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Kultur und Corona: Was bleibt nach der Pandemie?

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf den Kulturbereich? Für viele Institutionen sind die Auswirkungen katastrophal. Doch einige sehen auch Chancen für eine Transformation.

Weltweit hat die Corona-Pandemie in der Kulturwelt schwere Schäden hinterlassen. Einige Institutionen haben Millionen-Verluste zu beklagen, in Zukunft drohen Sparmaßnahmen – auch beim Personal. In einer Branche, in der bisher oft prekäre Arbeitsbedingungen herrschten, wird diese Entwicklung wohl dazu beitragen, dass es so schnell nicht zu einer positiven Veränderung für Kunst- und Kulturschaffende kommen wird. Neben diesen strukturellen Problemen hat die Pandemie gezeigt, dass zwar zahlreiche digitale Kulturformate entstehen konnten, diese aber nicht annähernd so viel Anklang seitens des Publikums fanden wie die Kulturangebote vor Ort – insbesondere was die Bereitschaft angeht, für Kultur zu zahlen. Man könnte COVID-19 also als höchst problematisch für den Kulturbereich betrachten. Man könnte die Pandemie aber auch als großartige Chance feiern…


Weg mit dem Kultur-Fett

„Jeder Aspekt des Lebens hat wahrscheinlich ein bissen Fett, das reduziert werden muss“. Diese Aussage stammt von Grayson Perry, einem britischen Künstler, TV-Persönlichkeit und Autor. Perry gewann 2003 den Turner Prize, hatte Einzelausstellungen in diversen renommierten Kunstmuseen und ist Kanzler der University of the Arts London. Als er im Herbst 2020 mit dem Arts Society Magazine über Fett sprach, das weniger werden muss, meinte er damit nicht das eine oder andere Fresspölsterchen, das einige sich im Corona-bedingten Homeoffice angefuttert haben. Nein, Grayson Perry sprach im Interview hier von der Kunstwelt. Es sei zwar schrecklich, so Perry, dass der Kultursektor so dezimiert wurde, aber man könne es ja auch positiv sehen: Einiges muss weg; die Kulturwelt wäre doch ohnehin häufig eine in sich geschlossene Gesellschaft:

„Es ist furchtbar, dass der Kultursektor dezimiert wurde, aber ich denke, einige Dinge mussten verschwinden. Zu oft besteht das Publikum für Kultur nur aus den Leuten, die sie machen – Theater mit einem ganzen Publikum von Schauspielern, oder Ausstellungen, die nur gemacht werden, um andere Kuratoren zu beeindrucken.“

Grayson Perry im Gespräch mit dem Arts Society Magazine, November 2020

Zur Zeit des Interviews war bereits bekannt, dass das Southbank Centre in London etwa ein Drittel seiner Mitarbeiter entlassen wird, das Victoria and Albert Museum und die National Museums Liverpool hatten angekündigt je rund 100 Stellen zu streichen, der National Trust, Europas größte Organisation für Kultur- und Naturschutz, hatte angekündigt, dass 1.200 Stellen wegfallen würden. Der Stellenabbau, auch bei vielen weiteren Kulturinstitutionen, fand vor allem im Bereich des Besucherservice und in der Kulturvermittlung statt. Die Royal Academy, deren Mitglied Grayson Perry seit 2011 ist, hat selbst über 100 Beschäftige entlassen. Doch statt sich mit den Angestellten der Institution zu solidarisieren, äußerte er im Interview nur Sätze wie:

„Mit Covid ist es so, als würde man einen Computer aus- und wieder einschalten und sehen, welche Dateien wieder auftauchen. Einige von ihnen sind uns eigentlich egal. Interessant ist, was vielleicht nicht wieder auftaucht“.

Grayson Perry im Gespräch mit dem Arts Society Magazine, November 2020

Dass von den Entlassungen besonders jüngere, weniger privilegierte und diverse Angestellte betroffen waren, scheint Perry wohl ausgeblendet zu haben. Er wird diese Kulturschaffenden in seiner Bubble wohl auch nicht vermissen. Die Kuratoren werden auch nach der Pandemie noch ihre Jobs haben. Diejenigen, die sich aber tagtäglich um die Besucher gekümmert haben, die Vermittler, das Shop-Personal, die Aufsichten – also diejenigen, mit denen das Publikum wirklich in Kontakt war und die damit maßgeblich zum Besuchererlebnis beigetragen haben – die sind verzichtbar? Bei Twitter betonte Perry später, er hätte natürlich nicht über den Stellenabbau im Kultursektor gesprochen und Kunst sei in dieser schweren Zeit wichtiger denn je. Es bleibt aber die Frage, was ist im Kunst- und Kultursektor denn das, was ruhig verschwinden kann, ohne dass man es vermisst?


Das Beste, was der Kunst passieren kann

Eine mögliche Antwort auf die Frage, was nun wirklich weg kann, lieferte nun rund ein halbes Jahr nach Perrys Interview unter anderem Peter Weibel. Im Magazin brand eins sprach der Künstler, Wissenschaftler und Leiter des ZKM – Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe über die Chancen, die Corona insbesondere für Kunstmuseen mit sich gebracht hätte. „Die Schließung der Museen in der Pandemie ist das Beste, was der Kunst passieren konnte“, heißt es da.

Auch Weibel, ebenso wie Perry, denkt hier natürlich nicht an das Museumspersonal. Wer sein Geld als Freelancer mit Gruppenführungen verdient, wer als Teil des Teams der Museumspädagogik Kunstvermittlung mit Schulklassen macht oder wer als Museumsaufsicht arbeitet, könnte sich wohl schon etwas vorstellen, was der Kunst Besseres passieren könnte. Nämlich dass sie von Menschen vor Ort angeschaut und ihnen vermittelt wird. Wenn Museumsinhalte nur online genutzt werden, ist eine Museumsaufsicht ja nicht notwendig. Und eine einzige Person aus der Museumspädagogik kann im Livestream vor 10 Schulklassen gleichzeitig sprechen – sehr effektiv. Vielleicht ist dieser Gedanke an Personal- und damit auch an Kostenersparnis recht positiv aus Sicht eines Museumsleiters. Aus Sicht der Beschäftigten ist es keine gute Perspektive.

Weibel spricht in brand eins jedoch lieber von der Fehlentwicklung, dass sich vor Corona der Erfolg einer Ausstellung an Besuchermassen messen ließ. Wobei man da fragen möchte, was genau denn aber statt dessen eine erfolgreiche Ausstellung für ihn ausmacht? Wenn eine Hand voll Wissenschaftler dazu einen anspruchsvollen Essayband veröffentlicht hat, den dann wieder eine Hand voll Studierender liest? Oder wenn die Fachpresse und das Feuilleton der großen Zeitungen wohlwollend über die Ausstellung berichtet? Lässt sich daran eine erfolgreiche Ausstellung festmachen, wenn gleichzeitig aber vielleicht kaum Besucher kommen? Weibel macht jedenfalls deutlich, dass nach Corona für ihn eines endgültig weg kann: Die Blockbuster-Ausstellungen, die immer die gleichen Klassiker der Moderne zeigen:

„Der Besucher sieht vor allem die Masse der anderen Besucher. Er hat keine Chance, sich intensiv mit einem Gemälde auseinanderzusetzen. Das ist das gemeinsame Kunsterlebnis, das in der Pandemie angeblich so vermisst wird. In den Event-Ausstellungen feiert die Masse der Besucher sich selbst, die ausgestellte Kunst ist dafür nur der Vorwand.“

Peter Weibel in brand eins, Juni 2021

Weg vom Blockbuster – hin zu was?

Zumindest hier hat Weibel Recht. Wer einmal eine sogenannte Blockbuster-Ausstellung besucht hat, möchte wohl zukünftig gern auf die negativen Aspekte verzichten, die bisher mit einem solchen Ausstellungsbesuch verbunden waren. Niemand steht gerne stundenlang vorm Museum in einer Schlange, weil es keine Zeitfenster-Tickets gibt. Und keiner quetscht sich gerne mit Besuchermassen durch enge Räume und streckt und duckt sich, um Ausstellungstexte oder Objektbeschriftungen zu lesen, weil es keine Besucherbeschränkung gibt. Die in der Pandemie entwickelten Hygienekonzepte haben nun gezeigt, dass es auch anders geht: Zeitfenster-Tickets verringern die Zeit des Schlangestehens erheblich und Zulassungsbeschränkungen zu Ausstellungen ermöglichen es, sich in den Räumen mit ausreichend Abstand zu den anderen Besuchern zu bewegen. Das kann gerne bleiben.

Was aber eher fragwürdig erscheint, ist die Andeutung Weibels, man könne gerne in Zukunft generell auf Blockbuster-Ausstellungen verzichten. Was soll das bedeuten? Nach Corona werden nun nur noch Ausstellungen gezeigt, die nicht so viele Leute interessieren? Statt also Monet, Picasso, van Gogh – was eben immer ein Garant für einen Blockbuster wäre – sollen nun nur noch Kunstakteure gezeigt, die bisher weitestgehend unbekannt sind? Im Prinzip wäre es schön, wenn mehr thematische Abwechslung in den Ausstellungsbetrieb käme. Und das gilt ja nicht nur für Kunstmuseen, auf die sich Weibel ausschließlich zu beziehen scheint, so als gäbe es keine anderen Museen, die in der Vergangenheit natürlich ebenso Blockbuster-Ausstellungen organisiert haben, etwa historische, naturhistorische und Technik-Museen.

Man muss dabei aber bedenken, was diese Ausstellungen zu so großen Publikumserfolgen macht: Es sind Inhalte, die sehr viele Menschen ansprechen. Die meisten Menschen gehen nur ein, vielleicht zwei Mal im Jahr ins Museum. Ausschlaggebend für ihren Besuch ist dabei, ob sie das Thema einer Ausstellung anspricht. Was ein Blockbuster wird, entscheiden daher letztendlich ja nicht die Museen, die die Ausstellungen organisieren. Es entscheiden die Besucher, die zahlreich kommen. Würde man sich also bewusst entscheiden, keine Ausstellungen mehr zu populären Künstlern oder zu „massentauglichen“ Themen zu machen, würde man genau das Museumspublikum verlieren, das nur kommt, wenn es mit dem Thema einer Ausstellung etwas anfangen kann.


Soziales Ereignis statt Objekt-Fixierung

Für Weibel hat die Corona-Krise gezeigt „dass kein Mensch Museen braucht, die Kunst-Events als Spektakel der Nähe inszenieren. In diesem Sinne ist jedes geschlossene Museum ein Geschenk an die Kunst.“ Die moderne Zivilisation beruhe auf Distanz, nicht auf ständigem Körperkontakt, so Weibel in brand eins. Und schließlich würden ja auch mehr Menschen Filme schauen als live ein Theater zu besuchen oder viel öfter Musik streamen als im Konzertsaal zu sitzen. So hätte die Pandemie der Kultur der Fernmedien wie Fernsehen, Radio und Internet ja auch nichts anhaben können, betont er. Leider vergisst er dabei, dass eine Serie zu schauen etwas völlig anderes ist als ein Theaterstück zu sehen und Musik zu streamen auch ein anderes Bedürfnis befriedigt, als der Besuch eines Konzerts. Wer annimmt, das sei vergleichbar, reduziert den Prozess auf das reine Sehen von Bewegung und das reine Hören von Ton.

Es geht aber weder bei Theater- noch bei Konzert- oder Museumsbesuchen um eine „nostalgische Illusion der Nähe“, die laut Weibel vom Kulturbetrieb gepflegt würde und deren Implosion „mit Karacho“ Weibel als großartige Folge der Pandemie feiert. Kunst und Kultur haben immer auch einen sozialen Aspekt. Es geht darum gemeinsam mit anderen in Austausch zu treten, um zufällige Begegnungen, um die Wahrnehmung im Raum. Das hat nichts mit angeblicher Authentizität zu tun, nichts mit einer von Objekten ausgehenden sagenumwobenen Aura. Zur Auseinandersetzung mit Kultur gehört nicht nur ein Objekt, das man sich auch online in Ruhe und beliebig ins Detail rangezoomt ansehen könnte oder eine audio-visuelle Darbietung, die on-demand verfügbar wäre. Kultur ist immer auch ein soziales Erlebnis – und dazu gehören andere Menschen, ebenso wie der Aspekt des Unmittelbaren.

„Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes“, wie es beim englischen Schriftsteller John Donne heißt. Das gilt auch für Kultur; sie besteht nicht aus Inhalten, die für sich isoliert betrachtet werden können sondern sie ist immer auch Teil eines gemeinschaftlichen Erlebnisses. Genau deshalb ziehen die meisten Menschen wohl einen Museumsbesuch vor Ort einem digitalen 360-Grad-Rundgang vor, sie bevorzugen einen Besuch im Theater vor dem Streamen eines Stücks auf ihrem Computer und sie freuen sich auf Konzertbesuche, selbst wenn sie 24/7 die gleiche Musik auf ihrem Smartphone hören können.


Header-Bild: Angelika Schoder – Ausstellung von Rudolf Stingel in der Fondation Beyeler, Basel 2019


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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