Twitter-Takeover im caricatura museum frankfurt

„Ich habe ein neues Foto auf Facebook gepostet“. Das ist wahnsinnig spannend und muss sofort getwittert werden – zumindest scheinen viele Museen dieser Auffassung zu sein. Leider gibt es aber kaum etwas, das Twitter-Usern so sehr signalisiert, dass sie als Zielgruppe nicht ernst genommen werden, wie eine schier endlose Abfolge automatisierter Tweets mit fb.me/-Links zu Facebook.

Glücklicherweise wird immer mehr Institutionen bewusst, dass wenn man lediglich Facebook-Inhalte zu Twitter synchronisiert, man den Account im Prinzip auch gleich schließen kann, da jeglicher Mehrwert fehlt. Statt den Account zu schließen, besteht natürlich auch die Möglichkeit, die Flucht nach vorn anzutreten, die Facebook-Synchronisation abzuschalten und selbst zu twittern – oder twittern zu lassen. Für letztere Variante hat sich nun das caricatura museum frankfurt entschieden: ein Twitter-Takeover.

 

Vom Facebook-Zombie zum Twitter-Takeover

Der eher kleine Museumsaccount des caricatura museum frankfurt (@caricaturaffm) durchlief im Februar 2016 eine Transformation. Lange fristete er eine Art Untoten-Dasein, versorgt mit automatischen Inhalten aus Facebook und weitestgehend ohne Dialog. Mittlerweile wurde der Twitter-Account des Museums allerdings zum Leben erweckt; statt Facebook-Resten gibt es nun den Karikaturisten BeCK – live, in Farbe, manchmal in Schwarz-Weiß, aber eben persönlich. Mit MusErMeKu sprachen jetzt Achim Frenz, der Direktor des caricatura museum frankfurt, und BeCK, der nicht nur aktuell im Museum ausstellt, sondern der für dieses nun auch twittert.

 

Herr Frenz, das caricatura museum twittert seit Dezember 2012. Wieso wurde ursprünglich die Entscheidung getroffen, Twitter zu nutzen?

Frenz: Die Idee war ein junges Publikum anzusprechen, um das Durchschnittsalter der Besucher zu senken. Gleichzeitig wollten wir damit auch auf das junge Museum hinweisen und neue Formen der Kommunikation finden.

 

Die neuen Formen der Kommunikation hatten aber so ihre Tücken. Die Inhalte des Accounts @caricaturaffm wurden in der Vergangenheit ja oft automatisch via Facebook synchronisiert. Ergebnis waren teilweise „abgebrochene Tweets“ mit fb.me/-Links oder auch etwas aussagelose Inhalte wie „Ich habe ein neues Foto auf Facebook gepostet“. Spielte Twitter neben Facebook für das Museum denn so eine untergeordnete Rolle?

Frenz: Wir haben das gesehen und waren mit der Synchronisierung mit Facebook nicht glücklich. Unsere Hauptaktivitäten laufen über Facebook und Twitter spielte tatsächlich eine untergeordnete Rolle. Wir dachten mit der Verknüpfung erreichen wir auch die Menschen, die mit Twitter unterwegs sind. Wir sind halt zu wenige, die das Museum am Laufen halten, sodass wir die Zeit nicht finden entsprechend nebenher die verschiedenen Plattformen zu bedienen. Der Traum einer eigenen Kommunikationsabteilung oder gar nur einer Stelle für Social Media im städtischen Kulturbetrieb ist undenkbar. Deshalb sind wir sehr froh, dass BeCK bei uns und für uns twittert.

 

Wie kam es zu der Idee für das Twitter-Takeover?

BeCK: Ich hatte aus einer Laune heraus dem Museum vorgeschlagen, „mittwittern“ zu dürfen. Der Account war mir zu leblos – wobei ich schon verstehe, dass die Museumsleitung andere Aufgaben hat, als auch noch zu twittern. Wir wissen ja alle, twittern kostet viel Zeit, wenn man es gut machen will und kein Celebrity ist. Aber ich hatte Lust drauf und twittere mit Vergnügen, sonst als @new_toon  und nun auch als @caricaturaffm.

 

BeCK, du bis schon ziemlich lange bei Twitter aktiv…

BeCK: Mit Twitter habe ich schon 2009 angefangen, mein erster Account hieß BECKintl. Daneben hatte ich mir damals schon einen „stummen“ Zweitaccount zugelegt, mit dem ich anfangs nur „lauschen“ wollte… Der Plan war, mein Englisch zu verbessern und zu lernen, wie englische Muttersprachler im Alltag so sprechen. Bald habe ich aber bemerkt, was für ein unglaubliches Witzpotenzial Twitter bietet und angefangen, Tweets zu „illustrieren“. Das mache ich bis heute, obwohl ich 2012 eine Twitter-Sinnkrise bekam und meinen damals schon recht erfolgreichen BECKintl Account löschte.

 

Die Twitter-Sinnkrise ist aber jetzt überwunden. Was schätzt du mittlerweile an der Plattform besonders?

BeCK: Anfang 2014 hatte ich einen kleineren Twitter-Erfolg, als nämlich der Betreiber des einflussreichen @twoptwips-Accounts, dessen Tweets ich bis dahin sehr oft „cartoonifizierte“, anfragte, ob ich sein Buch illustrieren würde. Das Buch „Top Tips for Life“ erschien 2014 bei Ebury Press/ Random House in London… So macht Twitter Spaß!

Ich twittere jetzt als @new_toon weiterhin ungerührt auf Englisch und versuche, ein bisschen meine [deutsche] Identität zu verschleiern. Aber die Leute sind ja nicht doof – mein Englisch ist eben doch immer wieder ziemlich Deutsch. Wenn ich Muttersprachler wäre und viel mehr twittern würde, hätte ich – da bin ich mir ganz sicher – definitiv mehr Follower. Aber darauf kommt es mir eigentlich gar nicht an. Es macht mir, ehrlich gesagt, etwas mehr Spaß mit den „Engländern“ zu twittern, die sind oft sehr schnell und witzig und meist unglaublich herzlich. Habe mich auch schon in London mit „Twitter-Freunden“ im Pub getroffen… ein Vergnügen!

 

Mittlerweile hast du mit @new_toon fast 6.000 Follower – das Museum hat hingegen nur rund 700. Welche Tipps hast du für das Museum?

BeCK: Meine Tipps für @caricaturaffm sind die üblichen: Keine synchronisierten Inhalte, sondern lebendige Tweets posten; mit Leuten reden; auch mal retweeten, faven sowieso; nicht so vielen News-Kanälen folgen, sondern mehr richtigen, aktiven Accounts; sich einen einflussreichen Mäzen suchen, der sehr viele Follower hat. Bei mir als @new_toon war das damals @NeinQuarterly: Wir mochten uns von Anfang an und ein Retweet von ihm bringt mir immer wieder neue Follower….

Aber man darf natürlich nie vergessen: Die Einzigen, die Nutzen von uns Twitterern haben, sind die „Besitzer“ von Twitter. Und man darf nicht vergessen, dass twittern Arbeit ist. Es kostet Zeit, viel Zeit, die man genau so gut woanders investieren könnte, z.B. in die Familie…

 

Wie wird es mit dem Account des Museums nach dem Twitter-Takeover weiter gehen?

BeCK: Ich fänd es genial, wenn es zu einem Job werden könnte, aber wer weiß, vielleicht hat der nächste Künstler auch Ambitionen…. Mein ehrgeiziges Ziel ist es jedenfalls, für das Museum bis Juni wenigstens 1.000 Follower eingesammelt zu haben.

Vielen Dank für das Interview.

 

Ein Takeover als freundliche Übernahme

Das Format des Takeover ist mittlerweile auch in Deutschland bereits gut etabliert. Die ZEIT überlässt ihren Twitter-Account @DIEZEIT etwa nicht nur wechselnden Mitarbeitern, sondern lädt auch externe Persönlichkeiten dazu ein, in ihrem Namen zu twittern. Los ging es mit @NeinQuarterly im Januar 2015; ihm folgten z.B. Stephan Porombka (@stporombka), Professor für Textgestaltung an der UdK Berlin, oder der Mann vom Balkon (@MannvomBalkon). Neben den Twitter-Takeover bei der ZEIT werden auch beim @zeitmagazin regelmäßige Übernahmen bei Instagram initiiert, und zwar unter dem Hashtag #InstaZEIT. Vor Kurzem postete etwa Instagram-Influencer André Krüger (@bosch) im Namen des Accounts. Natürlich bietet sich auch ein Snapchat-Account zur Übernahme durch eine bekannte Persönlichkeit an, um neue Blickwinkel auf eine Institution zu gewähren – ein Beispiel ist hier die Schirn in Frankfurt (schirnsnaps), die zum Start der Ausstellung „Ich“ Anfang März 2016 ihren Account an den Künstler Chang Dreihzen von Vodoo Chanel weitergab.

Da die meisten Museen aber bisher nur von Snapchat träumen können und auch bei Instagram häufig erst noch selbst zurecht kommen müssen, bevor sie ein Takeover in Betracht ziehen können, ist ein Twitter-Takeover vermutlich aktuell das, was für die meisten Institutionen wohl am ehesten infrage kommen würde. Museen könnten damit beginnen, ihren Twitter-Account für einen Tag oder sogar für eine Woche an einen Kurator, Archivmitarbeiter oder an einen Restaurator zu übergeben. Oder sie könnten sogar einen Künstler für sich twittern lassen, wie jetzt im Fall des caricatura museum frankfurt. Fast alles ist möglich – nur eines sollte ein no-go sein: Die automatische Synchronisation von Facebook-Meldungen. Abschalten wäre in dem Fall nämlich wohl die sinnvollere Option.

 

caricatura museum frankfurt

BeCK – 11.02. – 12.06.2016

Weitere Infos zur Ausstellung
Zum Twitter-Account des Museums

Mehr über BeCK

 

Header-Bild: caricatura museum frankfurt – Angelika Schoder, 2015

__________________

Das Interview mit Achim Frenz und BeCK wurde per E-Mail geführt.

2 Antworten auf „Twitter-Takeover im caricatura museum frankfurt“

  1. Liebe Angelika,

    prima Spotlight auf eine prima Aktion! Ja, das ist tatsächlich eine gute Vorgehensweise, den Twitter-Kanal eines Museums voranzubringen, der zuvor, wie du schön schreibst „ein Untoten-Dasein“ fristetet. Den @caricaturaffm-Kanal nahm ich zuvor tatsächlich nicht wahr, will nichts heißen.

    Dank deines Artikels schaute ich mal auf den Account. Ich fände es noch gut, wenn dort im Profil oder via Kürzel gekennzeichnet wäre, dass BeCK den Kanal für eine begrenzte Zeit übernommen hat. Einen Hinweis darauf auf der Museumswebsite wäre auch empfehlenswert. Nun gut, die Social Media Kanäle müssen ja auch erst gesucht werden, wenngleich „Newsroom“ schon mal ein logischer Suchansatz ist.

    Ist das jetzt so, dass das Museum keine Tweet verfasst in der Zeit des Takeovers? Was passiert danach? Wird der Account wieder zum „Untoten“ oder wird neu verhandelt, intern wie extern? Wäre schon schade, wenn der oder die Impulse von BeCK dann ungenutzt verpufften. Immerhin, ein Anfang zu mehr Dialog ist gemacht.

    Wünsche der Aktion viel Erfolg und viele Ideen für eine Fortführung in welcher Form auch immer! Klasse Artikel, Angelika!

    Sonnige Grüße
    Tanja Praske

    1. Liebe Tanja,

      gute Fragen – die mir im Interview auch nicht beantwortet wurden, leider. Aktuell scheint wohl noch nicht klar zu sein, wie es bei Twitter weiter geht. Ich hoffe es geht weiter – und zwar so oder so ähnlich.

      Viele Grüße, Angelika

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.