Wenn Deutsche zum Lachen ins Museum gehen – Das caricatura museum frankfurt

Seit Jahren muss ich mir immer wieder anhören, wie unlustig die Deutschen angeblich sind. Stimmt nicht: seit ich in Deutschland lebe, mache ich mich gerne, oft und erfolgreich über die Deutschen lustig.

Viele Deutsche tun das auch selbst, und zwar schon länger und besser als ich, sogar beruflich. Einige davon kommen aus Frankfurt und alle anderen möchten gerne hin. Denn Frankfurt hat etwas Wichtigeres als Banken zu bieten. Es hat Satirezeitschriften (damals Pardon, heute Titanic), die Neue Frankfurter Schule und das caricatura – Museum für komische Kunst.

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Am 15. November 2015 befand sich das Team von MusErMeKu auf Bloggerreise in Frankfurt. Das historische museum frankfurt hatten uns freundlicherweise eingeladen an zwei sehr abwechslungsreichen Tagen viele Einblicke in Frankfurter Museen zu gewinnen und einiges zu erfahren. Auf dem Programm standen viele Highlights, renommierte Häuser und spannende Blicke hinter die Kulissen von größeren Institutionen. Doch das vorauf ich mich am meisten gefreut hatte, war die Führung im caricatura.

 

Comics und „richtige Kunst“

Alle Künstler, die etwas Komisches schaffen, haben mal mit dem Vorurteil zu kämpfen, ihre Kunst sei etwas Minderwertiges. Wenn man über etwas lacht, kann es nichts Seriöses sein und wenn etwas nicht seriös ist, kann es nicht gut sein. Diese Idee scheint noch immer in unserer Kultur fest verankert zu sein. Comics leiden dazu noch an einem weiteren formalen Stigma, um als „richtige Kunst“ anerkannt zu werden: Sie werden meistens auf billigem Papier gedruckt und der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Abgesehen davon, dass diese Vorurteile einfach Blödsinn sind, gibt es mindestens zwei Gründe, warum Comic-Zeichnungen eine unglaublich wichtige Kunstform darstellen.

Die einfachen Mittel und die geringe Grundausbildung, die man braucht um Comics zu zeichnen, erlauben es vielen Menschen, Comics als Kreativitätsventil zu verwenden. Unter diesen Menschen befinden sich aber auch äußerst talentierte Künstler, die mit Comics jenseits von Konventionen arbeiten. Dazu kommt, dass die Satire als ein Spiegel für die Gesellschaft, in der sie produziert wird, funktioniert. Wenn man eine Gesellschaft verstehen möchte, sollte man ihre Comics verstehen.

 

Das caricatura museum frankfurt

Mit diesen Ideen im Kopf kam ich ins caricatura. Ich erwartete viel, was nicht unbedingt gut ist (besonders wenn man sich gerade über Vorurteile beschwert hat), und das was ich fand, war teilweise überraschend. Beginnen wir mit den Erwartungen: die Exponate. Es handelt sich um (oh, Überraschung) Karikaturen. Nicht zu viel davon, aber genug um den Besucher beschäftigt zu halten. Und sie sind gut ausgesucht, also wirklich lustig. Das fanden die anderen Besucher, die man im Museum lachen hörte, wohl auch. Das ist der Beweis dafür, dass hier etwas richtig gemacht wurde. Der informative Kontext der Exponate ist auch gut. Genug, um zu wissen wo man ist, aber nicht zu ausführlich, dass es den Witz brechen könnte. Man kann hier was lernen, aber man wird nicht belehrt.

Die Dauerausstellung präsentiert Werke von fünf Mitgliedern der Neuen Frankfurter Schule (eine Satirikerbewegung aus Mitarbeitern von den bereits erwähnten Zeitschriften Pardon und Titanic). Interessant ist, dass es sich eigentlich nicht um eine echte Dauerausstellung handelt. Die Künstler und die Räume bleiben, aber die Werke werden in regelmäßigen Abständen ausgetauscht.

 

Seyfried im caricatura

Die Sonderausstellungen wechseln oft und widmen sich meistens dem Werk eines Künstlers. Da ich manchmal Glück habe, handelte sich bei meinem Besuch um eine Ausstellung zu Gerhard Seyfried (noch bis zum 24. Januar 2016). Seyfried (Jahrgang 1948) gilt als Star des deutschen Underground-Comics. Der gebürtige Münchner begann ende der 1960er, in der Hochzeit der Studentenbewegung, ein Studium der Malerei und Grafik an der Akademie für das Graphische Gewerbe, bis er von dieser wegen seiner Teilnahme an einem Streik gegen die Notstandgesetze 1969 rausgeworfen wurde. Danach arbeitete er als freischaffender Zeichner, zog Mitte der 1970er Jahre nach West-Berlin und wurde zum Chronist der linken und alternativen Szene (z.B. „Freakadellen und Bulletten“, „Flucht aus Berlin“).

Seit einigen Jahren ist Seyfried auch als Autor tätig und beschäftigt sich in seinen Romanen mit Themen der deutschen Geschichte (z.B. „Herero“, „Gelber Wind oder Der Aufstand der Boxer“, „Verdammte Deutsche!“). Das interessante im caricatura museum ist, dass die gezeigte Retrospektive zu Seyfried sehr groß ist und die Karriere des Künstler sehr genau analysiert. Die Vielfalt an Werken setzt sich mit allen Aspekten seines Schaffens auseinander. Das Ganze ist beeindruckend und, ja, sehr lustig.

 

Das Ausstellungskonzept

Was hat mich am caricatura museum so überrascht? Zum einen das Konzept, das hinter der räumlichen Aufteilung des Gebäudes steht. Die Dauerausstellung ist ganz oben im Gebäude untergebracht und die Sonderausstellung unten. Der Raum der Dauerausstellung wirkt kleiner und konservativer als die Räume der Sonderausstellung. Er ist weiß, rechtwinkelig und in sechs Bereiche aufgeteilt: der Überblicksbereich und einen Bereich pro Künstler. Der Raum der Dauerausstellung tut was er soll, aber er ist auf keinen Fall als Höhepunkt des Museums entworfen worden.

Der Höhepunkt ist der Raum für Sonderausstellungen gleich hinter dem Eingang des Museums. Der historische Raum wird gestört durch eine kluge dunkle Konstruktion aus Holzbalken. Das ganze hat zahlreiche Winkeln und baut zwei Stockwerke. Die Ausstellmöglichkeiten sind alles außer monoton, nicht zuletzt durch die beweglichen Wände im Erdgeschoss. Dadurch kann ein Kontrast zwischen engeren und breiteren Räumen geschaffen werden. Der Raum kann sich wirklich gut an die Exponate anpassen und es gibt sogar eine Bühne für Veranstaltungen. Das Design bleibt aber bescheiden und gibt den Exponaten den Vorrang, den sie verdienen.

 

Ein Museum mit Stammgästen

Die Ausstellungsarchitektur spiegelt wohl eine museale Philosophie, die ich für richtig halte. Da es in Frankfurt andere Touristenmagnete gibt und das caricatura museum wohl nicht alle Kunstpilger, die es zum Überleben bräuchte, auf sich ziehen kann, braucht das Museum Stammgäste. Mein Eindruck beim Besuch war, dass es einige davon hat. Die Stammgäste werden durch die Wandelbarkeit des Museums, aber auch durch humane Eintrittspreise (für unermäßigte 6€ kann man sich in Frankfurt sonst kaum was leisten) angelockt. Die sehr sympathischen Mitarbeiter, die wir treffen durften, tragen sicher außerdem dazu bei. Aber der Hauptgrund, warum man sich im Museum wohl fühlt, liegt an dem, was dort ausgestellt wird: Lustige Kunst über die die Besucher lachen können. Und sogar die Deutschen lachen gerne.

 

caricatura museum frankfurt

Seyfried – 27.09.2015 – 24.01.2016

 

>>> Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Bloggerreise #Fmus15. Die Reise wurde vom historischen museum frankfurt initiiert und finanziert.

 

Header-Bild: Angelika Schoder – Frankfurt, 2015

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