Zwischen Japan und musikalischen Rätseln: Das Bachhaus in Eisenach

Mitten in Thüringen fühlt man sich ein bisschen wie in Japan, denn am Fuße der Wartburg stößt man auf Hinweisschilder mit Hiragana, Katakana und Kanji. Die Wegweiser sind dringend notwendig, denn jährlich strömen tausende Japaner nach Eisenach!

Aber was führt sie in die kleine Stadt – so weit weg von Schloss Neuschwanstein und Rothenburg ob der Tauber? Martin Luther kommt vermutlich den meisten spontan in den Sinn, denn sein Leben und Wirken ist eng mit der Thüringer Stadt verbunden. Doch es ist nicht der Reformator, der das Interesse asiatischer Touristen auf sich zieht. Eine historische Persönlichkeit ist für die Japaner – und zunehmend auch für immer mehr Chinesen – von noch viel größerer Bedeutung: Es ist Johann Sebastian Bach.

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Viele verbinden mit Bach zunächst sein Schaffen in Leipzig, denn hier trat er 1723 die Position als Thomaskantor an, die er bis zu seinem Tod 1750 innehatte, und schuf zahlreiche bedeutende Werke, wie etwa das Weihnachts-Oratorium. Doch Bachs Geburtsstadt ist Eisenach – ein Ort der sein späteres musikalisches Werk nachhaltig prägen sollte.

 

Das Bachhaus

Bereits im Jahr 1907 eröffnete die Neue Bachgesellschaft das Bachhaus Eisenach als erstes Bach-Museum. Heute zählt es  – laut eigener Aussage – zu den größten Musikermuseen in Deutschland. Das Museum setzt sich aus zwei Gebäuden zusammen: Ein Teil der Ausstellung ist im 1456 erbauten Fachwerkhaus in original eingerichteten Wohnräumen zu sehen. Das Gebäude galt lange Zeit fälschlicherweise als Bachs Geburtshaus, stellte sich aber später lediglich als Wohnhaus der Bach-Familie heraus. Hieran schließt sich ein moderner Museumsneubau an, der zugegebenermaßen wie ein UFO anmutet, das versehentlich in der Altstadt Eisenachs gelandet ist.

Der moderne, mit Muschelkalk verkleidete Museumsteil stammt vom Kasseler Architekten Berthold Penkhues, einem Schüler von Star-Architekt Frank O. Gehry. Das 2007 eröffnete Gebäude steht in starkem Kontrast zum historischen Haus, mit dem es durch ein verglastes Element verbunden ist. Befindet man sich im Innenhof des Museums, im kleinen Garten vor dem Bachhaus mit seiner auf die Jahreszeit abgestimmten Bepflanzung, erscheint der Kontrast um so größer.

Die mehrfach preisgekrönte Dauerausstellung im Bachhaus erstreckt sich auf 350 m² im Altbau und auf 290 m² im Neubau. Ausgestellt werden über 250 Originalexponate – unter ihnen zwei Orgeln (gebaut ca. 1650 und ca. 1750), ein Clavichord (1770), ein Silbermann-Spinett (ca. 1760) und ein Cembalo (Kopie eines Instruments von 1705), die stündlich von Museumsmitarbeitern für die Besucher gespielt werden. Der „Instrumentensaal“ befindet sich im Erdgeschoss des alten Bauteils, von hier aus gelangt man in das obere Stockwerk, in dem u.a. ein zeitgenössisches Schlafzimmer, eine Küche und eine Wohnstube zu sehen sind. 

Über eine Treppe gelangt man ein halbes Stockwerk höher in den neuen Bauteil. Ausgestellt sind weitere Originalexponate, wobei die Aufmerksamkeit der Besucher fast abgelenkt wird von der Fülle an multimedialen Hörmöglichkeiten, die sich hier bieten. Besonders auffällig sind die von der Decke herabhängenden Kugelsessel – die Bubble Chairs des finnischen Designers Eero Aarnio – in denen man sich mithilfe von Kopfhörern in Bachs Klangwelt vertiefen kann. Im Kern des Ausstellungsraumes befindet sich außerdem ein „Begehbares Musikstück“ – ein Raum mit einer 180-Grad-Leinwand, in dem man als Besucher ein ganz besonderes Musikerlebnis erfährt.

 

Die Sonderausstellung „Bach in Berlin“

Vom 29. Mai bis zum 8. November 2015 zeigt das Bachhaus die Sonderausstellung „Bach in Berlin“ und konzentriert sich dabei v.a. auf die „Brandenburgischen Konzerte“ und das „Musikalische Opfer“. Tatsächlich handelt es sich um nur zwei kleine Räume, einer im Erdgeschoss und einer im ersten Stock des historischen Bachhauses.  Besucher, die nicht gezielt nach der Sonderausstellung Ausschau halten, könnten annehmen, es handele sich einfach um einen Bestandteil der Dauerausstellung.

Der erste Raum der Sonderausstellung thematisiert Bachs Aufenthalt im Jahr 1719 im Berliner Stadtschloss, bei dem er vor Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg spielte und in dessen Anschluss später die „Brandenburgischen Konzerte“ entstanden. Die Entstehungsgeschichte erläutert ein Animationsfilm, der auf Deutsch und Englisch zur Verfügung steht und ein bisschen an die Animationen erinnert, die Terry Gilliam für „Monty Python’s Flying Circus“ schuf.

Im zweiten Raum der Sonderausstellung geht es um Bachs „Musikalisches Opfer“, das auf dessen dritten Berlin-Besuch im Jahr 1747 und auf ein Treffen mit Friedrich dem Großen zurückgeht. Der Komponist widmete dem Preußenkönig nach seiner Reise eine Sammlung aus zwei Fugen, einem Flötenkonzert und 10 Kanons.

Um letztere auch für Besucher erlebbar zu machen, wenn diese keine Noten lesen können, hat das Museum eine besondere Umsetzung in Auftrag gegeben: An insgesamt 5 interaktiven Stationen wird Bachs Kompositionsprinzip verdeutlicht, indem Besucher hier Notenreihen umklappen, verschieben, drehen und wenden können. Über Kopfhörer werden die Auswirkungen der „Notenmanipulation“ direkt hörbar gemacht.

 

Der „Canon a 2 Cancricans“, der sogenannte Krebskanon aus Bachs „Musikalischem Opfer“ (BWV 1079)

 

Im Rahmen der Eröffnung der Ausstellung „Bach in Berlin“ am 29. Mai 2015 wurde ein solcher „Rätsel-Kanon“ für die Besucher gespielt, und zwar der sogenannte Krebskanon „Canon a 2 Cancricans“.  Die Aufnahme stammt von Philipp Heidepeter, dem FSJ’ler des Bachhauses, der hier sein Freiwilliges Soziales Jahr im Bereich Kultur absolviert.  Er spielt den Kanon erst vorwärts, dann rückwärts und dann zeitgleich (je für 30 Sekunden in der Aufnahme).

 

Von den USA bis Japan: Die internationalen Besucher des Bachhauses in Eisenach

Besonders fasziniert die große Internationalität des Bachhauses. Nicht nur Hinweisschilder auf Japanisch weisen Besuchern in Eisenach den richtigen Weg. Auch das Museum selbst hält ausführliches Informationsmaterial für die Japanischen Bach-Fans bereit. Die Ausstellung des Bachhauses an sich ist konsequent zweisprachig gestaltet – auf Deutsch und Englisch, so dass den meisten ausländischen Besuchern kein Detail entgeht.

Im Jahr 2014 lag der Anteil ausländischen Besucher im Bachhaus bei 23,58 % – beinahe ein Viertel aller Besucher also. Im Vorjahr lag der Anteil der Besucher aus dem Ausland sogar bei 26,96 %. Auch der Überblick über die Besucher aus dem Ausland im Jahr 2014 beeindruckt – insbesondere wenn man bedenkt, dass sich das Bachhaus nicht in einer großen Metropole befindet sondern im kleinen thüringischen Eisenach:

 

Die Statistik wurde auf Grundlage von Daten erstellt, die Jörg Hansen, Direktor des Bachhauses, zur Verfügung gestellt hat

Die Statistik wurde auf Grundlage von Daten erstellt, die Jörg Hansen, Direktor des Bachhauses, zur Verfügung gestellt hat

 

Eine Besonderheit ist, dass im Jahr 2014 erstmals Chinesische Besucher mit in die Länderstatistik aufgenommen werden konnten. China machte direkt einen großen Sprung, noch vor Deutschlands Nachbarländer Belgien oder Dänemark. Der Trend wird sich vermutlich 2015 fortsetzen – und vielleicht werden irgendwann die Japanischen Wegweiser mit Hinweisschildern auf Chinesisch ergänzt…

 

>>> Der Besuch des Bachhauses fand im Rahmen einer Pressereise (#BachInBerlin) statt. Die Reise wurde vom Bachhaus initiiert und finanziert und von Artefakt Kulturkonzepte organisiert. MusErMeKu dankt dem Bachhaus für die Erlaubnis, die Aufnahme des „Canon a 2 Cancricans“ sowie die Besucherstatistiken hier veröffentlichen zu dürfen.

Bilder: Angelika Schoder – Eisenach, 2015

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5 Gedanken zu „Zwischen Japan und musikalischen Rätseln: Das Bachhaus in Eisenach

  1. Anke von Heyl Antworten

    Liebe Angelika,
    wir im Rheinland kennen ja aus Bonn da Phänomen des Pilgerreisens auf den Spuren großer Musikgenies!
    Das hört sich toll an, was du schreibst. Da möchte man gerne mal wieder gen Osten reisen!
    Das Audiostück funktioniert super. Sogar mobil
    Herzlichst. Anke

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Liebe Anke,

      danke! Hat sich herausgestellt dass mein Safari kaputt ist – aber in der ersten Panik hatte ich das garnicht vermutet und dachte es geht generell nicht… Dass ich eine Audiodatei im Blog habe, ist für mich eine Premiere, deshalb dachte ich, dass ich da einen Fehler gemacht habe beim Dateiformat oder so. Aber bin erleichtert, dass es bei allen anderen zu funktionieren scheint! 😉

      Und stimmt, Bonn ist ja auch mit Haydn, Beethoven & Co als Mekka für Musikfans bekannt!

      Viele Grüße
      Angelika

  2. Stefan Hirtz Antworten

    Liebe Angelika,
    herzlichen Dank für den doppelten Aufschlag. Ich freue mich sehr, dass Du an der Pressereise zum Bachhaus in Eisenach teilgenommen hast. Diese deutlich über das Pressematerial hinausgehenden gut recherchierten, persönlich formulierten und technisch toll gemachte Beiträge bestärken mich, künftig öfters Blogger bei Pressereisen einzuladen. Danke, dass Du hierfür Tür und Tor geöffnet hast.
    Beste Grüße
    Stefan, Artefakt Kulturkonzepte

    • Angelika Schoder Autor des Beitrages

      Lieber Stefan,

      es war schön dabei sein zu können – vielen Dank für die Einladung!

      Es freut mich, wenn meine Blogbeiträge euch darin bestärkt haben in Zukunft häufiger auch Blogger zu Pressereisen einzuladen. Ich denke, dass sich viele Kulturblogger nicht hinter Journalisten verstecken müssen und teilweise mindestens eine genau so hochwertige Berichterstattung liefern können – und oft zudem aus einem ganz anderen Blickwinkel und mit anderen technischen Möglichkeiten.

      Viele Grüße
      Angelika

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