Ayşe Erkmen & Mona Hatoum: Displacements / Entortungen

Displacement – der Begriff hat in Zeiten von weltweiten Fluchtbewegungen und Krisen, die zu Vertreibung führen, nicht nur eine politische Bedeutung. Für Ayşe Erkmen aus Istanbul und Mona Hatoum aus Beirut steht der Begriff auch für einen Transformationsprozess. Das MdbK – Museum der bildenden Künste Leipzig zeigt aktuell in der Ausstellung „Displacements / Entortungen“ einen Dialog zwischen den beiden Künstlerinnen.


 

Persönliche und globale Fragen

Der Titel der Ausstellung „Displacements / Entortungen“ im MdbK – Museum der bildenden Künste Leipzig (18.11.2017 – 18.02.2018) geht auf einen Essay von Edward Said aus dem Jahr 2000 zurück. In seinem Text „The Art of Displacement: Mona Hatoum’s Logic of Irreconcilables“ nutzt er den Begriff displacement, um das Unvereinbare und unversöhnliche von Vertrautheit und Fremdheit in den Werken von Hatoum zu beschreiben. In der Ausstellung des MdbK wird das Wort als Inbegriff eines Verständnisses von Identität und Kunst verstanden. Ebenso wird der Begriff als eine Verschränkung von Politik und Gesellschaft im Zeichen von globalen Einflüssen gesehen. „Entortung“ meint hier aber auch Verschiebung oder Verdrängung – also Entwicklungsprozesse. Die Werke der beiden Künstlerinnen Erkmen und Hatoum sind vor diesem Hintergrund als Infragestellung von Gewissheiten und festen Standpunkten zu verstehen. [1]

Ähnlich wie auch die Ausstellung „Zwischen Zonen. Künstlerinnen aus dem arabisch-persischen Raum“, die 2017 im Marta Herford gezeigt wurde, beschäftigt sich die erste Doppelausstellung von Ayşe Erkmen und Mona Hatoum mit Orten und ihren historischen Kontexten. Auch in Leipzig setzen sich die Künstlerinnen auf unterschiedliche Art mit persönlichen und globalen Fragestellungen auseinander.

 

Neukontextualisierung im Werk von Ayşe Erkmen

Ayşe Erkmen wurde 1949 in Istanbul geboren und studierte Bildhauerei an der Staatlichen Kunstakademie Istanbul. Ihr Gesamtwerk ist konzeptionell angelegt. Sie bezieht sich auf Orte, ebenso wie sie sich diesen auch wieder entzieht. Neukontextualisierung von zentralen Fragestellungen machen ihr Werk aus. Mit „Plan B“ war sie 2011 etwa am türkischen Pavillon auf der Biennale in Venedig beteiligt. Sie zeigte eine Rohrkonstruktion, die der Reinigung des venezianischen Kanalwassers diente. 2017 ließ sie in ihrem Werk „On Water“ bei den Skulptur Projekten Münster hingegen die Besucher über Wasser gehen. Beides sind Beispiele für Erkmens Strategie der Verschiebung und Verlagerung.

In Leipzig wird das Thema der Entortung politisch – sie greift u.a. mit Werken wie „Objects of Mine“ (2013) oder „PFM-1 and others“ (1997) das Thema Krieg und Vertreibung auf, indem sie Minen als Keramik-Nachbildungen oder als Computeranimation zeigt. Daneben setzt sich Erkmen auch mit der Architektur des Museums auseinander, etwa in ihrem Ausstellungsbeitrag „Half of“ (2017). Hier kommt ein anderes Verständnis von Entortung zum tragen. Die Künstlerin bricht durch ihre Rauminstallation mit der Wirkung des Raumes und spielt mit der Aura der Institution.

 

Displacements in den Werken von Mona Hatoum

Die Libanesische Künstlerin Mona Hatoum wurde 1952 in Beirut geboren. Hier studierte sie zunächst am Beirut University College, später dann im Exil in London an der Byam Shaw School of Art und an der Slade School of Fine Art. In ihren Werken beschäftigt sich Hatoum u.a. mit Themen wie Überwachung, soziale Kontrolle und Krieg. Zunächst konzentrierte sie sich auf Performancekunst und Videoarbeiten, später wechselte sie zu großformatigen Installationen. Im Zentrum steht das Verhältnis von Raum, Objekt und Betrachter. Das Konzept der „Displacements“ kommt bei Hatoum zum tragen, da in ihren Werken Räume und Objekte in ihnen verfremdet und neu definiert werden, etwa durch die Konfrontation mit Gefahr in „Hot Spot III“ (2009) oder eine Deutung auf den zweiten Blick in „A Bigger Splash“ (2009).

Im Dialog mit den Installationen von Ayşe Erkmen zeigt das MdbK Arbeiten aus den letzten 15 Jahren von Mona Hatoum, aber auch ältere Werke von ihr aus den 1980er Jahren. Im Schwerpunkt setzt sich die Künstlerin hier mit Gewalt, Unterdrückung und Zerstörung auseinander. Sie folgt damit einer politischen Lesart des Begriffs „Displacements“. Doch auch persönlich aufgeladene und emotionale Werke Hatoums werden gezeigt, die eher die psychologischen Aspekte von „Entortungen“ spiegeln.

 

Der Katalog zur Ausstellung "Displacements / Entortungen" ist 2018 im VfmK Verlag für moderne Kunst erschienen

Der Katalog zur Ausstellung „Displacements / Entortungen“ ist 2018 im VfmK Verlag für moderne Kunst erschienen

 

Feministische und postkolonialistische Standpunkte

Der Katalog zur Ausstellung „Displacements / Entortungen“ setzt sich nicht nur mit den beiden Künstlerinnen und ihrem Werk auseinander, sondern auch mit begleitenden Fragestellungen. So wird hier auch thematisiert, inwiefern sich zeitgenössische Kunst mit dem Verhältnis von Geschlechtern auseinandersetzt und weibliche sowie männliche Identität hinterfragt. Auch der postkoloniale Kunstdiskurs kommt zur Sprache, in dem die Auseinandersetzung mit Migration, Flucht und Vertreibung eine Rolle spielen. [2]

Insbesondere Ayşe Erkmen und Mona Hatoum gehören zu den Künstlerinnen, die sich schon früh mit beiden Themenbereichen auseinandergesetzt haben. In ihren Werken finden sich Fragen nach kultureller, aber auch ideologischer Grenzverschiebung – also mehrere Ebenen der Entortung. Die Künstlerinnen hinterfragen mit ihren Arbeiten globale Machtsysteme und auch die Position von Frauen in ihnen. Sowohl Erkmen als auch Hatoum lenken den Blick der Betrachter dabei auf die vielfältigen Differenzen mit dem Ziel, geprägte Wahrnehmungsmuster zu irritierten.

 

Der Begleitband zur Ausstellung „Displacements / Entortungen“, herausgegeben von Alfred Weidinger und Frédéric Bußmann, ist 2018 im VfmK Verlag für moderne Kunst erschienen (ISBN: 978-3-903153-79-0). Der Band ist zweisprachig (Deutsch und Englisch) und enthält, neben zahlreichen Werk-Abbildungen und einer Werkliste, die Biografien der Künstlerinnen sowie Texte von u.a. Kassandra Nakas, Kelly Baum oder Kea Wienand.

 

>>> MusErMeKu dankt dem MdbK – Museum der bildenden Künste Leipzig für die kostenfreie Überlassung des Ausstellungskatalogs als Rezensionsexemplar.

⇒ Alle Buchrezensionen von MusErMeKu auf einen Blick

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Hamburg, 2018,
Katalog-Bild: Angelika Schoder – „Displacements / Entortungen“, VfmK Verlag für moderne Kunst GmbH


 

Fußnoten:

[1] Frédéric Bußmann und Elisabeth Youngman: Ayşe Erkmen und Mona Hatoum. Displacements / Entortungen. In: Displacements / Entortungen, Hg.v. Alfred Weidinger und Frédéric Bußmann, VfmK Verlag für moderne Kunst GmbH 2018. S. 17-39, hier S. 18.

[2] Kea Wienand: Feminismus, Postkolonialismus und zeitgenössische Kunst. In: Ebd. S. 141-177.