[Ausstellung] Nächstenliebe, Mitgefühl und Hilfe für Bedürftige – mit diesen Themen beschäftigen sich die Kunstwerke aus der Sammlung der Bruderschaft Santa Caridad in Sevilla. Anlässlich einer Restaurierung des Hospital de la Caridad und seiner Kirche sind die Gemälde und Skulpturen aus der Zeit des Barock nun im Museo Bellas Artes de Sevilla zu sehen: Unter dem Titel „Kunst und Barmherzigkeit“ zeigt das Kunstmuseum aktuell die Werke von Bartolomé Esteban Murillo, Juan de Valdés Leal, Pedro Roldán und Pedro Duque Cornejo und macht diese so erstmals außerhalb des Hospital de la Caridad der Öffentlichkeit zugänglich.
Die Kunst des Hospital de la Caridad
Eine der wichtigsten Sammlungen mit Barockkunst in Sevilla ist in der Kirche des Hospital de la Caridad zu finden. Dies ist vor allem Miguel Mañara (1627-1679) zu verdanken, der durch die Kunstwerke eine zentrale Botschaft des christlichen Glaubens vermitteln wollte: die Bedeutung von Nächstenliebe, Barmherzigkeit und die Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Mañara trat 1662 der Bruderschaft von Santa Caridad bei und wurde ein Jahr später ihr Leiter. Nach dem Tod seiner Frau begann er damit, über den Sinn des Lebens, den Tod und den Weg zur Erlösung nachzudenken. Seine Gedanken hielt er in religiösen Schriften und Regeln für die Bruderschaft fest, doch besonders wichtig war es ihm, diese Ideen auch durch Kunst sichtbar zu machen.
Miguel Mañara begann damit, für die Bruderschaft die Werke wichtiger zeitgenössischer Künstler zu sammeln, dazu gehörten die Maler Juan Valdés Leal und Bartolomé Esteban Murillo, der Bildhauer Pedro Roldán und der Altarbauer Bernardo Simón de Pineda. Sie arbeiteten eng mit Mañara zusammen und schufen ein einzigartiges Gesamtkunstwerk für die Kirche des Hospital de la Caridad. Das Bildprogramm der Kirche beginnt mit Darstellungen des Todes und des Jüngsten Gerichts in Gemälden von Valdés Leal. Im Hauptschiff der Kirche zeigen Murillos Werke Szenen der Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Den Abschluss bildet der Hauptaltar, der die Grablegung Christi darstellt und an die zentrale Aufgabe der Bruderschaft erinnert. Zusammen vermitteln die Kunstwerke eine spirituelle Botschaft und machen deutlich, dass Mitgefühl und Hilfe für andere Menschen zentrale Werte des christlichen Lebens sind.

Valdés Leal: Zeichen des Todes
Der Künstler Juan de Valdés Leal (1622-1690) trat 1667 der Bruderschaft der Santa Caridad in Sevilla bei und prägte deren künstlerisches Erscheinungsbild entscheidend. Über viele Jahre arbeitete er eng mit der Bruderschaft zusammen und schuf neben Gemälden auf Leinwand auch Wand- und Deckenmalereien, Skulpturen sowie dekorative Arbeiten für Bücher und Inventare. Besonders bekannt sind seine beiden Gemälde „In ictu oculi“ und „Finis gloriae mundi“, die sich sonst unter der Chorempore der Kirche des Hospital de la Caridad befinden. Die großformatigen Gemälde, die als „Hieroglyphen des Lebensendes“ bezeichnet werden, bilden nun den Einstieg in die Ausstellung im Museo Bellas Artes de Sevilla.
Das Gemälde „In ictu oculi“ zeigt den Tod als Skelett, das den Betrachter direkt anschaut und die Flamme des Lebens löscht. Wertvolle Gegenstände zu seinen Füßen symbolisieren Macht, Reichtum und Wissen und machen deutlich, dass weltlicher Ruhm vergänglich ist. Dieses Thema vertieft „Finis gloriae mundi“, das eine dunkle Grabkammer mit zwei verwesenden Leichnamen zeigt, einen Bischof und einen Ritter. Beide stehen für hohe gesellschaftliche Stellungen, die im Tod keine Bedeutung mehr haben. Über der Szene wägt Christus die guten und schlechten Taten eines Menschen. Die Darstellung macht klar, dass allein das moralische Handeln im Leben über das Schicksal der Seele entscheidet.
Neben diesen Gemälden gestaltete Valdés Leal auch den Altarraum der Kirche mit Wand- und Deckenmalereien. Er stellte Engel, die vier Evangelisten und Heilige dar, die für ihre barmherzigen Werke bekannt sind. Außerdem war er für die farbliche Fassung und Vergoldung des Hauptaltars verantwortlich. Nach dem Tod von Miguel Mañara malte Valdés Leal zwei Porträts seines Förderers. In seinem „Porträt von Miguel Mañara“ verweist dieser auf sein Werk „Discurso de la Verdad“, in dem er seine religiösen Überzeugungen festhielt. Ein Totenschädel erinnert an die Vergänglichkeit des Lebens. Ergänzt wird das Werk durch das Gemälde „Die Erhöhung des Kreuzes“ und seine letzte Arbeit, die Skulptur der „Madonna vom Rosenkranz“ für das Krankenhaus der Bruderschaft.

Murillo: Bilder der Barmherzigkeit
Der zweite Ausstellungsabschnitt ist Bartolomé Esteban Murillo (1617–1682) gewidmet, der ebenfalls eine zentrale Rolle im künstlerischen Programm der Bruderschaft der Santa Caridad in Sevilla spielte. Er trat ihr im Jahr 1665 bei und wurde von Miguel Mañara beauftragt, einen umfangreichen Zyklus von Gemälden zu schaffen. Diese Werke sollten die sogenannten „Werke der Barmherzigkeit“ darstellen und den Mitgliedern der Bruderschaft als geistliche Anleitung dienen.
Murillo arbeitete zwischen 1666 und 1670 an diesem bedeutenden Zyklus. Die Gemälde verbinden religiöse Inhalte mit konkreten Aufgaben der Bruderschaft, insbesondere der Pflege Kranker, der Versorgung Bedürftiger sowie dem Stillen von Hunger und Durst. Zwei der bekanntesten Werke, „Die heilige Elisabeth von Thüringen pflegt Kranke“ und „Der heilige Johannes trägt einen Kranken“, zeigen eindrucksvoll diese Verpflichtungen. Murillo stellt die Heiligen als demütige Vorbilder dar, die sich selbstlos den Leidenden zuwenden. Weitere zentrale Werke des Zyklus sind die großformatigen Gemälde „Die Speisung der Fünftausend“ und „Moses schlägt Wasser aus dem Felsen“. Sie thematisieren das Stillen von Hunger und Durst und greifen biblische Wunder auf.
Während der napoleonischen Besetzung Spaniens im Jahr 1810 wurden viele dieser Gemälde beschlagnahmt und ins Ausland gebracht. Heute befinden sich vier der ursprünglichen Werke noch in der Kirche der Santa Caridad, während andere in Museen in London, Ottawa, Washington und Sankt Petersburg ausgestellt sind. Um den ursprünglichen Zusammenhang der Bilder zu zeigen, wurden in der Kirche Kopien der ausgelagerten Werke angebracht.
Ergänzt wird der Zyklus durch mehrere Gemälde, die nicht direkt Teil des von Mañara entwickelten Programms sind, aber dennoch die spirituelle Atmosphäre der Kirche prägen, etwa eine Darstellung der Verkündigung Marias. Zwei weitere kleinere Werke zeigen das Christuskind als Erlöser und den jungen Johannes den Täufer: Das Christuskind segnet die Gläubigen und verweist auf den Sieg über Tod und Sünde, während Johannes bereits auf das spätere Opfer Christi hinweist. Insgesamt vermitteln Murillos Werke für die Santa Caridad eine zeitlose Botschaft: Christlicher Glaube zeigt sich nicht allein im Gebet, sondern vor allem im Handeln durch Mitgefühl, Demut und tätige Nächstenliebe.

Roldan: Inspiration zur Nächstenliebe
Auch der spanische Bildhauer Pedro Roldán (1624–1699) schuf bedeutende Kunstwerke für das Hospital de la Caridad bzw. dessen Kirche. Das wichtigste Werk von Roldán ist der große Hauptaltar, der ab 1670 entstand und von mehreren Künstlern gemeinsam geschaffen wurde: Bernardo Simón de Pineda entwarf den architektonischen Aufbau, Pedro Roldán fertigte die Skulpturen und Juan de Valdés Leal übernahm die Bemalung und Vergoldung. Ziel war es, den Altar wie eine große Theaterbühne wirken zu lassen, die den Blick der Besuchenden sofort auf sich zieht.
Im Mittelpunkt steht die Grablegung Christi, diese Szene hat für die Bruderschaft des Hospitals eine besondere Bedeutung, denn eine ihrer wichtigsten Aufgaben war es, arme Verstorbene würdig zu bestatten. Dargestellt sind Josef von Arimathäa und Nikodemus, die den Leichnam Jesu ins Grab legen. Hinter ihnen stehen Maria, Johannes und die drei Marien, die Trauer und Mitgefühl ausdrücken. Im Hintergrund ist der Kalvarienberg zu sehen, wobei Malerei und Skulptur ineinander übergehen. Seitlich wird die Szene von gedrehten Säulen eingerahmt. Dort stehen die Figuren des heiligen Georg, des Schutzpatrons der Kirche, und des heiligen Rochus, der als Helfer bei Krankheiten verehrt wird. Oben auf dem Altar befinden sich drei Frauenfiguren, die die christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe darstellen. Besonders die Liebe steht im Zentrum, da sie die Grundlage für Barmherzigkeit und Nächstenliebe ist.
Zwischen 1673 und 1674 schuf Roldán drei weitere bedeutende Skulpturen, eine davon ist der „Heilige Christus der Nächstenliebe“, eine emotionale Darstellung Jesu im Gebet. Christus wird kniend und gefesselt dargestellt, mit deutlichen Zeichen von Leid durch realistisch geschnitzte Wunden und Blutspuren, um Mitgefühl bei Betrachtenden auszulösen. Auch der heilige Rochus wird mit einer offenen Beinwunde gezeigt, neben ihm steht ein Hund mit Brot im Maul, der ihn laut Legende während seiner Krankheit versorgte. Dem gegenüber wird der heilige Georg als mutiger Ritter gezeigt, der einen Drachen bezwingt, um den Sieg des Guten über das Böse zu verdeutlichen.
Skulpturen vom späten Mittelalter bis zum Barock
Ergänzend zeigt die Ausstellung weitere wichtige Werke aus der Sammlung des Hospital de la Caridad. Das älteste Kunstwerk der Bruderschaft ist die Skulptur einer Madonna mit Kind aus dem frühen 16. Jahrhundert, die auch als „Madonna der Barmherzigkeit“ bezeichnet wird. Stilistisch ist die Skulptur stark von der nordeuropäischen Gotik geprägt. Die Figur wurde ursprünglich vermutlich aus einem einzigen Holzstück geschnitzt und erst im 17. Jahrhundert neu bemalt. In dieser Zeit erhielt sie auch einen neuen Platz in der Kirche in einem Seitenaltar, an dessen Gestaltung Bernardo Simón de Pineda, Pedro Roldán und Juan de Valdés Leal beteiligt waren.
Ein weiteres bedeutendes Werk ist das „Ecce-Homo-Relief“ aus bemaltem Terrakotta von den Brüdern Jerónimo und Miguel Jerónimo García aus Granada. Es zeigt Jesus als leidenden Christus, kurz nachdem Pontius Pilatus ihn dem Volk vorstellt. Daneben sind die „Engel mit Lampen“ von Pedro Duque Cornejo aus dem Jahr 1733 zu sehen. Die beiden monumentalen Figuren hängen normalerweise am Hauptaltar der Kirche und halten dort die eucharistischen Lampen. Die beeindruckenden barocken Engel-Skulpturen bilden das Finale der kleinen Ausstellung.
Arte y Misericordia. La Santa Caridad de Sevilla
01.07.2025-07.06.2026
Museo Bellas Artes de Sevilla
Header-Bild: Bartolomé Esteban Murillo: La Encarnación (1670), Hermandad de la Santa Caridad – Museo Bellas Artes de Sevilla, 2025
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Bei musermeku schreibt Dr. Angelika Schoder über Themen zur Digitalisierung, über Museen und Ausstellungen sowie über Reise- und Kultur-Tipps.
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