Fiktion und Realismus: The Odyssey und Debatten um historische Genauigkeit

Schon als erste Details zu Christopher Nolans „The Odyssey“ bekannt wurden, gab es online kritische Meinungen zum Film. Besonders wenn behauptet wird, eine Meinung besitze durch historische Fakten eine besondere Autorität, ist dies hochproblematisch. Ein Kommentar.

Ein Kommentar zu den Debatten rund um Christopher Nolans Film "The Odyssey" und zu anderen historisch fiktionalen Werken.

[Debatte] Die Leidenschaft für Geschichte, die viele Menschen wie mich einst dazu gebracht hat, das Fach zu studieren, kann ihren Ursprung in einer nerdigen Liebe zur historischen Fiktion haben. Wer in seinen späten Teenager-Jahren beschließt, dieser Liebe nachzugehen und ein Geschichtsstudium aufzunehmen, wird in der Regel mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontiert: Wer Geschichtswissenschaften ernst nimmt, wird sehr oft zum Spielverderber. Hast du einen historischen Helden? Ein besonderes Bild von einer Epoche, von einem Königreich oder von einer Zivilisation? Die ernsthafte historische Forschung wird diese Liebe relativieren oder vielleicht sogar ganz zerstören.


Mythbusters

Wenn wir die Idee akzeptieren, dass Geschichte uns dabei hilft, die Menschheit besser zu verstehen, dann müssen wir auch akzeptieren, dass die Ent-Mythologisierung zu den vorrangigen Zielen der Geschichtswissenschaft gehören sollte. Das ist jedoch eine sehr moderne Idee. Jahrtausendelang – und sogar noch für den Großteil des 19. Jahrhunderts, als Geschichtswissenschaft als eigenständige akademische Disziplin entstand – galt ihr politischer Nutzen zur Stützung bestehender Mythen und zur Schaffung neuer Mythen als ein wichtiger Zweck.

Leopold von Ranke etwa, der zu seiner Zeit als „Vater der modernen Geschichtswissenschaft“ in Deutschland gefeiert wurde, bediente sich eines Systems, das auf Vorurteilen und Trugschlüssen beruhte und mit einem wissenschaftlichen Anstrich versehen war, um seine vorgefassten Ideen zu untermauern. Dies könnte als Versuch verstanden werden, die aufklärerischen Ideale der Wissenschaft mit den kulturellen Ideen des aus der Romantik hervorgegangenen Nationalismus zu verbinden. In der Romantik wurden Mythen gesammelt, erschaffen und organisiert, um ein tragfähiges Fundament für nationale Identitäten zu schaffen. Viele Historiker bemühten sich nach Kräften, diesen Mythen eine wissenschaftliche Grundlage zu geben. Dies lässt sich als zweckgeleitetes Denken verstehen, das man heute schlicht als schlechte Wissenschaft bezeichnen muss.


Historische Fiktion

Irgendwo zwischen Mythos und historischer Wissenschaft entstand in diesem kulturellen Kontext der moderne historische Roman von Walter Scott, gefolgt von Autoren wie Alexandre Dumas, Victor Hugo oder Leo Tolstoy. Die deutschsprachige Literaturwissenschaft trennt, was im anglo-amerikanischen Raum als „Historical Fiction“ verstanden wird, je nach Kunstform. Ich möchte hier jedoch alle diese Kunstformen als ein Phänomen betrachten. Diese Art von Fiktion siedelt ihre Geschichten in einer historischen Vergangenheit an, die je nach Fall mehr oder weniger akkurat ist. Sie basiert teilweise auf historischem und archäologischem Wissen, bleibt aber Fiktion. Der Vorteil ist, dass mit Ideen, die Lücken in den historischen Quellen schließen können, gespielt werden darf. Dies geschieht jedoch immer aus einer starken zeitgenössischen Perspektive heraus und tendiert dazu, diese Lücken im Dienste einer spannenden Narration zu schließen.

Das Genre der historischen Fiktion erfreut sich bis heute großer Beliebtheit, ist sehr unterhaltsam und weckt mitunter sogar echtes Interesse an ernsthafter historischer Forschung bei einem breiteren Publikum. Historische Fiktion hat jedoch auch eine dunkle Seite. Der Anschein von historischem Realismus kann dazu beitragen, unwissenschaftliche Geschichtsbilder unter einem größeren Publikum zu verbreiten. Dies kann zudem die Vorurteile von Pseudo-Historikern und selbst von gutmeinenden Hobby-Historikern nähren. Im schlimmsten Fall können Mythen, die durch historische Fiktion am Leben gehalten werden, von politischen Systemen als Propaganda instrumentalisiert werden. Im Prinzip hat jede Form des Nationalismus, die seit der Romantik existiert hat, sich entweder reiner Mythen oder historischer Fiktion bedient, um ihre politischen Ziele zu rechtfertigen.


Gladiator und The Woman King

Viele seriöse Forschende in den Geschichtswissenschaften haben eine besondere Freude daran, historische Fiktion wegen ihrer mangelnden Genauigkeit zu kritisieren. Ich erinnere mich an ein Gespräch in meinem ersten Universitätsjahr zwischen mehreren Kommilitonen, die Alte Geschichte studierten und gerade dabei waren, Ridley Scotts Film „Gladiator“ (UK/USA, 2000) auseinanderzunehmen. Ich hatte den Film kurz zuvor gesehen und ihn durchaus genossen. Das Gespräch war ausgesprochen streng mit dem Film. Mein Beitrag dazu bestand lediglich darin, meine Kommilitonen daran zu erinnern, dass sie über einen Hollywood-Blockbuster sprachen und dem Adjektiv „historisch“ zu viel Gewicht beimessen, während sie das Substantiv „Fiktion“ im Genrebegriff vergessen würden. Dennoch hat mir dieses Gespräch zu denken gegeben und ich kehre seit einigen Jahrzehnten immer wieder zu diesem Thema zurück.

In einem neueren Gespräch erwähnte eine Bekannte von mir den Film „The Woman King“ von Gina Prince-Bythewood (USA, 2022), den sie als Schwarze Frau sehr inspirierend fand. Als sie erfuhr, dass das historische Vorbild der Hauptfigur Verbindungen zum atlantischen Sklavenhandel hatte, war sie sehr enttäuscht. Sie fragte mich als Historiker nach meiner Meinung zu der Figur. Ich sehe nichts Falsches daran, wenn man den Film genießt und sich mit der Hauptfigur identifizieren kann. Man sollte jedoch immer im Hinterkopf behalten, dass der Charakter im Film eine fiktionale Version einer historischen Persönlichkeit war.

Tatsächlich wurden die historischen Hintergründe zu „The Woman King“ übrigens auch durch die Schauspielerin Lupita Nyong’o bekannt, die eigentlich in dem Film über die Kriegerinnen der Ahosi mitspielen sollte. Als sie eigene Nachforschungen zur mit dem Sklavenhandel verknüpften Geschichte in Benin anstellte, entschied sie sich die Rolle im Film letztendlich abzulehnen. Statt dessen veröffentliche sie dazu zusammen mit Anna Cox die Dokumentation „Warrior Women with Lupita Nyong’o“ (UK, 2019). Ich kann hier Lupita Nyong’o gut verstehen. Viele historische Figuren, die ich selbst einmal fesselnd fand, verloren erheblich an Anziehungskraft, sobald ich die tatsächlichen historischen Fakten über sie erfuhr. 

Grundsätzlich ist an historischer Fiktion nichts auszusetzen, solange man dabei im Blick behält, dass es sich um Fiktion handelt, bevor man sich auf dieser Grundlage eine fundierte Meinung über eine historische Epoche bildet. Wer eine solche Meinung entwickeln möchte, sollte wissenschaftliche Werke zum Thema heranziehen und allem, was in der Fiktion zu gut und zu passend klingt, mit Skepsis begegnen. Denn meist wurden Aspekte in historischer Fiktion, die allzu gut zusammenpassen, so verändert, dass die Erzählung ansprechender wirkt oder die Vorurteile der Verfasser durch die Geschichte bestätigt werden.


Nolans „The Odyssey“ und die Keyboard Warriors

Besonders wenn es um historische Fiktion geht, wird über kulturelle Aspekte gerne endlos diskutiert – die Meinungen sind dabei mal mehr, mal weniger informiert und fundiert. Insbesondere in Social Media neigen die Debatten dazu, zu eskalieren, wenn ein Aspekt mit Identitätspolitik kollidiert. Ein aktueller Fall ist Christopher Nolans Film „The Odyssey“ (USA, 2026). Es gab bereits vor dem Kinostart diverse Beschwerden über die mangelnde historische Genauigkeit des Films. Die meisten dieser Kritiken kursieren in einer Meinungsblase, die von der extremen Rechten kontrolliert wird. Sie werden von Menschen verbreitet, die entweder keine wirkliche historische Bildung haben oder nur eine sehr oberflächliche und tendenziöse. Ihnen missfällt etwa das Design der Schiffe, der Rüstungen und Waffen. Sie stören sich an der Sprache, die die Figuren im Film sprechen, denn Nolan nutzt die 2017 erschienene Übersetzung von Emily Wilson, die sich durch modern klingende Ausdrücke und Formulierungen von bisherigen Übersetzungen abhebt. Und es wird Anstoß daran genommen, dass Athena und Helena von Troja von Schwarzen Frauen gespielt werden und Achilles, so wurde es im Vorfeld der Veröffentlichung des Films vermutet, von einem trans Mann – eine Debatte, die hier von Rassismus bzw. Misogynoir und Transfeindlichkeit geprägt ist.

Besonders umfangreich ist dabei die Diskussion zur vermuteten (aber vor Filmstart nicht bestätigten) Besetzung von Achilles. Die Vorstellung, die die Debattierenden von der Figur haben, scheint dabei mehr mit der Darstellung durch Brad Pitt in Wolfgang Petersens Film „Troja“ (USA, 2004) zu tun zu haben, als mit dem, was in der „Ilias“ tatsächlich über die Figur gesagt wird. (Eine kleine Erinnerung: Sowohl Achilles als auch Helena von Troja sind keine Figuren der „Odyssee“, sondern der „Ilias“.) Achilles ist jedenfalls nach der Lektüre der „Ilias“ ein queerer Mann, sodass es nicht unpassend wäre, ihn von einem trans Mann spielen zu lassen, sollte die Rolle tatsächlich mit Elliot Page besetzt sein. Was hingegen schon vor dem Filmstart bekannt gegeben wurde, ist die Besetzung der Rollen von Athena und Helena, die jeweils von Zendaya und Lupita Nyong’o verkörpert werden. Man muss sich fragen, warum eine Götting und eine Halbgöttin einer bestimmten Ethnie angehören sollten? Auch hier kann man also nicht von einer Fehlbesetzung sprechen, wenn man sich am historischen Ursprungstext orientiert. Hinzu kommt, dass es sich bei den kritisierten Personen durchweg um bekannte Hollywood-Stars handelt, die eine aufmerksamkeitsstarke Besetzung für den Film darstellen. Diese ganze Online-Debatte ergibt auf ihren eigenen Prämissen also keinen Sinn und ist ohnehin nichts weiter als ein billiger Versuch, einen Kulturkampf zu führen.


Die Odyssee als Mythos und als Politikum

Wenn wir, auch jenseits von Christopher Nolans Film, über die „Odyssee“ sprechen, geht es dabei nicht nur um historische Fiktion, sondern letztendlich auch um einen Mythos. Die „Odyssee“ war bereits historische Fiktion, als sie erstmals verfasst wurde. Wer das Original lesen möchte, sollte Altgriechisch lernen. Wer verstehen möchte, was der Text wirklich aussagt, kann versuchen, die vielen Übersetzungen, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden sind, vergleichend zu lesen. Vor diesem Hintergrund zu verlangen, dass Nolans Film „The Odyssey“ realistisch sein soll, ist schlicht Unsinn. Sich darüber zu beschweren, dass ein fiktionales Werk, das auf einem ohnehin fiktiven historischen Werk basiert, den eigenen vorgefassten Vorstellungen nicht entspricht, bringt einen ebenfalls nicht weiter.

Die meisten Vorstellungen, die wir von der „Odyssee“ haben, sind bereits durch unsere Kultur und durch bestehende Werke zum Thema geprägt. Es ist weitaus interessanter, wenn ein neues Werk eine frische Perspektive einnimmt, als wenn es lediglich den Zeitgeist früherer Adaptionen reproduziert. Aber der Grund, warum neue Interpretationen klassischer Werke bei bestimmten Publikumskreisen so oft für Skandale sorgen, scheint mir in einem der zentralen Merkmale des konservativen Geistes zu liegen. Konservative neigen im Kern dazu, ihre Kultur und ihr Weltbild nicht als eine Version von vielen Möglichkeiten zu betrachten, sondern als Naturgesetz. Die Welt soll so sein, wie sie sie verstehen, und jede andere oder neue Idee darüber wird als Irrweg wahrgenommen. Doch diese von vielen Verteidigern sogenannter „historischer Genauigkeit“ eingenommene Haltung ist selbst zutiefst anti-historisch. Man muss nicht Geschichtswissenschaften studiert haben, um zu verstehen, dass Geschichte die Aufzeichnung kontinuierlichen Wandels ist. Nichts bleibt gleich. Zu behaupten, das letztgültige Verständnis vergangener Kulturen zu besitzen, ist töricht. Und darauf zu bestehen, dass historische Fiktion keine andere Perspektive oder neue Interpretation historischen Materials durch die Linse der Fiktion anbieten darf, bedeutet, sowohl was Geschichte als auch was Fiktion ist, nicht zu verstehen oder nicht verstehen zu wollen.


Header-Bild: Terrakotta-Statuette des Diadoumenos, Griechisch, 1. Jahrhundert v. Chr. (Kopie einer griechischen Bronzestatue von ca. 430 v. Chr. von Polykleitos) – Metropolitan Museum of Art – Public Domain


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Damián Morán Dauchez

Bei musermeku schreibt Damián Morán Dauchez über Geschichtsthemen, Ausstellungs- und Museumsdesign sowie über Erinnerungskultur.

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