William Butler Yeats: Zwischen irischen Landschaften und okkulten Mysterien

Der Dichter William Butler Yeats prägte mit seinen Werken die moderne kulturelle Identität Irlands. Die Irische Nationslbibliothek in Dublin widmet dem Nobelpreisträger eine Ausstellung.

William Butler Yeats prägte die moderne kulturelle Identität Irlands. Die National Library of Ireland in Dublin widmet ihm eine Ausstellung.

[Ausstellung] Der Dichter William Butler Yeats (1865-1939) gilt nicht nur als einer wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts; seine Werke hatten auch einen bedeutenden Einfluss auf die moderne kulturelle Identität Irlands. Einen Einblick in sein Leben und Werk bietet aktuell eine Ausstellung in der National Library of Ireland in Dublin. Anhand von Büchern, Manuskripten und persönlichen Gegenständen begibt sich die Ausstellung auf eine Reise durch die vielfältigen Interessen des Schriftstellers, von seiner Begeisterung für Irische Literatur, für Folklore und das Theater, bis hin zu seinem Engagement in der Politik und seiner Faszination für Mystik und Okkultismus.


Mit "Yeats: The Life and Works of William Butler Yeats" widmet die National Library of Ireland dem bedeutenden Schriftsteller eine umfangreiche Ausstellung.
Mit „Yeats: The Life and Works of William Butler Yeats“ widmet die National Library of Ireland dem bedeutenden Schriftsteller eine umfangreiche Ausstellung.

Einblick in ein Dichter-Leben

Die Irische Nationalbibliothek verfügt über die weltweit größte Sammlung von Büchern, Manuskripten und persönlichen Gegenständen des Dichters William Butler Yeats, darunter über 2.000 Manuskripte mit Gedichtentwürfen, Theaterstücken, Romanen, Geschichten, Artikeln, Essays, Reden und Vortragsnotizen. Doch auch private Aufzeichnungen finden sich in der Sammlung, etwa Tagebücher, Briefe, Postkarten und Telegramme, ebenso wie Abrechnungen, Steuererklärungen und sogar Schulzeugnisse. Ausgewählte Stücke aus dieser Sammlung, die der Nationalbibliothek von Yeats‘ Familie ab 1959 gespendet wurden, sind aktuell in der Ausstellung „Yeats: The Life and Works of William Butler Yeats“ zu sehen.

Im ersten Abschnitt blickt die Ausstellung auf die Familiengeschichte des Dichters. Sein Vater, John Butler Yeats, arbeitete zunächst als Jurist, doch nachdem er Susan Pollexfen heiratete, gab er seinen Beruf auf, um Künstler zu werden. Der eher geringe finanzielle Erfolg dieser Künstlertätigkeit belastete die Familie sehr, prägte aber auch den späteren künstlerischen Lebensweg von William Butler Yeats und seinen Geschwistern, die alle in kreativen Berufsfeldern tätig wurden. Doch nicht nur das familiäre Umfeld beeinflusste William Butler Yeats, auch die Orte seiner Kindheit und Jugend sind eng mit seiner Dichtung verbunden, etwa sein Heimatort Sligo an der irischen Westküste.

Außerdem inspirierten ihn Geschichten über Orte wie die Berge Ben Bulben und Knocknarea, ebenso wie das Anwesen von Coole Park, Lissadell House und der Turm von Ballylee. Neben der ländlichen Schönheit Irlands ließt sich William Butler Yeats aber auch von den künstlerischen und gesellschaftlichen Kreisen der Großstadt inspirieren, die er in Dublin und London kennenlernte. Sein Leben lang war er außerdem fasziniert von Bildern und Geschichten aus fernen Ländern und alten Kulturen, etwa aus Indien, dem antiken Griechenland und Rom, aber auch aus Japan und Byzanz. Er selbst reiste durch Europa und Amerika, um neue Eindrücke für seine Werke zu sammeln.


Die Ausstellung betrachtet die vielfältigen Einflüsse auf das Werk von Yeats, von der ländlichen Schönheit Irlands bis hin zu gesellschaftlichen Kontakten.
Die Ausstellung betrachtet die vielfältigen Einflüsse auf das Werk von Yeats, von der ländlichen Schönheit Irlands bis hin zu gesellschaftlichen Kontakten.

Erste literarische Erfolge

Bereits in seiner Jugend begann William Butler Yeats Gedichte und Dramen zu schreiben. Er las zudem viel und beschäftigte sich mit Spiritualität sowie irischer Kultur und Literatur. Im Jahr 1884 begann er ein Kunststudium in Dublin; schon 1885 veröffentlichte er erste Gedichte in einem Hochschulmagazin. Außerdem engagierte er sich in literarischen und spirituellen Gruppen wie der Dublin Hermetic Society und der Irish Republican Brotherhood.

1889 veröffentlichte Yeats dann seine erste Gedichtsammlung „The Wanderings of Oisin and Other Poems“. In dieser Zeit entstanden auch bekannte Werke wie „The Lake Isle of Innisfree“. Er verfasste darüber hinaus Erzählungen, Theaterstücke, ebenso wie Kritiken, Artikel, Sammlungen irischer Volksmärchen und Dichtung sowie eine Gesamtausgabe von William Blakes Werk, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Das Leben als Schriftsteller gestaltete sich für ihn dennoch finanziell schwierig und auch privat hatte er wenig Glück. Als er 1889 die 22-jährige Maud Gonne kennenlernte, verliebte er sich sofort in sie – doch das beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. Maud Gonne blieb für Yeats eine platonische Freundin und wurde zu seiner Muse.

Die gemeinsame Geschichte von Yeats und Gonne wird in der Ausstellung von einer digitale Installation zum sogenannten PIAL-Notizbuch erzählt, das Gonne dem Dichter 1908 in Paris schenkte. Der Name des Notizbuchs leitet sich von Gonnes Namen im Golden Dawn-Orden ab: Per Ignem Ad Lucem (Durch das Feuer zum Licht). Der erste Teil der Installation zu den Jahren 1908/09 zeigt die fantasievolle und emotionale Beziehung zwischen Yeats und Maud Gonne. Der zweite Teil zu den Jahren 1912-1917 dreht sich um Yeats‘ Interesse am Spirituellen mit Aufzeichnungen von Séancen und zu seinen Versuchen im Automatischen Schreiben.


„The mystical life is the centre of all that I do & all that I think & all that I write.“

Brief von William Butler Yeats an John O’Leary


Die Faszination für Mystik und Okkultismus

William Butler Yeats glaubte an Magie und war ab seinem 25. Lebensjahr Mitglied im Hermetic Order of the Golden Dawn. Schon als Jugendlicher interessierte er sich für Volksglauben und das Okkulte. Ab 1885 war er in esoterischen Gruppen aktiv und beschäftigte sich mit okkulter Symbolik und der Kabbala. Im Jahr 1893 stieg er in den inneren Orden auf und lernte rituelle Magie kennen. Yeats war überzeugt, dass irischer Nationalismus eine spirituelle Dimension brauche. Gemeinsam mit Maud Gonne plante er deshalb einen eigenen Orden, den Celtic Mystical Order, dessen Zentrum ein „Helden-Schloss“ in der Grafschaft Roscommon sein sollte.

Über sein Interesse für Okkultismus lernte Yeats auch seine spätere Frau Georgie Hyde Lees kennen. Bei ihrer Hochzeit 1917 war sie erst 25 Jahre alt, er bereits 52. Gemeinsam mit ihr entwickelte Yeats ein esoterisches System, das sich um Symbole wie eine spiralförmige Bewegung und Sonne und Mond drehte und auf Automatischem Schreiben beruhte, also unbewussten Schreibbewegungen.


William Butler Yeats war Mitglied in okkultistischen Gesellschaften und befasste sich mit mystischen Schriften. Die Ausstellung zeigt hierzu diverse Dokumente und Objekte.
William Butler Yeats war Mitglied in okkultistischen Gesellschaften und befasste sich mit mystischen Schriften. Die Ausstellung zeigt hierzu diverse Dokumente und Objekte.

Künstlerische Netzwerke

Als in den 1890er Jahren der Ästhetizismus und Symbolismus als neue literarische Bewegung an Bedeutung gewann, wurde Yeats zum Mitbegründer des Rhymers Club in London. Hier begegnete er Persönlichkeiten wie Oscar Wilde, George Bernard Shaw und William Morris. Der Club traf sich regelmäßig in einem Pub und veröffentlichte eigene Gedichtsammlungen. Yeats knüpfte hier außerdem Kontakte zu Künstlern wie Aubrey Beardsley. Seine Gedichtbände „Poems“ (1895) und „The Wind Among the Reeds“ (1899) festigten seinen Ruf als bedeutender Dichter, nicht zuletzt weil er hier irische Mythen mit symbolistischer Stimmung verband.

Zum Netzwerk von Yeats zählte auch Lady Augusta Gregory, die zusammen mit Edward Martyn und George Russell 1899 das Irish Literary Theatre gründete, das nach Yeats Plänen ein „keltisches Theater“ sein sollte. Nach diversen Veränderungen wurde daraus 1904 das Abbey Theatre, dessen Präsident William Butler Yeats wurde. Mit Lady Gregory verband Yeats auch jenseits des Theaters eine Freundschaft. In den 35 Jahren bis zu ihrem Tod 1932 verbrachte er viel Zeit auf ihrem Anwesen in Coole Park, das aus einem großen Haus, Wäldern und einem Fluss bestand, und das den Schriftsteller zu vielen Gedichten inspirierte. Nach dem Tod von Lady Gregorys Sohn Robert, dem Erben des Hauses, wurde der Niedergang des Anwesens zu einem zentralen Thema in Yeats‘ späteren Werken.


Die Irische Nationalbibliothek verfügt über die weltweit größte Sammlung von Schriften und persönlichen Gegenständen des Dichters William Butler Yeats.
Die Irische Nationalbibliothek verfügt über die weltweit größte Sammlung von Schriften und persönlichen Gegenständen des Dichters William Butler Yeats. Ausgewählte Objekte zeigt die Bibliothek aktuell in der Dauerausstellung.

Ein Überblick zu Yeats’ literarischem Schaffen

Neben dem Leben von William Butler Yeats widmet sich die Ausstellung in der Irischen Nationalbibliothek auch seinen bekanntesten Werken, etwa dem Gedicht „Easter, 1916“, in dem der Autor seine Bewunderung und sein Entsetzen über den irischen Osteraufstand von 1916 zum Ausdruck bringt. Das Gedicht ist wie kein anderes von seiner Vorliebe für Zahlensymbolik geprägt: Es besteht aus zwei Strophen mit je 16 und zwei mit je 24 Zeilen – ein Hinweis auf das Datum des Aufstands. Weitere Gedichte über das Ereignis sind „Sixteen Dead Men“, „The Rose Tree“ und „On a Political Prisoner“. Die Gedichte trugen erheblich zu Yeats’ wachsender Popularität bei, so wurde er 1922 in den irischen Senat berufen, dem er bis 1928 angehörte, und er erhielt vom Trinity College in Dublin einen Ehrendoktortitel. 1923 folgte der Nobelpreis für Literatur, den er als Auszeichnung für ganz Irland betrachtete.

In den folgenden Jahren arbeitete Yeats an seiner Schrift „A Vision“ (1925), an seiner Autobiografie und an dem Gedichtband „The Tower“ (1928), der zu seinen bedeutendsten Werken zählt. Das Buch enthält 21 Gedichte, die zuvor schon einzeln oder in Zeitschriften erschienen waren. Yeats verstand sich bei der Zusammenstellung des Bands nicht als bloßer Sammler von Gedichten, sondern als „Architekt“, der ein durchdachtes Ganzes schuf. Die Ausstellung zeigt hier, wie komplex sein kreativer Prozess war – von der Idee bis zur Veröffentlichung des Buches. In einer weiteren digitalen Installation kann man zudem durch ein „Rapallo-Notizbuch“ von des Dichters blättern, das zwischen 1928 und 1930 entstand. Das Notizbuch enthält Gedichtentwürfe, Ideen für neue Werke, Notizen zu „A Vision“, Briefentwürfe sowie persönliche Gedanken.


Die Ausstellung "Yeats: The Life and Works of William Butler Yeats" in der National Library of Ireland in Dublin kann kostenlos besucht werden.
Die Ausstellung „Yeats: The Life and Works of William Butler Yeats“ in der National Library of Ireland in Dublin kann kostenlos besucht werden.

Späte Werke und das Buch als Kunst

Die Ausstellung schließt mit einem Blick auf Yeats’ letzte Jahre, in denen er sich unter anderem mit dem italienischen Faschismus, mit Eugenik und mit den irischen „Blauhemden“ befasste. Er übersetzte außerdem mystische hinduistische Texte, kämpfte gegen Zensur und für eine irische Literaturakademie und arbeitete an Radiosendungen für die BBC. 1938 veröffentlichte er die Gedichtsammlung „New Poems“ und sein Drama „Purgatory“ wurde uraufgeführt; danach verließ er Irland und verstarb wenige Monate später in Südfrankreich. Bis zuletzt hatte er an diversen Gedichten gearbeitet, die posthum im Band „Last Poems and Two Plays“ erschienen.

Schließlich wirft die Ausstellung noch einen Blick auf Yeats’ Begeisterung für Bücher, die der Dichter als Gesamtkunstwerk betrachtete, in dem Text, Papier, Schrift, Farbe, Illustrationen und Einbandgestaltung harmonisch zusammenwirken. Der Abschnitt „Das Drucken der Poesie“ zeigt die Entwicklung seiner Buchveröffentlichungen, wobei einige der hier ausgestellten Bücher einzigartige Kunstwerke sind.


Yeats: The Life and Works of William Butler Yeats

National Library of Ireland, Dublin
Dauerausstellung


Bilder: Angelika Schoder – National Library of Ireland, Dublin 2024


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Angelika Schoder

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