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Hermann Scherer: Kerben und Kanten

Das Kunstmuseum Basel widmet dem Künstler Hermann Scherer eine Ausstellung, in der dessen expressionistische Holzschnitte im Mittelpunkt stehen.

Er zählt zu den berühmtesten Vertretern des Expressionismus in der Schweiz. Nun widmet das Kunstmuseum Basel dem Künstler Hermann Scherer eine kleine, aber wichtige Ausstellung. In drei Räumen steht sein grafisches Schaffen in Holz im Fokus. Die Ausstellung konzentriert sich damit auf die produktivste Phase im Leben des Künstlers, in der er über 100 Holzschnitte und mehr als 25 Holzskulpturen schuf. Das Museum zeigt in „Kerben und Kanten“ nun erstmals einen Grossteil der Druckstöcke, die sich seit über 80 Jahren in seiner Sammlung befinden, zusammen mit Drucken, die davon genommen wurden. Eine gute Gelegenheit, nicht nur den Expressionisten Hermann Scherer wieder zu entdecken, sondern auch seine Beziehung zu Ernst Ludwig Kirchner kennenzulernen, der ihn künstlerisch stark beeinflusste.


Der erste, in leuchtendem Rot gestaltete Ausstellungsraum trägt die Überschrift "Vorbild und Freiheit".
Der erste, in leuchtendem Rot gestaltete Ausstellungsraum trägt die Überschrift „Vorbild und Freiheit“. Hier ist sind u.a. großformatige Holzskulpturen von Hermann Scherer zu sehen.

Bildhauerei, Malerei und Holzschnitt

Hermann Scherer wurde 1893 im deutschen Rümmingen im Markgräflerland geboren. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er aber im schweizerischen Basel. Zunächst absolvierte er eine Ausbildung als Steinmetz in Lörrach; im Anschluss arbeitete er zwischen 1910 und 1919 bei den Basler Bildhauern Carl Gutknecht und Otto Roos. Ab 1918 assistierte er Carl Burckhardt bei der Erstellung der beiden Brunnenskulpturen „Rhein“ und „Wiese“, die sich heute vor dem Badischen Bahnhof in Basel befinden. Im Jahr 1920 stellte Scherer erstmals Skulpturen in der Kunsthalle Basel aus. In diesem Jahr begann er auch zu malen.

In seinem künstlerischen Ausdruck grenzte sich Hermann Scherer stark vom vorherrschenden Zeitgeist ab. Zu Beginn der 1920er Jahre waren ausgewogene Formen und gedämpfte Farben beliebt; dunkeltonige Malerei und Steinskulpturen im spätklassizistischen Stil prägten den Geschmack. Scherers Arbeiten entsprachen nicht diesem Stil; seine Steinskulpturen wurden immer zerklüfteter und in der Malerei setzte er auf auf immer stärkere Farbkontraste. Im Jahr 1923 lernte er Ernst Ludwig Kirchner kennen – ein wichtiger Einfluss für ihn. Mit dem Künstler verbrachte er in den folgenden Jahren sehr viel Zeit in Davos, wo ab 1924 Scherers erste Holzskulpturen und Holzschnitte entstanden.

Zu Silvester 1924 gründete Hermann Scherer zusammen mit Paul Camenisch und Albert Müller die expressionistische Basler Künstlergruppe „Rot-Blau“, die wenig später durch Werner Neuhaus ergänzt wurde. Bis Ende September 1926 fertigte er 25 Holzfiguren und über hundert Holzschnitte an. Im Herbst 1926 erkrankte Scherer und verstarb am 13. Mai 1927 in Basel. Ihm zu Ehren zeigte die Kunsthalle Basel im Februar 1928 eine große Retrospektive.


Der zweite Ausstellungsraum "Holz! Schnitt! Druck!" zeigt vielfältige Holzschnitte und einige Druckstöcke von Hermann Scherer.
Der zweite Ausstellungsraum „Holz! Schnitt! Druck!“ zeigt vielfältige Holzschnitte und einige Druckstöcke von Hermann Scherer.

Kerben und Kanten

Während zu Beginn seines künstlerischen Schaffens noch Aristide Maillol, Carl Burckhardt oder Auguste Rodin zu Hermann Scherers Einflüssen zählten, ließ er sich in seinem späteren Werk sehr stark von Ernst Ludwig Kirchner inspirieren. Dieser Phase, in der Scherer sich vor allem dem Medium des Holzschnitts widmete, steht im Zentrum der Ausstellung „Kerben und Kanten“ im Kunstmuseum Basel. Das Thema „Druck“ wird hier in zweierlei Hinsicht beleuchtet: Zum einen geht es um die druckvolle Bearbeitung des Künstlers in seinen Holzstöcken, von dem auch der Titel der Ausstellung abgeleitet wird. Zum anderen geht es aber auch um das Anfertigen von Druckabzügen auf unterschiedlichen Papieren, was der Künstler selbst vornahm und dabei mit verschiedenen Umsetzungen experimentierte.

Die Ausstellung zeigt, wie sich Hermann Scherer in seinem künstlerischen Werk mit zentralen Lebensthemen wie Liebe und Triebhaftigkeit, Zwei- und Einsamkeit, Existenzangst und Exzess auseinandersetzte. Das Arbeiten mit dem Medium Holz lässt diese Themen besonders spannend aufleben, ob in Form von großformatigen Skulpturen oder als expressive Holzschnitte.


Im dritten Ausstellungsraum geht es um die drei Mappenwerke "Raskolnikoff" (1924/25), "Der Koral vom grossen Baal" (1925) und "Die Zwölf" (1925/26) von Hermann Scherer.
Im dritten Ausstellungsraum geht es um die drei Mappenwerke „Raskolnikoff“ (1924/25), „Der Koral vom grossen Baal“ (1925) und „Die Zwölf“ (1925/26) von Hermann Scherer.

Holz als künstlerisches Medium

Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel gliedert sich in drei Ausstellungsabschnitte, denen je ein Raum im Neubau des Museums gewidmet ist. Im Abschnitt „Vorbild und Freiheit“ steht der Kontakt zwischen Hermann Scherer und Ernst Ludwig Kirchner im Mittelpunkt. Kirchner stellte im Juni 1923 seine expressionistischen Gemälde und Holzschnitte in der Kunsthalle Basel aus. Beim Aufbau der Ausstellung lernte er Scherer kennen, den er zum Dank für dessen Unterstützung zu sich nach Davos einlud, um dort mit Holz zu arbeiten. Scherer nahm das Angebot an und begann, Figuren in Holz zu hauen und Druckstöcke zu schneiden. Die Ausstellung zeigt auch, wie sich die Arbeit mit Holz auf die Malereien und Zeichnungen Scherers auswirkte und wie er eine zunehmend eigenständige Bildsprache entwickelte.

Im zweiten Raum mit dem Titel „Holz! Schnitt! Druck!“ wird deutlich, wie Scherer seine Bild-Ideen in zahlreichen Varianten zeichnerisch umsetzte. Im Holzschnitt hingegen ist keine Flexibilität im Motiv mehr möglich – jeder Schnitt prägt das spätere Werk. Für Scherer bedeutete das auch eine Überwindung, sich im Material Holz in seiner Arbeitsweise festzulegen. Die Ausstellung macht deutlich, wie sich der Holzschnitt von Zeichnung und Malerei unterscheidet: Statt Übergängen gibt es nur Schwarz-Weiß-Kontraste und Konturen werden zu Kanten und Stegen. Mit diesem Medium setzte Hermann Scherer schweizerische Landschaften, aber auch Porträts von Freunden und Bekannten um. Oft ging es in seinen Werken auch um tiefe Emotionen und Konflikte.

Der letzte Raum widmet sich Hermann Scherers Mappenwerken, die auch zu den Höhepunkten in seinem Holzschnittwerk zählen. Zu sehen sind „Raskolnikoff“ (1924/25), „Der Koral vom grossen Baal“ (1925) und „Die Zwölf “ (1925/26). Literarische Ausgangswerke sind jeweils der Roman „Schuld und Sühne“ von Fjodor Dostojewski, das Theaterstück „Baal“ von Bertolt Brecht und das expressionistische Gedicht „Die Zwölf“ von Alexander Block. Ohne visuelle Vorbilder arbeitete Scherer hier assoziativ und entwickelte eine innovative Bildsprache, ganz im Stil des Expressionismus. Auch die Stummfilme der Zeit mit ihrer ganz eigenen Ästhetik prägten seinen Stil.


Hermann Scherer. Kerben und Kanten

Kunstmuseum Basel
15.01.-18.04.2022

Die Ausstellung wird im Anschluss an ihre Station im Kunstmuseum Basel in veränderter Form im Bündner Kunstmuseum Chur (18.06.-25.09.2022) und im Ernst Barlach Haus in Hamburg (05.03.-05-06.2023) gezeigt.


Bilder: Angelika Schoder – Ausstellungsansichten: Hermann Scherer. Kerben und Kanten, Kunstmuseum Basel, 2022


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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