Das Geheimnis – Wer was wissen darf

„Obwohl ich mir Mühe gebe, finde ich oft keinen Zugang zu Kunst.“ – das ist ein Geheimnis. Vielleicht hat die Person, die dieses Geheimnis hütet, es zuvor noch nie jemandem erzählt. Erst jetzt hat sie sich offenbart – anonym, aber gleichzeitig auch öffentlich – in einem Museum. In der Ausstellung „Das Geheimnis“ im Museum der Kulturen Basel ist man auf der Suche nach solchen bisher verschwiegenen Gedanken und Kenntnissen. Man findet sie in verschiedenen Gesellschaften auf der ganzen Welt, aber eben auch unter den Besuchern eines Museums.


Stille Post

Ein Geheimnis ist etwas, über das man schweigt. Doch das Museum der Kulturen Basel stellt in der aktuellen Ausstellung „Das Geheimnis – Wer was wissen darf“ Verborgenes in den Mittelpunkt. Halt wird dabei auch nicht vor Besuchern gemacht, die eben auch Geheimnisse hüten. In der Ausstellung steht daher ein Briefkasten – die „Stille Post“. Besucher können hier ihre lange gehüteten Geheimnisse aufschreiben und anonym in den Briefkasten werfen. Der Illustrator Till Lauer setzt ausgewählte Geheimnisse dann nach und nach für die Ausstellung als Comic um.

Die ersten Geheimnisse werden bereits gezeigt – so auch das Geständnis einer Person, die mit Kunst nicht immer etwas anfangen kann. Das scheint kein besonders dramatisches Geheimnis zu sein, könnte man meinen. Andere, bisher nicht geäußerte Gedanken von Besuchern, sind da schon unangenehmer. So gestand jemand, dass er anderen Menschen ihr Glück nicht gönnen kann. Eine andere Person gibt zu, dass sie es mit der Körperhygiene nicht immer so genau nimmt. Das Museum fragt seine Besucher, genau zu überlegen: Was ist dein größtes Geheimnis? Würdest du es verraten, damit alle im Museum es erfahren?


Ins Geheimnis eingeweiht

Die ganze Ausstellung im Museum der Kulturen Basel wirkt wie ein geheimer Ort. Der Besucher tritt durch ein Eingangstor, das von einer Giebelfigur aus Papua-Neuguinea bekrönt wird. In der Gesellschaft der Itamul ist dies nur Eingeweihten vorbehalten, denn die Figur beschützt Kultobjekte in Männerhäusern. Die Ausstellung selbst ist dunkel gestaltet. In verästelten Nischen, durch die sich der Besucher wie durch einen Parcours auf der Suche nach Informationen bewegt, gilt es Geheimnisse verschiedener Kulturen aus aller Welt zu lüften. Ein dunkelblauer Teppich dämpft dabei die Schritte und immer wieder lassen sich geheime Boxen oder sogar ein Tresor öffnen.


Hüter der Geheimnisse

Es geht in der Ausstellung nicht nur um die Geheimnisse selbst, sondern auch um die Menschen, die Geheimnisse kennen. Vorgestellt werden Ritualkenner aus Sumatra, die ihr Wissen in einer Geheimschrift festhalten, Heiler aus Panama, die geschnitzte Schutzgeistfiguren nutzen oder auch die Appenzeller, die das Geheimnis des Schweizer Käses hüten. An einer Riechstation kann man dieses Käsegeheimnis übrigens im wahrsten Sinne des Wortes lüften – zumindest wenn man weiß, was man hier riechen kann.

An Hörstationen erfährt der Museumsbesucher außerdem Geheimes aus erster Hand, direkt von den Menschen, denen das anvertraut wurde, was keiner wissen darf. Ein Priester oder Callboys, Ärzte oder eine Therapeutin, ein Banker und eine Schülerin – sie alle erfahren täglich Dinge, die sie niemandem verraten dürfen. Wie geht man damit um, wenn man ein Geheimnisträger ist? Kann man alles für sich behalten? Oder muss man sein Wissen doch mit jemandem teilen? Darf man Geheimnisse ausplaudern?


Geheimbünde

In Europa gelten die Freimaurer als einer der bekanntesten Geheimbünde. Das zeigt, dass Bünde, neben geheimen Ritualen, auch einen öffentlichen Aspekt haben – sonst wären sie ja nicht jedem bekannt. Sich selbst bezeichnen die Freimaurer nicht als Geheimbund – sie bevorzugen eher den Begriff Diskretion. Nur Mitglieder dürfen Tempelarbeit leisten und innerhalb der Gemeinschaft ist es umstritten, wie viel die Öffentlichkeit darüber erfahren darf, was hier genau passiert. Interessant ist, dass die sogenannten Logen, die früher Männer vorbehalten waren, heute aber auch als Frauenlogen existieren, nicht um neue Mitglieder werben. Vielmehr sollen sich Interessenten von sich aus melden und ihr Interesse an einer Mitgliedschaft bekunden.

Das eigentlich Geheime bei den Freimaurern besteht in ihren Ritualen, die im sogenannten Tempel stattfinden. Der Tempel hat keine Fenster und zu Beginn eines Rituals stellt der Leiter des Rituals, der „Meister vom Stuhl“, sicher, dass die Teilnehmer nicht gestört werden und dass kein Außenstehender anwesend ist. Nun wird die rituelle Frage gestellt: „Was ist zwischen uns?“ – Die vorgeschriebene Antwort darauf: „Es ist ein Geheimnis.“ Eben dieses Geheime hat den Freimaurern zum einen die Zuschreibung „Geheimbund“ eingebracht. Zum anderen ist dies auch Anlass für zahlreiche Verschwörungstheorien, die sich um die Logen ranken.


Mysterien verschiedener Kulturen

Das Museum der Kulturen Basel setzt sich in seiner Ausstellung auch mit Mysterien als besondere Art von Geheimnissen auseinander. Hier geht es nicht um Geheimnisse zwischen Menschen, sondern um unerklärliche Phänomene, die sich nicht in Worten beschreiben lassen, sondern erlebt werden müssen. Das Museum geht auf verschiedene Glaubensvorstellungen ein, etwa auf den Tantrismus. Der tantrische Buddhismus bedient sich mehrdeutiger und symbolischer Sprache, die nur Eingeweihten zugänglich ist. Nur durch die spirituelle Unterweisung durch einen Lehrer kann ein Verständnis der Texte angestrebt werden, und zwar durch körperliche, geistige und emotionale Übungen.

Neben Praktiken des Hinduismus, in denen über Blickkontakt mit Figuren von Gottheiten Erkenntnisse erlangt werden, und Mysterien des Christentums, wird auch das Konzept der Traumzeit der Aborigines in der Ausstellung thematisiert. Die raum- und zeitübergreifende Sphäre der Schöpfung beeinflusst die Vergangenheit, ebenso wie die Gegenwart. Ereignisse aus der Traumzeit werden in Bilder übertragen, in denen geheime Bedeutungen Verbrogen sind, die für Außenstehende rätselhaft und unverständlich bleiben.

Die Ausstellung zeigt damit die Vielfalt, die Geheimnisse in verschiedenen Gesellschaften einnehmen. Sie können an Personen gebunden sein, an Objekte, aber auch an Vorstellungen, die sich nicht erklären lassen. In ihrer Vielfalt sind Geheimnisse damit auch universell – jeder Mensch kennt das eine oder andere Geheimnis, während er manches nie erfahren wird.


Museum der Kulturen Basel

Das Geheimnis – Wer was wissen darf
13.04.2018 – 21.04.2019
Weitere Infos zur Ausstellung

⇒ Gezeichneten Geheimnisse von Till Lauer


Der Beitrag entstand im Rahmen der Bloggerreise #BeyelerBaconGiacometti, die von der Fondation Beyeler initiiert und finanziert wurde.

Bilder: Angelika Schoder – Museum der Kulturen Basel, 2018