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Circular Flow: Die Folgen der Globalisierung

Das Kunstmuseum Basel zeigt in der Ausstellung “Circular Flow” und in einem begleitenden Reader künstlerische Positionen zu den Folgen der Globalisierung.

Rezension/Werbung – Avocados aus Mexiko, Smartphones mit Rohstoffen aus Bolivien und Schnittblumen aus Kenia: Die Globalisierung bietet der westlichen Welt viele Annehmlichkeiten. Doch sie hat auch soziale, ökologische und politische Konsequenzen, denn die Mechanismen der Globalisierung begünstigen die Ausbeutung von Menschen, verstärken die Klimakrise, führen zu Konflikten um Ressourcen und verursachen Vertreibung und Flucht. Das Kunstmuseum Basel setzt sich jetzt in der Ausstellung “Circular Flow. Zur Ökonomie der Ungleichheit” sowie in einem begleitenden Reader mit diesen Themen auseinander. Ausgangspunkt sind 15 Positionen zeitgenössischer Kunstakteure, denen historische Werke aus der Sammlung des Museums gegenübergestellt werden.


“[…] more and more people, even in the mainstream of society, are now asking questions about the social, ecological, and political consequences of the complex process generally referred to as ‘globalization’.”

Søren Grammel, Kurator von “Circular Flow” [1]

Aspekte der Globalisierung

In der Ausstellung “Circular Flow” soll verdeutlicht werden, dass Globalisierung mehr bedeutet als nur der weltweite Verkehr von Waren und Kapital. Es geht auch um einen Austausch von Ideen und Kultur, was nicht zuletzt auch von einer hohen Mobilität von Menschen begleitet wird. Um das Thema zu verschiedenen Aspekten zu beleuchten, gliedert sich die Ausstellung im Kunstmuseum Basel in vier Hauptthemen: Migration, Ressourcen, Arbeitswelten und Finanzen.

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Migration:
Flucht und Menschenhandel

Im ersten Ausstellungsabschnitt geht es um die Ursachen aktueller Flucht- und Migrationsbewegungen vor dem Hintergrund des Imperialismus und Kolonialismus seit dem 15. Jhd. Hochaktuell ist hier die Arbeit des Künstlers Richard Mosse (*1980), der in Griechenland das Lager “Moria” auf Lesbos mit einer militärischen Überwachungskamera filmte. So entstand die Videoinstallation “Grid (Moria)”, die im Kunstmuseum Basel auf 16 großformatigen Flachbildschirmen zu sehen ist. In den Aufnahmen wirken die mit Wärmebildtechnik gefilmten Menschen abstrakt. Die Installation stellt die Frage, welche Mitverantwortung die Betrachter in dieser Überwacher-Perspektive einnehmen.

Um Menschenhandel geht es in der Videoarbeit von Ursula Biemann (*1955). Sie untersucht die Mobilität von Sexarbeiterinnen, die teils wie menschliche Waren in einem kapitalistischen System gehandelt werden. Hierfür traf sie sich mit Vertreterinnen von Sexarbeitsnetzwerken und Organisationen, die sich für die Rechte von Frauen engagieren und Hilfsangebote zur Verfügung stellen. Mit Betroffenen sprach die Künstlerin über Arbeitsbedingungen, Zukunftsperspektiven und ihre Mobilität über Ländergrenzen und Kontinente hinweg. Im Zentrum steht die Frage nach der Ausbeutung des weiblichen Körpers vor dem Hintergrund aktueller ökonomischer und politischer Bedingungen.

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Richard Mosse – NGV Melbourne via YouTube

Ressourcen:
Profiteure der Ausbeutung

In diesem Ausstellungsabschnitt wird die globale Gewinnung und Ausbeutung von Ressourcen thematisiert, ebenso wie die wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen dahinter. Während sich Lisa Rave (*1979) in ihrem Videoessay “Europium” [2] mit dem weltweiten Geschäft mit Seltenen Erden befasst, nimmt Andreas Siekmann (*1961) in seiner Installation “In the Stomach of the Predators” das Konzern-gesteuerte Geschäft mit Patenten für Saatgut in den Blick. [3]

Um die Entwicklung des globalen Ölhandels vom Beginn des 20. Jhd. bis heute geht es schließlich in der Installation “Petropolitics”, das vom Künstlerkollektiv Bureau d’Études extra für die Ausstellung geschaffen wurde. Auf einer 14 Meter langen Wandtapete wird hier die Verflechtung von Staaten, Finanzunternehmen, Behörden und Medien bis hin zu Waffenproduzenten im Geschäft um das Öl illustriert. [4]

All diese Beispiele zeigen: Während in der westlichen Welt der Wohlstand weiter wächst, vergrößert sich das Armutsgefälle gegenüber einzelnen Ländern. Hieraus ergibt sich die Frage, inwieweit wir individuell von dieser Ungleichheit profitieren – und ob wir diese sogar mit unserem Konsumverhalten unterstützen. Die Armut der einen ermöglicht den Reichtum der anderen – auch um diesen Kreislauf geht es in der Ausstellung “Circular Flow”.

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“Oil is a precondition for the creation of all commodities. It is, […] a basic element as important to our societies as water, air, and soil. But after a century of oil-based civilization, a new situation is appearing: life in all its diversity is dying while commercial products multiply to infinity around the world.”

Bureau d’Études: Petrocosmos [5]

Arbeitswelten:
Prekäre Bedingungen

Die Ausstellung nimmt im dritten Abschnitt die Arbeitswelten in den Fokus, die durch den Welthandel und die Forcierung internationaler Wettbewerbsfähigkeit beeinflusst werden. “Circular Flow” zeigt hier eine Videoinstallation der kanadischen Künstlerin Melanie Gilligan (*1979) mit dem Titel “Crowds”. Im Film wird die soziale Ungerechtigkeit der kapitalistischen Wirtschaft am Beispiel der Protagonistin Irene gezeigt, die auf der Suche nach einem neuen Job in der Dienstleistungsbranche in der auf Konsum ausgerichteten Stadt Orlando unterwegs ist.

Im Kontrast zur zunehmend von Dienstleistungen geprägten Wirtschaft in den USA thematisiert der chinesische Dokumentarfilmer Wang Bing (*1967) die Probleme der Entstehung eines neuen Billiglohn-Proletariats auf der anderen Seite der Erde. Der Film “15 Hours” (2017) zeigt die Konsequenzen, die die Auslagerung der Produktion weltweit agierender Unternehmen nach China mit sich bringt. Mit seiner Dauer von 15 Stunden entspricht der Film genau der Länge einer üblichen Schicht in der gezeigten Fabrik, in der Kleidung produziert wird.

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“[…] I think there might be some people who are born to be slaves, and who are incapable of sorting their own freedom. But what has that individual to do with a free society, or with freedom? If a man were born to be a slave, then freedom, being inconsistent with the quality of his mind, would be, for him, a tyranny.”

The Anarchist Banker (Jan Peter Hammer, 2010)

Finanzwirtschaft:
Neoliberale Probleme

Im letzten Ausstellungsabschnitt geht es um die Finanzwelt und um die Strukturen von Großkonzernen. Der Künstler Simon Denny (*1982) befasst sich in seiner Arbeit im Rahmen der Ausstellung “Circular Flow” mit dem Unternehmen Amazon. Er greift hier die Patentanmeldung des Konzerns für einen fahrbaren und von außen verriegelbaren Käfig für Mitarbeiter auf. Angeblich sollte der 2016 entwickelte Käfig die Amazon-Mitarbeiter schützen, doch liegt eher der Eindruck nahe, dass menschliche Arbeit hierdurch herabgewürdigt wird. Im Hintergrund steht das Bewusstsein um die desolaten Arbeitsbedingungen bei Amazon, bei denen Arbeiter unterbezahlt und überwacht werden. [6]

Eine andere Perspektive auf das Thema Finanzwirtschaft bietet der Film “The Anarchist Banker” von Jan Peter Hammer (*1970) aus dem Jahr 2010. Der Film ist nach einer Erzählung des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa aus dem Jahr 1922 benannt. In Form eines Late-Night-Show-Interviews wird hier der Dialog zwischen einem Bankier und einem Moderator inszeniert. Hintergrund der Geschichte ist ein historischer Falschgeldbetrug, der für Portugal nachhaltige politische Auswirkungen hatte. Hammer zieht hier Parallelen zu finanziellen Praktiken des Neoliberalismus und zur daraus resultierenden Kreditkrise. [7]

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Fazit

Letztendlich formulieren die Ausstellung “Circular Flow” und der begleitende Reader ein Plädoyer für eine sozial gerechte und ökologische Gestaltung des Prozesses der Globalisierung. Ob in den ausgestellten Werken oder in den Texten, immer wieder steht die Frage im Raum, inwieweit wir als einzelne Individuen auf die Mechanismen der Globalisierung Einfluss nehmen können. Eine Antwort liegt nahe: Eine Veränderung unseres Konsumverhaltens wäre ein Anfang.

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Der Reader “Circular Flow. On the Global Economy of Inequality”, herausgegeben von Søren Grammel für das Kunstmuseum Basel, ist 2019 erschienen (ISBN: 978-3-7204-0244-6). Der Band in englischer Sprache enthält u.a. Texte von Bureau d’Études, Colin Crouch, Simon Denny, Jan Peter Hammer, Sybille Krämer, Stephan Lessenich, Lisa Rave, Felwine Sarr, Andreas Siekmann und Hito Steyerl. Zudem beinhaltet der Reader auch Gedichte von Alice Creischer.

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Circular Flow

Zur Ökonomie der Ungleichheit

Kunstmuseum Basel | Gegenwart
07.12.2019 – 19.07.2020 (verlängert)

Weitere Infos zur Ausstellung

mus.er.me.ku dankt dem Kunstmuseum Basel für die kostenfreie Überlassung des Readers als Rezensions-Exemplar.


Header-Bild: Detail aus: Bewaffneter Viermaster auf einen Hafen zusegelnd (Zeichner: Pieter Bruegel d. Ä./ Verleger: Hieronymus Cock/ Stecher: Frans Huys – um 1561/62), Kunstmuseum Basel – Alter Bestand (Inv. X.2314 – Original fotografiert von Martin P. Bühler, gedreht um 90 Grad und farblich bearbeitet von der Autorin)


Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.


Fußnoten

[1] Søren Grammel: On the Global Economy of Inequality, In: Circular Flow. On the Global Economy of Inequality, Hg.v. Søren Grammel für das Kunstmuseum Basel, S. 5-13, hier S. 7

[2] Dazu: Lisa Rave: Europium, In: Ebd., S. 185-195

[3] Dazu: Andreas Siekmann: Working Proposal: 6 Issues about United Food Company Inconstancy of Memories, Rainy Seasons and Post-Development, In: Ebd., S. 93-115

[4] Dazu: Bureau d’Études: Petrocosmos, In: Ebd., S. 121-131

[5] Ebd., S. 128

[6] Dazu: Simon Denny: Amazon Worker Cage, In: Ebd., S. 139-157

[7] Dazu: Jan Peter Hammer: The Anarchist Banker, In: Ebd., S. 159-171