Javier Garcerá: Kunst für eine Welt im Übergang

Die Ausstellung „El pico al aire“ (Der Schnabel in der Luft) zeigt die rätselhaften Werke des spanischen Künstlers Javier Garcerá aus verschiedenen Schaffensphasen der letzten drei Jahrzehnte.

Die Ausstellung "El pico al aire" (Der Schnabel in der Luft) zeigt die rätselhaften Werke des spanischen Künstlers Javier Garcerá in Madrid.

[Ausstellung] Unser Alltag ist von Geschwindigkeit und permanenter visueller Reizüberflutung geprägt. Vor diesem Hintergrund setzt sich der spanische Künstler Javier Garcerá (*1967) mit der Art und Weise auseinander, wie wir heute Kunst wahrnehmen. Der Konsum unzähliger Bilder in kürzester Zeit führt seiner Ansicht nach zu einem flüchtigen und wenig bewussten Sehen. Dem stellt er eine andere Form der Aufmerksamkeit gegenüber: eine verlangsamte, konzentrierte Betrachtung seiner Umgebung. Das CentroCentro in Madrid widmet dem Künstler nun die Ausstellung „El pico al aire“ (Der Schnabel in der Luft), die seine Malerei als räumliche Erfahrung inszeniert, als eine groß angelegte Installation aus Gemälden, die bewusst auf die Architektur des Ausstellungsraums reagiert.


Die Ausstellung vereint Werke aus drei Jahrzehnten von Javier Garcerá.
Die Ausstellung vereint Werke aus drei Jahrzehnten von Javier Garcerá. Eigens für die Schau entstand die Serie „El pico al aire“, die auch den Titel vorgibt.

Wechselwirkung von Kunst und Raum

Die von Isabel Tejeda kuratierte Ausstellung will dazu anregen, die Werke von Javier Garcerá nicht als Teil einer Welt voller überflutender Bilderwelten zu sehen, sondern sich Zeit zu nehmen, genauer hinzuschauen und das Betrachten von Kunst als verantwortungsvollen Akt zu verstehen. Garcerás Werke hängen daher nicht nur an den Wänden im 4. Stockwerk des Kunstzentrums, sondern sie sind auch übereinander gestapelt zu Ensembles zusammengestellt und treten so in Beziehung zueinander und zu den Räumlichkeiten des prunkvollen Palacio de Cibeles. Das Licht, das durch den verglasten Innenhof in den Ausstellungsraum strahlt, spielt bei der Präsentation eine zentrale Rolle als eigenständiges Gestaltungselement, das die Wahrnehmung auf die Werke lenkt. Fast mystisch leuchten die meist in kräftigem Rot gehaltenen Bilder in der eher dunkel wirkenden Ausstellungsgalerie.

Ein Teil der gezeigten Arbeiten entstand eigens für die Ausstellung „El pico al aire“. Ergänzt werden diese Werke durch Gemälde aus verschiedenen Schaffensphasen des Künstlers, die sich über einen Zeitraum von dreißig Jahren erstrecken. Durch diese Zusammenstellung wird sichtbar, wie konsequent Garcerá über Jahrzehnte hinweg an ähnlichen formalen, inhaltlichen und philosophischen Fragestellungen gearbeitet hat. Trotz unterschiedlicher Entstehungszeiten wirken die Werke miteinander verbunden und bilden ein geschlossenes Ganzes. Einige der großformatigen Bilder erinnern in ihrer dreiteiligen Gliederung dabei an Altarbilder und verleihen der Installation einen monumentalen, fast sakralen Charakter.


Die Lichtverhältnisse des Palacio de Cibeles werden für die Ausstellung geschickt genutzt, um die Werke von Javier Garcerá zum leuchten zu bringen.
Die Lichtverhältnisse des Palacio de Cibeles werden für die Ausstellung geschickt genutzt, um die Werke von Javier Garcerá zum leuchten zu bringen.

Momentaufnahmen des Übergangs

Formal und thematisch verknüpft Javier Garcerá unterschiedliche Bezugsebenen, von Verweisen auf die Kunstgeschichte mit Fra Angelico oder Édouard Manet bis hin zu Motiven aus seinem persönlichen Umfeld. Dazu gehören Szenen aus dem Alltag, emotionale Zustände, aber auch Darstellungen von verlassener Natur, bröckelnder Architektur oder Bauwerken im Wandel. Diese Bilder wirken wie Momentaufnahmen einer Welt im Übergang, die nur noch vereinzelt von wilden Tieren bevölkert wird. Die Gemälde von Javier Garcerá laden dazu ein, innezuhalten und sich Zeit für die Vielfalt der Motive zu nehmen. Der Blick soll nicht oberflächlich bleiben, sondern in das Bild eintreten, um den vielschichtigen Aufbau Ebene für Ebene zu erfassen.

Das Atelier und der eigene Arbeitsplatz sind dabei zentrale Motive im Werk von Javier Garcerá, sie stehen für einen Ort der Konzentration, der Beobachtung und des Nachdenkens. Auch in der Ausstellung greift der Künstler dieses Thema auf und „versteckt“ bestimmte Motive, die einem entgehen, wenn man nicht ganz genau hinschaut. Ein Beispiel ist eine menschliche Figur, die in einem Werk aus der Serie „La espera“ (2007) erscheint und die wie beiläufig auftaucht. Wer nicht innehält und dem eigenen Blick Zeit gibt, würde die Gestalt übersehen.

Generell interessiert sich Garcerá für Phänomene, die sich unserer unmittelbaren Wahrnehmung entziehen. Dazu zählen auch so ungewöhnliche Dinge wie Weltraummüll. Das Thema ist in der Ausstellung nicht direkt präsent, sondern taucht ebenso beiläufig auf, wie die menschliche Gestalt bei „La espera“. In einer gestapelten Werkzusammenstellung aus der Serie „El pico al aire“, nach der die Ausstellung benannt ist, hat der Künstler in den Seidenstoff einer Leinwand mit einer Nadel einen feinen Riss gesetzt. Diese kaum sichtbare Spur dient dazu, ein von einem Satelliten aufgenommenes Bild anzudeuten. Das Motiv erschließt sich erst auf den zweiten Blick und steht sinnbildlich für die verborgenen Spuren menschlicher Aktivität im All. Daneben befindet sich das Werk „Eclipse“, eine Graphit-Zeichnung der Sonne, die zwischen mehreren Schichten japanischen Papiers verborgen ist. Auch hier spielt Garcerá mit dem Verbergen und der Wahrnehmung am Rande. Das Offensichtliche, die Sonne, wird hier nicht direkt gezeigt sondern nur angedeutet, eingeschlossen zwischen Materialien und Ebenen.


Die Ausstellung soll die Besuchenden dazu anregen, sich Zeit für die Kunstwerke zu nehmen und die Motive über mehrere Ebenen hinweg zu entdecken.
Die Ausstellung soll die Besuchenden dazu anregen, sich Zeit für die Kunstwerke zu nehmen und die Motive über mehrere Ebenen hinweg zu entdecken.

Diverse Ebenen des Sichtbaren

In der Gegenüberstellung von großen und kleinen Maßstäben entwickelt sich in der Ausstellung ein Spannungsfeld. Dem Blick ins All und auf Satellitenbilder stehen zum Beispiel mikroskopische Motive gegenüber, etwa die Darstellung einer Spore. Auch das auf Seide gedruckte Cover des Buches „Recollections of a Happy Life“ der viktorianischen Botanikerin und Malerin Marianne North aus dem 19. Jahrhundert gehört dazu. Diese Arbeiten verweisen auf die Natur als Forschungs- und Erfahrungsraum. Am Ende soll die Frage stehen, ob Glück durch die Nähe zur Natur möglich ist, denn für Garcerá ist es ein zentrales Anliegen, die Distanz, die die westliche Kultur zwischen Mensch und Natur geschaffen hat, zu überwinden.

Der Künstler überträgt diese Idee auf seine Malerei: Seine Bilder verlangen bewusst Konzentration und Zeit. Wer sich auf das jeweilige Motiv einlässt, wer gedanklich „hindurchgeht“, erkennt, dass Natur nicht etwas ist, das uns gegenübersteht oder in dem wir uns verlieren können. Seine zentrale Aussage lautet vielmehr: Der Mensch ist selbst Teil der Natur. Diese Erkenntnis entsteht nicht durch schnelle Betrachtung, sondern durch eine bewusste, verlangsamte Wahrnehmung. Ein Beispiel für diese Haltung ist ein Gemälde aus der Serie „De la sombra alumbrada“ (1999/2024). Es entstand während Garcerás Aufenthalt an der Königlich Spanischen Akademie in Rom. Dargestellt ist die Villa Doria Pamphilj als eine Landschaft im Zustand des Verfalls. Im Inneren setzt sich diese Szene fort, nämlich im Atelier des Künstlers in der Akademie. Der Innen- und Außenraum geht hier ineinander über, klare Trennungen lösen sich auf.

Der Ort des Ateliers spielt in Garcerás Werk generell eine zentrale Rolle. Es ist bei ihm kein abgeschlossener Arbeitsraum, sondern ein Ort des Übergangs, in dem etwa eine Staffelei mit einem Bild dargestellt wird, das zugleich als Spiegel fungiert – es ist ein Gemälde im Gemälde, das den Betrachtenden in sich hinein zieht. Der Künstler betont so die Idee von Durchlässigkeit: zwischen Bild und Wirklichkeit, zwischen Innen und Außen, zwischen Mensch und Umgebung. Auch hier geht es darum, Grenzen zu hinterfragen und die Wahrnehmung neu zu ordnen.


Der Palacio de Cibeles ist seit 2007 der Sitz der Stadtverwaltung von Madrid.
Der Palacio de Cibeles ist seit 2007 der Sitz der Stadtverwaltung von Madrid. Auf mehreren Etagen zeigt das Kunstzentrum CentroCentro hier wechselnde Ausstellungen spanischer Kunstschaffender.

Das CentroCentro in Madrid

Zu sehen ist die Ausstellung im CentroCentro, einem städtischen Zentrum für zeitgenössische Kunst, das sich im Palacio de Cibeles befindet, dem ehemaligen Hauptpost-Gebäude von Madrid aus dem Jahr 1919. Das Kunstzentrum liegt am Paseo del Arte, der Kunstmeile von Madrid, die sich vom Museo Reina Sofía über den Prado bis zum Museo Thyssen-Bornemisza erstreckt. Das CentroCentro, das sich am Ende der Kunstmeile befindet, rückt zeitgenössische Kunstschaffende in den Fokus, die in verschiedenen künstlerischen Disziplinen arbeiten und einen Einblick in den gegenwärtigen kreativen Kontext von Madrid geben.

Die Ausstellungen sind oft etablierten Kunstschaffenden gewidmet, deren Arbeiten in Madrid über längere Zeit nicht präsentiert wurden. Daneben ermöglicht das Kunstzentrum aber auch dem künstlerischen Nachwuchs erste institutionelle Einzelausstellung. Gezeigt werden diverse Disziplinen, von Malerei über Skulptur und Zeichnung bis hin zu Fotografie, Grafikdesign und Performance. Ergänzend dazu werden begleitende Formate angeboten, u.a. Gespräche, Führungen, Workshops und Residenzprogramme, aber auch Musikveranstaltungen und Theaterformate.


Javier Garcerá. El pico al aire

18.12.2025 – 03.05.2026
CentroCentro | Plaza de Cibeles, 1, 28014 Madrid


Bilder: Angelika Schoder – Javier Garcerá. El pico al aire, CentroCentro Madrid, 2025


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Angelika Schoder

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