Zu den Risiken einer Blogparade

Blogparaden gehören auch im Kulturbereich seit einigen Jahren zu einem beliebten Mittel, die Bekanntheit eines Blogs oder einer Website zu erhöhen – auf Seiten der Organisatoren wie auch auf Seiten der Teilnehmer. Auch MusErMeKu hat in der Vergangenheit gerne und oft an der einen oder anderen Blogparade teilgenommen, weil wir uns vernetzen und austauschen wollten. Aber die Dynamik von Blogparaden hat sich gewandelt. Im Vordergrund geht es heute scheinbar zunehmend um Suchmaschinenoptimierung (Search Engine Optimization – SEO) mit Backlinks. Diese SEO-Orientierung ist auch im Kulturbereich zu einem Problem geworden, da sich Glücksspiel-Werber und Potenzmittel-Verkäufer längst in Blogparaden eingeschlichen haben. Museen und Kulturblogs müssen hier handeln, wenn sie glaubhaft bleiben und sich am Ende nicht selbst schaden wollen.


 

Die Idee der Kultur-Blogparade

In einem Blogbeitrag vom Oktober 2014 bezeichneten wir bei MusErMeKu noch eine Blogparade euphorisch als „wahrscheinlich eine der besten Chancen für (Kultur-) Institutionen und Wissenschaftler, sich online miteinander zu vernetzen und auf sich und eigene Projekte aufmerksam zu machen.“ Sogar eine Infografik zum Ablauf einer Blogparade hatten wir vorbereitet.

 

Der Ablauf einer Blogparade ist dabei fast immer gleich:

  • Ein Blogger/ eine Institution gibt ein Thema vor, erläutert in einem Blogbeitrag die Teilnahmebedingungen und legt einen Zeitraum fest, wie lange die Blogparade dauert. Innerhalb dieser Zeit haben andere Blogger/ Institutionen die Möglichkeit, zum festgelegten Thema einen Beitrag in ihrem eigenen Blog zu schreiben.
  • Teilnehmer verlinken dann ihren Blogbeitrag mit dem Aufruf des Organisators der Blogparade. Zusätzlich posten sie einen Link zu ihrem Beitrag in die Kommentare unter den Aufruf-Beitrag. Der Organisator nimmt die so eingereichten Beiträge mit Verlinkung in seinen eigenen Beitrag auf und macht über seine Social-Media-Kanäle auf die Teilnehmer aufmerksam.
  • Am Ende der Blogparade zieht der Organisator ein Resümee in einem neuen Blogbeitrag, in dem er nochmals alle Beiträge der Teilnehmer verlinkt.

 

Ursprünglich ging es bei Blogparaden darum, sein Netzwerk zu erweitern, die Reichweite für eigene Inhalte zu vergrößern und Gleichgesinnte zu finden, um sich über ein Thema auszutauschen. Nachdem im Kulturbereich Blogger mit dieser Art des Networking begannen, sprangen über die Jahre auch Museen und Kulturorte auf den Zug auf, um Ausstellungen und Projekte bekannt zu machen. Auch Agenturen und Berater nutzten die Möglichkeit einer Blogparade, um auf sich als Dienstleister aufmerksam zu machen. So weit, so harmonisch – solange die Agenda der Selbst-Promotion nicht überhand nahm und solange es vordergründig um Kulturthemen ging.

 

Wenn eine Blogparade auf Backlink-Spam trifft

Dass bei Blogparaden im Kulturbereich nicht nur Kultur-Fans aufeinander treffen, zeigte sich wohl erstmals Ende 2014, als sich ein Hotelbuchungsportal an einer Kultur-Blogparade beteiligte. Nun könnte man fragen, ob sich das Hotelbuchungsportal damit kollegial pro Kultur vernetzten wollte? Ging es um das Eintauchen in die Kultur-Filterblase und den Austausch mit Kultur-Begeisterten? Eher nicht. Der Grund für die Teilnahme ist profaner: Man möchte einen Backlink vom Blogparaden-Organisator auf seine Seite.

Viele Suchmaschinen, z.B. Google, beurteilen die Wichtigkeit einer Seite auch danach, wie viele Backlinks sie von anderen Websites bekommen hat. Zusätzlich beurteilen Suchmaschinen auch, welche Art von Seiten den Backlink setzen. Verlinken viele seriöse Websites auf eine andere Seite, kommt ihr das bei Suchmaschinen zugute. Besonders im Kulturbereich dürften die meisten Blogparaden-Organisatoren, meist Museen oder Kulturblogs, als seriöse Websites von Suchmaschinen eingestuft werden. Wer von diesen Sites einen Backlink erhält, kann sich freuen und verbessert damit womöglich sein Suchmaschinen-Ranking. Die verlinkte Webseite taucht dann höher in Suchergebnissen auf, erhält dadurch vielleicht mehr Zugriffe von Nutzern und könnte damit auch ihren Absatz steigern – etwa bei Hotelbuchungen.

Nun könnte man denken, kein Blogparaden-Ausrichter geht auf so einen Versuch der Suchmaschinenoptimierung ein. Immerhin, ein Hotelbuchungsportal, das sich scheinbar sehr nah an einem Wikipedia-Artikel zum Thema orientiert hat – das ist nicht unbedingt ein ernsthafter Teilnehmer einer Kultur-Blogparade. Und dennoch: Das Hotelbuchungsportal hatte Erfolg: Der Beitrag wurde in die Blogparade aufgenommen. Kein Wunder, dass das gleiche Portal im Sommer 2015 erneut bei einer Kultur-Blogparade teilnahm – und wieder aufgenommen wurde. SEO-Maßnahme geglückt, könnte man sagen.

 

Follow / nofollow bei verlinkten Seiten

Grundsätzlich sollten sich Organisatoren von Blogparaden mit bestimmten technischen Bedingungen vertraut machen, immerhin geht es nicht nur um eine inhaltliche Vernetzung, sondern auch um Verlinkungen zwischen Websites und Blogs. Hier ist es wichtig, zwischen follow und nofollow unterscheiden zu können – und die Verlinkungen auch entsprechend technisch umzusetzen.

Wer follow verlinkt, teilt Suchmaschinen mit, man möchte als Website in Verbindung gebracht werden mit der verlinkten Seite. Organisatoren einer Blogparade sollten deshalb genau prüfen, auf welche Seiten sie follow verlinken wollen. Tatsächlich kann sich dies unter Umständen nämlich negativ auf die SEO-Einstufung einer verlinkenden Website auswirken, wenn sie auf Seiten verweist, die von Suchmaschinen als „spammig“ eingestuft werden. Und auch andere Teilnehmer können schlimmstenfalls betroffen sein, wenn ein Backlink-Spammer in eine Blogparade aufgenommen wurde, denn gemeinsam befindet man sich im gleichen Link-Umfeld.

Es gibt Umstände, die es mit sich bringen, dass man auf eine Seite verlinken muss, mit der man aber nicht unbedingt inhaltlich in Verbindung gebracht werden möchte. Hier bietet sich eine Verlinkung mit nofollow an. Das ist ein Verweis im Link, der Suchmaschinen darüber informiert, dem Link nicht zu folgen. Insbesondere bei Beiträgen von Seiten, die in Verdacht stehen nur einen Backlink erhalten zu wollen, kann mit einer nofollow-Verlinkung gearbeitet werden. Wobei man sich als Organisator einer Blogparade fragen sollte, ob man diese Art von beiträgen überhaupt in die Blogparade aufnehmen sollte.

 


Was ist ein follow-Link?

Die Voreinstellung der meisten Blogs und Websites setzt follow-Links, Suchmaschinen folgen dann der Verlinkung auf die andere Webseite.
So sieht der Link normalerweise aus: <a href=“https://seitenname.de/“>Linkname</a>


Was ist ein nofollow-Link?

Das nofollow-Attribut muss meist von Hand im Link ergänzt werden, um Suchmaschinen mitzuteilen, dass sie dem Link nicht folgen sollen.
Der Link sieht dann so aus: <a href=“https://seitenname.de/“ rel=“nofollow“>Linkname</a>


 

Im Netzwerk von Potenzmittel- und Glücksspiel-Werbung

Grundsätzlich sollten Veranstalter einer Blogparade genau darauf achten, welche Blogs sie als Teilnehmer akzeptieren. MusErMeKu hat einige Museums- und Kultur-Blogparaden unter die Lupe genommen und hier interessante verlinkte Blogs entdeckt:

Sowohl ein süddeutsches Museum als auch ein Berliner Museum verlinken in ihren Blogparaden jeweils beide mit follow (!) auf einen Produkt-Test-Blog. Das Besondere: Das eine Museum verlinkt auf einen Beitrag auf der .net-Adresse, das andere auf einen Beitrag auf der .de-Adresse. Es handelt sich um 2 unterschiedliche Websites des gleichen Inhabers – laut Impressum ein SEO-Anbieter. Der Verdacht könnte hier nahe liegen, es handelt sich bei den Teilnehmerseiten der Bloparade vielleicht um Bestandteile eines PBN – ein privates Blognetzwerk.

 


Was ist ein PBN?

Ein Private-Blog-Network (PBN) besteht aus mehreren Domains, die alle von derselben Person bzw. Firma verwaltet werden. Ziel ist es, auf vielen Unterseiten dieser Domains Inhalte aufzubauen, von denen dann Backlinks auf andere Seiten gesetzt werden, mit denen Umsatz generiert werden soll. Dieses SEO-Vorgehen kann von Suchmaschinen erkannt und abgestraft werden. Wenn Organisatoren von Blogparaden auf solche Seiten verlinken, könnte es unter Umständen problematisch für ihre eigene Seite werden, wenn Suchmaschinen sie mit abstrafen.


 

Kultur in guter Gesellschaft?

Als wäre dies nicht schon bedenklich genug, findet man auf den Websites, die von den Museen verlinkt wurden, Glücksspiel-Werbung, u.a. für ein Casino und Online-Glücksspiele, sowie Werbung für Medikamente, u.a. für ein Potenzmittel. Verlinkt wird hier vom Blogparaden-Teilnehmer etwa auf die interessante Domain „supererektion“. Möchte man als Museum damit in Verbinduung gebracht werden?

In einer anderen Blogparade eines Museums findet sich ein Link zu einem Blog, der sich eigentlich mit dem Thema „Reich werden“ befasst, der für seine Teilnahme an der Kultur-Blogparade aber die Terminologie einer rechten Partei aufgreift und reprodiziert. Auch hier muss man sich fragen, welches Licht das auf das Museum wirft, insbesondere dann, wenn der Teilnehmerbeitrag zunächst unkommentiert in die Liste der Blogparade aufgenommen wird, ohne den Inhalt zu kontextualisieren oder sich zu distanzieren.

Wieder eine andere Kultur-Blogparade überrascht mit einem Link zu einem Portal für Hotel- und Flugbuchungen, das wieder von einer SEO-Agentur betrieben wird. Hier scheint man ein großes Herz für Backlink-Interessenten zu haben, insbesondere aus dem Bereich der Hotelbuchungen. Auch wenn das im Vergleich zu Glücksspiel und rechtem Gedankengut wenigstens noch harmlos scheint – ein Zusammenhang mit dem Thema Kultur ist hier dennoch nicht wirklich erkennbar.

 

Die Verantwortung zur Hintergrundrecherche

Die Recherche der erwähnten Blogparaden-Teilnehmer dauerte nur wenige Minuten. Allein der Name der Blogs ist schon ein erster Hinweis, der Blick ins Impressum bringt weitere Infos. Sich einen Überblick über das Linkumfeld im Blog zu machen, geht ebenfalls schnell. Wenn Blogparaden-Veranstalter hier nicht genauer hinsehen, welche Seiten sie in ihre Blogparade aufnehmen und verlinken, zeichnet sich ein trauriges Bild ab. Es reicht einfach nicht, sich lediglich einen Blogparaden-Beitrag anzusehen. Gerade als Kulturinstitution hat man die professionelle Verpflichtung, auch den Kontext einer Seite zu betrachten. Auch Kulturblogger sollten eine entsprechende Sorgfalt walten lassen.

Vielleicht fehlt die Zeit, sich Blogs genau anzusehen, vielleicht will man es aber auch gar nicht so genau nehmen, um am Ende mit einer besseren Statistik glänzen und sich über besonders viele Teilnehmer zur Blogparade freuen zu können. Was bleibt, ist im schlimmsten Fall ein Linkumfeld zu Potenzmittel- und Glücksspiel-Werbern, in das man auch andere Teilnehmer der Blogparade hinein zieht. Aus SEO-Sicht begibt man sich damit in ein bedenkliches Umfeld – moralisch ohnehin. Unsere Empfehlung vom August 2016, dass Museums-Websites zur Suchmaschinenoptimierung eine Blogparade organisieren oder sich daran beteiligen sollten, ist vor diesem Hintergrund jedenfalls hinfällig.

 

Eine Blogparaden-Bilanz

Vor dem Hintergrund des gemeinsamen Austauschs über Kultur-Themen und zur Vernetzung mit anderen Kultur-Begeisterten, haben wir mit MusErMeKu bisher mit 10 Artikeln bei 11 Blogparaden teilgenommen. Dabei mussten wir feststellen, dass es immer weniger um Vernetzung und Austausch im Kulturbereich zu gehen scheint. Wer liest als Teilnehmer noch alle Beiträge einer Blogparade? Oder zumindest einen Teil davon? Interessiert man sich für das Thema – für andere Blogs? Oder kippt man nur schnell seinen Link rein und geht wieder, ohne sich mit anderen zu beschäftigen? Wir betrachten zudem den zunehmenden Backlink-Spam bei Kultur-Blogparaden mit Sorge. Legen Kulturblogs und Museen Wert darauf, sich die Blogs anzusehen, die an ihrer Blogparade teilnehmen – und die sie da verlinken? Ist es ihnen wichtig, sich mit den Inhalten von vorneherein kritisch auseinanderzusetzen? Oder wird nur kommentarlos jeder Beitrag verlinkt und verbreitet, egal worum es inhaltlich geht? Wieder ein Beitrag mehr – toll für die Statistik. Zeit und Lust, den Inhalt differenziert zu bewerten, hat man selten, so scheint es.

Neben all den Hotelbuchungsportalen, Potenzmittel-Werbern und Glücksspiel-SEO-Blogs wollen wir mit MusErMeKu jedenfalls nicht mehr stehen. Wir werden daher in Zukunft genau prüfen, ob wir überhaupt wieder an einer Blogparade teilnehmen werden. Wir könnten es nach über 5 Jahren eigentlich mittlerweile auch sein lassen, wenn wir die Entwicklung von Blogparaden so betrachten.

Den Organisatoren von Blogparaden möchten wir abschließend noch mit auf den Weg geben, sich ihre Blogparaden-Teilnehmer nochmal ganz genau anzuschauen und sich zu überlegen, ob sie mit jedem einzelnen dieser verlinkten Blogs in Verbindung gebracht werden möchten – technisch, aus Sicht der Suchmaschinen, und moralisch ohnehin.

 

Header-Bild: Street Art by Sr.X – Angelika Schoder, London 2018

3 Gedanken zu „Zu den Risiken einer Blogparade

  1. Pingback: Kultur-News KW 45-2018 News von Museen, Ausstellungen, Geschichte

  2. Deutsches Uhrenmuseum Antworten

    Vielen Dank für diese kritische Übersicht zur Entwicklung der Blogparaden. Bisher haben wir einige Male an solchen Aktionen teilgenommen, wenn wir das Gefühl hatten, sinnvoll etwas zum jeweiligen Thema beitragen zu können. Eine Parade selbst anstoßen wollten wir bisher jedoch nicht und wenn die Entwicklung so weitergeht, wie es hier angedeutet wird, werden wir das auf absehbare Zeit wohl auch nicht tun.

    So bleibt die Frage: Was sonst? Wie wollen wir uns vernetzen, wenn wir mit einer gewissen Infiltration rechnen müssen? Können wir zukünftig nur noch schreiben, lesen, kommentieren? Egal welches Mittel wir zur Kommunikation einsetzen, die Möglichkeit besteht sicher immer, dass schlaue Werbeleute es für ihre Zwecke ausnutzen werden. Vermutlich können wir alle nur mit offenen Augen und wachsamem Geist durchs Internet surfen und versuchen, mit Aufklärung über die Risiken die ungewollten Auswüchse eindämmen.

    Viele Grüße aus Furtwangen,

    Das Deutsche Uhrenmuseum

    • Angelika Schoder Autor des Beitrags

      Man kann als Museum schon eine Blogparade organisieren, aber man muss sich bewusst sein, dass man enorm viel Zeit investieren muss und ggf. auch Budget. Zum einen sollte man beständig Öffentlichkeitsarbeit betreiben, um Teilnehmer zur Blogparade zu animieren. Alternativ kann man Budget einplanen, um Beiträge zur Blogparade in Auftrag zu geben – auch das kann Teil der Öffentlichkeitsarbeit sein, um weitere Blogs zur Teilnahme zu bewegen. In jedem Fall muss man aber alle eingehenden Beiträge genau prüfen – und die Blogs im gesamten, die dahinter stehen. Eine „Infiltration“ kann ja nur stattfinden, wenn man sie zulässt. Beiträge können zwar von jedem eingereicht werden, müssen aber dann aktiv vom Organisator in die Blogparade aufgenommen werden. Wenn es kritische Beiträge sind, die man aber dennoch aufnehmen möchte, muss man sich außerdem umgehend die Zeit nehmen, die Beiträge sofort zu kontextualisieren. Auch ist Zeit notwendig, eingegangene Beiträge zu kommentieren und idealerweise mit einem einordnenden Kommentar in Social Media zu teilen.

      Das alles bedeutet sehr viel Arbeitsaufwand. Eine Blogparade kann gut zur Vernetzung sein, aber als Organisator hat man hier umfangreiche Pflichten, die man nicht vernachlässigen sollte, wenn man sich nicht blamieren will. Bei den im Beitrag genannten zweifelhaften Beiträgen hätte i.d.R. ein kurzer Blick ins Impressum genügt – wenn da eine Firma genannt ist, zudem noch eine SEO-Agentur, hätte man es sich denken können. Da fehlte entweder Zeit oder gesunder Menschenverstand – oder beides. Wer eine Blogparade organisieren möchte, sollte sich also fragen: Habe ich ausreichend Zeit und Kenntnisse, die Blogparade professionell zu betreuen? Wenn nicht: Lieber sein lassen.

      Viele Grüße, Angelika

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