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Das Tuschinski-Theater in Amsterdam

Das Tuschinski-Theater in Amsterdam ist eines der schönsten Gebäude der Stadt. Hier trifft der Baustil der Amsterdamer Schule auf Jugendstil-Design.

Eines der schönsten Gebäude in ganz Amsterdam ist das Pathé Tuschinski, das Tuschinski-Theater in der Reguliersbreestraat. Es entstand zur Zeit der sogenannten Amsterdamer Schule, doch der Baustil ist auch von Elementen des deutschen Jugendstil sowie des französischen Art Deco oder Art Nouveau beeinflusst. Bis heute wird das 1921 eröffnete Theater als Kino genutzt. Während bei den meisten Filmtheatern das Hauptgeschehen auf der Leinwand stattfindet, stiehlt das Tuschinski-Theater mit seiner Architektur jedem Hollywood- Film die Show.


Bis heute wird das 1921 eröffnete Theater als Kino genutzt.
Das Tuschinski-Theater entstand zur Zeit der Amsterdamer Schule; der Architektur-Stil wurde aber auch von Jugendstil und Art Deco beeinflusst.

Das Tuschinski-Theater: Amsterdams außergewöhnlichstes Kino

Fast wie ein Gebäude aus Batmans Gotham City hebt sich das Tuschinski-Theater von den übrigen Häusern in der Reguliersbreestraat ab. Das Bauwerk im Herzen Amsterdams, das bis heute als Kino genutzt wird, entstand zur Zeit der Amsterdamer Schule, doch in der Gestaltung zeigen sich auch Einflüsse von Jugendstil und Art Deco.

Die fast düster wirkende Fassade ist mit dunkel glasierten Fliesen und Keramikskulpturen verkleidet. Auffällig sind zudem die schmiedeeisternen Dekorationen und Lampen, die vom Amsterdamer Bildhauer Barend Jordens (1888-1972) gestaltet wurden. Mit seinen beiden Türmen war das Kino bereits zu seiner Eröffnung am 28. Oktober 1921 ein werbewirksamer Besuchermagnet. Die Architektur sollte dem Publikum sofort verdeutlichen, dass es nun eine Welt der Illusionen betritt, die bereits beginnt, noch bevor sich der Vorhang zur Leinwand hebt.

Nicht nur die Architektur des Tuschinski-Theaters ist einzigartig. Auch was die technische Ausstattung betrifft, war das Kino seiner Zeit weit voraus. Im Großen Saal mit ursprünglich 1.600 Plätzen waren in den 1920er Jahren eine Wurlitzer Filmorgel und ein hauseigenes Theaterorchester für den richtigen Sound zuständig; für angenehmes Klima sorgte ein modernes Heiz- und Lüftungssystem. Insgesamt verfügt das Haupthaus heute, nach einem Umbau, über drei Kinosäle: Der größte Saal bietet 735 Plätze, der zweite Saal im Obergeschoss umfasst 191 Plätze und der dritte, im hinteren Teil des Theaters, hat 130 Plätze. An das Haupthaus schließt sich ein weiteres Gebäude an, das ursprüngliche Pathé Arthouse, mit weiteren drei Sälen mit bis zu 135 Plätzen.


Die schmiedeeisternen Dekorationen und Lampen wurden vom Amsterdamer Bildhauer Barend Jordens (1888-1972) gestaltet.
Von den Teppichen über die Tapeten und Lampen bis hin zu Türgriffen und Heizungsverkleidungen wurde jedes Detail im Tuschinski-Theater aufwändig gestaltet.

Der Namensgeber des Theaters: Abraham Tuschinski

Auftraggeber des Tuschinski-Theaters war der gebürtige Pole Abraham Icek Tuschinski (1886-1942). Angeblich wollte Tuschinski eigentlich aus Polen in die USA auswandern, blieb aber stattdessen 1904 im niederländischen Rotterdam. Bevor er zum renommierten Kinobetreiber wurde, betrieb er zunächst gemeinsam mit seiner Frau Mariem Ehrlich eine Pension für osteuropäische Juden. Dann begann 1911 seine Karriere in der Welt des Filmtheaters; seine ersten Kinos in Rotterdam hießen Thalia, Cinema Royal, Scala und Olympia. Zehn Jahre später, am 28. Oktober 1921, eröffnete er das nach ihm benannte Tuschinski-Theater in Amsterdam, sein wohl berühmtestes Kino. In Konkurrenz dazu stand nur noch das 1923 eröffnete Grand Theatre in Rotterdam, das mindestens ebenso luxuriös war. Hinzu kam 1928 noch ein weiteres Kino in Amsterdam, das Roxy-Theater.

Abraham Tuschinski war zu seiner Zeit der erfolgreichste Kinobetreiber der Niederlande, doch im Nationalsozialismus sollte er alles verlieren. Während der Bombardierung Rotterdams 1940 wurden alle seine Kinos in der Stadt zerstört. Was ihm blieb, war das Tuschinski-Theater in Amsterdam, doch dies wurde durch die Nationalsozialisten enteignet und in den nicht-jüdischen Namen „Tivoli“ umbenannt. Tuschinski selbst wurde 1942 deportiert, zunächst nach Westerbork und schließlich ins KZ-Auschwitz, wo er am 17. September 1942 starb.


Auftraggeber des Tuschinski-Theaters war Abraham Icek Tuschinski.
Die Innenausstattung des Tuschinski-Theaters stammt von Jaap Gidding und Pieter den Besten und orientiert sich stark am deutschen Jugendstil und am französischen Art Deco.

Der Architekt des Tuschinski-Theaters: Hijman Louis de Jong

Erbaut wurde das Tuschinski-Theater nach Entwürfen des Designers und Architekten Hijman Louis de Jong (1882-1944). Ursprünglich erlernte de Jong das Handwerk des Schreiners, später wurde er Möbeldesigner und schließlich begann er, als Architekt zu arbeiten. In Amsterdam entstanden mehrere Häuser nach seinen Entwürfen, etwa in der Hacquartstraat, in der De Lairessestraat, in der Reguliersbreestraat und in der Sophialaan.

Als eines seiner Meisterwerke gilt das Tuschinski-Theater, wobei de Jong sich noch während des Baus um 1920 mit dem Auftraggeber Abraham Tuschinski überwarf. Noch bevor das Theater fertiggestellt wurde, musste als Bauleiter D. J. Klaphaak hinzugeholt werden, um den Bau zu beenden. Nach der NS-Besatzung der Niederlande wurde Hijman Louis de Jong zunächst nach Theresienstadt deportiert und schließlich in das KZ-Auschwitz gebracht, wo er am 30. Oktober 1944 ermordet wurde – zwei Jahre, nachdem Abraham Tuschinski hier den Tod gefunden hatte.


Erbaut wurde das Tuschinski-Theater nach Entwürfen des Designers und Architekten Hijman Louis de Jong.
Das Tuschinski-Theater, das am 28. Oktober 1921 eröffnete, zeigt bis heute niederländische Filme, Independent Kino und Hollywood-Blockbuster.

Die Amsterdamer Schule

Im Tuschinski-Theater treffen verschiedene Architektur-Stile aufeinander, prägend ist jedoch die Amsterdamse School, ein niederländischer Architekturstil der klassischen Moderne. Der Baustil wird oft in Verbindung zum deutschen Backsteinexpressionismus gebracht. Am Beispiel des Tuschinski-Theaters zeigen sich jedoch auch starke Einflüsse von Art Deco bzw. Art Nouveau und des deutschen Jugendstils.

Die Amsterdamer Schule geht auf den niederländischen Architekten Jan Gratama (1877–1947) zurück, der damit verschiedene Architekten bezeichnete, die sich von der rationalen Arbeit von Hendrik Petrus Berlage (1856-1934) abgrenzen wollten. Charakteristisch für den Baustil sind kompliziert gemauerte Muster, Ziergiebel, Bleiglasfenster, Schmiedearbeiten, Reliefs und Skulpturen. Ziel war es, durch eine starke Gliederung der Fassade auch großen Gebäuden einen abwechslungsreichen und dynamischen Charakter zu verleihen.

Die expressiven und fantastischen Formen der Amsterdamer Schule sind auch eine Anlehnung an die ausländischen Design- und Architektur-Strömungen des Jugendstil sowie des Art Deco. Durch eine Vermischung dieser verschiedenen Design-Stile, die im Tuschinski-Theater zu finden sind, wird das Kino heute allerdings nicht direkt der „Amsterdamse School“ zugeordnet. Die Einflüsse von Jugendstil und Art Deco zeigen sich besonders in der Innenausstattung des Kinos, die von Jaap Gidding (1887-1955) und Pieter den Besten (1894-1972) gestaltet wurde. Von den Teppichen über die Tapeten und Lampen bis hin zu Türgriffen und Heizungsverkleidungen wurde hier jedes Detail aufwändig gestaltet. Das Tuschinski-Theater wird damit zum Gesamtkunstwerk.


Tuschinski-Theater

Reguliersbreestraat 26-34
1017 CN Amsterdam


Bilder: Angelika Schoder – Tuschinski-Theater, Amsterdam 2019


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Über die Autorin

Bei mus.er.me.ku schreibt Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.


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