Fotografieren im Museum: Die digitalen Seerosen von Monet

Die Werke von Claude Monet sind gemeinfrei. Für die Gemälde des französischen Impressionisten besteht kein Urheberrechtsschutz mehr, daher dürfen seine Bilder fotografiert und diese Fotos frei verwendet werden. Der Künstler verstarb 1926, damit ist seit 1996, also 70 Jahre nach Monets Tod, das Urheberrecht an seinen Bildern erloschen. Dies regelt § 64 des Urheberrechtsgesetzes.

Aus diesem Grund ist auch in der Fondation Beyeler in ihrer aktuellen Monet-Ausstellung, die noch bis zum 28. Mai 2017 zu sehen ist,  das Fotografieren fast überall erlaubt. Die Ausstellungsbesucher sind entsprechend begeistert, denn so können Monets impressionistische Meisterwerke mit nach Hause genommen werden. Hiervon profitiert nicht nur das Publikum, sondern auch das Museum.


 

Begleitend zur Ausstellung veranstaltete die Fondation Beyeler ein #EmptyMuseum-Event, bei dem Instagrammer die Werke Monets außerhalb der Öffnungszeiten des Museums in Ruhe fotografieren konnten

Begleitend zur Ausstellung veranstaltete die Fondation Beyeler ein #EmptyMuseum-Event, bei dem Instagrammer die Werke Monets außerhalb der Öffnungszeiten des Museums in Ruhe fotografieren konnten

Die Debatte um das Fotografieren im Museum

Vor kurzem schlug das Interview, das wir mit Roland Nachtigäller zum Umgang des Marta Museums mit Bildrechten führten, recht große Wellen. Der Direktor des Kunstmuseums betonte damals, wie schwierig es für die Institution sei, zwischen der Einhaltung rechtlicher Vorgaben und der Kommunikation und Vermittlung von Kunst abzuwägen, ohne das Budget des Museums nicht zu stark zu überlasten. Gleichzeitig verwies Nachtigäller auf die fortwährenden Urheberrechtsverletzungen, die durch Museumsbesucher begangen werden, indem sie rechtlich geschützte Werke fotografieren, teilen, auf Plattformen hochladen, kommentieren, collagieren oder individuell verändern.

Diese „Anarchie der Rezipientenpraxis“ hat für den Museumsdirektor etwas Hoffnungsvolles, da diese Flut an Bildern, aus seiner Sicht, längst nicht mehr durch Verwertungsgesellschaften und Rechteinhaber einzudämmen sei. Gleichzeitig können sich Museumsbesucher, die durch das Fotografieren und die Verwendung der Bilder gegen geltendes Recht verstoßen, aber nie wirklich sicher sein, ob ihr Verhalten nicht doch irgendwann Folgen haben wird.

Im Kontrast dazu steht der Umgang mit den Werken gemeinfreier Künstler, wie aktuell im Fall von Claude Monet in der Fondation Beyeler. Hier müssen nur die Wünsche weniger privater Leihgeber berücksichtigt werden. Davon abgesehen kann das Museum aber frei entscheiden, welche Werke in welcher Form kommuniziert werden sollen. Es kommen also wissenschaftliche, ästhetische oder pädagogische Kriterien zum tragen – und nicht rechtliche und damit auch finanzielle. Auch Besucher können Bedenken außen vor lassen. Schließlich begeben sie sich in diesem Fall nicht „mit dem Handy direkt in die Illegalität“, wie es Roland Nachtigäller im Marta Blog formulierte.

 

Es sind nicht nur Kinder und Jugendliche, die in der Ausstellung die Gelegenheit nutzen, die Werke von Monet auf ihrem Smartphone festzuhalten

Es sind nicht nur Kinder und Jugendliche, die in der Ausstellung die Gelegenheit nutzen, die Werke von Monet auf ihrem Smartphone festzuhalten

 

Impressionistische Bildschirmschoner

Dass Ausstellungsbesucher Kunstwerke fotografieren und frei nutzen können ist eine Sache. Aber ist es nicht eine „Banalisierung von Kunst“, wenn Monets Werke als Bildschirmschoner fürs Handy enden, als Desktop-Hintergrund auf dem Büro-Computer oder als Poster im heimischen Wohnzimmer? Wie auch immer man Monets Bilder von französischen Küstenlandschaften oder Londoner Stadtansichten nutzen möchte – erlaubt ist, was gefällt. Bis auf wenige Werke, bei denen Leihgeber sich ein Fotoverbot vorbehielten, steht es jedem Besucher in der Fondation Beyeler frei, seine Lieblingsmotive aus der Ausstellung abzulichten und im Anschluss beliebig zu verwenden. Der Versuch, eine institutionelle Kontrolle über gemeinfreie Werke auszuüben und eine „Deutungshoheit“ durchzusetzen, wie die Werke angemessen zu nutzen seien, wäre ohnehin gänzlich unangebracht.

Und so darf in der Fondation Beyeler eben fotografiert und auch online geteilt werden – gerne mit dem Hashtag #MonetBasel. Entsprechend überrascht es nicht, dass im Ausstellungshaus in Riehen, nahe Basel, fast jeder zweite Museumsbesucher sein Smartphone griffbereit hat. Auffällig dabei ist, dass es nicht nur die Kinder oder Jugendlichen sind, die hier ihre Eindrücke digital konservieren. Es sind überwiegend die Erwachsenen, besonders die sogenannten Silver Surfer der Generation 50+, die nach dem besten Schnappschuss der leuchtenden Pastellfarben Ausschau halten. Sie haben teure Mobiltelefone, die auch ohne Blitz und große Objektive qualitativ gute digitale Abbilder von Monets Werken ermöglichen. Und dennoch: Das Original zu betrachten, ganz nah die Struktur der Bilder in Augenschein zu nehmen, so wie es Ausstellungskurator Ulf Küster bei einer Führung vorschlägt, das ist durch nichts zu ersetzen.

Was bleibt, nach einem Besuch der Fondation Beyeler, ist also mehr als nur ein neues Monet-Hintergrundbild auf dem Smartphone. Denn jeder Blick auf die digitalen Seerosen ist gleichzeitig eine Erinnerung an den Ausstellungsbesuch – und damit auch an das Museum.

 

Die Fondation Beyeler bietet in der aktuellen Ausstellung die Gelegenheit, Monets "En Norvégienne" (1887) aus dem Musée d'Orsay auch außerhalb von Paris zu sehen

Die Fondation Beyeler bietet in der aktuellen Ausstellung die Gelegenheit, Monets „En Norvégienne“ (1887) aus dem Musée d’Orsay auch außerhalb von Paris zu sehen

 

Mehr als Monets Seerosen

Tatsächlich sind in der Monet-Ausstellung in der Fondation Beyeler übrigens nur wenige Seerosen-Gemälde vertreten. Kurator Ulf Küster konzentrierte sich auf die frühen und späten Küsten-, Landschafts- und Stadt-Motive des Künstlers, die er in einen Dialog zueinander setzte. Erstmals können nun insgesamt 62 Werke des Musée d’Orsay, des japanischen Pola Museum of Art, des Metropolitan Museum of Modern Art New York, der Tate in London oder des Art Institute Chicago in einer Ausstellung gemeinsam mit 15 Bildern aus Privatsammlungen im Detail betrachtet werden.

Ein Besuch lohnt sich also, denn im Original wird man den Gemälden aus dem Früh- und Spätwerk von Claude Monet so schnell nicht wieder in dieser Zusammenstellung begegnen. Und eine bessere Gelegenheit, so viele hochkarätige Werke des Impressionismus fotografieren zu können, bietet sich so bald auch nicht mehr.

 

Ausstellungskatalog zu Claude Monet in der Fondation Beyeler

Der Ausstellungskatalog bietet zahlreiche Hintergrundinformationen und Werkabbildungen, ersetzt aber dennoch nicht den Museumsbesuch, um die Struktur von Monets Werken aus der Nähe zu betrachten

 

Begleitend zur Ausstellung erschien der Katalog „Monet. Licht, Schatten, Reflexion“ im Hatje Cantz Verlag, herausgegeben von Ulf Küster für die Fondation Beyeler (ISBN: 978-3-906053-35-6). Der Katalog enthält, neben einem Verzeichnis der ausgestellten Werke, zahlreiche Werkabbildungen und Fotografien zu Monet sowie Beiträge u.a. von Maria Becker, Gottfried Boehm, Philippe Piguet, Hannah Rocchi und James H. Rubin.

 

Monet

Fondation Beyeler
22. Januar – 28. Mai 2017
#MonetBasel

weitere Informationen

 

>>> Der Beitrag entstanden im Rahmen der Bloggerreise #MonetBasel, die von der Fondation Beyeler sowie Art & Design Museums Basel initiiert und finanziert wurde.

Bilder: Angelika Schoder – Monet, Fondation Beyeler, 2017


Linktipps:

7 Antworten auf „Fotografieren im Museum: Die digitalen Seerosen von Monet“

  1. Danke für den schönen Bericht. Leider ist die Gemeinfreiheit so offenbar doch nicht gegeben, und auch nicht die Möglichkeit, selbst gute Fotos zu machen:

    Beim letzten Besuch hab ich mit dem (ziemlich einfachen) Handy fotografiert, damit wurde aber die Hälfte der Bilder unscharf und verwackelt, und brauchte erst noch mehrere Versuche pro Bild, um *irgendwas* halbwegs brauchbares zu bekommen.

    Heute hab ich nun ein Stativ, eine Canon EOS 3d (also auch schon ein paar Jahre alt) und extra auch noch meine alte analoge Kleinbild Spiegelreflex Canon A1 mitgenommen – und eine kleine Videokamera, weil ich gern den wunderbaren Effekt festhalten wollte, wie die Monet-Bilder sich mit wechselndem Betrachtungsabstand verwandeln. Mit der Idee, dass ich die Bilder vermutlich nie mehr zusammen antreffen werde, also wollte ich mir von den schönsten gute eigene Fotos machen.

    Ausserdem wollte ich für mich und einige Freunde Bilder oder Bildausschnitte drucken, oder sie auf meiner Website veröffentlichen, in der Wikipedia, oder whatever. Das alles würden ja selbstgemachten Fotos der gemeinfreien Bilder ausdrücklich ermöglichen – aber NICHT irgendwelche Fotos Dritter. Insbesondere nicht die Bilder in den Büchern im Museumsshop.

    Meine Kameras sind von aktueller Profitechnik weit entfernt. Die Bildauflösung liegt weit unter dem, was ein modernes Handy bringt – aber sie sind gut genug, um insbeondere mit Stativ ein scharfes, unverwackeltes Bild zu schiessen.

    DAMIT wurde ich aber am Eingang abgewiesen: Ich dürfe höchstens ein Handy, ein Tablet oder eine Pocket-Kamera verwenden. Meine Kameras seien VIIIIEL zu gut. Spiegelreflex gehe ja mal gar nicht. Nicht mal die A1 (Das ist 24 x 36 mm Kleinbildfilm von 1980!!!) mit einem 50 mm Normalobjektiv ohne Stativ durfte ich reinnehmen, und auch nicht meine kleine Videokamera – obwohl die nun wirklich Fotos macht, die absurd viel schlechter sind, als die von einem aktuellen Handy.

    Also: THEORETISCH darf man „fotografieren“ – so lange es nur wie „KNIPSEN“ daherkommt.

    Wenn man aber mit einem gewissen Anspruch an die Sache herangeht, und ein wirklich schönes Ergebnis anstrebt – was der ausgestellten Kunst gerecht würde, und was vor allem der EINZIGE Weg ist, um in der heutigen Urheberrechtssituation ein EIGENES gutes Foto zu bekommen, mit dem man dann tun und lassen kann, was man will – wird man abgewiesen.

    Sehr schade. Insbesondere, da ich beim letzten Besuch am Helpdesk extra gefragt hatte, man mir sagte, dass Kamera und auch Stativ kein Problem seien – und ich heut den Vormittag damit verbracht habe, meine Objektive auszuprobieren, um am Ende trotz der alten Technik mit möglichst guter Qualität der Fotos rauszugehen.

    Meine Frage, ob es die Möglichkeit gebe, ausserhalb des Publikumsbetriebes zum Fotografieren hineinzugelangen wurde dann auch so beantwortet, dass ich zwar an das Museum schriftlich nachfragen könne – dies aber eigentlich nur der Presse ermöglicht werde. Ich könne mir ja ein Buch im Museumsshop kaufen.

    Besonders eindrücklich fand ich dabei, dass die Menschen am Eingang heutzutage offenbar schon so auf Handys und ähnliche Konsumtechnik fixiert sind, dass schon eine ganz normale und immer noch recht kleine Urlauber-Spiegelreflexkamera als Bedrohung der Kunsthoheit empfunden wird. Und überhaupt, dass die Erlaubnis zum Fotografieren von der Gehäusegrösse der Kamera abhängt…

    Und die Bedeutung *selbst angefertigter* Fotos im heutigen Urheberrecht im Gegensatz zum gekauften Buch ist der Aufsicht offenbar auch nicht klar.

    D.h. es wird überhaupt nicht sachkundig entschieden, und vor allem auch nicht die Verbreitung der Kunst gefördert – sondern weiterhin der Zugang reglementiert. Konsum ist erlaubt – eigene Auseinandersetzung mit und eigenes Aufbauen auf den Werken eher unerwünscht.

    Sehr schade, angesichts der erheblichen öffentlichen Förderung des Museums – und angesichts der wohl sehr seltenen Gelegenheit, die eine so schöne Sammlung der Werke in eigentlich so schöner Umgebung zu finden.

    Nun, ich wünsche dem Museum und seiner Leitung, dass die im obigen Artikel beschriebenen Motive vielleicht doch noch Eingang finden. Schöner, den Ideen des Urheberrechts besser gerecht – und für viele viele Menschen nützlicher – wäre das.

    1. Hallo Jörg,

      vielen Dank für das umfangreiche Feedback. Sehr schade zu hören, dass es im Museum zu diesen Problemen kam. Bei meinem Besuch wurde von fast jedem – vom Jugendlichen bis zum Rentner – mit Kleinbildkameras und Smartphones fotografiert.

      Ich vermute, dass bei Technik, die suggeriert, dass die Bilder nicht nur für Privatzwecke genutzt werden, sondern auch kommerziell weiter verwertet werden könnten, erst eine Rücksprache mit der Presseabteilung getroffen werden muss. Möglich, dass die Mitarbeiter vor Ort diese Entscheidung nicht treffen konnten. Evtl. gab es auch besondere Bedenken, weil in der Ausstellung auch Bilder privater Leihgeber gezeigt werden, bei denen das Museum zusichern musste, dass hiervon keine Bilder veröffentlicht werden. Ich kann hier nur spekulieren.

      Vielleicht kann sich das Museum dazu noch äußern…

      Viele Grüße, Angelika

  2. Hi Angelika

    Danke für Deine freundliche Rückmeldung. Ja, wahrscheinlich bin ich nach der erfreulichen Auskunft vom letzten Mal einfach zu optimistisch drauflos gegangen.

    Nun war ich nochmal dort, mit einem besseren Handy als meinem eigenen. Der Herr am Eingang hat geschmunzelt, und die Bilder mit ihren schönen Farben haben natürlich auch mein Grummeln von oben zerstreut 🙂

    Ich hab mir aber überlegt, ob ich mal vorschlage, dass das Museum Ausstellungen an einzelnen Tagen oder auch ein paar Stunden speziell für Fotointeressierte öffnen könnte. Dann würde ein Stativ sicher keine „normalen“ Besucher stören; und urheberrechtliche Probleme würden dadurch ja eher reduziert als geschaffen.

    Ich würde z.B. sooo gern mal probieren, wie die Bilder in HDR rauskommen – aber eben nicht nur freihändig mit der Handyknipse! 🙂

    Das Museum und die Ausstellung sind übrigens in jedem Fall eine Empfehlung wert!

    Liebe Grüsse, Jörg

    1. Hallo Jörg,

      anregen beim Museum kann man es auf jeden Fall mal. Bisher habe ich die Institution eigentlich immer als offen für Feedback erlebt und vielleicht nehmen sie den Input in Zukunft auf.

      Viele Grüße, Angelika

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