[Kultur-Tipp] Im Jahr 2004 sorgte die Stadt Weimar für weltweites Aufsehen: In der Herzogin Anna Amalia Bibliothek war ein Feuer ausgebrochen und der bekannte Rokokosaal mit unzähligen historischen Schriften wurde schwer beschädigt. Es war der größte Bibliotheksbrand in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Noch immer dauert die Rekonstruktion der in Mitleidenschaft gezogenen Bücher und Dokumente an, aber zumindest das Gebäude konnte schon nach wenigen Jahren der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden. Heute wird das einstige „Grüne Schloss“ wieder als wissenschaftliche Bibliothek für die Forschung und Aufbewahrung von Büchern genutzt. Über eine Million Werke, etwa seltene Handschriften aus dem Mittelalter, Karten, Atlanten und Globen, werden in einem Magazin unter der Erde gelagert und sind nicht öffentlich zugänglich. Besucht werden können hingegen die Ausstellungsräume in der Bibliothek. Im Zentrum steht dabei der prunkvolle Rokokosaal, in dem etwa 50.000 Bücher zur europäischen Literatur- und Kulturgeschichte aus der Zeit von 1750 bis 1850 zu finden sind, ebenso wie Gemälde und Skulpturen berühmter Schriftsteller. In der Dauerausstellung „Cranachs Bilderfluten“ sind außerdem seltene Werke der Cranach-Werkstatt zu sehen, u.a. auch eine Lutherbibel von 1534.

Die Geschichte der Bibliothek
Der Ausstellungsrundgang durch die Herzogin Anna Amalia Bibliothek beginnt im ersten Stockwerk in zwei miteinander verbundenen kleinen Räumen, die früher als Geschäftszimmer dienten. Hier wird zunächst die Geschichte der Bibliothek beleuchtet: Das Gebäude, in dem sich die Bibliothek heute befindet, war ursprünglich als „Grünes Schloss“ bekannt. Es wurde im Jahr 1565 von Herzog Johann Wilhelm I. und seiner Frau Dorothea Susanna als Wohn- und Gartenhaus im Renaissance-Stil erbaut. Schon vorher, im Jahr 1547, wurde Weimar zur Residenzstadt ernannt. Damals brachte man auch einen Teil der Büchersammlung von Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen nach Weimar, zunächst an einan anderen Ort. Mit der Zeit wuchs die Sammlung; nach etwa 200 Jahren umfasste sie schon rund 30.000 Bücher und schließlich wurde mehr Platz dafür benötigt.
Eine wichtige Rolle für die Geschichte der Bibliothek spielte Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, nach der die Bibliothek heute benannt ist. Sie entschied, die Bibliothek in das Grüne Schloss zu verlegen. Außerdem beauftragte sie den Landbaumeister August Friedrich Straßburger mit dem Bau eines repräsentativen Bibliotheksraums, dem heute bekannten Rokokosaal. Im Jahr 1797 übernahm Johann Wolfgang Goethe die Leitung der Bibliothek. Gemeinsam mit seinem Freund Christian Gottlob Voigt sorgte er dafür, dass die Bibliothek modernisiert und deutlich vergrößert wurde. Bis zu Goethes Tod im Jahr 1832 wuchs der Bestand auf etwa 80.000 Bücher an. Einige ausgewählte Exemplare sind hier in der Ausstellung zu sehen.

Anna Amalia und der Brand der Bibliothek
Der zweite Ausstellungsraum widmet sich der Patronin der Bibliothek, Anna Amalia. Sie kam 1739 als fünftes von 13 Kindern von Herzog Carl von Braunschweig-Wolfenbüttel und Herzogin Philippine Charlotte zur Welt. Am Hof erhielt sie eine umfangreiche Ausbildung, lernte schon früh verschiedene Instrumente wie Cembalo, Klavier, Harfe und Flöte sowie das Zeichnen und diverse Sprachen. Mit nur 16 Jahren heiratete sie Herzog Ernst August Constantin von Weimar. Obwohl die Ehe arrangiert war, verband beide die Liebe zur Musik und zum Theater. Nur zwei Jahre nach der Hochzeit, kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes, verwitwete Anna Amalia. Für ihren Sohn Carl August übernahm sie die vormundschaftliche Regentschaft und versuchte, das Herzogtum aus der Verschuldung zu führen. Zudem zeigte sie sich als engagierte Kulturförderin. Als sie 1807 im Alter von 67 Jahren in Weimar verstarb, hatte sie etwa 5.000 Bücher gesammelt und damit eine der größten privaten Bibliotheken ihrer Zeit aufgebaut.
In diesem Raum geht es außerdem um den großen Brand, der 2004 in der Bibliothek ausbrach und international für Aufsehen sorgte. Von den etwa 196.000 Büchern, die sich damals in dem historischen Gebäude befanden, wurden viele beschädigt. Aus dem Brandschutt geborgen werden konnten 25.000 Buchfragmente, ehemals vollständige Bücher und Notenhandschriften, die auf der 2. Galerie des Rokokosaals auf Regalen und in Manuskriptschränken aufbewahrt worden waren. Die Ausstellung zeigt hier wechselnde Exemplare dieser „Aschebücher“. Die Restaurierung ist sehr aufwendig und dauert noch immer an, denn jedes Buch wird Seite für Seite bearbeitet. Insgesamt geht es um rund 7 Millionen Seiten, von denen etwa 1,5 Millionen wiederhergestellt werden. Das entspricht ungefähr 13.500 Büchern und 1.500 Notenhandschriften. Nach der Restaurierung bekommen die Bücher einen einfachen Einband aus Pappe, um sie zu schützen. Dabei wird bewusst darauf geachtet, die Schäden zu zeigen: An den Seiten kann man erkennen, welche Teile verbrannt waren und welche erneuert wurden. So bleibt der Brand sichtbar und wird Teil der Geschichte der Bibliothek.

Der Rokokosaal der Anna Amalia Bibliothek
Nur mit Filzpantoffeln darf man den historischen Rokokosaal betreten, der nach dem schweren Brand von 2004 wieder restauriert wurde. Der Raum ist in Hellblau und Gold gehalten, kunstvoll verziert und mit hohen Regalen ausgestattet. Hinzu kommen Gemälde und rund 80 Büsten bedeutender Persönlichkeiten. Die Architektur ist ungewöhnlich: Hinter der äußeren, eher schlichten Form verbirgt sich ein ovaler Innenraum, zwölf Pfeiler strukturieren den Saal, dazwischen stehen Bücherregale und bilden Durchgänge. Seine besondere Wirkung entfaltet der Rokokosaal vor allem durch die Höhe, denn zwei umlaufende Galerien öffnen den Raum nach oben. An der Decke befindet sich ein rekonstruiertes Gemälde, der „Genius des Ruhms“. Die geflügelte Figur steht symbolisch für Anerkennung und Unsterblichkeit. Vorbild für das Gemälde war ein Bild des italienischen Malers Annibale Carracci aus dem 16. Jahrhundert, das sich in der Dresdener Gemäldegalerie befand.
Ein zentrales Element des Raumes sind die Büsten bedeutender Persönlichkeiten. Sie zeigen nicht nur Mitglieder der fürstlichen Familie, sondern vor allem Dichter, Denker und Künstler. Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller, Johann Gottfried Herder und Christoph Martin Wieland gehören zu den bekanntesten Figuren. Der Hofbildhauer Martin Gottlieb Klauer fertigte 12 der Büsten zwischen 1780 und 1783 an, im Auftrag von Herzog Carl August. Er wollte den Saal durch diese Büsten als einen „Treffpunkt der großen Geister“ erscheinen lassen. Im Laufe der Zeit wuchs die Sammlung der Büsten, auch Herzogin Anna Amalia ist nun vertreten als Hinweis auf ihre zentrale Rolle als Förderin von Kunst und Kultur.
Nach dem Tod von Herzog Carl August und nachdem dieser Johann Wolfgang Goethe von 1797 bis zu dessen Tod 1832 mit der Oberaufsicht über die Bibliothek betraut hatte, veränderte sich die Rolle der Bibliothek deutlich. Immer mehr Besuchende interessierten sich für das Gebäude und wollten vor allem den berühmten Rokokosaal sehen. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde deshalb ein Eintritt von 50 Pfennig verlangt und die Bibliothek wurde zu einem kulturellen Denkmal, für das die Öffentlichkeit großes Interesse zeigte. Dass der Saal bis heute wie in seiner früheren Form besichtigt werden kann, ist jedoch nur durch umfangreiche Restaurierungs- und Rekonstruktionsarbeiten möglich. Denn bei dem verheerenden Brand am 2. September 2004 wurden vor allem die oberen Ebenen schwer beschädigt, durch Feuer, Löschwasser und herabfallende Trümmer. Die untere Ebene blieb dagegen weitgehend erhalten und konnte originalgetreu restauriert werden. Noch heute sind Spuren des Brandes im Boden erkennbar, bewusst erhalten als Erinnerung an die Katastrophe.

Cranachs Bilderfluten
Nach dem Rundgang durch den Rokokosaal und die Ausstellungsräume im Obergeschoss kann im Erdgeschoss der Herzogin Anna Amalia Bibliothek im Renaissancesaal die Dauerausstellung „Cranachs Bilderfluten“ besucht werden. Die Ausstellung befasst sich mit der Wirkung von Bildern, wie sie Politik beeinflussen, Meinungen formen, Hass schüren oder Hoffnungen wecken können. Die These: Was heute im Zeitalter von Sozialen Medien besonders sichtbar ist, war bereits vor rund 500 Jahren von großer Bedeutung. Im Mittelpunkt stehen hier Werke von Lucas Cranach dem Älteren, seinem Sohn Lucas Cranach dem Jüngeren sowie ihrer Werkstatt.
Die Ausstellung macht deutlich, wie vielseitig die Cranachs arbeiteten, indem sie unterschiedliche Medien nutzten: Neben Gemälden sind auch Grafiken, illustrierte Bücher und Medaillen zu sehen. Die Cranach-Werkstatt produzierte tausende solcher Werke, mehr als je zuvor ein Künstler oder eine Künstlergruppe geschaffen hatte. Diese große Menge an Bildern wurde gezielt eingesetzt, vor allem in Zeiten von politischen und religiösen Konflikten. Die Bilder dienten dazu, Botschaften zu verbreiten, Menschen zu überzeugen und Einfluss zu nehmen, damit hatten sie eine ähnliche Funktion wie Medien heute. Daher zeigt die Ausstellung auch Fotos aktueller Medienereignisse als Referenzen, etwa von der Sängerin Beyoncé als moderne Madonnen-Darstellung. Interaktive Displays laden dazu ein, historische Bücher virtuell durchzublättern oder Social-Media-Bilder mit historischen Cranach-Motiven zu vergleichen.
Einige der Cranach-Werke waren bereits vor etwa 450 Jahren in diesen Räumen zu sehen, denn der Renaissancesaal gehört zum ältesten Kern im einstigen Grünen Schloss aus dem 16. Jahrhundert. Zu den Highlights der Ausstellung zählen die Gemälde „Sibylle von Kleve als Braut“ und „Martin Luther als Junker Jörg“ von Lucas Cranach d.Ä., „Caritas“ von Lucas Cranach d.J. sowie die Weimarer Lutherbibel von 1534, die von Lucas Cranach d.Ä. illustriert wurde.

Herzogin Anna Amalia Bibliothek
Platz der Demokratie 1, 99423 Weimar
Bilder: Angelika Schoder – Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar 2026
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Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.
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