums so normal wird, wie wenn man in einen Bus steigt? MusErMeKu sprach darüber mit Ulrike Lorenz, der Direktorin der neu eröffneten Kunsthalle Mannheim.

 

Ulrike Lorenz leitete 13 Jahre lang die Kunstsammlung Gera, danach wurde sie 2004 Direktorin am Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg. Im Jahr 2009 kam sie dann nach MannheimUlrike Lorenz leitete 13 Jahre lang die Kunstsammlung Gera, danach wurde sie 2004 Direktorin am Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg. Im Jahr 2009 kam sie nach Mannheim an die Kunsthalle

 

Gegen die Konventionen

Ulrike Lorenz erklimmt die tribünenartige Rauminstallation „Arena“ (1997) von Rita McBride und kommt direkt zum Punkt:  „Wir meinen es sehr ernst wenn wir sagen: Wir sind nicht die Nationalgalerie, wir sind kein Tempel der Kunst. Bei uns wird Kunst nicht zelebriert, sondern zur Diskussion gestellt.“ Die Kunsthalle Mannheim will Debatten auslösen und Kontroversen ermöglichen, betont Lorenz. Sie sei schon gespannt darauf, wie das Konzept, etwa Werke verschiedener Epochen und Stile miteinander zu verknüpfen, in der science community angenommen werde. Lorenz rechnet mit Kritik, freut sich aber auch darauf.

Eines sei für die Kunsthalle Mannheim klar: „Wir hängen nicht mehr für die Ewigkeit, sondern gehen lockerer mit der Kunst um und haben dadurch die Möglichkeit, uns jederzeit zu revidieren, andere Ideen einzubringen und neue Experimente zu machen. Die Kunst ist noch nie von der Wand gefallen, wenn man mal unbeschwerter mit ihr umgeht“, so Lorenz. Das Schöne sei doch, dass es viele verschiedene Wege und verschiedene Museumskonzepte gäbe. Das würde die Kunsthalle Mannheim dazu ermutigen, ein eigenes Konzept in die Welt zu setzen. „Wir behaupten nicht, dass unser ‚Museum in Bewegung‘ der allein selig machende Weg ist. Aber wir versuchen mal etwas Anderes. Und wir wollen schauen, was wir damit für Erfahrungen machen“, so die Museumsdirektorin.

 

Politische Statements und Debatten

Im Rahmen einer Vorbesichtigung für Blogger und Instagrammer, noch vor der offiziellen Eröffnung der Kunsthalle Mannheim am 1. Juni 2018, kann Ulrike Lorenz nicht oft genug betonen, wie offen das Museum ist. Es ist offen in seiner Architektur, in seinem inhaltlichen Konzept, in seinen digitalen Zielen – und nicht zuletzt auch in seinem Anspruch, ein Haus für alle Besuchergruppen zu sein. „Das Konzept kann man als ‚integrierte Geschichte‘ bezeichnen. Es geht los mit der offenen, porösen Architektur, die sehr ungewöhnlich ist. Man kann von allen Seiten in dieses Museum hineinsehen und Neugierde entwickeln: Was tut sich da? Man kann aber auch aus dem Museum nach draußen schauen. Wir wollen dadurch eine ‚Stadt in der Stadt‘ entstehen lassen“, erklärt Lorenz.

Das Museum besteht aus verschiedenen Ausstellungsräumen, sogenannten Kuben. Sie sind verbunden über Brücken, Terrassen, Wege und Stege. „Das soll Schwellen abbauen. Wir wollen an den Alltag der Menschen anknüpfen und Fragestellungen der urbanisierten Gesellschaft von heute nachgehen. Dazu gehören Themen wie Migration, Werteverständnis oder persönliche Motivationen. Es soll aber auch um Fragen danach gehen, wie wir leben wollen und was zu einem guten Zusammenleben dazu gehört. Wir gehen mit dem Anspruch an Kunst heran, dass sie uns bei unserem alltäglichen Leben helfen kann“, erläutert die Direktorin. Die Kunsthalle Mannheim will die Kunst zum Anlass für Kommunikation und für Debatten nutzen. Über Kunst sollen Menschen in Beziehung zueinander treten – das ist das Ziel des Museums.

Die Offenheit der Architektur will das Museum deshalb auch in seinen Ausstellungskonzepten spiegeln. „Wir knüpfen an Themen des Alltags und der Gesellschaft an und wir möchten politisch sein. Wir möchten mit unserer Sammlung, aber auch mit unseren Sonderausstellungen, brisante Fragen bearbeiten. Durch dieses Interesse an Lebensfragen versuchen wir die Menschen ins Museum zu holen“, erklärt Lorenz.

 

Die Bauzeit der Kunsthalle Mannheim betrug 1.171 Tage. Die Kosten beliefen sich auf 68,3 Mio Euro. Insgesamt wurde eine Ausstellungsfläche von 5.500 Quadratmeter geschaffen, davon 3.500 Quadratmeter im NeubauDie Bauzeit der Kunsthalle Mannheim betrug 1.171 Tage. Die Kosten beliefen sich auf 68,3 Mio Euro. Insgesamt wurde eine Ausstellungsfläche von 5.500 Quadratmeter geschaffen, davon 3.500 Quadratmeter im Neubau

 

Offen, auch für Nicht-Besucher

Die Kunsthalle Mannheim soll ein Ort für alle sein – besonders für die Menschen, die in Mannheim leben, erklärt Ulrike Lorenz. „Unser Atrium im Museum ist für alle frei zugänglich, ohne Eintritt. Und jeder ist eingeladen, hier her zu kommen, sich im Museum aufzuhalten und auch unser freies WLAN zu nutzen. Das wollen wir auf jeden Fall bewerben, denn für uns ist das die Möglichkeit, dass Menschen einfach überhaupt den ersten Kontakt zu einem Museum haben können.“

Die Museumsdirektorin wünscht sich, dass so auch Nicht-Besucher in Kontakt mit dem Museum kommen und feststellen, dass ein Museumsbesuch auch Spaß machen kann und dass er vielfältiger und spannender ist, als man es sich vielleicht vorher vorgestellt hat. „Ich mag hier den Ausspruch des Schweizer Künstlers Rémy Zaugg, der einmal gesagt hat: In ein Kunstmuseum zu gehen, soll nicht ungewöhnlicher sein, als in einen Autobus zu steigen. Wir wollen diese Art von Alltäglichkeit demonstrieren und auch nachprüfbar machen. Als Kunsthalle Mannheim werden wir den Leuten die Schwellenangst und Bedenken nehmen. Wir wollen zeigen: Es gibt einen solchen Reichtum hier, nehmt ihn euch – er gehört vom Prinzip her euch. Ihr seid die Besitzer dieser Sammlung. Nehmt unsere Angebote an und macht eure eigenen Angebote, wir wollen mit euch ins Gespräch kommen.“

Auch Mehrsprachigkeit ist für die Kunsthalle Mannheim sehr wichtig, neben Englisch beispielsweise auch Türkisch. Das Museum möchte aber vor allem über die Vielfalt der angebotenen Themen und Formate überzeugen, betont Ulrike Lorenz. „Es sind ja nicht nur Ausstellungen, sondern wir werden mit unserem ProgrammPlus vollkommen neue Veranstaltungsformate, Diskursformate, Mitmach-Formate, Konversations-Formate anbieten. Durch den Auftritt des ganzen Museums soll der eigentlich Link entstehen.“

Die Kunsthalle Mannheim will ungewöhnliche Veranstaltungsmöglichkeiten bieten, die immer mit der Existenz und dem Tun der Menschen verbunden sein sollen – denn das sei für viele Menschen sehr wichtig, dass sie eine Beziehung zu ihrem Alltag finden, weiß die Museumsdirektorin. „Wir wollen hier viele Leute erreichen, etwa durch zahlreiche Schulprogramme. Wir verknüpfen uns auch mit den Schulprojekten der Stadt und des Landes Baden-Württemberg. Und dann hoffen wird, dass es sozusagen umgekehrt läuft als meist üblich, dass Schüler es plötzlich total toll finden im Museum zu sein und dann auch ihre Eltern mitbringen.“

 

Im Rohbau der Kunsthalle Mannheim wurden 13.000 Kubikmeter Beton und 2.200 Tonnen Baustahl verarbeitet. Das Atrium ist mit seinen 700 Quadratmeter und 21,5 Meter Höhe der größte Raum im MuseumIm Rohbau der Kunsthalle Mannheim wurden 13.000 Kubikmeter Beton und 2.200 Tonnen Baustahl verarbeitet. Das Atrium ist mit seinen 700 Quadratmeter und 21,5 Meter Höhe der größte Raum im Museum

 

Dialog, auch digital

Das Museum soll ein Ort werden, an dem man zusammenkommt und in Dialog tritt. Dass dieser Dialog umso besser und spannender wird, je unterschiedlicher die Beteiligten sind, scheint ganz selbstverständlich. Denn in Mannheim treffen viele verschiedene Nationalitäten und damit auch Kulturen aufeinander. Und dieses kulturelle Aufeinandertreffen soll in der Kunsthalle Mannheim um den Aspekt der Auseinandersetzung mit Kunst erweitert werden. Daher ist es dem Museum wichtig, mit seinen Ausstellungen Themen aufzugreifen, die alltägliche Fragen widerspiegeln.

Zum Alltag der Menschen gehört aber auch das Digitale. Die Kunsthalle Mannheim trägt dem mit einer umfassenden digitalen Strategie Rechnung. Statt bloßer Technik steht aber vielmehr der Mensch im Mittelpunkt, wie Ulrike Lorenz betont: „Digital heißt für uns zu kommunizieren. Es geht dabei nicht um pure technische Machbarkeit, es soll keine Spielerei sein. Vor allen Dingen ist das Digitale für uns auch keine Ablenkung von ‚dem Original-Kunstwerk‘. Für uns bedeutet das Digitale eine Form des Gesprächs mit sehr diversifizierten Zielgruppen. Wir sehen hier die Möglichkeit zu interagieren und das Publikum an unserer Arbeit zu beteiligen.“ Das Museum will sogar einen Schritt weiter gehen und die Menschen dazu ermächtigen, unabhängig vom Museum als Kontrollinstitution – und das war das Museum ja über Jahrhunderte – miteinander ins Gespräch zu kommen.

 

Neben einer Multimedia App und einer Collection Wall gibt es in der Kunsthalle Mannheim einen interaktiven Medientisch, an dem bis zu vier Nutzer Werke der Sammlung genauer betrachten können

Neben einer Multimedia App und einer Collection Wall gibt es in der Kunsthalle Mannheim einen interaktiven Medientisch, an dem bis zu vier Nutzer Werke der Sammlung genauer betrachten können

 

Interaktiv und Instagram-freundlich

Mit der Multimedia App und einer Collection Wall sind Besucher der Kunsthalle Mannheim dazu in der Lage, Favoriten aus der Museumssammlung auszusuchen, eigene Touren zu planen, eigene Ausstellungen zu kuratieren und sich sogar einen persönlichen Museumskatalog zusammenzustellen. Dies kann man dann wiederum für andere Besucher hinterlassen, erklärt Lorenz. „So treten Menschen mit anderen Menschen in Verbindung, mittels des Museums und unserer Tools. Das sind Instrumente, die wir den Menschen zur Verfügung stellen – hier können sich die Nutzer frei bedienen. Für uns ist das eine kleine Revolution. Vielleicht wird es hier und da auch ein bisschen knirschen. Nicht alles Vorgedachte ist jetzt schon da, einiges wird über die Sommermonate noch hinzukommen. Wir sehen das als ongoing process.“

Das Museum habe auch sein ganzes Team umgebaut, es gäbe nun völlig neue Berufsprofile am Haus und die digitale Strategie werde ständig weiterentwickelt. „Es werden Instrumente dazukommen, wir werden mit der Zeit Erfahrungen sammeln, vielleicht verwerfen wir manches auch wieder, das sich nicht als effizient erweist. Wir wollen uns als Museum einfach mit dieser digitalen Strategie weiter entwickeln“, so Lorenz.

Für Social Media Nutzer hat die Kunsthalle Mannheim sogar einiges auf sich genommen, um das sorgenfreie Posten von Kunstwerken bei Instagram, Pinterest und Co. durch die Besucher zu ermöglichen. „Uns ist bewusst, dass es den Menschen wichtig ist, Fotos zu machen und diese in Social Media zu teilen. Wir ermutigen sie sogar dazu. Deshalb ist es Teil unserer digitalen Strategie, mit der VG Bild-Kunst eine Sondervereinbarung zur Frage der Bildrechte der Künstler zu schließen, so dass wir in der Lage sind, unseren Besuchern das Fotografieren zu ermöglichen – auch bei Werken, auf denen Bildrechte liegen. Das wird mit der Eröffnung des Museums möglich sein, so dass wir hier mit Volldampf in eine neue Ära gehen“, berichtet Ulrike Lorenz begeistert.*

 

*Update vom 05.11.2018

Im November hat die Kunsthalle Mannheim nach einer Anfrage von MusErMeKu ihre Hausordnung ergänzt. Hier wurde zu Foto-, Film- und Audioaufnahmen der Passus hinzugefügt: „Wir weisen darauf hin, dass die Veröffentlichung von Fotoaufnahmen im Internet und in den Sozialen Medien keine private Nutzung darstellt und unter Umständen Urheberrechte verletzt.“ Das Museum gestattet in seiner Sammlung das Fotografieren „zu privaten Zwecken und innerhalb der Nutzung der App der Kunsthalle Mannheim“ – die Veröffentlichung der Aufnahmen in Social Media ist hier nicht mit inbegriffen.

⇒ Siehe dazu: Urheberrecht vs. Internet: Wer darf Kunst online zeigen?

 

Die Kunsthalle Mannheim wurde zum 1. Juni 2018 wieder eröffnet.

⇒ Zur Kunsthalle Mannheim

 

>>> Dieser Blogbeitrag entstand infolge einer Einladung von der Kunsthalle Mannheim zur Veranstaltung #kuma_open / #jeffwall am 26.05.2018 im Vorfeld der Neueröffnung des Museums.
 
Bilder: Angelika Schoder – Kunsthalle Mannheim, 2018