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Au rendez-vous des amis: Klassische Moderne trifft Gegenwartskunst

In der Ausstellung „Au rendez-vous des amis“ in der Pinakothek der Moderne in München treten zwei bedeutende Kunstsammlungen in Dialog miteinander.

Rezension/Werbung – In der Ausstellung „Au rendez-vous des amis“ in der Pinakothek der Moderne in München begegnen sich aktuell zwei herausragende Sammlungen zur Kunst der Klassischen Moderne und zur Gegenwartskunst: zum einen die Sammlung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und zum anderen die Sammlung Goetz, eine der wichtigsten privaten Kunstsammlungen Bayerns. Die begleitende Publikation gibt einen Einblick in dieses Kooperationsprojekt und zeigt, wie sich aus der Gegenüberstellung verschiedener Werke ein Dialog entwickelt, der neue Zusammenhänge zwischen den Arbeiten deutlich macht und interessante Einblicke ermöglicht.


Alexander Kanoldt: Halbakt II (1926) - Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne München
Alexander Kanoldt: Halbakt II (1926) – Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne MünchenCC BY-SA 4.0

Das Aufeinandertreffen zweier Sammlungen

Mit „Au rendez-vous des amis: Klassische Moderne im Dialog mit Gegenwartskunst“ wird eine umfangreiche Gegenüberstellung vielfältiger Kunstwerke ermöglicht, wobei diverse Fragestellungen aufgegriffen werden: Es geht um die Auseinandersetzung mit biblischen Themen, um die Darstellung des menschlichen Körpers, um die Bedeutung der Natur oder um den Umgang mit dem Tod. Ein spannendes Konzept. Was aber wie eine lange geplante und groß angelegte Kooperation zweier Kunstsammlungen wirkt, ist tatsächlich erst unter dem Einfluss der Corona-Pandemie in diesem Umfang entstanden.

Ursprünglich war „Au rendez-vous des amis“ als kleine Ausstellung geplant, welche die Sanierungszeit des Ausstellungsgebäudes der Sammlung Goetz überbrücken sollte. Doch als im Frühling 2020 alle Kulturinstitutionen Pandemie-bedingt schließen mussten und auch der internationale Leihverkehr für Museen weltweit damit zum erliegen kam, nutzte man die Gelegenheit, dem Aufeinandertreffen zwischen Pinakothek und Sammlung Goetz mehr Raum zu geben. Die beiden Kuratoren Oliver Kase und Karsten Löckemann begaben sich in die Depots beider Sammlungen und entdeckten dabei einige Schätze, die teils noch nie öffentlich ausgestellt oder schon lange nicht mehr in einer Ausstellung zu sehen waren.


Ernst Ludwig Kirchner: Kühe im Walde (1919) - Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne München
Ernst Ludwig Kirchner: Kühe im Walde (1919) – Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne MünchenCC BY-SA 4.0

Ein Dialog der Kunst

Der Titel der Ausstellung – „Au rendez-vous des amis“ – geht auf das gleichnamige Werk von Max Ernst aus dem Jahr 1922 zurück. Der Künstler, der von den Ausstellungsorganisatoren als ein Stammvater „moderner und produktiver Irritations- und Verschränkungsstrategien in der bildenden Kunst“ [1] betrachtet wird, hält in seinem Gemälde ein imaginäres Gruppenportrait seiner Pariser Künstlerfreunde fest. Hiervon ließ sich Thomas Zipp für seine Collage „Je vors la femme cachée dans la forêt“ aus dem Jahr 2005 inspirieren, die wiederum ihren Namen einem gleichnamigen Werk von René Magritte entlehnt. In diesem Sinne soll die Ausstellung in München zeigen, wie künstlerische Konzepte der Avantgarde folgende Generationen von Kunstschaffenden beeinflusst haben.

Die Gegenüberstellung ausgewählter Werke der Klassische Moderne und der Gegenwartskunst in 13 thematisch gegliederten Räumen soll auch neue Blickwinkel auf einzelne Arbeiten und behandelte Themen eröffnen. So treffen Teppiche von Woty Werner auf Gemälde von Wassily Kandinsky, den Skulpturen von George Segal wird ein Triptychon von Francis Bacon gegenübergestellt, Fabrikabbildungen von Carl Grossberg begegnen der „Fabrik“-Skulptur von Fischli/Weiss und den Industrielandschaften von Franz Radziwill und eine Skulptur von Louise Bourgeois ist neben einem Gemälde von Paula Modersohn-Becker zu sehen. Dabei setzt sich das Konzept der Ausstellung über Gattungs-, Generations- und Formgrenzen hinweg; Fotografien, Skulpturen und Gemälde werden hier kombiniert mit Arbeiten auf Papier oder Bildteppichen. So treten Parallelen und gemeinsame Einflüsse zu Tage, aber der Blick kann so auch auf neue Aspekte bekannter Werke gelenkt werden.


Paul Klee: Der Vollmond (1919) Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne München
Paul Klee: Der Vollmond (1919) – Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne MünchenCC BY-SA 4.0

„Der Dialog der Werke bedarf des Dialoges mit Betrachterinnen und Betrachtern: Wie revolutionär erscheint die Avantgarde der Moderne noch im Vergleich zur heutigen Gegenwartskunst? Ist die Moderne noch immer eine Inspirationsquelle für Künstlerinnen und Künstler oder eine historisch abgeschlossene Epoche? Wie verändert sich andererseits der Blick auf die Kunst unserer Zeit durch den Brückenschlag in die Klassische Moderne?“ [2]

Oliver Kase und Karsten Löckemann, Kuratoren der Ausstellung

Gut fürs Klima und für die Kunst

In der Ausstellung treffen 115 Werke aus dem Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen auf 25 Fotografien der Stiftung Ann und Jürgen Wilde sowie auf 80 Arbeiten der Gegenwartskunst aus der Sammlung Goetz. Die Konzentration auf Werke aus Sammlungen, die sich vor Ort in München befinden, hat nicht nur Vorteile, um damit den Pandemie-bedingten Einschränkungen des internationalen Leihverkehrs zu entgehen, wie die beiden Kuratoren in der Publikation zur Ausstellung betonen. [3] Auch in Anbetracht der Klimakrise ist eine solche Auseinandersetzung mit dem eigenen Bestand ein wichtiges Signal, immerhin werden so auch enorme Emissionen vermieden, wenn Kunstwerke nicht um die halbe Welt geflogen oder verschifft werden müssen. Schließlich ist es aber auch ein Plädoyer, sich stärker mit lokalen Sammlungen auseinanderzusetzen, neue Ansätze zu finden und experimentelle Herangehensweisen an Forschungs- und Vermittlungswege zu finden.

„Au rendez-vous des amis“ bietet die Gelegenheit, bekannte Werke des primären Kunst-Kanons im Dialog mit bisher kaum bekannten Arbeiten zu betrachten, teils wurden sogar bisher nie gezeigte Werke aus den Sammlungen wiederentdeckt und sind nun erstmals für die Öffentlichkeit zu sehen. Die nach Themen geordnete Gliederung der Ausstellung in 13 Räume mit Titeln wie „Woman with a Secret“, „XOXO Skeleton“ oder „Vor dem Maskenball“ soll Sehgewohnheiten hinterfragen und einen Blick auf die Kunstwerke neu aktivieren. Ob dies gelingt, davon kann man sich noch bis Mitte Januar 2022 in der Pinakothek der Moderne überzeugen oder im parallel zur Ausstellung erschienen Begleitband, der die Ausstellungsräume dokumentiert.


Die Publikation „Au rendez-vous des amis: Klassische Moderne im Dialog mit Gegenwartskunst“, herausgegeben von Oliver Kase und Karsten Löckemann für die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, ist begleitend zur gleichnamigen Ausstellung 2021 im Hirmer Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7774-3766-8). Die Publikation enthält neben zahlreichen Ausstellungsansichten auch die Texte zu den Ausstellungskapiteln in Deutsch und Englisch.


Au rendez-vous des amis

Klassische Moderne im Dialog mit Gegenwartskunst aus der Sammlung Goetz

Teil II: 06.08.2021-16.01.2022
Pinakothek der Moderne, München

mus.er.me.ku dankt den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen für die kostenfreie Überlassung des Ausstellungskatalogs als Rezensions-Exemplar.


Header-Bild: Ernst Ludwig Kirchner: Kühe im Walde (1919) – Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne MünchenCC BY-SA 4.0 – bearbeitet und beschnitten


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

@musermeku

Fußnoten

[1] Bernhard Maaz, Katharina Vossenkuhl: Vorwort, In: Au rendez-vous des amis: Klassische Moderne im Dialog mit Gegenwartskunst, Hg.v. Oliver Kase und Karsten Löckemann, 2021, S. 7.

[2] Oliver Kase und Karsten Löckemann: Im Schwungrad der Geschichte. Eine Einführung, In: Ebd., S. 18.

[3] Ebd., S. 19.


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