Facebook als Chefsache: Das Bachhaus in Eisenach

Jörg Hansen, der Geschäftsführer und Direktor des Bachhaus in Eisenach, hat Facebook zur Chefsache erklärt. Via Smartphone hat er die Seite des Museums immer im Blick, postet Beiträge, beantwortet Fragen – und lässt sich auch nicht erschüttern, wenn es mal kritisch wird. Vielleicht sind die Aktivitäten des Museums in Social Media auch ein Grund dafür, warum das Bachhaus auch bei internationalen Besuchern so beliebt ist.

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Das Museum ist in einem 1456 erbauten Fachwerkhaus untergebracht und in einem modernen Museumsneubau nach Entwürfen von Berthold Penkhues

Das Bachhaus und seine Geschichte

Bereits im Jahr 1907 eröffnete die Neue Bachgesellschaft das Bachhaus Eisenach als erstes Bach-Museum. Heute zählt es zu den größten Musiker-Museen in Deutschland. Das Museum setzt sich aus zwei Gebäuden zusammen: Ein Teil der Ausstellung ist im 1456 erbauten Fachwerkhaus in original eingerichteten Wohnräumen zu sehen. Das Gebäude galt lange Zeit fälschlicherweise als Bachs Geburtshaus, stellte sich aber später lediglich als Wohnhaus der Bach-Familie heraus. Hieran schließt sich ein moderner Museumsneubau an, der zugegebenermaßen wie ein UFO anmutet, das versehentlich in der Altstadt Eisenachs gelandet ist.

Der moderne, mit Muschelkalk verkleidete Museumsteil stammt vom Kasseler Architekten Berthold Penkhues, einem Schüler von Star-Architekt Frank O. Gehry. Das 2007 eröffnete Gebäude steht in starkem Kontrast zum historischen Haus, mit dem es durch ein verglastes Element verbunden ist. Befindet man sich im Innenhof des Museums, im kleinen Garten vor dem Bachhaus mit seiner auf die Jahreszeit abgestimmten Bepflanzung, erscheint der Kontrast um so größer.

Die mehrfach preisgekrönte Dauerausstellung im Bachhaus erstreckt sich auf 350 m² im Altbau und auf 290 m² im Neubau. Ausgestellt werden über 250 Originalexponate – unter ihnen zwei Orgeln (gebaut ca. 1650 und ca. 1750), ein Clavichord (1770), ein Silbermann-Spinett (ca. 1760) und ein Cembalo (Kopie eines Instruments von 1705), die stündlich von Museumsmitarbeitern für die Besucher gespielt werden. Der „Instrumentensaal“ befindet sich im Erdgeschoss des alten Bauteils, von hier aus gelangt man in das obere Stockwerk, in dem u.a. ein zeitgenössisches Schlafzimmer, eine Küche und eine Wohnstube zu sehen sind. 

Über eine Treppe gelangt man ein halbes Stockwerk höher in den neuen Bauteil. Ausgestellt sind weitere Originalexponate, wobei die Aufmerksamkeit der Besucher fast abgelenkt wird von der Fülle an multimedialen Hörmöglichkeiten, die sich hier bieten. Besonders auffällig sind die von der Decke herabhängenden Kugelsessel – die Bubble Chairs des finnischen Designers Eero Aarnio – in denen man sich mithilfe von Kopfhörern in Bachs Klangwelt vertiefen kann. Im Kern des Ausstellungsraumes befindet sich außerdem ein „Begehbares Musikstück“ – ein Raum mit einer 180-Grad-Leinwand, in dem man als Besucher ein ganz besonderes Musikerlebnis erfährt.

Das heutige Gebäude des Museums galt lange Zeit fälschlicherweise als Bachs Geburtshaus, stellte sich aber später lediglich als Wohnhaus der Bach-Familie heraus

Die internationalen Besucher des Bachhauses in Eisenach

Besonders fasziniert die große Internationalität des Bachhauses. Nicht nur Hinweisschilder auf Japanisch weisen Besuchern in Eisenach den richtigen Weg. Auch das Museum selbst hält ausführliches Informationsmaterial für die Japanischen Bach-Fans bereit. Die Ausstellung des Bachhauses an sich ist konsequent zweisprachig gestaltet – auf Deutsch und Englisch, so dass den meisten ausländischen Besuchern kein Detail entgeht.

Im Jahr 2014 lag der Anteil ausländischen Besucher im Bachhaus bei 23,58 % – beinahe ein Viertel aller Besucher also. Im Vorjahr lag der Anteil der Besucher aus dem Ausland sogar bei 26,96 %. Auch der Überblick über die Besucher aus dem Ausland im Jahr 2014 beeindruckt – insbesondere wenn man bedenkt, dass sich das Bachhaus nicht in einer großen Metropole befindet sondern im kleinen thüringischen Eisenach.

Die Statistik wurde auf Grundlage von Daten erstellt, die Jörg Hansen, Direktor des Bachhauses, zur Verfügung gestellt hat

Die Statistik wurde auf Grundlage von Daten erstellt, die Jörg Hansen, Direktor des Bachhauses, zur Verfügung gestellt hat

Eine Besonderheit ist, dass im Jahr 2014 erstmals Chinesische Besucher mit in die Länderstatistik aufgenommen werden konnten. China machte direkt einen großen Sprung, noch vor Deutschlands Nachbarländer Belgien oder Dänemark. Der Trend wird sich vermutlich 2015 fortsetzen – und vielleicht werden irgendwann die Japanischen Wegweiser mit Hinweisschildern auf Chinesisch ergänzt…

Die Dauerausstellung im Bachhaus mit über 250 Original-Exponaten erstreckt sich auf 350 qm im Altbau und auf 290 qm im Neubau des Museums

Facebook als Chefsache

Das Bachhaus in Eisenach zählt heute mit zu den erfolgreichsten und aktivsten Thüringer Museen bei Facebook. Treibende Kraft hinter dem Engagement in dem Sozialen Netzwerk ist der Direktor des Museums, Jörg Hansen. MusErMeKu traf ihn zum Interview:

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Warum hat sich das Bachhaus für eine Facebook-Seite entschieden?

Jörg Hansen: „Wir haben 2013 anlässlich des Bach-Geburtstags mit Facebook begonnen. Damals hatten wir das Glück über eine Arbeitsfördermaßnahme eine Dame zu bekommen, die uns erklärte wie Facebook funktioniert, welchen Ton man anschlagen muss und wie man Beiträge plant. Als Museum steht man ja erstmal davor, man hatte früher einen Newsletter, der ist aber heute nicht mehr so gewünscht und Facebook ist jetzt sozusagen „das Ding“.“

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Wer pflegt die Seite des Bachhauses bei Facebook?

JH: „Man sagt zwar immer, die junge Generation geht von Facebook weg – das ist aber Quatsch. Bei uns sind es gerade die jungen Leute, die im Bachhaus ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Kulturbereich absolvieren, die mit Eifer unsere Seite pflegen, Fotos machen und Beiträge einstellen. Mir selbst macht es auch Spaß – auch wenn es ein anderes Medium ist, als ich mir zunächst vorgestellt habe.“

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Welche Erwartungen kann ein Museum an Facebook stellen?

JH: „Man stellt sich das am Anfang immer etwas naiv vor, dass man sagt wenn man übermorgen ein Konzert hat, dann schreibt man einen Facebook-Post – oder selbst eine Woche vorher – und plötzlich ist dann der Konzertsaal voll. Man denkt, alle Leute wissen dann, dass das stattfindet und alle kommen. Oder als wir einen sehr schönen Kupferstich-Katalog über Bachs Freunde herausgegeben hatten, dachten wir, wir stellen ein paar Bilder und ein paar Texte bei Facebook rein, damit die Leute darauf aufmerksam werden, und dann bekommen wir Bestellungen für den Katalog. Aber Pustekuchen: Es kam keine Bestellung.

Facebook ist also nicht das Medium, mit dem man den Kunden bekommt – und vielleicht auch nicht den Gast. Es ist vielmehr ein Medium, mit dem man Kundenkontakte pflegt und mit dem man ehemaligen Besuchern eine Art Postkarte nach Hause schickt und sagt „Hallo, uns gibt es noch! Schaut mal, wie schön es hier ist.“ Wir hoffen natürlich, dass die Facebook-Fans uns vielleicht Freunden und Bekannten weiterempfehlen. Aber wir sehen Facebook generell eher als ein lockeres Medium, das vor allem Freude machen soll.“

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Hat das Bachhaus eine bestimmte Facebook-Strategie, etwa einen Redaktionsplan wann welche Inhalte gepostet werden?

JH: „Na ja, zumindest wissen wir, wie wir planen können. (lacht) Aber meistens ist es ungeplant, etwa wenn man spontan ein schönes Motiv findet oder wenn wir interessante Besucher im Museum haben. Eine klassische Situation ist auch, wenn man mitten in einer Ausstellungsvorbereitung ist und einem einfällt, man könnte jetzt mal ein Foto davon posten. Das sind auch immer die Bilder die dann am meisten geliked werden. Facebook ist ein spontanes Medium, das merken auch die Fans und honorieren es.“

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Gibt es Inhalte, die bei den Facebook-Fans besonders gut ankommen?

JH: „Unsere Reichweite ist relativ konstant, aber es gibt immer wieder Überraschungen, dass plötzlich etwas besonders oft geteilt wird. Wir hatten vor kurzem ein französisches Orchester zu Gast, das spontan vor dem Museum ein kleines Konzert gegeben hat. Die waren auf der Durchreise und hatten glaube ich ein Gastspiel in der Nähe. Die haben dann beschlossen, sich bei dem schönen Wetter vor das Bachhaus zu stellen und ein paar Stücke zu spielen.

Eine Mitarbeiterin von uns hatte – mit der Erlaubnis des Orchesters – den spontanen Auftritt gefilmt und wir haben es dann gleich online gestellt. Das hat sich in Windeseile verbreitet und wir hatten eine Reichweite von 3.000-4.000 am Ende. Das sind Inhalte, die dann plötzlich funktionieren. Man kann es selbst nicht planen. Bisher haben wir übrigens noch nicht für Reichweite gezahlt, auch wenn wir darüber nachdenken, es mal für die Ankündigung von einem Konzert auszuprobieren.“

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Teilweise scheuen sich Museen vor Facebook, nicht nur wegen des Arbeitsaufwands sondern auch wegen der Angst vor einem Shitstorm. Hat das Bachhaus auch schon negative Erfahrungen mit der Facebook-Seite gemacht?

JH: „Ja, wir hatten auch schon böse Reaktionen. Wir hatten gemeinsam mit dem Lutherhaus an einer Aktion gegen Rechts teilgenommen. Die NPD war hier so dümmlich und hat geworben mit Bach und Luther und dem Slogan „Wir wählen richtig.“ – das war letztes Jahr bei der Kommunalwahl. Das wollten wir nicht so stehen lassen, da gab es dann auch böse Reaktionen. Wir haben bei den Kommentaren nicht eingegriffen, denn wenn man anfängt zu reagieren, beruhigt es die Situation ja nicht gerade. Das muss man dann eben auch mal ertragen.“

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Wie erklären Sie sich, dass so wenige Thüringer Museen bei Facebook aktiv sind?

JH: „Ich finde es schade, denn die Pflege von Facebook ist zum Beispiel weniger aufwendig als die Erstellung eines Newsletters. Der würde heute den Leuten nur das E-Mail Postfach zustopfen und keiner will ihn mehr haben. Viele Museen geben sich bei ihren Newslettern immernoch unglaublich Mühe, während Facebook viel informeller ist. Man stellt etwas direkt ein, wenn es gerade anliegt und die Leute, die sich dafür interessieren, lesen es.

Vor allem bekommt man aber auch gleich ein Feedback. Ich finde, Facebook ist eine super einfache Art mit Fans und anderen aufmerksamen Akteuren in Kontakt zu bleiben und kann es nur empfehlen. Solange man es nicht bierernst nimmt und nicht erwartet, dass es große Umsätze macht, ist Facebook einfach etwas, das Spaß macht. Und es ist auf Augenhöhe mit dem Publikum.“

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Denken Sie, dass auch Sorgen um Datenschutz einige Museen von der Facebook-Nutzung abhalten?

JH: „Viele denken vermutlich, sie müssten ihre Privatsphäre opfern, denn man muss ja erst einen privaten Account haben, um eine Facebook-Seite zu pflegen. Das man dann bei Facebook registriert ist, ist sicher für viele ein Problem, gerade wenn sie vorher nicht bei Facebook waren. Deswegen klappt es mit den FSJ’lern immer sehr gut, denn die sind oft sowieso schon dort und die meisten wissen auch, wie sie ihre Privatsphäre-Einstellungen so ändern, dass nicht jeder plötzlich alles von einem sieht. Ich denke, das kann man also regeln, daher sollte das die Museen nicht abschrecken.“

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Wie sieht die Zukunft des Bachhauses in Social Media aus?

JH: „Wenn sich der eine oder andere Mitarbeiter plötzlich für ein bestimmtes Soziales Netzwerk interessiert – zum Beispiel Twitter – und uns dann davon überzeugt, dann würden wir das auch machen. So war es damals bei Facebook auch. Allgemein sind aber alle immer sehr in den Arbeitsalltag eingebunden – und Facebook läuft dann nebenher. Aber wenn sich die Gelegenheit ergibt, vielleicht nutzen wir irgendwann auch mal eine andere Plattform.“

Vielen Dank für das Interview.

Der Besuch des Bachhauses fand im Rahmen einer Pressereise (#BachInBerlin) statt. Die Reise wurde vom Bachhaus initiiert und finanziert .


Bilder: Angelika Schoder – Eisenach, 2015