[Ausstellung] Seit über 100 Jahren werden in der Kunst bewusst oder unbewusst verschwommene Werke erschaffen – nicht als Fehler, sondern als Stilmittel. Das CaixaForum Madrid präsentiert nun, in Kooperation mit dem Musée de l’Orangerie und dem Musée d’Orsay, das Prinzip der Unschärfe in der modernen und zeitgenössischen Kunst: Die Ausstellung „Desenfocado. Otra Visión del Arte“ zeigt, was verschiedene Interpretationen der Unschärfe direkt vergleichbar macht und will so verdeutlichen, dass Unschärfe weit mehr als ein technischer Effekt ist, sondern neue Perspektiven auf Kunst und ihre Interpretation eröffnet.
Unschärfe als Stilmittel
Claude Monets berühmte Seerosen-Serie, die rund 250 Ölgemälde umfasst und die ab den 1890er Jahren entstand, hat die moderne Kunst revolutioniert, indem sie Unschärfe und Verschwommenheit zu ausdrucksvollen Elementen machte. Monet schuf mit seinen Werken wegweisende Arbeiten der abstrakten Malerei, die als Vorläufer großformatiger immersiver Installationen gesehen werden können. Dabei wurden die verschwommenen Wasserflächen auf seinen Leinwänden zunächst als Folge einer möglichen Sehschwäche des Künstlers interpretiert. Doch es ist eher wahrscheinlich, dass Monet diese Unschärfe bewusst als künstlerische Technik wählte.
Die Ausstellung „Desenfocado“ (Unscharf) untersucht nun, wie das Phänomen der Unschärfe die Art und Weise beeinflusst hat, wie Kunstschaffende die Welt um sich herum darstellen und verstehen, besonders in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum 21. Jahrhundert. Das CaixaForum stellt hierzu über 70 Werke von u.a. Alberto Giacometti, Gerhard Richter, Mark Rothko, Nan Goldin und Bill Viola, aber auch von Roni Horn und Pipilotti Rist in den Mittelpunkt. Die Schau beginnt bei den ästhetischen Wurzeln der Unschärfe im 19. und frühen 20. Jahrhundert und verfolgt die intellektuellen, wissenschaftlichen und sozialen Umbrüche, in denen sich der Impressionismus entwickelte. Was zunächst als Schärfe-Verlust erscheint, erweist sich in der Kunst als ideales Mittel, um eine Welt darzustellen, die von Instabilität, Undurchsichtigkeit und Unüberschaubarkeit geprägt ist.
Die Grenzen des Sichtbaren
Der menschliche Geist strebt nach Klarheit und versucht ständig, Verwirrung aufzulösen. Unser Bedürfnis, die Realität zu strukturieren, kann jedoch auch dazu führen, dass Sichtweisen eingeschränkt werden. Vor diesem Hintergrund nutzen Kunstschaffende seit dem 19. Jahrhundert den Effekt der Unschärfe, um die menschliche Wahrnehmung zu hinterfragen und dazu zu ermutigen, die Realität neu zu betrachten und über diese hinauszudenken. Die Ausstellung „Desenfocado“ zeigt den Impressionismus als eine der ersten Kunstströmungen, in der mit der Auflösung fester Formen experimentiert wurde. Kunstschaffende nutzten hier die Unschärfe als Stilmittel, um ihr Inneres zu erforschen und Dinge in ihrem Umfeld auf neue Art sichtbar zu machen, etwa Claude Monet in seinem Gemälde „Le Bassin aux nymphéas, harmonie rose“ (1900).
Im Laufe des 20. Jahrhunderts erforschten weitere Kunstschaffende die Grenzen des Sichtbaren, indem sie zum Beispiel die Sprache wissenschaftlicher Bilder neu interpretierten, von der Wahrnehmung des kaum Erkennbaren bis zur Unendlichkeit des Kosmos, wie in den Werken von Gerhard Richter oder Thomas Ruff. Andere Kunstschaffende veränderten traditionelle Bezugspunkte der Darstellung und spielten mit Unbestimmtheit, etwa Mark Rothko, Hiroshi Sugimoto oder Hans Hartung. Schließlich geht es beim Einsatz der Unschärfe in der Kunst auch darum, die Betrachtenden herauszufordern, indem sie ihre Sehschärfe auf die Probe stellen, etwa durch zielscheibenartige Werke, die an die Rundung der Netzhaut erinnern, wie bei Wojciech Fangor oder Vincent Dulom.
Die Ausstellung zeigt, wie sich insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg die politische Dimension der unscharfen Ästhetik vollständig entfaltete. Künstler wie Zoran Mušič oder Alfredo Jaar nutzten die Unschärfe als notwendige Strategie: Nach der Entdeckung der Konzentrationslager und konfrontiert mit der Unmöglichkeit, das Undarstellbare darzustellen, löste Unschärfe in ihren Werken eine Realität auf, die der Blick nicht ertragen kann. Gleichzeitig soll das Stilmittel zur Reflexion anregen und dazu, dieser Realität direkt ins Auge zu sehen.
Ungewisse Zukunft und neue Sichtweisen
Die Welt ist unscharf, egal wie sehr wir versuchen, ihre Konturen zu definieren. Ihre Räume und Zeitspannen dehnen sich ständig aus, wie die Werke von Bill Viola zeigen. Auch Identität ist unscharf und verändert sich kontinuierlich; sie offenbart sich in verschiedenen Facetten, wie die Werke von Oscar Muñoz oder Bertrand Lavier in der Ausstellung verdeutlichen. Zwischen unsicherer Erinnerung an die Vergangenheit, wie bei Eva Nielsen, und der Ablehnung einer fest definierten Gegenwartsdarstellung, wie bei Mame-Diarra Niang, kann Unschärfe auch zur künstlerischen Identitätssuche werden.
In der Ausstellung wird auch die Unschärfe der Amateurfotografie aufgegriffen, als Produkt technischer Unerfahrenheit, aber auch als Garant für Spontaneität, die das Leben in seiner authentischen Form einfängt. Sie macht es möglich, intime oder schwer beschreibbare Orte festzuhalten und zu zeigen, was dem Auge oft entgeht. Die Vieldeutigkeit der Unschärfe kann aber auch die animalische Seite des Menschen offenbaren, wie etwa in den Werken von Roni Horn und Pippilotti Rist.
Der letzte Abschnitt der Ausstellung widmet sich der Ungewissheit unserer Zeit und möglichen Antworten darauf. Y.Z. Kami erkundet in seinen Arbeiten etwa Spiritualität durch heilige Orte und Gesten als Reaktion auf zeitgenössische Unsicherheiten. Und Nan Goldins verschwommener Blumenstrauß, den sie während des Pandemie-Lockdowns 2020 fotografierte, zeigt die Schönheit und Vergänglichkeit des Alltags in einer Welt, die ihre Orientierung verliert. Die Frage der Zeit wird auch durch eine Digitaluhr von Maarten Baas aufgegriffen und durch ein Bild von Mircea Cantor, das Handschrift auf einer feuchten Fläche zeigt – ein flüchtiges Zeichen der Vergänglichkeit.
Mit anderen Augen sehen
Am Ende der Ausstellung kann man Effekte der Unschärfe im Meditationsbereich „Re-view“ erleben. Besuchende können sich hier auf einer Sitzlandschaft zurücklehnen und einen Himmel voller Wolken betrachten. Für verzerrte, unscharfe und diffuse Wahrnehmungen sorgen dabei diverse modifizierte Brillen, die das Sehen mit veränderten Farben oder unterschiedlich fokussierenden und fragmentierten Linsen manipulieren. Dies soll die visuellen Fähigkeiten echter und imaginärer Tiere nachahmen, so dass die Besuchenden unterschiedliche Arten des Sehens erleben können. Der Wolkenhimmel für „Re-view“ wurde übrigens mithilfe von sogenannter Künstlicher Intelligenz (KI) kreiert.
Die Installation soll die zentrale Botschaft der Ausstellung verdeutlichen: Dass unsere Wahrnehmung nicht absolut sondern formbar ist. Indem die Besuchenden die Welt „mit anderen Augen“ sehen, sollen sich neue Perspektiven und Möglichkeiten eröffnen. Die Unschärfe soll so zum Werkzeug werden, um festgefahrene Sichtweisen aufzubrechen und Raum für Kreativität und Neuinterpretationen zu schaffen.
Desenfocado. Otra Visión del Arte
CaixaForum Madrid
17.09.2025-12.04.2026
Die Ausstellung war vom 30. April bis zum 18. August 2025 unter dem Titel „Dans le flou“ im Musée de l’Orangerie in Paris zu sehen. Nach der Station in Madrid wird die Ausstellung ab 20. Mai 2026 im CaixaForum Barcelona zu sehen sein.
Header-Bild: Angelika Schoder – Desenfocado, CaixaForum Madrid, 2025
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Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.
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