Roni Horn: Die Illusion von flüssigem Glas

Wandelbarkeit und Identität sind die Themen, die im Zentrum des Werks von Roni Horn stehen. Erstmals zeigt die Fondation Beyeler jetzt die Arbeiten der amerikanischen Künstlerin, die teils extra für die aktuelle Ausstellung angefertigt wurden. MusErMeKu sprach mit Theodora Vischer, der Kuratorin der Ausstellung, über die außergewöhnlichen Arbeiten der zurückhaltenden Künstlerin.


 

Die Suche nach der eigenen Identität

Als zusammenhängende Installation zeigt die Fondation Beyeler in sechs Räumen des Museums ausgewählte Werkgruppen und Serien von Roni Horn. In engem Austausch mit der Künstlerin wurde ein Überblick über verschiedene Schwerpunktthemen aus den letzten 20 Jahre zusammengestellt. Die Ausstellung beginnt mit einer Auseinandersetzung mit der Wandelbarbeit von Identität. In der Foto-Installation „a.k.a.“ (2008/09) setzt sich die Künstlerin mit dem Genre der Portraitfotografie auseinander. Die in der Fondation Beyeler paarweise arrangierten Portraits, die Menschen verschiedener Jahrzehnte und unterschiedlichen Alters einander gegenüberstellen, entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als Selbstportraits der Künstlerin. Hier wird die Vielfalt, aber auch die Einheit einer Persönlichkeit thematisiert – eine Art Suche nach sich selbst.

Ergänzt wird diese Identitätssuche durch die neue Werkserie „Selected Gifts“ (2015/16). Hier zeigt Roni Horn 67 Fotografien von insgesamt 40 Objekten, die ihr seit 1974 zum Geschenk gemacht wurden. In den letzten 40 Jahren, seit sie mit der Arbeit als Künstlerin begann, ist so ein Sammelsurium an Gegenständen zusammengekommen, aus dem Roni Horn bestimmte Dinge ausgewählt hat und im Museum nun erstmals präsentiert. Durch die objektive Art der Darstellung und fehlende Beschreibungen wird kein Kontext für die Objekte bestimmt. Dies wirft die Frage danach auf, welche Geschichte sich hinter den ausgewählten Geschenken verbirgt, wer sie verschenkte und warum ausgerechnet Roni Horn mit den Gegenständen bedacht wurde. Neben Liebesbriefen, einer Rotkäppchen-Figur, die sich in einem Wolf verwandelt, oder Fleischbällchen, lässt besonders ein versteinertes Dinosaurier-Ei Raum für Spekulationen.

 

Strukturen in Sprache und Pigmenten

So wie Worte aneinandergereiht werden, kann auch Papier zerteilt und wieder zusammengefügt werden – dies zeigt Roni Horn in ihrer Arbeit „Th Rose Prblm“ (2015/16). Die Künstlerin nutzt hier Aquarelle, die amerikanische Redewendungen mit dem Begriff „Rose“ enthalten. Die beschriebenen bzw. bemalten Aquarellzeichnungen wurden von Roni Horn für diese Werkserie zu 48 sprachlichen Neuschöpfungen kombiniert und sind nun in der Fondation Beyeler erstmals zu sehen.

Ebenfalls um Strukturen geht es in Roni Horns Pigmentzeichnungen. Für die im Museum ausgestellten großformatigen Papierarbeiten dienten abstrakte Zeichnungen als Grundlage, die ähnlich wie für „Th Rose Prblm“ zerschnitten und neu zusammengefügt wurden. Die puristisch wirkenden Bilder stellen in ihrer Klarheit ein Gegengewicht zu der düster wirkenden Werkserie „Still Water (The River Thames, for Example)“ (1999) dar. Das Museum zeigt 15 großformatige Aufnahmen von Wasseroberflächen; kurze Textpassagen unter den Fotografien verweisen auf die Themse.

Die Darstellung des urbanen Flusses steht im Kontrast zu Roni Horns fortlaufender Serie „To Place“, mit der sie 1990 begann und in der sie sich mit Island intensiv auseinandersetzt. Die bisher entstandenen 10 Alben, die auch in der Fondation Beyeler zu sehen sind, zeigen Zeichnungen und Fotografien von Geysiren, heißen Quellen, Lava-Felsen und Gletschern.

 

Die Transformation von Glas zu Wasser

Mit dem Element Wasser befasst sich Roni Horn auch in ihrem skulpturalen Werk. MusErMeKu sprach mit Theodora Vischer, Senior Curator an der Fondation Beyeler, über die Zusammenarbeit mit Roni Horn und insbesondere über die Skulpturen-Gruppe mit dem Titel „Water Double, v.1-3“ (2013-16).

Erstmals zeigt die Fondation Beyeler die Werke von Roni Horn. Auch für Sie als Kuratorin stellt die aktuelle Ausstellung die erste Zusammenarbeit mit der Künstlerin dar. Wie kam es zu der Kooperation?

Theodora Vischer: „In der Fondation Beyeler versuchen wir neben den klassischen Ausstellungen auch Positionen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler zu zeigen, die ein eigenständiges Werk verfolgen. Roni Horn hat uns hier schon lange interessiert, einfach weil sie interessante Arbeiten hat.“

 

Was reizte die Künstlerin daran, in der Fondation Beyeler auszustellen?

TV: „Roni Horn war sehr daran interessiert, mit einem Museum zu arbeiten, in dem die Kunst der Moderne neben der zeitgenössischen Kunst präsentiert wird. Diese Herausforderung hat sie gereizt. Zudem stießen insbesondere die Räumlichkeiten der Fondation Beyeler bei ihr auf großes Interesse. Besonders der große Raum bei uns, der Oberlicht und Seitenlicht bietet, erscheint für Roni Horns Glasskulpturen sehr geeignet – denn diese Skulpturen leben geradezu vom Licht.“

 

Sie sprechen die Werke mit dem Titel „Water Double“ an. Diese großen Glasskulpturen in die Ausstellungsräume zu bringen, stellte für die Fondation Beyeler allerdings eine große Herausforderung dar…

TV: „Allerdings, ja! Der Transport und das Handling der Skulpturen war sehr delikat. Jedes dieser einzelnen Objekte ist nahezu fünf Tonnen schwer. Das ist gerade das Maximum, was wir unserem Boden zumuten können. Doch die Skulpturen sind nicht nur enorm schwer, sondern gleichzeitig auch sehr fragil und empfindlich. Das ist eine merkwürdige Mischung. Entsprechend war der Umgang mit den Werken auch eine große logistische Unternehmung in enger Zusammenarbeit zwischen unseren Mitarbeitern, gemeinsam mit der Künstlerin und ihrem Assistenten.“

 

Wenn man sich die Skulpturen „Water Double“ in der Ausstellung ansieht, hat man kaum eine Vorstellung von ihrem Gewicht. Die tonnenförmigen Objekte wirken eher, als wären sie mit Wasser gefüllt. Was unterscheidet die Glasobjekte, die jetzt in der Fondation Beyeler zu sehen sind, von den bisherigen Werken der Künstlerin?

TV: „ Roni Horn entwirft seit 1993 Glasskulpturen und ursprünglich waren ihre Werke viel kleiner und vor allem viel niedriger. Auf frühere Objekte kann man deshalb sehr gut von oben herabblicken. Die Skulpturen, die sich jetzt bei uns im Museum befinden, sind aber im Vergleich dazu bisher ihre höchsten und präsentesten. Hier muss man wirklich herantreten, um auf die Oberfläche zu schauen. Als Betrachter fragt man sich dann tatsächlich, ob das Material flüssig ist.“

 

Zu nahe kommen sollte man den Skulpturen aber nicht…

TV: „Die Wirkung der Skulpturen auf die Ausstellungsbesucher ist eine große Herausforderung. Natürlich möchten die Besucher die Objekte aus der Nähe erleben, anderseits dürfen sie aber nicht berührt werden. Hier ist sehr viel Feingefühl von unseren Museumsaufsichten gefragt, die immer wieder darauf hinweisen müssen, den Werken nicht zu nahe zu kommen. Bei den Skulpturen ist es ganz entscheidend, dass sie makellos sind, sonst würde die Illusion der Oberfläche sofort unterbrochen.“

Vielen Dank für das Interview.

 

Im Dialog mit der Sammlung Beyeler

Ergänzend zu den Werken von Roni Horn zeigt die Fondation Beyeler korrespondierende Werke aus der eigenen Sammlung sowie Dauerleihgaben, die Motive der Künstlerin reflektieren. Zu nennen sind hier etwa Objekte von Thomas Schütte oder Bilder von Marlene Dumas, aber auch Skulpturen von Alberto Giacometti.

 

Roni Horn

Fondation Beyeler
02.10.2016 – 01.01.2017
weitere Informationen

 

>>> Der Beitrag entstanden im Rahmen der Bloggerreise #BlauerReiterBasel, die von der Fondation Beyeler sowie Art & Design Museums Basel initiiert und finanziert wurde.

Header-Bild: Angelika Schoder, Ausstellung zu Roni Horn – Riehen, 2016

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