A Chair and You: Eine Ausstellung als Theater-Inszenierung

Stühle sind mehr als nur Sitzmöbel, das zeigt die Ausstellung „A Chair and You“ im Grassi Museum Leipzig. Der Künstler Robert Wilson inszeniert hier ein museales Theatererlebnis zur Design-Geschichte der letzten 60 Jahre.

Stühle sind mehr als nur Sitzmöbel, das zeigt die Ausstellung "A Chair and You" des Künstlers Robert Wilson im Grassi Museum Leipzig.

[Pressereise] Man kann eine Ausstellung chronologisch aufbauen, sie in Themenbereiche gliedern oder einem bestimmten Narrativ folgen. Für die Ausstellung „A Chair and You“ im Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig entschied sich der US-amerikanische Künstler Robert Wilson nun für eine Art der Inszenierung, die an ein Theaterstück in vier Akten erinnert. Seine zusammen mit Annick Lavallée-Benny entwickelte Szenografie setzt sich aus verschiedenen Bühnenwelten zusammen, in denen nicht nur die Sitzmöbel-Sammlung des Genfer Unternehmers Thierry Barbier-Mueller präsentiert wird. Gleichzeitig nutzt Wilson auch die Gelegenheit, am Objekt des Stuhls die Geschichte der Kunst und des Designs von den 1960er Jahren bis heute zu erzählen. Denn kaum ein anderes Möbel ist so vielfältig und wandelbar, wie die Ausstellung anhand der Entwürfe von über 100 Akteuren aus Kunst, Design und Architektur zeigt.


Ein Blick auf den "Peak Too" Stuhl (2017) von Friedrich Schilcher im "Kaleidoskope Space" in der Ausstellung.
Ein Blick auf den „Peak Too“ Stuhl (2017) von Friedrich Schilcher im „Kaleidoskope Space“ in der Ausstellung.

„Der Stuhl gilt als Symbolobjekt des Designs par excellence. Kaum eine Gestalterin oder ein Gestalter hat sich im Laufe der Karriere nicht mindestens ein Mal mit diesem Möbel beschäftigt, dessen Möglichkeiten und Grenzen ausgelotet. Historisch betrachtet gibt es nur wenige Gegenstände, die aber auch von freien Kunstschaffenden auf ähnliche Weise erforscht, getestet und gestaltet wurden.“

A Chair and You, Grassi Museum Leipzig

Zwischen Sitzgelegenheit und Kunst

Eine immersive Museumserfahrung zu schaffen, das ist das Ziel des Regisseurs und Künstlers Robert Wilson (*1941) in der von ihm konzipierten Ausstellung „A Chair and You“ in Leipzig. Im Mittelpunkt stehen dabei rund 140 Stühle aus der Privatsammlung von Thierry Barbier-Mueller (1960–2023), die Wilson als Protagonisten wie in einer Theateraufführung mit einer Ton- und Lichtkulisse inszeniert. Insgesamt vier „Bühnenbilder“ bzw. „Spaces“ erwarten die Ausstellungsbesucher, wobei die Exponate infrage stellen, was man eigentlich unter einem Stuhl verstehen kann. Wird das Möbel durch vier Beine und eine Rückenlehne gekennzeichnet, wie der „Sweetheart Chair“ (1990) von Forrest Myers? Was von der Form her an einen Stuhl erinnert, eignet sich jedoch nicht zum sitzen, immerhin besteht das Objekt nur aus gebogenen Edelstahlröhren und hat keine Sitzfläche. Zumindest optisch könnte man hingegen auf dem „Narrow Papardele“ (1992) von Ron Arad Platz nehmen. Der Stuhl kommt allerdings ganz ohne vier Beine aus und ist statt dessen mit seiner Sitzfläche und Rückenlehne aus einem Edelstahl-Netz gestaltet, das gebogen ist wie eine riesige breite Nudel. Aber vielleicht kann ein Stuhl auch eine völlig abstrakte, skulpturale Form annehmen, wie der „Pylon Chair“ (1992) von Tom Dixon. Das Exemplar in der Ausstellung erinnert an eine Art komplexen Strommast und ruft nicht unbedingt den Impuls hervor, hierauf Platz zu nehmen.

Dass es in der Ausstellung „A Chair and You“ keinesfalls um einfache Sitzgelegenheiten geht, sondern um komplexe Kunst- und Designobjekte, zeigt bereits der erste Ausstellungsraum: Bei dem in sich geschlossenen „Kaleidoskope Space“ handelt es sich um ein Würfel dessen Inneres verspiegelt ist und der an die „Infinity Mirror Rooms“ der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama erinnert. Über kleine runde Öffnungen in der Wand kann man in diese „Schatztruhe für Exponate“ blicken und die hier platzierten Stühle in allen möglichen spiegelnden Effekten betrachten, wobei durch den Kaleiodoskop-Effekt kaum erkennbar ist, wo ein Objekt beginnt und ein anderes endet. In wechselnden Lichteffekten und zu den Klängen von Lou Reeds „Metal Machine Music“ sind hier silberne Stühle platziert, etwa „Victoria“ (2014) von Filipe Gomes, ein Stuhl aus Edelstahl, der aussieht als hätte man ein Stück Alufolie zusammengeknüllt, oder der „Pouf Fireside Chair“ (2015) von Different & Different, der wirkt wie ein aufgeblasener Ballon aus Edelstahl.


Im "Dark Space" werden die Sitzmöbel wie in einem Planetarium in Szene gesetzt, wie hier etwa der "Spirit House Chair" (2007) von Daniel Libeskind und der "Greene Street Chair" (1984) von Gaetano Pesce.
Im „Dark Space“ werden die Sitzmöbel wie in einem Planetarium in Szene gesetzt, wie hier etwa der „Spirit House Chair“ (2007) von Daniel Libeskind und der „Greene Street Chair“ (1984) von Gaetano Pesce.

„Ein Stuhl ist ein Stuhl, für alle und für jeden! Revolutionär, skurril, innovativ, humorvoll, ironisch, fröhlich, elegant, langweilig, überraschend, mager, mysteriös, provisorisch, frech, brutal, raffiniert, praktisch, unpraktisch oder geradezu unbenutzbar; der Charakter eines jeden Stückes ist für alle verständlich.“

Sammler Thierry Barbier-Mueller, The Spirit of Chairs

Stühle in theatraler Inszenierung

Es folgt der „Dark Space“, ein dunkler Raum, den man über eine niedrige, von hinten beleuchtete Tür betritt und der vom Musikstück „Spiegel im Spiegel“ von Arvo Pärt erfüllt wird. Ähnlich wie in einem Planetarium werden die hier platzierten Objekte einzeln beleuchtet und damit nicht nur in den Fokus gerückt, sondern regelrecht wie eine Erscheinung inszeniert, als würden sie in der Dunkelheit schweben. Zu den hier präsentierten Stühlen gehört etwa der „Consumer’s Rest“ (1981) von Stiletto Studios (Frank Schreiner), der an einen Einkaufswagen aus dem Supermarkt erinnert, oder der „Chair for Very Brief Visits“ (1945-1988) von Bruno Munari, ein klassischer Holzstuhl, dessen Sitzfläche allerdings so stark nach vorne geneigt ist, dass man auf dem Stuhl gar nicht sitzen kann. Andere hier gezeigte Stühle laden schon eher zum Verweilen ein, etwa der „Wooden Chair“ (1975) von Oskar Hodosi, ein Stuhl der aussieht wie der Holzrest, der sich aus einem Bleistiftanspitzer heraus rollt, oder der „No 1 Chair“ (1989) aus rot lackiertem Aluminium von Donald Judd, der wie ein kastiges Regal gestaltet ist.

Als dritter Akt der theatralen Ausstellungs-Inszenierung folgt der „Medium Space“, ein minimalistisch gestalteter Raum, der in seinen klaren Linien von der Formensprache des „Barcelona-Pavillon“ (1929) von Mies van der Rohe inspiriert wurde. Diffuses und gedämpftes Licht sowie die „Mechanical Sounds“ von Rodrigo Gava und Dario Felli sollen hier für eine ruhige Atmosphäre sorgen und die Strenge der fast architektonisch gestalteten Stühle betonen. Zu sehen ist hier etwa der „Barbed Wire Chair“ (2012) von Erik Levy, ein filigran wirkender Stuhl-Umriss aus Stacheldraht, der „Bamboo Chair“ (2007) von YKSI design, der sich aus Bambusrohren zusammenfügt, oder zwei Werke von Ausstellungsmacher Robert Wilson selbst: die drei „Amadeus Chairs“ (1991), die der Regisseur für ein Bühnenbild von Mozarts „Die Zauberflöte“ entworfen hatte und die in ihrer filigranen Ast-Konstruktion als Gebrauchsgegenstand, Theaterkulisse, Kunstwerk und Skulptur in einem fungieren, sowie der „Freud Hanging Chair“ (1969-1977), ein schiefer schlichter Stuhl aus Drahtgeflecht, der aus Wilsons Inszenierung „The Life and Times of Sigmund Freud“ stammt.


Im "Bright Space" sind die Stühle und Sitzmöbel zu thematischen Inseln gruppiert.
Im „Bright Space“ sind die Stühle und Sitzmöbel zu thematischen Inseln gruppiert.

„Ich verwende ebenso große Sorgfalt auf das Entwerfen eines Stuhls wie auf das Schreiben eines Theaterstücks. Jedes Element steht in Bezug zu Form und Linie, zu Zeit und Raum.“

Robert Wilson

Designgeschichte als Erlebnis

Den letzten Akt der Ausstellung bildet schließlich der „Bright Space“, in den man über einen kleinen Korridor gelangt. In diesem Übergang setzt das Museum auf User Generated Content und zeigt hier Fotos von Sitzmöbeln, die vom Publikum für die Ausstellung eingesendet werden können. Zu hören ist hier eine Sound-Installation mit der Stimme von Robert Wilson, während der sich daran anschließende „Bright Space“ durch das Retro-Klavierstück „Happy Chappie“ von Paul Reeves erfüllt wird. Das Ziel von Wilson war es in diesem hellen Raum mit Inseln aus bunten Stühlen einen Wald wie aus einer Fantasiewelt zu erschaffen. Diverse Stühle sind dabei jeweils zu abstrakten Themengruppen kombiniert, je nachdem wie animalisch oder skulptural sie wirken, wie witzig oder PopArt-ig sie erscheinen oder wie hoch der Grad ihrer technischen Raffinesse ist. Hier treffen Ausstellungsbesucher etwa auf den „Red Beaver Chair“ (1980) von Frank Gehry, der zwar aus Wellpappe gefertigt ist, aber so aussieht, als würde er aus Schinken bestehen, oder auf den Fiberglas-Stuhl „STQTVM (Souviens-toi que tu vas mourir)“ (2011) von Pool, der an einen Totenschädel erinnert. Ebenso ist hier der „Optimist’s Chair“ (1987) von Malcolm Temple ausgestellt, ein buntes geometrisches Möbel, das so ähnlich auch in Tim Burtons Film „Beetlejuice“ (1988) vorkommen könnte, oder der „Rag Chair“ (1991) von Téjo Remy, ein Unikat aus Holz und Jeansstoff, das auf den ersten Blick wirkt, als wäre ihm das Krümelmonster aus der Sesamstraße zum Opfer gefallen.

Die Ausstellung bietet einen faszinierenden Einblick in die Sitzmöbel- und Designobjekt-Sammlung von Thierry Barbier-Mueller, die vor allem aus Unikaten, Prototypen oder Arbeiten in limitierten Auflagen besteht. Robert Wilson und seinem Team gelingt es dabei mit der ungewöhnlichen Szenografie, den Stuhl nicht nur als Schnittstelle zwischen Ästhetik und Nutzen zu präsentieren, sondern wirklich als Form mit unendlichen Möglichkeiten.


A Chair and You

08.05.-06.10.2024
Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig

Die Ausstellung war zuvor vom 28.10.2022 bis 05.02.2023 im mudac – musée de design et d’arts appliqués in Lausanne zu sehen.


Bilder: Angelika Schoder – A Chair and You, Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig 2024


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Angelika Schoder

Über die Autorin

Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.

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