Das Mindestlohnpraktikum, oder: Einhörner gibt es wirklich!

Im September 2015, etwa neun Monate nach Einführung des gesetzlichen Mindestlohns, machten wir uns bei MusErMeKu auf die Suche nach Geisteswissenschaftlern, die für ein Praktikum im Bildungs- oder Kulturbereich auch wirklich den Mindestlohn erhalten haben. Unsere Suche erreichte damals bei Twitter und bei Facebook fast 20.000 Menschen – es ließ sich aber niemand mit einem Mindestlohnpraktikum in der Branche finden.

Ein Twitter-User fragte schließlich, ob es nicht aussichtsreicher sei, Einhörner, Bigfoot oder das Bernsteinzimmer zu finden. Unsere Suche nach dem Mindestlohnpraktikum ging jedoch weiter – bis jetzt. Den Mindestlohn gibt es nun seit 2,5 Jahren in Deutschland. Es sind 20 Monate seit dem Start unserer Recherche vergangen. Nun stellt sich heraus: Einhörner gibt es wirklich!


 

Manuela Domanits ist das gelungen, was für die Mehrheit der Geisteswissenschaftler unerreichbar oder fast unmöglich erscheint: Ihr Praktikum im Kulturbereich wurde mit dem Mindestlohn vergütet. Leicht war ihr Weg bis dahin nicht – und das Mindestlohnpraktikum kam ihr auch nicht einfach so zugeflogen…

 

„Man arbeitet kostenlos, muss aber auch seine Lebenshaltungskosten bestreiten.“

Manuela kann, wie die meisten Geisteswissenschaftler, bereits auf reichlich Praktikumserfahrung zurückblicken. In ihrem Bachelorstudium „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“ mit bildender Kunst als Hauptfach an der Universität Hildesheim waren Praktika im Umfang von mindestens 12 Wochen vorgeschrieben. Daher hat sie auch zwei unbezahlte Pflichtpraktika absolviert. „Für mein Praktikum im Ausland habe ich immerhin ein Stipendium vom DAAD bekommen und somit kam da am Ende eine Nullrechnung heraus“, wie sie berichtet.

Bei ihrem zweiten Praktikum hatte sie dann diesen Vorteil nicht: „Es war sozusagen ein Minusgeschäft. Man arbeitet kostenlos, muss aber ja auch seine Lebenshaltungskosten bestreiten. Da ich keinen Zwischenmieter in meiner Studienstadt gefunden habe, musste ich sogar die Miete für zwei Zimmer gleichzeitig aufbringen“, so Manuela.

 

„Praktika sind wichtig, um einen Gegenpol zum sehr theoretisch orientiertem Studium zu haben.“

An ihren Bachelor schließt Manuela jetzt in Leipzig den Master „Kulturwissenschaft – Gesellschaft und Kultur“ an. Hier sind keine Pflichtpraktika mehr vorgesehen. Die Studentin hat sich aber trotzdem dazu entschlossen, weiterhin Praktika auf freiwilliger Basis zu absolvieren. Zum einen, um einen Gegenpol zum sehr theoretisch orientiertem Studium zu haben und zum anderen, um damit weitere Erfahrungen im Kulturbereich zu sammeln und damit ihre späteren Arbeitsmarktchancen zu verbessern.

Nun ist es so, dass Manuelas Ausgangslage für die Suche nach einem Praktikum im Kulturbereich relativ schwierig war. Da sie bereits über einen Bachelor-Abschluss verfügt, müsste ihr für ein Praktikum der Mindestlohn gezahlt werden – dies ist seit dem 1. Januar 2015 gesetzlich vorgeschrieben. Eine Ausnahme wäre es, wenn ihre Studienordnung im Master ein Pflichtpraktikum vorschreiben würde. Dann müssten Kulturinstitutionen kein Gehalt für das Praktikum zahlen, denn für Pflichtpraktika gilt der Mindestlohn nicht.

Dies führt dazu, dass Kulturinstitutionen fast ausschließlich Praktikanten ohne Abschluss beschäftigen (i.d.R. noch im Bachelor-Studium) oder Pflichtpraktikanten, da den Institutionen dann keine Lohnkosten entstehen. Im Hinblick auf dieses Vorgehen wird oft auf knappe Budgets verwiesen. Diese Rechtfertigung hilft Bachelor-Absolventen mit freiwilligem Praktikumswunsch jedoch nicht wirklich, wenn sie aufgrund dessen nur Absagen auf ihre Praktikumsbewerbungen erhalten.

 

„Ein Praktikant ist eine unverzichtbare Arbeitskraft.“

Manuela hat es geschafft: Sie konnte tatsächlich ein Mindestlohnpraktikum im Kulturbereich absolvieren, und zwar im Kulturreferat der Stadt Nürnberg. Sie unterstützte dort im zuständigen Projektbüro die Organisation von „Die Blaue Nacht“ , eine jährlich stattfinde Großveranstaltung, vergleichbar mit einer Langen Nacht der Museen. Zu ihren Aufgaben gehörte es, sich um den Kontakt mit den teilnehmenden Künstlern und Kulturinstitutionen zu kümmern und Teile der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zu übernehmen, besonders die Betreuung von Social-Media. Daneben übernahm sie auch das Lektorieren von Programmheften oder administrative Arbeiten, wie die Datenbankpflege oder den Versand von Infomaterial.

Während ihres knapp viermonatigen Praktikums, das monatlich mit rund 1.440 Euro brutto vergütet wurde, erledigte sie relativ viele Aufgaben eigenständig. „Wie meist im Kulturbereich, ist man so als Praktikant eine unverzichtbare Arbeitskraft“, betont Manuela. Da im Kulturbüro nur eine Person und ein Praktikant hauptverantwortlich für „Die Blaue Nacht“ sind, übernahm Manuela während ihrer Zeit dort auch einen Teil der Verantwortung.

 

„Ein Mindestlohnpraktikum im Kulturbereich ist ein ziemliches Privileg.“

Manuela ist mit ihrem Mindestlohnpraktikum im Kulturbereich eine sehr große Ausnahme, dessen ist sie sich bewusst: „Tatsächlich ist dies mein erstes vergütetes Praktikum, ein ziemliches Privileg – leider.“ Sie hat viele Kommilitonen im Masterstudium, die unbezahlte Praktikumsstellen antreten – trotz bereits abgeschlossener Erstausbildung. „Da bei uns im Masterstudiengang kein Praktikum vorgeschrieben ist, haben es viele sogar schwer, überhaupt einen Praktikumsplatz zu bekommen. Oft werden nur Pflichtpraktikanten eingestellt, die man nicht entlohnen muss“, so Manuela.

Aus Verzweiflung ist da von den Studierenden auch schon mal Einfallsreichtum gefragt, berichtet die Kulturwissenschaftlerin: „Eine Studienkollegin von mir musste für einen Praktikumsplatz bestätigen, dass sie ein Pflichtpraktikum machen muss, obwohl dem ja gar nicht so ist. Sie hat tatsächlich ein solches Schreiben von einem Dozenten ausgestellt bekommen und damit quasi freiwillig auf das ihr eigentlich zustehende Gehalt verzichtet. Andernfalls hätte sie die Stelle nicht bekommen.“

 

„Wir sägen an dem Ast, auf dem wir später einmal sitzen wollen.“

Dass Praktikanten im Kulturbereich oft unverzichtbar sind, wird jedem in der Branche bewusst sein. Vor allem in der freien Szene könne das Gelingen eines Projekts davon abhängen, ob die Mitarbeiter bereit sind, zu einem geringen Gehalt zu arbeiten oder sogar ganz darauf zu verzichten, so Manuelas Eindruck. „Dort werden Praktikanten mit Kusshand genommen, jedoch selten entlohnt“. Die Studentin hat auch die Erfahrung gemacht, dass nicht nur die freie Kunst- und Kulturszene auf Praktikanten dringend angewiesen ist: „Auch in den öffentlichen Kulturinstitutionen ersetzen die Volontäre oder Praktikanten oft eine Arbeitskraft. Sie arbeiten meist 40 Stunden die Woche und übernehmen in eigenständigen Arbeitsbereichen Verantwortung.“

Dabei baut der Kulturbereich auf die Kompetenzen und Erfahrungen der kostengünstigen Studierenden, so Manuela: „Wir Kulturwissenschaftler sind es ja vom Studium her gewöhnt, uns eigenständig in Themen und Bereiche einzuarbeiten. Viele bringen meist aus diversen Projektarbeiten und vorherigen Praktika schon wertvolle Erfahrungen und Qualifikationen mit. Der Deal, einen solchen Studierenden kostenlos oder günstig für sich arbeiten zu lassen, klingt aus Sicht der Institutionen also verständlicherweise gut.“

Doch dieses System betrachtet Manuela äußerst kritisch: „Ich habe manchmal Angst, dass dadurch echte Stellen eingespart werden. Wir sägen also an dem Ast, auf dem wir später einmal sitzen wollen.“ Gleichzeitig betont sie aber, dass die Studierenden meist keine andere Wahl hätten, als diese Stellen anzunehmen. Schließlich müssten sie ja Praxiserfahrung neben dem Studium sammeln, oder seien durch die Studienordnung eben zu Praktika verpflichtet.

 

„Man muss sich das Praktikum leisten können.“

Ein Praktikum kann generell schnell zum Privileg werden, da ist sich Manuela sicher. „Während eines Vollzeitpraktikums kann man nicht jobben, man muss sich das Praktikum also leisten können, wenn es nicht vergütet ist. Aus diesen Gründen kommen für manche Studierende unentgeltliche Praktika in anderen Städten erst gar nicht in Frage, wegen der doppelten Miete und den Fahrt- und Umzugskosten beispielsweise“, so die Kulturwissenschaftlerin. Sie verweist außerdem darauf, dass umfangreiche Praktika das Studium verlängern. Wer auf BAföG angewiesen sei, könne also auch hier schnell Probleme bekommen.

Manuela ist dankbar, dass ihre Eltern sie finanziell unterstützen konnten – besonders in der Zeit, als sie unbezahlte Praktika absolvierte. Die Möglichkeit, gute Praktika anzutreten, dürfe aber nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen: „Keiner will von einem Praktikum reich werden, aber ich fände es nur fair, wenn man dabei nicht auch noch draufzahlen muss.“ Manuela befürchtet, dass die Kulturinstitutionen ohne äußeren Zwang wenig an den Praktikumsbedingungen ändern werden: „Ich sehe hier eher die Politik in der Verantwortung. Schließlich ist diese Art der Ausbeutung von Arbeitskraft, wie sie bisher oft im Kulturbereich stattfindet, zur Zeit legal. Hier muss sich dringend etwas ändern!“

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Hamburg, 2016


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