Eric Jarosinski im Interview: „NEIN“ zu Geisteswissenschaften

Ab wann kann man sich als „Failed Intellectual“ bezeichnen? Der Begriff des gescheiterten Intellektuellen stammt von Eric Jarosinski, einem ehemaligen Germanistik-Professor. Er verweist darauf, dass man sich als Geisteswissenschaftler wohl möglichst frühzeitig mit dem Konzept des akademischen Scheiterns auseinandersetzen sollte. Vielleicht hat man sich nach dem Studium noch als Doktorand oder Post-Doc von einer befristeten Stelle zur nächsten gerettet, vielleicht hat es eine Zeit lang noch mit Anschlussfinanzierungen geklappt. Für viele ist irgendwann dennoch Schluss – oftmals unfreiwillig, scheinbar immer häufiger aber aufgrund einer bewussten Entscheidung. Eric Jarosinski hat seinen akademischen Schlussstrich 2014 gezogen. Im Interview erzählt der Mann, der als @NeinQuarterly bei Twitter weltweit bekannt wurde, mit welchen Herausforderungen Geisteswissenschaftler heute konfrontiert sind.

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Als „Failed Intellectual“ auf Tour

Im [gab_log], dem Blog der Max Weber Stiftung über Karriere, Förderung und Internationalität, wurde in der Reihe „Max meets L.I.S.A.“ über die “Einbahnstraße Geisteswissenschaft?“ diskutiert. Eric Jarosinski kennt diese Einbahnstraße der Geisteswissenschaften sehr gut und er hat – wenn man bei dem Bild bleiben will – auf dieser Einbahnstraße eine merkwürdige Ausfahrt erwischt. Alles begann 2012 mit der Persona @NeinQuarterly bei Twitter, die sich mit der Zeit irgendwie verselbstständigt hat.

Heute ist der Amerikaner u.a. Twitter-Aphoristiker, Hashtag-Kolumnist der ZEIT und Autor des Buches „Nein. Ein Manifest“. Seinen Lebensunterhalt kann Jarosinski davon langfristig nicht bestreiten, wie er bei den Krautreportern erklärte. Scheinbar besteht in dem Punkt also doch eine Parallele zur akademischen Laufbahn, könnte man jetzt sagen. Wir sprachen bei der Netzkonferenz re:publica mit ihm über Herausforderungen für Geisteswissenschaftler.

Eric Jarosinski im Interview

Wenn sich in Deutschland Studierende für Geisteswissenschaften entscheiden, bekommen sie oft von ihren Freunden und der Familie die Frage gestellt: „Und was macht man dann damit?“. Ist das eine typisch deutsche Haltung gegenüber Geisteswissenschaften?

Eric Jarosinski: Ich würde sagen, nein. Das ist bei uns in den Staaten vielleicht noch extremer. Das hat besonders mit der Finanzierung zu tun, denn das Studium ist wahnsinnig teuer. Einige bekommen zwar finanzielle Unterstützung, viele aber auch nicht. Das Studium ist ein teurer Spaß. Viele Eltern machen sich da einfach Sorgen, was man dann danach macht. Denn sie wissen: Die Kinder haben danach vielleicht einen Schuldenberg – so wie ich ihn selbst auch habe. Die Frage ist also, ob es so eine kluge Entscheidung ist.

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Sind die Sorgen um angehende Geisteswissenschaftlicher also berechtigt?

EJ: Ich finde, es ist nicht unberechtigt, dass sich Eltern da Sorgen machen. Sie müssen hoffen, dass die Kinder nach dem Studium flexibel sind. Die Studierenden müssen das Studium als Möglichkeit verstehen, sehr viel zu lernen. Aber sie müssen sich bewusst sein: Man lernt nicht wahnsinnig viel Konkretes. Ich würde aber sagen: Man lernt eben auch sehr viel Wichtiges. Ein geisteswissenschaftliches Studium vermittelt sehr viele Fähigkeiten – das Problem ist nur, dass es schwierig ist, diese Fähigkeiten zu definieren.

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Hatten Sie als Professor denn den Eindruck, dass sich Studierende der Geisteswissenschaften zu wenig Gedanken machen, was ihre beruflichen Ziele sind?

EJ: Ich glaube, Studierenden machen sich manchmal zu viele Gedanken. Aber ich verstehe das auch, denn es ist schwierig am Anfang eines Studiums einzuschätzen, wozu das Ganze gut ist. Ich glaube hier ist es auch Aufgabe der Universität, also von den Profs, das anzusprechen. Denn diese müssen ja wissen, dass die meisten der Studierenden am Ende keine Professoren in diesem Fachbereich werden. Als Professor ist man da natürlich einerseits sehr leidenschaftlich, was das eigene Fach betrifft.

Teilweise sind solche Themen, ob man denn auch etwas anderes machen würde, noch sehr verpönt – wenn man zum Beispiel Literatur oder Geschichte studiert hat. Andererseits ist da auch eine gewisse Verantwortung das anzusprechen, finde ich. Als Prof muss man betonen: Es ist ein tolles Studium, aber man muss auch flexibel bleiben, denn man kann wirklich nicht davon ausgehen, dass es an der Uni klappt. Und vielleicht hat man als Studierender auch keine Lust an der Uni zu bleiben und entdeckt auch etwas anderes für sich.

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Neben der von Ihnen erwähnten Flexibilität, welche Qualifikationen brauchen Geisteswissenschaftler noch?

EJ: Ich habe meine Aufgabe als Literatur-, Philosophie- und Theorie-Prof so verstanden, den Studierenden zu vermitteln, dass sie am Ende des Studiums gut schreiben können. Denn das hieß für mich: gut denken können. Es ist mir erst im Laufe der Zeit klar geworden, wie wichtig das ist. Ich war ziemlich dumm in den ersten Jahren, ich hatte zum Beispiel Nietzsche unterrichtet und habe dann ganz tolle Hausarbeiten erwartet, ohne dass ich überhaupt mal angesprochen habe, wie man diese schreibt.

Im Laufe der Zeit ist mir dann klar geworden: Gut schreiben zu können ist doch eigentlich überhaupt das Wichtigste. Erst dann kann man seine Gedankenprozesse konkretisieren. Beim Schreiben merkt man zum Beispiel, ob das eigene Argument Schwächen aufweist, oder man merkt, ob man eine wichtige Frage nicht gestellt hat.

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In ihrem Vortrag „Losing Hope. Finding Europe“ bei der re:publica sprechen Sie am Ende darüber, wie wichtig es ist, komplexe Sachverhalte – zum Beispiel in Bezug auf die politische Situation in Europa – in eine Sprache zu übertragen, die Menschen verstehen lässt, „What’s at stake?“, also worum es eigentlich geht. Wie wichtig ist es, dass sich Studierende der Geisteswissenschaften mit dieser Frage auseinandersetzen?

EJ: Die Frage „What’s at stake?“ wird häufiger vernachlässigt, aber für mich war es eigentlich immer die wichtigste Frage. Man sollte nicht fragen: „Wie macht jetzt meine Interpretation von Faust die Welt besser?“ Sondern: „Wie kann ich jemandem erklären, warum das lesenswert ist?“ Oder: „Warum lesen wir dieses Werk heute überhaupt noch?“ Ich glaube also, wenn man auf die Frage „What’s at stake?“ keine Antwort hat, hat man sich damit nicht richtig auseinandergesetzt.

Ich denke, das ist einerseits die wichtigste Frage für die Wissenschaft – andererseits ist es die wichtigste Überlegung für eine Karriere, die vielleicht außerhalb der Wissenschaft stattfindet. Das ist gerade die Fähigkeit, worauf ich sehr viel Wert lege. Das heißt sehr konkret: Schreiben, Argumentieren, aber auch dass man weiß, wie man mit einem neuen oder unbekannten Publikum umgeht. Es ist wichtig, dass man sehr spezifische Einsichten übersetzen kann und dass man eine Sprache findet, die nicht unbedingt die Fachsprache ist.

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Eigentlich klingt das nach einem Plädoyer für wissenschaftliches Bloggen…

EJ: Könnte sein, ja. Obwohl es mir da auch wichtig ist zu sagen, dass man hier an das Publikum denken muss. Ich glaube wissenschaftliches Bloggen könnte sonst sehr schnell zum Selbstzweck werden, wenn man sich nicht darüber Gedanken macht, wie man überhaupt an Leser kommt. Denn man kann ganz tolle Sachen schreiben, findet aber dann keine Leser. So wie ich das sehe, gehört das aber zur Aufgabe.

Das macht auch viel mehr Spaß, denke ich. Denn dann hat man auch eher Kontakte zu Leuten und führt Gespräche. So kann sich dann eine kleine Gemeinschaft oder etwas in der Richtung entwickeln. Es hat natürlich auch etwas, wenn man einfach für sich alleine schreibt. Zum Teil sind die Geisteswissenschaften einsam – das müssen sie auch sein, finde ich. Aber genauso wichtig ist es, dass man die Fähigkeit nicht verliert, mit Publikum außerhalb des eigenen Fachbereichs reden zu können und auch reden zu wollen.

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Was bedeutet das für das wissenschaftliche Bloggen?

EJ: Ich würde sagen: Bloggen ja, aber – so profan es sich jetzt anhört – man muss auch an Marketing denken. Das heißt vor allem, gerade diese Fähigkeit, das zu identifizieren, was in deiner Arbeit am wichtigsten ist, dass du das rüberbringen kannst. Du musst sowohl dein Argument rüberbringen können, als auch den Prozess beherrschen, ein Publikum für deine Arbeit zu finden.

Das hängt sehr eng zusammen, was ich aber vor einem Jahr auch nicht so gedacht hätte. Das ist es, was mir auch bei meinem Projekt so viel Spaß macht – gerade die Verbindung zwischen Gedanken und Schreiben, aber auch die Überlegung, wie man damit in Kommunikationskanäle kommt. Das ist, glaube ich, ein wichtiger Bestandteil der Arbeit.

Vielen Dank, oder besser: #aufwiedersomething!


Header-Bild: Eine Art zu fliegen, Francisco de Goya (1864) – Rijksmuseum, RP-P-1961-465Public Domain